Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 40 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Abgeordneten mrd den Mitgliedern des Großen Jüdischen Rats, fehlt es an Mut; die crsteren glauben, nicht genug ihren türkischen Patriotismus hervorkehrcn zu ~ können, bis sie der Minister des Innern, Talaat Bey, an ihre Pflichten als Juden erinnert, und die Mitglieder der letzten Behörde werfen gar die Flinte ins Korn, legen selbst ihre Mandate nieder, sodaß sic auch ein türkischer Minister, — diesmal der der Justiz — an ihre Aufgabe als Juden mahnen muß. Im Gegensatz zu den Führern regt sich in den Massen der türkischen Judcnhcit eine starke nationale Strömung, die hoffentlich bald auch die Führer ergreifen und sie erst ihres Amtes würdig machen wird. Was den Teil der Türkei betrifft, der uns besonders interessiert, Palästina, so herrscht dort ein reges jüdisches Leben, das im Aufblühen und Borwärtsstreben begriffen ist. Leider trifft es in dieser seiner Fortcickwicklung auch Hindernisse, und zwar ist cs leider ein Teil der orthodoxen Juden Palästinas, diedoch eigentlich die Führung übernehmen sollten, der sich dem Ausblühen des jüdischen Lebens entgegcnstcmnck. Gerade in diesem Jahre hat sich 'diese ungemein bedauerliche Tatsache besonders grell gezeigt in der S ch m i t t o a n g e l e g c u - heit. Die Art und Weise, wie sich ein Teil der jerusalemitischen Rabbinen gegenüber dem Jafsaer Rabbiner und Gaon Kuk benommen hat. und die Interessen ihrer Volksgenossen in der häßlichsten Weise zu schädigen suchte, bedeutet einen Schandfleck für die orthodoxe Judenheit Palästinas. Auf die Dauer ivird der Widerstand dieser Intransigenten gebrochen werden und man wird über sie einfach zur Tagesordnung übergehen, eine Gefahr, die auch in anderen Ländern der Orthodoxie droht. Und nun wenden wir uns vom Osten nach dem Westen, von der Orthodoxie in ihrer radikalsten Erscheinung zu der extremsten Ncologie, von Jerusalem nach Paris. Auf dem Wege lassen wir Italien ruhig liegen, denn die italienische Judenheit hat ihre Rolle im Judentum ausgespielt; Luzzatti ist Ministerpräsident, Nathan — Bürgermeister, und das Judentum — tot. Und daß der Gewinn des Ministerpostens uns nicht über den Verlust des Judentums trösten kann, ist wohl klar. Also lassen wir Italien uird kommen wir nach Frankreich, oder besser gesagt nach Paris; denn nicht nur alles französische, sondern auch alles jüdische Leben Frankreichs drängt sich in Paris zusammen, und auch das gesamte jüdische Leben von Paris konzentriert sich auf einige Männer, die dank des völligen Jndiffcrentismus der französischen Juden in selbstherrlicher Weise frei nach ihrem Belieben handeln können, ohne irgendwelche Verantwortlichkeit. Und da in diesem Paris auch noch heute unglücklicherweise die Zentralen der zwei größten jüdischen Wohlfahrtsorganisationen sind, der „I c a" und „A l l i a n c c", so werden auch diese in facto von diesen wenigen Herren geleitet. Wie cs aber mit dem Judentum derselben bestellt ist, haben lvir an ihrem markantesten Typus, S a l o m o n R c i n a ch, bereits gezeigt, hat dieser ja selbst vor aller Welt bekmrdct. Nur aus diesem Umstande, aus dieser Vereinigung der gesamten Macht, in den Händen einzelner ist es zu erklären, wenn man jetzt hört, daß die Jca den ungeheuerlichen Schritt unternehmen wi"ll, i hr Schulwesen in Argentinien der „Alliance" zu übergeben. Ein solches Vorgehen der „Jca", die bisher an jüdischem Gefühl und Bewußtsein iveit höher als die „Alliance" stand, erfordert den energischsten Protest der gesamten jüdischen Ocffcntlichkcit, zumal, wie die „Jca" wohl iveiß, die Schulen der „Alliance" nicht nur in jütstschcr, sondern auch in allgemein pädagogisch er Hinsicht uitter aller Kritik stehen. Wir hoffen also, daß die Herren des Vorstandes der „Jca" noch, bei Zeiten die verderblichen Konsequenzen ihres beabsichtigten Schrittes einsehen Fr»n?furkr JsraelrtiWes Fmnilienblatt. und -ihre Absicht rückgängig machen werden. Für die Dauer jedoch lvird eine Gesundung dieser beiden Organisationen nur dann erfolgen, wenn ihre Leitung von Paris nach einer anderen Hauptstadt, in der noch jüdisches Leben herrscht, verlegt werden wird. Ueber England ist nicht viel zu sagen. In diesem einen Jahre ist dort nichts von weittragender Bedeutung geschehen; immerhin läßt sich, wenn auch langsam, eine Wendung zum Guten innerhalb der Judenheit Englands wahrnehmen, die in erster Linse auf den Einfluß der dort wohnenden o st j ü d i s ch e n Massen zurückzuführen ist. .Den reformistischen Bestrebungen Claude M o n t e f i o r e s, über die so viel gesprochen worden ist, messen wir keine allzu g r o ß e B e d e u t u n g bei, da wir in chnen nur die Auswüchse eines einzelnen zur Mystik und Unlogik hinncigenden Geistes sehen, der hinter sich nur einzelne wenige, dem Judentunr ganz entfremdete, ebenso unlogisch denkende Juden — meist Jüdinnen — hat, und dessen Bestrebungen darum niemals eine große Bedeutung erlangen werden.*) Bei energsicher, bewußter Arbeit innerhalb der ostjüdischcn, Einwanderer wie auch innerhalb der englischen Judenheit läßt sich jenseits des Kanals noch viel erreichen. Ein im ganzen erfreuliches Bild bot im letzten Jahre die Judenheit Amerikas. Dort, auf dem neuen Kontinente, politisch und sozial ungehemmt, entfaltet die Judenheit ein reiches Leben, das sich im günstigen Sinne fortentwickelt. Auch hier ist der Einfluß der ostjüdischen Massen von großer Bedeutung. Doch auch innerhalb der alteingescsscncir amerikanischen Juden ist eine Wcitdung zum guten wahrzunehmen. Die Reform, die gerade dort so radikal war, verliert an Anhängern, und man beginnt — wie das Beispiel des Rabbiner Magncs zeigt — ihre Gefahr einzuschcn und sich darum wieder mehr der Tradition zuzuwenden. Bei dieser Abkehr von der Reform spielt das nationale Bewußtsein eine große Rolle, vom nationalen Judentum gelangt man allmählich auch zum traditionellen. Die großen jüdischen Philanthropen wie Jakob Schiff, Sulzberger, Marshall u. a. werden in ihren Bestrebungen von einer wirklichen Ljichje zum' Judentum geleitet, und so ist bestimmt, zu hoffen, daß ihre Tätigkeit von immer größerem Nutzen für das jüdische Volk werden wird. Man erkennt schon jetzt, lvelche große Nolle die amerikanische Judenheit bei der Lösung der Judenfragen spielen wird. Und nun, nachdein wir die einzelnen Länder gesondert für sich betrachtet haben, bleibt uns noch übrig, kurz jene Bewegung zu behandeln, die in ihrem Prinzip und ihrer Zusammensetzung keine Landcsgrcnzcn kennt, die in sich das zukünftige, geeinte jüdische. Volk verkörpert, die z i oir i st i s ch e P a r t ei. Auch von ihr läßt sich im allgemeinen nur Erfreuliches berichten. Die unerquicklichen Streitigkeiten im Innern sind bcigclegt, und der Friede wird nun hoffentlich ein dauernder bleiben. So, im Innern geeint, konnte der Zionismus sich -jener Aufgabe widmen, die bisher arg vernachlässigt worden war, der Vertretung des nationalen Gedankens Lei seinen eigenen Anhängern. Von der Zeit der überschäumenden Begeisterung, der nationalen Phrasen ist man zur Periode der crmsten nüchternen Arbeit gelangt. In seiner äußeren Tätigkeit zeigt sich dies in der energisch betriebenen praktischen Arbeit in Palästina, in seincnl Innern dokumentiert sich dies in dem Willen nach Vertiefung und Vervollkommnung der nationalen Idee. Dieser Wille hat sich besonders deutlich beim letzten Dclegiertentag der deutschen Zionisten gezeigt, und der Ton, der hier geherrscht, sowie die Beschlüsse, die er gefaßt hat, lassen annehmen, daß auch dieser Ruf nach Vertiefung nicht zur Phrase wird, sondern jeden Zionisten zur energischen Arbeck an sich selbst anspornen wird. Damit löstet der Zio- *) Siehe in der heutigen Nummer unter „Großbritannien". Nr. 40 uismus die beste Vorbereitung zu einer erfolgreichen und wirksamen Agitation, die ihre guten Ergebnisse im kommenden Jahre zeitige» wird. Mathias Acher. (Zu der Herausgabe seiner „Ausgewählten Schriften".)*) Von Ben-Koheleth. Selten hat Wohl ein Schriftsteller sein Pseudonym so treffend gewählt. wie D r. Nathan Birnbaum. In seinem Acher hat er die Eigenart seiner ganzen Persönlichkeit charakterisiert, hat er das Fazit all seines Schaffens gezogen, hat er die Erklärung für seine Bedeutung gegeben. Nehmt Mathias Acher sein Achertum, und ihr habt einen gewöhnlichen Schriftsteller vor euch, der manchmal interessant, selten aber originell ist, der fremde Gedankengänge und Systeme popularisiert, der über alles urteilt und alles weiß,, einen von jener Journalistensorte, die immer schreibt und nieinals wirkt. Hängt aber demselben Alltagsjournalisten den Mantel des Achertums um, und ihr habt Mathias Acher in seiner ganzen Bedeutung, den Mann, den alle kennen und viele lesen, der oft Aufsehen erregt hat, mit dem sich die Oessentlichkeit gar manchmal beschäftigt hat, der als einer der Hauptrepräsentanten der jüdischen Schriftsteller Westeuropas gilt, den man als großen Denker und tiefen Schriftsteller verehrt. Dieses Achertum muß also etwas ganz Spezifisches und Beachtenswertes sein. Worin besteht die Quintessenz des Achertums? Es gibt zwei Kategorien dieser geistigen Veranlagung. Sie haben beide das Gemeinsame, daß ihre Träger niemals der öffentlichen Meinung zustimmen, stets anders als alle übrigen urteilen, inimer besondere Wege wandeln. Sie unterscheiden sich nur in den Motive n ihres Achertums, in d'en inneren Ursachen ihres Andersseins. Der einen Kategorie gehören einzelne wenige, gottbegnadete Persönlichkeiten an, die krast ihrer Genialität weiter schauen als ihre Mitmenschen, die kraft einer gewissen prophetischen Veranlagung tiefer in die Mysteri-n des Weltgeschehens zu schauen vermögen, die Leiter und Wegweiser ihrer Zeit ftnd, unvergleichliche Propheten ihres Volkes und auserlesene Lenker seines Schicksals. Die andere, weitaus umfangreichere Kategorie setzt sich aus unzufriedenen Pessimisten, ewig grollenden Grüblern zusammen, die immer so sagen, weil alle anders urteilen, die immer dagegen sind, wenn alle daftär sind, die Achers sind meist aus krankhafter Eitelkeit, die alles daran setzen, nur immer außergewöhnlich, originell, anders wie alle zu sein, die gar nicht immer innerlich ihr Anderssein für wahr halten, sodaß sie den Anschein einer gewissen Unaufrichtigkeit erwecken. Welcher von diesen beiden Kategorien ist Mathias Acher zuzuzählen? Ich werde ihn keinesfalls in die erste einreihcn. Mathias Acher hat viel geschrieben, steht seit 25 Jahren mitten im öffentlichen Leben drin und hat zu allen wichtigen Fragen dieser an Ereignissen und Problemen so reichen Zeit Stellung genommen; stets eine andere. Man kann nicht seine Stellungnahme präzise charakterisieren, denn sie ist nicht einheitlich, entspringt nicht einer feststehenden, wohlbegründeten Weltanschauung. Mathias Acher hat nicht im Laufe seines Schaffens seine Weltanschauung bewahrt. Hat sie vielmehr oft gewechselt, und so hat er auch oft seine Gedanken und Ideale geändert. Sie tragen nur alle ein: Eigenart an sich, sie sind immer „acher", immer der herrschenden Ansicht entgegengesetzt. , Zuweilen war dies Anderssein recht gut, war dieses Bekämpfen der Tagesströmung notwendig, *) Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher). Ausgewählte Schriften. Zur jüdischen Frage. Zwei Bände. Verlag der Buchhandlung Dr. Birnbaum und Dr. Kohut. Czernowitz. 1910.