Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 41 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 41 feit und den nationalen Ausgleich herbeiführen. Wir aber dürfen nicht erlahmen in der Agitation uno Organisation der Juden Oesterreichs im nationalen Sinne, damit nicht im gegebenen Momente ohne oder gegen uns der nativ--- nale Ausgleich perfektioniert wird. Um einen nationalen Ausgleich handelt es sich jedoch nicht nur in Böhmen zwischen Deutschen und Tschechen, sondern auch in Galizien zwischen Polen und Ruthenen. Die polnische Herrschaft über die Ruthenen ist aber nur solange möglich, als einecseits die jüdischenAssimilanten die polnische Oligarchie unterstützen und andererseits die österreichische Regierung die Unterstützung des Polenklubs benötigt. Käme - es aber zu einem deutsch-tschechischen Ausgleich, dann werden weder die Regierung noch die deutschen und tschechischen Parlamentarier auf die polnischen Stimmen angewiesen sein. Nur dem Polenklub zuliebe hatbishevdie österreichische Regierung die Anerkennung der Jude» als Nation verweigert, uno vorwiegend seinem Einflüsse ist es zuzuschreiben, daß das Ministerium gegenüber der Einführung des jüdischen Katasters in der Bukowina sich ablehnend verhielt. Im übrigen muß konstatiert werden, daß nicht nur die Nationalisierung der österreichischen Juden Fortschritte macht, sondern daß auch unter den übrigen Völkern — wie dies ja die Zustimmung der Vertreter der Deutschen, Ruthenen, Rumänen und Polen zur Einführung eines Mischen Katasters in der Bukowina zeigte — die Anerkennung der Juden als selbständige nationale Individualität in immer weiteren Kreisen Anhänger gewinnt. Jedoch auch die Fortschritte der Palästinaarheit erfreuen sich der Aufmerksamkeit und Förderung immer weiterer Kreise, und insbesondere der von D r. Franz Oppenheimer mit so großer Energie in Angriff . genommenen Siedlnngsgcnossenschaft in Palästina bringen nebst den Juden auch verschiedene nichtMische Gruppen — letztere allerdings mehr aus soziologischen Gründen — das weitgehendste Interesse entgegen. Allerdings sind alle diese Fortschritte des Zionismus in Oesterreich in der Vergangenheit nur der nationalen Erziehung zu verdanken, und sein Fortschreiten gerade hierzulande ist bedingt von der zunehmenden Nationalisierung der Juden, wozu die jüdische Politik ein unentbehrliches Mittel ist. Freilich darf die jüdische Politiknicht zur Mandats Politik ausarten, sic muß sich frei halten von jedem Chauvinismus und Klassenegoismus, sie muß modern-jüdisch, modern-österreichisch und modern-sozial sein. Berliner Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Der bekannte Ausspruch: „Unsere Judenjungen sollen junge Juden werden" wird auch in Deutschland in immer wachsendem Maße zur Wirklichkeit. Die Kreise derer, denen das Judentum nicht eine drückende Last, sondern hehrer, stolzer Besitz ist, nimmt hier gerade unter der Jugend an Umfang stetig zu. Das Problem „Väter und Söhne" erhält in unseren Tagen einen neuen Charakter. Hatte früher zur Zeit des „Haskala" ein Teil der jüdischen Jugend eine aus naiver, mißverständlicher Ueberschätzung alles „Europäischen" und „Modernen" hervorgegangene verhängnisvolle Entfernung vom historisch-überlieferten Judentum vollzogen und sich dadurch in den schärfften Gegensatz zur älteren Generation gestellt, die ihren Volks- und Glaubensüberlieferungen treu blieb, — so können wir jetzt vielfach gerade das Gegenteil davon beobachten. Eltern, die nur dem Namen nach Juden sind — oder auch das nicht einmal, die weder irgendwelche Berührung mit dem jüdischen Volksleben haben, noch die mindeste Kenntnis von den Geistesschätzen des Judentums; — und ihre Kinder begeisterte Nationaljuden, leidenschaftliche Verfechter eines lebendigen Judentums. Solche Erscheinungen gehören hier nicht zu den Seltenheiten. Manche junge Zionisten haben in ihrer Familie schioere Konflikte durchzumachen. So kommt es hier z. B. vor, daß Teilnehmer an einem hebräischen Sprachkursus den Leiter desselben ersuchen, ihnen bezüglich des Unterrichts nicht nach Hause, sondern postlagernd zu schreiben, da sie sonst Unannehmlichkeiten haben würden. Eine Ironie der Golusgeschichte. In den osteuropäischen Ghettos pflegten und pflegen fanatische Juden vielfach das Neuhebräisch als „b e r l i n i s ch" zu verpönen; und in Berlin verbieten manche Väter ihren Kindern, hebräisch zu lernen! Der historische.Werdegang läßt sich aber nicht aufhalten. Die Kraft der zionistischen Idee, welche die empfängliche Jugend auch im Westen imnier mehr begeistert und fortreißt, mutz über die innere Hohlheit und Machtlosigkeit des entnervten Asstmilantentums den Sieg davontragen. Und ist auch vom „Dor hammidbar", von der in „seelischer Knechtschaft" großgewordenen Generation nicht allzuviel zu erwarten, so darf doch der Zionismus hier erhoffen, das kommende Geschlecht, und damit die Zukunft auf seiner Seite zu haben. Denn dieses Geschlecht verlangt ein eigenes Ideal, einen Lebensinhalt, eine befruchtende Triebkraft, — und das gewährt ihm der Zionismus. Dieser großen, für die künftige Gestaltung des zionistische» Wachstums entscheidenden Ausgabe wenden neuerdings die Leiter des deutschen Zionismus ihre besondere Wirksamkeit zu. Die neue Zeitschrift „Jung-Israel" verspricht, in dieser Hinsicht von weitreichender Bedeutung zu werden. Die Redaktiousleitcrin, Fräulein Helene Hanna Cohn, widmet sich ihrem Werke mit bewundernswerter Hingebung und der vollen Erkenntnis der Schwierigkeit und Verantwortung ihrer Obliegenheit. Einen weiteren Schritt auf dem Gebiete der Jugendliteratur machte bekanntlich das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschlaird durch Ankündigung eines Preisausschreibens für die besten Jugenderzählungen, die an Palästina anknüpfen. (Es sind zwei Preise von 600 und 300 JL für Erzählungen nicht unter 10 Druckbogen angesetzt worden, die spätestens bis zum 31. März 1911 eingereicht sein müssen.) Die-Arbeit zur Nationalisierung der jüdischen Jugend in Deutschland soll sich aber nicht auf das literarische Gebiet allein beschränken, sondern sich auch auf die Bildung eines jüdischnationalen Jugend Milieus erstrecken. Zu diesem Zwecke wird die Schaffung einer nationaljüdischen Jugendorganisation im ganzen Reiche in hiesigen Zivnistenkreisen geplant. Auch iu der Berliner Gruppe des bereits bestehenden „Jüdischen Jugendbundes" machen sich nationaljüdische Tendenzen bemerkbar, die sich äußerlich in der Zugehörigkeit einiger junger Zionisten zur Leitung derselben bekunden. Es ist bemerkenswert, baß in dieser Gruppe, die zumeist aus Kindern von Berlin-IV. zusammengesetzt ist, demnächst ein hebräischer Sprachkursus eröffnet werden soll. Die Einrichtung desselben geht vom deutschen Lankeskomitee der „Histadruth Jbrith" aus, die gleichzeitig solche Kurse..im V. I. St., Häsmonäa, Herzlklub, Nationaljüd. Frauen-Vereinigung und an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums vorbereitet. Für den Unterricht ist ein Lehrplan nach der „Jbrith b'ibrith"-Methode ausgearbeitet und sind gute Lehrkräfte yus Palästina gewonnen worden. Aus Anlaß der Eröffnung dieser hebräischen Sprachkurse findet hier eine große öffentliche Versammlung am 31. Oktober statt, in der David Jelliu-Jerusalem, Professor E. Mittwoch, Dr. Heinrich Löwe und Dr. Biram über dieRenaissancederhebräischenSprache referieren werden. Zur Pflege der nationaljüdischen Kultur wird ferner eine Grätz-Akademie ins Leben gerufen, die in den nächsten Monaten ihre Tätigkeit mit sechs Vortragszyklen über verschiedene Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur beginnen wird. Jeder Zyklus wird acht Vorträge umfassen und ein Ganzes für sich darstellen. In einem Zyklus wird die neuhebräische Literatur in hebräischer Sprache behandelt werden. Für die Vorträge sind bereits einige bewährte Fachmänner gewonnen. Bon dem wachsenden Interesse für die Neubelebung unserer nationalen Sprache in weiteren Kreisen der hiesigen Judenheit zeugt auch die Begründung des neuen hebräischen Wochenblattes „Haibri" an dem eine Reihe namhafter Persönlichkeiten Mitwirken. Diese Zeitschrift soll den bisherigen Mangel an einem gediegenen volkstümlichen hebräischen Wochenblatt ausfüllen und das historisch-überlieferte und nationale Judentum in unparteiischer Weise und leichtfaßlicher Form pflegen. _ Bus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Am 9. bs. fand hier die Generalversammlung des „Esra", Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien statt, bei der 48 Delegierte anwesend waren. Der Vorsitzende, Moritz Dorn, eröffnet die Versammlung und teilt mit, daß der „Esra" im Berichtsjahre den ersten Schritt zur L ö s n n g d e r jüdischen Landarbeiterfrage gemacht hat. Redner verweist auf die bereits im Frühjahre zur Versendung gelangte Festschrift des Vereins und führt aus, daß die klimatischen Verhältnisse Palästinas die jüdischen Kolonisten zwingen, stets eine größere Anzahl Arbeiter, zu beschäftigen. Die? selben mußten bisher aus den umgebenden arabischen Dörfern entnommen werden, da jüdische Arbeiter aus Mangel an Wohnungen auf den, flachen Lande nicht zu haben sind. Der „Esra" will nun in den bereits bestehenden Kolonien billige Wohnungen für Arbeiter bauen und es so den Kolonisten ermöglichen, statt arabischer Arbeiter ihre eigenen Stammesbrüder zu beschäftigen. Selbstredend müssen auch die betreffenden Arbeiter mit etwas Land versehen sein, damit sie zu ihrem Arbeitslohn, der zum Unterhalt einer jüdischen Familie vielfach nicht ausreicht, durch eigene Arbeit in den Mußestunden etwas zuverdienen können. Ein vom „Esra" im Berichtsjahre gemachter Versuch mit 12 jüdischen' Arbeitern hat ergeben, daß die Ansiedlung eines jüdischen Halbbauers (mit Haus, Stall und 12 Morgen Land) sich in Palästina mit etwa 1800 JL bewerkstelligen lä ßt. Auf diesem Wege läßt sich die Kolonisation sehr wesentlich verbilligen. Während die ersten Kolonisten dem Baron Rothschild 50 bis 60 000 JL pro Familie kosteten, während noch 10 Jahre später bei der Gründung der Kolonie Kastinje die Installation eines jüdischen Bauern immer noch auf ca. 20000 Francs kam, hat der Verein „Esra" eine solche Installation in Rechowoth (Kolonie „Esra") schon mit 4-800 JL bewerkstelligen können. In der darauf einsetzenden Diskussion wurde dem „Esra" Mangel an Initiative vorgeworfen und auf die großen Fortschritte der anderen Vereine hingewiesen. Es folgt der Bericht der Revisionskommission. Die Einnahmen beliefen sich im Vorjahre auf 15931 JL Das Vermögen des Vereins „Esra" betrug am 23. Juli 1910 19 305 JL in Bar und 52000 JL in Effekten, zuzüglich 4653 JL Guthaben bei der Anglo Palestina Comp, in Jaffa belief sich das Vereinsvermögen auf ca. 76 000 JL, von denen allerdings 19 000 JL zum Bau von 12 Arbeiterhäusern, abzuziehen wären. Bei den darauf vorgenommenen Ergänzungswahlen wurde der Vorsitzende, Moritz Dorn, sowie die austretenden Mitglieder, Rabb. Dr. Eschelbacher, Dr. Hirsch Hildesheimer, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Landau und Prof. Dr- Moritz Sobernheim einstimmig wiedergewählt. Außerdem wird das Zentralkomitee von der Generalversammlung ersucht, Dr. H. G. Heymann zu kooptieren. Berlin. An der 10. Borstandssitzung des Jüd. Frauenbundes nahmen die Vorstandsmitglieder Pappeuheim- Frankfurt a. M., Werner-Hamburg, Frankl- Berlin, May-Berlin, Le vy-Leipzig teil. Frl. Pappen heim gibt ihre Absicht bekannt, dasAmtdererstenBorsitzendenniederz u l e g e n. Sie betont aufs neue, daß dabei keinerlei persönliche Motive mitsprechen, sondern nur die Erwägung, daß es für den Bund nur von Nutzen sein kann, wenn er nach fünfjährigeni Bestehen eine neue Vorsitzende erhalte, da sie es nicht für ersprießlich hält, wenn die Leitung zu lange in den Händen einer Persönlichkeit liegt. Sie wird ihre Absicht auch dem Delegiertentag aussprechen. Nach längerer Debatte, in der der Standpunkt von Frl. Pappenheim im Prinzip für richtig befunden wird, muH im Augenblick der Entschluß aus Opportunitätsgründen abgelehnt und der Antrag zurückgezogen werden. Für Ergänzungswahleu des Porstandes am Delegiertentage werden Frau Martha Schlesinger-Frankfurt a. M., Frau Professor Dessau- Charlottenburg, Frau Dr. Ziemlich - Nürnberg und als stellvertretende Schriftführerin Frau Helene Meyer-Stargardt vorgeschlagen. Der fünfjährige von der Schriftführerin als Entwurf vorgelegte Bericht soll zuerst nicht gedrückt, sondern als Referat umgearbeitet beim Delegiertentage mündlich erstattet werden. Nach der Tagung soll eine größere Drucklegung erscheinen : der Bericht, die neuen'Statuten, die angeschlvssenen Vereine, der neue Vorstand und event. einige Referate. Hierbei kommt der Gedanke des.Almanachs wieder zur Sprache, der nicht als erledigt anzusehen ist, sondern. als Antrag von Frl. Pappen he im für den Delegiertentag wieder angemeloet wird. Zu Punkt 2 der Tagesordnung: zum De legierte »tag — 27. bis 29. Dezbr. in München — wird vorgeschlagen, den äußeren Rahmen der Tagung so einfach wie möglich zu gestalten. Jede Delegierte hat sich bei der Schriftleitung eine Karte zu lösen (für ca. 5 JL), die gleichzeitig zur Beteiligung an dem gemeinsamen Frühstück am zweiten Tage berechtigt. Als'Norm für die Vergütung der Vereine an .ihre Delegierten wird darauf hingewiesen, daß der Bund seinen Vorstandsmitgliedern die Fahrt HI. Klasse und 8 JL Diäten für SitzungStage vergütet.