Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 40 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40. Seite 3. und Mathias Acher hat sich dadurch ein Verdienst erworben. Hauptsächlich in der Zeit vor der Entstehung des Zionismus und in den ersten Jahren desselben. Da trat Mathias Acher mit ruhNlenswertcr Offenheit, mit männlicher Entschlossenheit für die nationale Bewegung ein, und jene Periode, der seine — vielleicht beste — Schrift „Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande" entstammt, war die beste und schönste seiner Tätigkeit. Als aber dann die Idee des Zionismus sich Bahn brach, als ihr Tausende zuströmten, da war kein Platz inehr für einen „Acher", da wurde Mathias Äscher ein Gegner. Und seit dieser Zeit beginnt der Rückgang; Mathias Acher verrannte sich mehr und mehr in seine oft geradezu komischen Ideen, lvurde negativer und negativer, machte nichts mehr init, wurde ein Abgeschiedener, ein Sonderling. Dabei verfiel er in Widersprüche, bekämpfte das, was er früher verfochten hatte, und er, der anfangs das Goluth durchaus negiert hätte, versöhnte sich mit ihm. Und in dieser Versöhnung mit dem Goluth war Mathias Acher konsequent, zu seinem Schaden. Er verwarf das politische Ideal der nationalen Wiedergeburt, den politischen Zionismus) und erstrebte eine nationale Autonomie im Goluth (eines der merkwürdigsten Hirngespinste unserer an anormalen Ideen so reichen Zeit). Er wandte sich von der Sprache der nationalen Wiedergeburt ab, vom Hebräischen, und wurde der eifrigste Streiter des Jargon. (Man erinnert sich noch der „berühmten" Czernowitzer Konferenz, die glücklicherweise die erste und letzte geblieben ist.) Auch sein Eintreten für westeuropäische Kultur ließ teilweise nach, er begann, eine „Emanzipation des Ostjudentums vom Westjudentuni" zu erstreben (eine Forderung, die in gewisser Hinsicht berechtigt, in der Form, wie Acher sie erhebt, gefährlich und unmöglich ist). Von allem aber, was er begonnen, hat er nichts zu Ende geführt. Denn Mathias Acher hat keinen Funken von Tatkraft, keinen Splitter von positivem, realem Schassen an sich. Ist ganz und gar Theoretiker, oft unfruchtbärcr Phantast, wiewohl er sich für einen nüchternen Mann der Tat hält. Dies ist ungefähr die Entwicklung, die Mathias Acher. durchgemacht hat. Eine Metamorphose zum Negativen hin, die seinem Schaffen alle positive Wirkung nahm und seine Rufe ungchört verhallen ließ. Man hat Mathias Acher den A ch a d - h a a m des Westens genannt. Es ist nicht zu leugnen, daß Mathias Acher mit Achad-Haanr gewisse Verwandtschaft hat, beide negative Geister, unzufriedene Grübler. Aber welch' ein Vergleich! In Achad-Haam der tiefe Denker, eine volle Persönlichkeit, mit scharf ausgeprägter Eigenart, mit tief eingewurzelter Weltanschauung, — und bei Mathias Acher eine inkonsequente Natur, schwankend und widerspruchsvoll, mehr Nachbildner als Sclbstschaffer, mehr Fremdes umarbeitend als originell, mehr Verkäufer als Fabrikant. Mathias Acher hätte Größeres schaffen können, als es ihm gelungen ist. Denn bei alledem verfügt er über eine geübte Feder) über ein umfangreiches Wissen, über einen gewissen Scharfsinn, und — was ihn bei alledem schätzenswert macht — über ein warmes jüdisches Herz. Aber sein Unglück war sein Achertum, sein unseliger Hang, immer Acher zu sein. Dies ist nicht nur eine launische Eigenfinnigkeit, es ist vielmehr eine geistige Veranlagung, unter deren Zwang Mathias Acher steht; eine anormale Veranlagung, die man an verschiedenen hervorragenden jüdischen Schriftstellern der Gegenwart wahrnehmen kann. Dieser Hang zur Negation ist eben mit eine jener geistigen Anormalitäten, die dasGoluth unserem Volke aufgedrückt hat, und deren Ursache festzustellen hier nicht der Platz ist. So ist Mathias Achers Hang zum Verneinen im gewissen Sinne eine Tragik, ich möchte ihn eher bemitleiden als anklagen. Dies hindert aber nicht, daß sein ewiges Verneinen allmählich ermüden und langweilen, ja abstoßen mußte. Frankfurter MAÄktifWS FckmArenblait. Und so ist es gekommen, daß er heute uns fast ein Fremder ist, ein Abseitsstehender, ein fast Vergessener; man hört ihn nicht mehr, man beachtet nicht seine Worte, er ist überholt und übergangen. Dies ist hauptsächlich seine eigene Schuld. Er war zu oft Acher gewesen, als daß sein Achertum uns noch irgendwie kümmern könnte. Brief aus Rumänien. Das vor einigen Monaten angenommeile Gesetz der allgemeinen Sonntagsruhe hat, wie die meisten Gesetze in Rumänien, den Behörden der kleineren Städte den A n l a ß zu neuen I n d e n ch i k a n i e r u n g e n gegeben, die wiederuni deutlich beweisen, daß die Inden in der Gewalt eines jeden brutalen Polizeibeamten stehen. Abgesehen davon, daß dieses Gesetz viele Jude» zum Aufgebcn des Sabbats veranlaßt, ist die Art und Weise, wie die Sonntagsruhe durchgeführt wird, geradezu himmelschreiend. Ein letztens vorgekommener Fall soll hier als Beispiel angeführt werden: In einer kleinen Stadt in der Moldmr unternahm neulich an einem Sonntag eine Rotte von Polizcibeamten -eine Untcrsuchnngsreise durch die Stadt, um sich der strengen Befolgung des Ruhegesetzes zu überzeugen. Auf dieser Reise entdeckten sie einen armen jüdischen Handwerker, der, in einem Dachwinkel versteckt, sich der Arbeit hingegeben hatte, um seine Notlage durch übermäßiges Leisten ein klein wenig mildern zu können. Das Schauspiel, das sich nun den hermigekommenen Spaziergängern bot, war grausam und Abscheu erregend. Die Polizeileute bearbeiteten mit ihren Fäusten den Mann, seine Frau und sogar seine Kinder, mit einem Eifer, als gälte es, Feinde niederzuschlagen. Msdann legten sie dem „Sünder" eine Strafe von 50 Frcs. ans. Dieselben braven Leute überraschten nachher ein jüdisches Mädchen, eine Näherin, an der Steppmaschine: das Mädchen wurde geohrfeigt und ebenfalls mit 50 Frcs. bestraft. Wenn solche Barbareien der Roheit einzelner Beamte zugeschrieben werden müssen, so vergißt die Regierung inzwischen ihrer Juden ebenfalls nicht, sondern beschenkt sie mit trefflichen Anordnungen und Beftiininungen, welche die Juden in steter Folterspannung halten sollen. Jetzt, da man in ökonomischer Beziehung fast alle erdenkliche Einschränkungen erschöpft hat, geht es wieder auf die jüdischen Schulen los. Diese, vor einigen Jahrzehnten in sämtlichen judenbewohnten Ortschaften Rumäniens von Gemeinden und Privatphilanthropcn gegründet, um den Bildungsdnrst der mrs den allgemeinen Schulen ausgesperrten Kinder zu befriedigen, haben fortwährend unter Chikanen und Hemmungsgesetzen zu leiden gehabt, bald von dem oder 'jedem Schulaufseher verfolgt, bald durch Ministerialerlässe bedrängt. Die Pflichten dieser Schulen denr Staate und den Behörden gegenüber sind immer mehr angewachsen, — und nun schickt man sich an, die letzten Spuren von Freiheit den jüdischen Schulen zu entreißen, und zwar auf folgendem Wege: Wiederholte Ermahnungen an die Vorstände der Schulvereine fordern sie auf, soviel als möglich rumänisch-christliche Schuldirektoren und Fachlehrer an Stelle der bisherigen jübis chen zu engagieren, und, wo es dem oder jenem Schulinspektor beliebt, drängt er solche mit Gewalt den jüdischen Schulen auf. Andererseits wird unaufhörlich das Stundenprogramm einzelner oder sämtlicher Schulen nach Belieben vorgeschrieben, ja es ist sogar schon dazu gekommen, daß eine Anordnung sich dahin äußerte, man möge die „fremden" Gegenstände (jüdische Religion und hebr. Sprache) als Supplementargegenstände betrachten und ihnen eine ganz geringe Stundenzahl einräumen. Selbstredend ermahnt der Minister die jüd. Schulen, den rumänisch-nationalen Geist zu chflegen. dainit die Schüler „zu guten Rumänen heranwachsen." Zugleich aber wird der Eintritt jüdischer Schüler in die Gymnasien und anderen Mittelschulen immer mehr eingeschränkt. M ib. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wir hatten in Nr. 38 von dem Empfange des Herrn Rabbiner Dr. Nobel berichtet: über seine groß angelegte, in Form und Inhalt hervorragende Antrittspredigt, bei der die Synagoge am Börneplatz von einem festlich gekleideten Publikum überfüllt war, können wir jedoch aus drucktechnischen Gründen leider erst in der vorliegenden Nummer berichten. Der ehrwürdige Redner begann mit einem Dänkgebet an Gott und dem Danke an die Vorsteher und Mitglieder der Gemeinde für die ehrenvolle Wahl, die ihn in noch jungen Jahren an diese Stelle, auf der so bedeutende Rabbiner gewirkt haben, berufen habe. Au den Psalmvers anschließend, den Salomo bei der Einweihung des Tempels gesprochen hatte, als sich ihm die Tempeltore nicht öffnen wollten: „Gedenke der Liebe meines Vaters David," ruft er die Manen der großen Frankfurter Rabbinen an, für ihn Fürsprache beim Ewigen einzulegen, auf daß sich die Tore des Oraun-Hakandesch auch ihm öffnen und mit ihnen sich auch die Herzen der Gcmeindemitgliedcr in vollem Vertrauen erschließen mögen. Er gelobte, das Erbe seiner großen Vorgänger treu und ganz in ihrem Sinne wahren zu wollen, indem er in begeisterten und kraftvollen Worten den Standpunkt des traditionellen Judentums betonte, der für jeden fest im Judentum wurzelnden Inden keine Last und keine Bürde bedeute, sondern eine große Harmonie, ein erhebender Gesang sei. Im Anschluß daran, wendet sich - der ehrwürdige Redner gegen jene Bestrebungen, die durch das Aufgeben von altherüberlieferten Geboten und Sitten eine Entfremdung vom wahren Judentum, wie es unsere Ahnen lehrten, anstrebcn. Noch sind aber diese Entfremdeten für das Judentum nicht verloren, und gleich der Schwalbe, die mit dem wiederkehrenden Frühling auch den Rückweg zur Heimat finde, können auch diese dem Judentum zum Teil bereits Fernstehenden zu ihm wiederkehren, sofern sie nur den aufrichtigen Willen haben; dadurch würden sie erst die volle Einheit der jüdischen Gemeinschaft Herstellen, die zu fördern und zu wahren er, Rabbiner Dr. Nobel, als seine vornehmste Aufgabe betrachte, ivomit er ganz in den Bahnen seines großen Vorgängers zu wandeln glaube, der bei aller Hochachtung und Verehrung für die große Persönlichkeit Samson Raphael Hirsch's dennoch nicht sein Trabant gewesen sei, sondern vielmehr die Einheit des Judentums als das Höchste und Heiligste angesehen habe. Es war noch eine Fülle von Gedanken und geistreichen Ausführungen, die die Predigt uns brachte, die aber hier wiederzugebcn, uns zu weit führen würde. Die Rede betonte von Anfang bis zum Ende scharf den traditionell-gesetzestrcuen Standpunkt und polemisierte unverkennbar nach links. Natürlich wurde bei aller Festhaltung am streng traditionellen Judentuin auch nach dem Trcnnungsstandpunkte hin die Scheidungslinie gezogen. Bei denr lebhaften Verpflichtungsgefühl für die Gesamtjudenheit, das aus den Worten sprach, konzentrierte sich dennoch ihr Kernpunkt in dem Gelöbnis, das Wohl und Wehe des konservativen Judentums zur vornehmsten Sorge zu machen. Der Eindruck, den die an Form und Inhalt voflendeten, in tiefenipfundener, meisterhafter Weise vorgctragenen Ausführungen hervorriefen, war ungemein tief; besonders als der ehrwürdige Redner in bewegten Worten seines großen Vorgängers und dessen unvergänglichen Verdienste gedachte, wurden die Augen gar vieler naß. Es herrschte unter allen Zuhörern eine sichtliche Befriedigung. Berlin. Zehn Vereine Jüdischer Studenten (B. I. St.) — Berlin und Maccabaea, Charlottenbnrg, Breslau, Straßburg, Freiburg, Königsberg, Minchen, Marburg und Bonn — gehören zur Zeit dem Bunde Jüdischer Korporationen (B. I. K.) an; seine Mitgkiederz ahl hat das halbe Tausend überschritten. Im V. I. St. erhalten die jüdischen Akademiker eine Vorbildung, die sie zu einer tätigen Teilnahme am jüdischen Leben befähigt. Unterricht in der jüdischen Geschichte, namentlich des 10. Jahrhunderts, sowie ausgedehnte Unterweisung, in den Fragen des modernen jüdischen Lebens (Antisemitismus, Organisation der Jirden, National-Judentum und Zionisimis), von geeigneten Buudesbrüdern als Fuchsmajoren erteilt, dienen dazu, die jüdischen Interessen der V. I. St. zu wecken und ihnen feste Grundlagen zu geben. Es ist selbstverständlich, daß dieser Unterricht sich vom schulmäßigen ganz fern hält und seine Aufgabe, unmittelbar praktischen Zielen zu dienen, nie vergißt. Hieran schließt sich eine Unterweisung in der Geschichte der studentischen Korporationen und jm Comment. Wenn der B. I. K., seiner jüdischen Aufgabe eingedenk, seine studentische Organisationsforin auch nie als Selbstzweck betrachtet hat, so hat er hoch stets den größten Wert darauf gelegt, seinen Mitgliedern eine gründlich korporative Erziehung mitzugeben. Namentlich hält er es für seine Pflicht, die B. I. St. zu einer ihrer würdigen Stellungnahine in Ehren-Angelegenheiten zu veranlassen. Gemütliche Kneipen, Ausflüge, Sommerfeste und andere gesellige Veranstaltungen förderten auch im verflossenen Semester den freundschaftlichen Zusammenschluß der B. I. St. Der körperlichen Ausbildung der V. I. St. diente das regelmäßige Fechten, sowie in Berlin die Ruderabteilnng, die teilweise init der des jüdischen Jugendbundes zusammen übte. Aiich alte anderen sportlichen Interessen ihrer Mitglieder förderten die V. I. St. nach Möglichkeit, von der Ueberzengung ansgehend, daß gerade, was körperliche Ausbildung anbetrifft, wir Juden im eigenen Interesse noch sehr vjel nachzuholen haben.