Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 40 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Serie 4. Frankfurter Nraelrtisches Mrmlienblatt. Nr. 40. inzwischen das Befinden des Herrn Leven nicht sonderlich gebessert hat, ist die Jubelfeier bis auf weiteres ausgeschoben worden. G Mfdoii. 0 Schon jetzt kann für das kommende Semester die günstigste Prognose gestellt werden. Es wird das 20. des B. I. K. sein. Das im Dezember in Berlin stattfindende 10. Stiftungsfest, verbunden mit dem 10. Kartelltag, wird eine großartige Kundgebung der Stärke und Bedeutung des B. I. K. sein. Bei dieser Gelegenheit wird sich ein großer Dell der B. I. St. in Berlin zu-- sammenfinden; auf dem Kartelltage werden wichtige Fragen organisatorischer und allgemein jüdischer Art zur Beschlußfassung vorliegen. Im Aufträge des Präsidiums, in dessen Händen die Leitung des B I. liegt, erteilen gern nähere Informationen: Dr. Arnold Hildesheimer, Berlin 8. 24, Friedrichstr. 130 und Referendar Erich Cohn, Berlin W. 57, Yorkstr. 46. Stratzburg. An 250 Personen hatten sich zur Einweihung des neuen Friedhofs, der sich in der Kronenburger Gemarkung befindet, eingefunden. Es sprachen Oberrabbiner Dr. Ury und Rabbiner Dr. Marx. Nach dem Einwcihungsakt fand eine Besichtigung statt. Eine Neuerung ist die Einrichtung, daß als Ersatz für die Leichenwärtcr den aufgebahrten Leichen Ringe an die Finger gesteckt werden, die mit einer Klingelanlage in Verbindung gesetzt sind, so daß bei der geringsten Bewegung etwaiger Scheintoter sofort der Wächter alarmiert wird. Eine Neuerung ist auch die aus Marmor gefertigte, auf Kurbeln drehbare Waschbahre. Großbritannien. Loudo«. Die Eröffnung der Reformsynagoge ist auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Die Ursache soll die geringe Zahl an MUgliedern fein, die sich der Resormgemeindc angeschlossen haben. London. Mit der Erbauung eines jüd. Theaters im East End wird bereits in Kürze begonnen. London. Im East End ist eine Jüd. Arbeitsbörse eröffnet worden, die zwischen den Arbeitern und Arbeitgebern, welche den Sabbat beobachten, vermitteln soll. Die Kosten trägt CH. Montagu, der Sohn von Lord Swaythling. Eine Anzahl christlicher Geschäftsleute hat sich — was bei uns in England nicht wundernimmt — bereit erklärt, soweit wie möglich jüdischen Arbeitern am Sabbat freizugeben. Rußland. Petersburg. „Jewreisli Mir" berichtet aus Odessa über Tolmatschews Kampf gegen die Pest, daß dieser fanatische Antisemit hauptsächlich Juden mit Strafen belegt und zwar mit fünf- bis zehnmal jo hohen Strafen als die Nichtjuden. So besuchte Tolmatschew zwei Bäckereien, die eines Juden und die eines Griechen; beide Bäckereien wurden als gleich antisanitär befunden: doch di!. Strafen waren nicht gleich; die Bäckerei des Juden wurde auf zwei Wochen geschlossen, dem Griechen wurde aber nur befohlen, manches zu verbessern. Petersburg. Den Bemühungen der national und demokratisch gesinnten Kreise der Petersburger Jüdischen Gemeinde ist cs endlich gelungen, eine Verfügung des Stadthauptmanns zu erwirken, wonach die das Stimmrecht verleihende jüdische Gemeindesteuer von 25 auf 3 Rubel herabgesetzt wird. Dieser Beschluß dürfte von prinzipieller Bedeutung für die Gestaltung der jüdischen Gemeinde an gelcgcn heilen in Rußland werden. MiuSk. Infolge der Ausdehnung der Prozent norm auf die Handelsschulen konntew in der Handelsschule zu Minsk für das neue Schuljahr nur sieben jüdische Schüler Aufnahme finden, da es an christlichen Bewerbern fehlte. Aus verschiedenen Städten des Ansiedlungsrayons werden traurige Einzelheiten über die wachsende Schulnot berichtet. Die schwersten Folgen hatte die S ch l i e ßung der .städtischen Volksschulen für Mische Kinder. In Verkitsche w .sind 2000 Kinder infolge dieser neuen Maßregel ohne Schulunterricht. Jn Schitomir sah sich eine Gruppe von städtischen Abgeordneten veranlaßt, beim Bürgermeister eine schriftliche Erllärnng einzureichen, in der auf die unmögliche Lage hingewiesen wird, in welche die jüdischen Kinder durch die wlllkürliche Schließung der städtischen Volksschulen geraten find. Frankreich. Paris. Bekanntlich ist im Vorsommer die Feier des 50jährigen Bestehens der Alliance Jsraelite Universelle, die in Paris besonders festlich hätte begangen werden sollen, wegen des ungünstigen Gesundheitszustandes ihres Präsidenten Narcisse Leven auf den Herbst verschoben worden. Da sich aber Aus -er Zukunft. Von Friedrich Rott. Es war im Juni des Jahres 1905, in Rußland tobte der Aufruhr bald hier, bald dort. Tausende unserer Stammesgenossen waren niedergemetzelt, Hunderttausende ihrer Habe beraubt und an den Bettelstab gebracht worden, und noch immer kein Einhalt,, keine Besserung. Wir befinden uns in N., einem kleinen russischen Landstädtchen, kaum zwei Stunden entfernt von der reichen Handelsstadt Bjalostok. Es ist Sabbat, der Nachmittagsgottesdienst ist beendet, langsanr leert sich die Synagoge. Naschen Schrittes will der Jude in das Bethaus, wohin Pflicht und Herz ihn rufen, und nur langsam, zögernd verläßt er es, als würde es ihin schwer, sich zu trennen von dein lveihcvottcn Orte, an dem er sein volles Herz vor seinem Gotte ausgeschüttet hat. Man sieht es den Männern, die das Gotteshaus verlassen haben, an, daß Angst und Sorge auf ihnen lasten, tobt doch seit zwei Tagen der Kampf in der nahen Handelsstadt und hatte doch auch in andern umliegenden Orten das Plündern bereits begonnen. In größer» und kleinern Gruppen standen die Männer, die die Synagoge verlassen hatten, in der Nähe derselben und unterhielten sich in gedämpftem Tone, zuweilen nur flüsternd über die Schrecknisse, von denen ein eben eingetroffener Flüchtling berichtete. Teilnahmsvoll umstanden ihn die Männer, und von allen Seiten wurde er aufgefordert, init nach Hause zu kominen. Der Gemeindevorsteher nahm endlich seinen Arin und geleitete ihn in seine Wohnung; die andern blickten den sich Entfernenden sorgenvoll nach. „Wie lange wirds dauern, und sie werden auch uns überfallen," wandte sich ein jüngerer Mann mit schwerem Seufzer zu einem andern, mit dem er Seite an Seite die Gasse entlang schritt. „Um Gott, Rcb Mordche, „al tiftach Pi le Szoton", tu Deinen Mund nicht auf zum Bösen!" „Ich öffne meinen Mund nicht zum Bösen, aber ich sinne .unaufhörlich, was wir tun könnte«, wenn —" „Scht, scht, Neb Mordche! über so etwas sinnt man nicht am heiligen Sabbat. — Und überhaupt — was sinnen Sie? — was können,Sic tun? — Nichts, gar nichts, als Vertrauen haben zu dem Obersten — sein heiliger Name sei gelobt! —, der nicht schläft und nicht schlummert, der sein Volk behütet hat von Anfang an bis auf den heutigen Tag." Reb Mordche nickte zustinnnend, während sich jedoch abermals ein Seufzer seiner Brust entrang: „Sie haben recht, gewiß haben Sie recht, Gottvcrtrauen ist das einzige, was uns in dieser schweren Zeit aufrecht halten kann. Aber Gottvertraucn heißt doch nichts anderes, als überzeugt sein, daß.alles, was uns trifft, uns nach Gottes Ratschluß getroffen hat. Und wenn man da sieht und hört, wie bald hier und bald dort, wie ringsum —" „Grade daraus können Sic doch ersehen, daß der Heilige — gelobt sei Er! — uns schützt und weiter schütze» ivird. Unser Ort liegt in einem Winkel versteckt, die Aufwiegler finden den Weg nicht her, und unsere braven Bauern und die andern Nichtjuden in unserm Ort sind uns Freunde, die werden uns nichts tun." „Ich will wünschen und hoffen, daß Sie recht haben, aber leider! glauben kann ichs nicht. Ich habe doch früher in E. gewohnt, wo die Christen uns ebenso gut waren, wie die Kauern und die Nichtjuden hier, und in der vorigen Woche bin ich dort gelresen — wie sieht's dort aus! — E, ist nicht wieder zu erkennen, die jüdischen Verkaufsgewölbe sind sämtlich geplündert — und die Menschen! — daß sich Gott erbarm! — Das jüdische Hospital ist überfüllt, aber der Friedhof noch mehr, — und trotzdem gibt es dort kein jüdisches Haus, das nicht Verwundete birgt — und die Gesunden schleichen einher wie Schatten, Krankheit, Hunger und Not überall. . ." „Und Sie sagen, daß die dortigen Christen bisher den Juden gut gewesen sind?" „Ich kann Ihnen schwören, daß man dort nie von Streitigkeiten zwischen Juden und Christen gehört hat. Der russische Jude ist doch gewöhnlich gescheidter als der Bauer, den: er gar oft mit Rat und Tat beigestanden ist. — Und trotzdem, als die verkappten Polizeileute und die von „den schwarzen Hundert" Branntwein und Waffen ausgeteilt haben und den Betrunkenen dann die jüdischen Verkaufsgewölbe gezeigt und sie aufgefordert haben, sich anzucigenen, was ihnen gefällt, da haben die bisherigen guten Freunde sich nicht lange besonnen, auch von den Waffen Gebrauch zu machen; in Strömen ist das Blut geflossen, noch sieht mait die Spuren. — Und darum, — ich habe Gottvertrauen — und .wenn ich's auch, nicht begreife, ich weiß es ja doch, daß alles, was üns trifft —" „Um der Menge unserer Sünden willen —" Reb Mordche zuckte die Achseln. „Es kann ja sein, daß wir durch unsere Sünden das Unglück, das uns-trifft, selbst verschuldet haben. Aber mit Bestinnntheit läßt sich das auch nicht behaupten." . „Warum nicht? — Ich Litt' Sie, wegen was sonst sollte uns all' das getroffen haben?" „Wer kann das wissen? vielleicht ist das meiste Prüfung, die die Weisheit des Allweisen über uns verhängt hat, und damit sich das Gotteswort erfülle, daß das jüdische Volk zerstreut werde bis in alle Enden der Erde. — Daß all das Schreckliche, das uns russische Juden getroffen hat, nur Folge unserer Sünden ist, das glaube ich nicht, weil ich nicht glaube, daß die Juden in andern Ländern, wo sie unbehelligt in Sicherheit wohnen, daß sie dort besser sind als wir." „Da haben Sie recht, ich meine sogar im Gegenteil, daß >vir besser sind als jene." „Kenntnis der Gottcslehre herrscht mehr in unserm Lande, indessen —" Er ward unterbrochen, ein kleines, vermutlich anderthalbjähriges Kind kam quer über die Gasse gerannt und fiel dicht vor die Füße der beiden Männer zur Erde. Es hatte sich nicht verletzt, denn die Gasse war nicht gepflastert, auf weichen Sandboden war es gefallen, aber es schrie, als ob es am Spieße stecke. Der jüngere der Männer beugte sich zu ihm und stellte cs wieder auf die Füße, „Nun, nun. Kleines, was ist denn geschehen? Hast Du Dir wehe getan?" Das Kind antwortete nicht, schrie jedoch noch ärger, und dazwischen rief es: „Mammi! Mammi!" „Wo ist denn Deine Mammi? komm', ich will Dich zu ihr führen." Mer der kleine Schreier ließ sich nicht beschwichtigen, er schrie weiter. „Wein mag das Kind gehören? Kennen Sie cs nicht, Reb Schmul?" „Woher soll ich cs kennen?" erwiderte der als Reb Schmul Angcrcdete, „solch Kleines schaut eins aus wie das andere. — David!" rief er und winkte einem an der nächsten Straßenecke stehenden Knaben. Der Gerufene eilte herbei. „Was wünschst Dü, Onkel?" „Da schau Dir den kleinen Schreier an und bring ihn zu seiner Mutter." „Wo ist denn die?" „Was weiß ich, mußt sie suchen. Nimm das Kind an der Hand und geh' mit ihm in jedes Haus und frag', wem es gehört." „Gut is," sagte der Knabe, indem er sich zu dem weinenden Knaben neigte und ihm die tränenfeuchten Wangen trocknete. „Sei still du Kleines, wir werben die Mammi schon finden. Wer weinen darfst »immer." Das Kind ließ sich schließlich von dem freundlichen Knaben beschwichtigen und folgte ihm in das zunächst liegende Haus, doch wenige Minuten darauf kamen beide wieder heraus und begaben sich in das anstoßende Haus, und dann in das dritte und eben kamen sie aus dem vierten. „Na', wie ist's?" fragte Reb Schmul, „habt Ihr die Mammi noch nicht gefunden?" „Wir werden sie auch nicht sobald finden," erwiderte der Knabe, „da drinnen bei Reb Jtzig Katz seiner Frau ist die Bele Windel —" „Die Hebamme?" „Ja, die Hcbamnie, die die kleinen Kinder badet, und sie hat gesagt, sie kennt alle Kinder in der ganzen Geineinde, aber dieses Kind kennt sie nicht." „Wer, um's Hinrmelswillcn, wie könnte ein fremdes Kind allein hierher gekommen sein?" , Der Knabe zuckte die Achseln. „Die Frau Windel meint, es könnte vielleicht von E. sein oder von B. oder von sonst irgendwo, wo sie über die Juden gegangen sind. Denn ein Judenkind wär's, sagt die Frau Windel, das wäre keine Frage." „Armes Kind," sagte Reb Mordche, dem jetzt ruhigen Kinde die Wangen streichelnd, „wo mögen seine Eltern sein? — Wenn meine Frau jetzt nicht liegen würde, wurde ich das Kleine mit nach Haus nehmen, damit cs wenigstens für den Augenblick versorgt wäre, aber so —" „Nein," unterbrach ihn Reb Schmul, „Sie können das Kind nicht mit heim nehmen, das möchte Ihre Frau ausregen." „Das eben meine ich. Wer wohin mit ihm? Hier auf der Gasse kann es doch nicht bleiben." „Wer sind Sie denn der einzige, der ein jüdisches Herz im Leibe hat? Komm' Kleines, gib mir's Pratzerl." ■ Wer das Kind schmiegte sich an den Knaben, zu dem es bereits Zutrauen gefaßt hatte. „Na, wegen meiner lass' es bei Dir bleiben — David, bring' es heim zur Tante!" Das kleine fremde Kind, das sich urplötzlich in der Genieinde gefunden hatte, erregte allgemeines Interesse, und viele bemühten sich, es zum Sprechen zu bringen, um über seine Herkunft etwas zu erfahren. Doch vergebens, cs sprach allerdings, und seine Angehörigen würden es ver-