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Neue jüdische Presse · 1910-10-14 · Heft 40 (14.10.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 40 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 40 Kankfurter ZsraelrtisHes FcrmilieMM. Seite 5. inutlich' verstanden haben, Fremden war es unmöglich. — Dämmerung war hereingebrochen, Sterne erschienen am wolkenlosen Himmel und -verkündeten der Gemeinde, daß der Sabbat vorüber, und aus der Synagoge erscholl jener herrliche Psalm, der den Juden begleitet nach jedem Sabbat beim Eintritt in das werktätige Leben. (Fortsetzung folgt.) Aus den Erzählungen eines älteren Chasfids. Des letzten Zaddiks Ende. ,, . . . Hui dann geschah es, daß etliche hunderttausend Juden, die an einem Lebensbörn sogen, unvermutet das Band einbüßten, das ihre Seelen geknüpft und erhöht. Das gemeine Volk vermochte sich nach und nach an seichtes und trübes Gewässer zu gewöhnen. Wir auserwählten Geister hingegen, eine Herde ohne Schäfer, zerstreute» uns in alle Weltenden und gingen umher wie herausbeschworene Schattengebilde, eine Verkörperung suchend. Denn, als mir den Zaddik verloren, in dessen sprühendem, schenkenden! Lebensquell wir unserer eigener Seelen Hintergrund wiederfanden, vermißten wir unser Ziel auf Erden und verloren zugleich uns selbst. Wir zerstreuten uns und irrten umher. Jndeß, wenn ich mich hie und da in eine verlegene „Klaus", einen heimlichen Herd schmachtend — verschmachtender, in sich selbst mit verzückter Anbetung ausgehender Ueberbleibsel der erlöschenden Seelenerlösten einfindc und die geheimnisvollen, nach Erhabenem lechzenden Blicke auf mich gerichtet fühle; so oft ich ihre Gesichter aufleuchteu sehe, wenn sie in mir von des' Ehemals Geist und Tiefe ahnen, —; in solchen Augenblicken, Oasen meines öden Schattenlebens, wird mein Gerippe von des Gewesenen Hauche belebt, und ich erzähle ihnen was gewesen, nicht ist, aber sein wird. * Er — der letzte der Riesen und die einzige Hoffimng des ganzen Israels in diesem sonst „verwaisten Geschlechts" — faß eben bei seinem letzten Abendmahl in der Mitte einiger tausend Chassidim. Die ganze Masse drängte sich zusammen, beugte hie Köpfe mit größter Anstrengung in die Richtung des Zaddiks und glich in der wachsenden Stille einer schwarzen Wolke, die plötzlich am Himmel in geheimnisvoller Erwartung stehen zu bleiben scheint. Der Zaddik —i ein kleinwüchsiger siebzigjähriger Greis schien fast geistesabwesend zu sein. Nur von Zeit zu Zeit ergoß sich im Saale eine dünne zitternde Stimme, die, einem gedämpften singweisen Gestöhn ähnlich, alle Herzen durchrieselte, sie von tiefer Ahnung gesehnter Eilande überfüllend. Es war der Erguß einer von göttlichen Händen geliebkosten Seele, ein Lustzucken und Entrückungsbeben höchst gespannter Seelensaiten. Dieser tiefdurchdringende Seelenerguß verwandelte sich allmählich in ein von Ewigkeiten geschwängertes Lied —' in ein Gebet. Und mit dem Zaddik beteten alle Seelen. Denn die große göttliche Sehnsucht bemächtigte sich ihrer. Alle „hohen Welten" öffneten dann Tür und Tor und lockten des Zaddiks Gebet an sich. Da stürmte der Zaddik durch die „Welten" höher und höher. Und sobald er vor einer Welt vorbeiging, von welcher einer der hingerissenen Ehassidim herstammt, so ahnte es die Seele des letzter» sogleich, und einen Augenblick, solange der Zaddik in dieser „Welt" weilt, strahlt ihm das Licht seiner Ewigkeit auf, das seine Seele so klar sieht, sein Herz so tief empfindet. . Und a u f g e h e n will diese Seele in ihrem Urquell und nicht mehr auf Erden zurückkehren, aber bald stürmt sie zurück, denn weiter, über diese Welt hinweg, strömt. nun des Zaddiks Gebet, bisweilen auf seinem Wege den andern Chassidim ihre eigenen Seelenurquelle entdeckend. . . . Vom flüsterhaften Gebet des Zaddiks gelangen zu den Ohren der zusammengepreßten Chassidim abgebrochene Sätze, die allmählich deutlicher werden. Noch enger pressen sich die Chassidim zusammen, und die tiefe Stille verdoppelt sich, als der Zaddik zu sprechen beginnt: „Aller himmlischen Scharen Zweck" — sprach er schlicht —> „ist, in heiliger Wonne Gottes Nähe urewiglich zu genießen. Da sind sie erhebt und stehen immerdar auf 'ihrem Orte. Ihr aber seid „Geher." Und wisset: euer sehnsuchtbanges „Gehen", euer Suchen nach Gott ist größer als das unbewegliche Erhebtsein aller Engel. . . . Und oftmals macht auch her Zaddik seinen Weg rückwärts) in die Täler, um sich dann emporschwingen zu können." „Wir sind ja auf Erden hernieden geschickt worden, um da unten unsere ausgestreuten göttlichen Funken ausznspeichern und sie erlösend in das Heiligtum, davon wir stammen, zusammenzutragen. Nicht dürfen wir darob zaudern, sondern unsere göttlichen Trümmer allüberall hienicden auslefen und errichten —i-" „ . . Du unergründlichster Schöpfer aller Welten! Deinen Schöpfungskern und letzten Willen hast. Du-uns. zu ahnen gewahrt. Deine ganze Welt ist eine verkörperte Ausstrahlung Deiner Schaffensfreudigkeit: da willst Du, daß auch wir Dir mit seelenüberflußreicher Freude dienen. Ihr allen miteinand! Nur durch Freude könnt ihr euch eurem Urquell —< eurem &ottc nähern —" Die Stille wird von leisem Anstimmen eines Gesanges unterbrochen. Aus allen Seiten und Winkeln des Saales ergießt sich ein unversehens allumgreifendes Summen und halblautes, leidenschaftliches Singen, welches bald in einen stürmischen unaufhaltsamen Gesangausbruch übergeht. Ein unendlicher Schwarm geheimer schlummernder Gefühle schien aufzuwogen und —> alles überflutend — sich nach außen hin mit Ungestüm Bahn zu brechen. Der Geist schien die Leiber überwältigt zu haben und sie seinen Reigen tanzen zu lassen. Etwas Grenzloses, Allzumächtiges sperrte ihre Busen, gährte in ihren Seelen und riß sie unwiderstehlich hin. Es bemächtigte sich ihrer eine wunderbare Lust und ein überirdischer Wille, sich im Ml ins Unendliche zu i dehnen. . immer mehr sich in sich zurückzuziehen. . . Unbesonnen, allmählich und einer nach dem andern, wie dünne nacheinander gereihte Eisflocken von Sonnenstrahlen, wurden sie vom flutenden Reigen aufgefangen, der bald den ganzen Saal erfüllte, sich in mehrere ineinander gereihte teilend und in verschiedene Richtungen ziehend. Auf ihren etwas erblaßten Gesichtern malte sich ein geheimnisvoller Ernst alldurchschauender und sich ganz hingebender Gemüter, die in ihrer Verzückung nicht zu wissen schienen, daß sie im Kreise tanzen, sondern glaubten, in rhythmischen Schritten, in melodischem Scclenschwunge, in entzückenden Gesangtönen, mit sich vorwärts drängenden Brüsten und Köpfen sich fortwährend in ein ersehntes Eilend hin zu bewegen. . . Den Zaddik sahen ihre Augen nicht, aber mit' ihrem ganzen Wesen fühlten sie ihn in ihrer Mitte. Sie fühlten ihn in der Gestalt ihrer aufgeloderteu Herzensglut. Er wob sich in die Töne hinein und schien selbst ihre seelenerquickende Nuance zu sein. Sie fühlten seine Gegenwart, wie den Hauch von fernen Eilanden, welchen sie sich näherten, und wie das Unnennbare, das ffie dorthin im Reigen führte. Er aber saß auf seinem Stuhle und flocht seinem Gotte den schönsten Kranz. Eine heilige aufgeflackcrte Inbrunst, die er in seine Chassidim gesteckt, verspürend, saß er da wie ein Brandstifter und schaute sein Werk. I . Den überströmenden Ueberfluß der Seelenquellen und die dadurch erzeugte höchste Lust in sich zurücksaugend, beugte sich sein gespannter Busen unter seiner glühenden Last. Und so saß er da, vom eigenen Lichte umstrahlt, ein alles Verschenkender, aber noch umsomehr Ueberbürdeter. Ein Schwarm grellend leidenschaftlicher, extatisch schwungvoller Töneergüsse streichelte seine Seele und lockte sie über alles hinweg in fremde weltvergessende Lande. Dort angelangt wehrte er sich mit aller Kraft gegen seine Erwachung —i — — * Schon nahte es'gen Mitternacht. Ihr Gesang war bereits verstummt, schwebte aber noch unvernehmlich über ihnen und der ineinander verwirrte Reigen schlängelte sich noch unaufhörlich wie ein verzauberte Zug von Nachtgeistern. Ms sie stehen blieben, hatte der Zaddik lange schon seinen Geist aufgegeben. . . Und ein verzweifeltes Angstgeschrei trieb sie auf immer auseinander. G. de Chaamdnvet. Kunst und Literatur. Das Ende des jüdischen Staatswesens. Sechs populäre Vorträge von Prof. A. Bertholeth. Verlag von I. C. B. Mohr. Tübingen 1910. 164 S.) In diesem seinein letzten Werke behandelt der bekannte Religionshistoriker Prof. Bcrtholet den Untergang des jüdischen Staates, also eine Epoche, die nicht.nur für unsere Geschichte, sondern auch für die allgemeine von größter Bedeutung war. Ist es doch die Epoche, da Herodes regierte, da eine »»gekannte religiöse Sehnsucht die Menschheit ergriff, die schließlich das Christentum erzeugte. Durch die Gestalt des Herodes wird der ganzen Zeit eine dramatische Färbung verliehen, sodaß sie auch für den Laien sehr anziehend und interessant ist. Prof. Bertholeth hat es verstanden, die Strömungen und Ereignisse jener Zeit in populärer und anziehender Weise darzustellen und die Eigenart der sie bestimmenden Persönlichkeiten, besonders die des Herodes, trefflich zu charakterisieren. Bemerkenswert und ein gutes Zeugnis des historischen Gerechtigkeitssinncs des Autors ist die Tatsache, daß er mit der alten Märe von der Heuchelei und Bigotterie der Pharisäer bricht und sich ehrlich bemüht, ihnen Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, Und wenn ihm das auch nicht in vollem Maße gelingt, so verdient sein Bemühen doch nicht weniger Anerkennung; es ist eben nicht leicht, sich eines jahrhundertelangen Vorurteils zu entledigen. Dieses Beispiel zeigt, daß der Autor nicht gegen das Judentum Partei nimmt und einen Lobeshymnus auf das neuerstandene Christentum anjUmmt, wie es bei nichtjüdischen Historikern dieser Epoche so oft wahrzunehmeu ist; vielmehr urteilt er im aUgemeinen objektiv und gerecht, zmd so kann gerade aus diesem Grunde das Buch dem jüdischen Publikum besonders empfohlen werden. Dr. N. FRANKFURTER KOMÖDIENHAUS Direktor Karlbeim Martin Nene Zeit 80 — Telephon 1201 spielt von Freitag, den 14. Oktober ab: täglich Melchior Lengyel. 'Anfang 8%. Uhr, Sonntag 8 Uhr. Haiser Friedrich Quelle ——— Offenbach a. M. - Gegen Gicht and Rhenmatismna bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M., Stallbnrgstr. 9. Tel. 259 n. 71. J. EMMEL & SOHN Schillerstrasse 28. Spezial-GesehSft für Haia Zeichen-Utensilien. Holzbranii-,Kerbsehnilt-,Tarso-ii. Batik-Artikel. Wocheu-Kalender. (Zettangahen nach dem Ltueb.) Samstag, den 15 Oktober (=12. Tischti): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 20 Min., in Berlin 6 Uhr — Min. Wochenabschnitt: Haasinu. —■. Eine poetische Darstellung der Geschichte und des hohen Berufes Israels. Am Schlüsse des Wochenabschnittes ist von Moses Ende die Rede. Sukkaus. Festes - Anfang in Frankfurt Montag abend 5 Uhr 20 Min. Bedeutung des^Laubhüttenfestes: Erinnerung cm den Schutz vor allen Gefahren der 40jähr. Wüstenwanderüng. Lehre daraus: Gott vertrauen! — Sukkaus ist „Regel" oder Wallfahrtsfest. Alle Männlichen hatten sich r— wie am Pesach und Schownaus' — in Jerusalem zu versammeln.- Es heißt auch —. als Naturfest .— „Chag-hoosiw," Fest der Einlese, da die Feldfrüchte eingeheimst wurden. Im Gebet auch „Se-. man-Simchauseinu," Zeit unserer Freude. Freudigkeit ist von der Thora anempfohlen. (5. Bch. M. 16, 15.) In Jerusalem einstens das freudige Wassergußopfer, Illuminationen, Kreisgang um den Mtar, Produzieren verschiedener Künstler. Die Sukko. Wände und Dach seien nach Vorschrift. Mindestens 10 Tefach (Handbreiten) hoch, 7 Quadrat-Tefach Raum fassend. Bedachung aus Pslanzenwnchs, der vom Boden abgeschnitten sein muß. So gedeckt, daß man noch Sterne dnrchsieht. Während der Sukkanstage sei die Sukko unsere förmliche Wohnung. Schöne Ausstattung derselben. Essen Trinken, Unterhaltung, alles ln der Sukko. Nach Kiddusch bezw. nach Moze die Brocho „Leischef basnkkoh" sprechen. Frauen haben auch zu „entzünden" in der Snkko. Die ersten Abende ist es besonders Pflicht, in der Sukko zu speisen. Selbst wenn's regnet, mindestens eine Olivengröße Brot. Kranke, Leidende dispensiert, wenn ihnen beschwerlich. Ebenso deren Bedienung. Das Lulof. Man nehme es beim Schütteln in die Rechte, mit dem Rückgrat vorm Gesicht. Esrog links. Brocho „Al netilas Lulof," am ersten Tage auch „Schehechijonu." Nicht zu kräftig schütteln, da das Lulof sonst unbrauchbar (poßul) wird. Am Jomtauv zum zLulof Wasser nachschütten; am Halbfeiertäg neues nehmen. Am Schabbos wird nie Lulof geschüttelt. Wer morgens nicht geschüttelt, kann's noch bis zum Abend nachholen. Die Gebete. Ganz Sukkaus Schmono-Esrei der drei Wallfahrtsfeste, ebenso Mussaf und Ganz- Hallel. Nach Mussus täglich — außer am Schabbos — Umzug mit Thora und Lulof um den „Almemor" beim Beten der „Hoschaano." Dies Gebet während der 7 Tage. — Am Chaul-Hamaned wie am Werktag beten bis nach Schmono-Esrei. Dann Ganz - Hallel, Thoravorlesung, Mussaf der Wallfahrtsfeste, die „hoschaano" mit Umzug. —; Mincho und Maariv wie sonst werktags, nur Jaale wejvwau einschalten. Der fünfte Halbfeiertag ist Hoschaano- Rabbo. (Montag, 24. Okt.) Ernstheiligen Charakters, in Beziehung gedacht zum Versöhnungstag. (Weltgericht!) Sonntag (23-. Okt.) nachts das sogen. „Lernen." Montag morgen vermehrte Hoschaanogebete, Bitten um Fruchtbarkeit durch Wasser, vieles auch geschichtlichen Inhalts. Sieben Umzüge mit Thorarollen. Synagoge gewöhnlich wie Jaum - Kippur weiß dekoriert. Drei oder fünf Weidenstengelchen als Freubeausdruck aus die Erde schlagen. S chmini-azeres. Festes - Anfang in Frankfurt Montag abend 5 Uhr 5 Min. Die eigentliche Bedeutung des Schmini-azeres ist Rückblick auf die Feste im Tifchri. Am 1. Tage

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