Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 41 (28.10.1910)
- Date
- 1910-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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i -~» Diese Zeitung erscheint wöchentlich ALonnementspreiS pro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (ein« schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam M. 1,50, sonstige Länder M. 2.— ---—--J Frankfurt a. M.. vildelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße Per-f-« 10807. , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. SSPfg. Die Reklamezelle .. 100 .. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' 8. Jahrgang. Freitags den 25. UsoKrl 5671 (28. Oktober 1916). Rr. 41. Inhalt des Hauptblattes. A r t i k e l: Dr. Paul Nathan über seine jüngste Amerikareise. — Die Ziele der jüdischen Landespolitik in Oesterreich. — Berliner Brief. — Aus aller Welt. — Feuilleton: AuS der Zukunft. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Dr. Paul Nathan über seine jüngste Amerikareise. Dr. Paul Nathan äußerte sich in einem Interview, das unser Berliner Mitarbeiter Nt. jy. ©eifamann mit ihm hatte, über seine jüngste Amerikareise folgendermaßen: Der einzige Zweck meiner Reise nach New Jork war, einen ganz kleinen Kreis von amerikanischen Persönlichkeiten, die ich zum Teil bereits von Europa her kannte, zu sprechen und mit ihnen engere Fühlung zu nehmen. Insbesondere wollte ich I a c o b H. Schiff, diesen großen jüdischen Philanthropen mit dem weiten Blick und der folgerichtigen Energie eines Staatsmannes, sprechen; er hatte mich schon wiederholt aufgefordert, ihn zu besuchen.; Ich hatte des weiteren die Absicht, zu studieren, auf welche Weise und in welchem Tempo die aus Osteuropa in die Vereinigten Staaten Immigrierenden sich zu Bürgern dieses Staates umbilden. Ta ich durch äußere Umstände gezwungen war, meinen Aufenthalt in Amerika außerordentlich zu verkürzen, so habe ich Untersuchungen auf diesem Gebiete nicht in dem Umfange anstellen können, wie ich es selbst gewünscht hätte. Immerhin ist der Eindruck, den ich empfangen habe, der, daß unter der Einwirkung der amerikanischen Verhältnisse sich bei den europäischen Inden in überraschend kurzer Zeit Wandlungen vollziehen, die im allerhöchsten Grade erfreulich sind. Niemals ist mir die segenvollc Wirkung freier staatlicher Verhältnisse in so eklatanter Weise entgegengetreten, wie bei der Betrachtung der jüdischen Immigranten in Amerika. Schon die Haltung, das Benehmen der Eltern ivie der Kinder, die ein, zwei Jahre drüben sind, ist vollkommen anders, als man sie bei osteuropäischen Juden anzutreffen gewohnt ist. Wäre in Rußland und Rumänien guter Wille vorhanden, so brauchte man nur die Verhältnisse Amerikas zu studieren, um zu dem Eindruck zu gelangen, daß die Juden Osteuropas ein Menschenmaterial darstellen, welches Außerordentliches für die Entwicklung eines Landes zu leisten imstande ist, — wenn man ihm nur die Möglichkeit gäbe, seine Kräfte zu bilden und zu betätigen. Was man mir in dieser Beziehung bisher gesagt und was in der Literatur bisher behauptet wurde, fand ich in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung stand, durch den Augenschein bestätigt: in Schulen, in Volksbibliothekeu, in llnterhocktungen mit unbekannten Kindern und Erwachsenen auf der Straße. Wenn Sie -mich nun.fragen, wie die weiter e n Im mig ratians äussr-ch t e n n ach den Vereinigten Staaten sind, so habe ich keine Veranlassung, die Zukunft in düsteren Farben zu sehen. Gewiß gibt es Kreise, die die Einwanderung — und zwar nicht nur die jüdische — beschränken möchten; aber es scheint mir nicht, daß der Einfluß dieser Elemente ein sehr großer ist. Die große Masse des amerikanischen Volkes kann sich der Einsicht nicht entziehen, daß bildungsfähige, arbeitsfreudige und friedliche Einwohner ein großer Segen für die Bereinigten Staaten' sind, die die Prosperität des Landes weiter entwickeln werden. Und da die ostjüdischen Einwanderer von sehr guten Qualitäten sind, so glaube ich nicht, daß vorgefaßte Theorien, die den Tatsachen nicht standhalten, in nachhaltiger Weise die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten beeinflussen werden. Freilich - müßte jene Presse in Osteuropa, die Einfluß auf unsere Brüder besitzt, immer erneut darauf Hinweisen, daß die Entwicklung des Judentums in den Vereinigten Staaten sich um so glatter und segensvoller vollziehen wird, je mehr die Ueberzeugung bei den Auswanderern zum Durchbruch kommt, daß es außer New-Pork noch zahlreiche Städte und Ländermassen drüben gibt, wo das Fortkommen für den Juden ein leichteres und schnelleres ist als in dem riesenhaften New-Iork. Ter Blick der osteuropäischen Juden sollte nicht ausschließlich auf New-Iork gerichtet sein. Es wäre zwar ganz falsch zu sagen, daß New-Pork bereits in bedenklicher Weise überfüllt ist; aber die Zahl der Juden in Newdork ist eine große, und um eine Ueberfüllunz mit allen ihren Unzuträglichkeiten hintenanzuhalten, sollte die jüdisch-osteuropäische Presse immer wieder darauf aufmerksam machen, welche Chancen die Einwanderung über Galveston bietet, und daß das Hinterland von Galveston den Einwanderern ei» gutes Fortkommen verspricht. Gelingt es, in rationeller Weise die jüdische» Einwanderung in den Vereinigten Staaten zu" verteilen, so würde damit, wie ich fest überzeugt bin, ein ungeheurer Segen nicht nur für unsere Glaubensgenossen, sondern auch für die .Vereinigten Staaten geschaffen werden. Auf Ihre Frage, wie man sich in den jüdischen Kreisen Amerikas der Auswanderung unserer Brüder aus Osteuropa nach dem Orient gegenüberstellt, kann ich nur sagen, daß Man drüben volles Verständnis und volle Sympathie auch für diese Bestrebungen hegt. Wan muß immer mit der Möglichkeit rechnen, daß' durch eine stärkere, anhaltende Krise in den Vereinigten Staaten die Auswanderung dorthin zeitweise zum Stillstand kommt. Schon für solche Perioden muß die Einw anderung in den Orient, die nur in llebercinstimmung mit der türkischen Regierung erfolgen könnte, von größter Bedeutung sein. Man bewertet auch in den Vereinigten Staaten durchaus zutreffend die idealen' Motive, die zahlreiche unserer osteuropäischen Glaubensgenossen das Auswanderungsgebiet des Orients bevorzugen lassen. Und die - amerikanischen-Juden haben großherziger Weise ihr Verständnis für solche Empfindungen auch in werktätige llnterstützung für eine Reihe orientalischer Unternehmungen bereits umgesetzt; ich erinnere an die großen Spenden, die einerseits Jacob H. Schiff, andererseits die Familie Wissotzky in Moskau für das Technikum in Haifa gewährt haben, und ich erinnere an das Institut zur Erforschung der besten Methoden landwirtschaftlicher Technik, das ein so großer Segen für Juden, Christen, Mohammedaner im Orient werden kann und an dessen Spitze Herr Aronsohn steht. Der Präsident dieser Gesellschaft ist wiederum ein Amerikaner, der treffliche, freigebige Herr Rosenwald in Chicago. * Die Ziele der jüdischen Landespoltttt irr Oesterreich. Von Tr. H. K a d i s ch, Wien. n.*) Es ist nichts mehr unmöglich im „Reiche der Unwahrscheinlichkeiten". Seit meinem letzten Artikel hat sich tatsächlich in Oesterreich eine für alle Oesterreicher und speziell auch für die österreichischen Juden wichtige „unwahrscheinliche" politische Wendung vollzogen. Die deutschen und tschechischen Landtagsabgeordneten des böhmischen Landtages sind zu nationalen Berständigungskonferenzen zusammengetreten, die aber im Gegensätze zu ihren Vorgängern, wenigstens bisher, einen sehr günstigen Verlauf nahmen. Dabei spielt die nationale Autono mi e, die, wie ich neulich ausführte, einen Kardinalpunkt im jüdisch-nationalen Programm bildet, die Basis, auf der sich allmählich die deutsch-tschechische Annäherung vollzieht. So erfreulich diese nicht nur vom gesamtösterreichischen, sondern auch vom jüdischen Standpunkte ist, nachdem ja bisher die österreichischen (Juden in den gemischtsprachigen Ländern nur allzu häufig die Kriegskosten zahlten, so birgt doch ein Separat ausgleich zwischen Deutschen und Tschechen anderseits die Gefahr für die übrigen österreichischen Völker und speziell auch die österreichischen Juden in sich, daß über ihre national-autonomischen Forderungen zur Tagesordnung übergegangen wird. Anderseits aber enthält das jüdisch-nationale Programm eine ganze Reihe anderer Postulate (außer der nationalen Autonomie), insbesondere politischer und ökonomischer Natur, die alle jedoch unerfüllbare Wünsche bleiben, solange der deutsch-tschechische Streit tobt. Alle Forderungen nach Demokratisierung der staatlichen Einrichtungen, nach Förderung unserer nationalen Kultur, nach einer modernen Gewerüegesetzgebung, einem Arbeiterschutz, einer großzügigen Landespolitik und Jndustrieförderung sind ja unrealisierbar, solange abwechselnd das österreichische Abgeordnetenhaus und die verschiedenen Landtage durch Obstruktionen lahmgelegt sind. Hier kann nur eine Berfassungsrevision Wandel schaf- *) I. siehe in Nr. 3-7.