Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 40 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IsrartKfrtrker Ifrnrlitifilirs fitnilirnblatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn M. 1,80, sonstige Länder Mk. 2.— -daKtio« rmd Hsfchäftsftelre: Srsnksurt s. M., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Hser-f-» 10507. : Kaks chel-. , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petftzelle. 25 Pfg. Die Reklamezeile.. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereirckunst. 8. Jahrgang. Freitag, -en 11. Tischri 5671 (14. Oktober 1910). Rr. 40. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: DaS Jahr 5670. — Mathias Acher. — Brief aus Rumänien. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Aus den Erzählungen eines älteren Chassids. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Das Jahr 5670. iii. Wir haben das letzte Mal über die verschiedenen Richtungen und Parteien innerhalb der Judenheit Deutschlands gesprochen; es bliebe noch übrig, kurz zwei Organisationen zu streifen, von denen die eine in chrer Jahreschronik Ereignisse von einer über das Jahr hinausragenden Tragweite zu verzeichnen hat, die andere in diesem Jahre neu in's Leben getreten ist; wir meinen die Deutsche Konferenzgemeinschaft und die „Histadrus iwri s"., Was die erstere betrifft, so läßt sich von ihr nur Günstiges berichten und noch Günstigeres erhoffen. Sie macht gegenwärtig eine Metamorphose zmn Guten durch, und wenn auch dieselbe nicht ohne Hindernisse und Widerstände vor sich geht, so ist dafür zu hoffen, daß ihre Wirkung eine radikale und bleibende sein wird. Sie hat die Kampfesstellung, die sie hisher gegen Zionismus und Hilssverein eingenominen hat, endgültig aufgegeben, und eingedenk ihrer Devise und des Gedankens, der sie erzeugte, hat sie mit beiden Frieden geschlossen; und zum Zeichen dieses Friedensschlusses, gewissermaßen als äußerliche Friedensurkunde, ist chr bisheriger Präsident, Gchekmrat Goldberger, gegangen und an seine Stelle Justizrat Timendorfer getreten, der in seiner Eigenschaft als Vizepräsident des Hilfsvereins diese beiden großen Wohlfahrtsorganisationen in Personalunion verbindet; und überdies hat sie auch einige Zionisten in den Vorstand berufen, sodaß man ihrem ehrlichen Willen, mit allen Organisationen in Frieden zu leben, wohl trauen darf.*) Hat sie so nach außen Frieden geschlossen und gewahrt, so hat sie dagegen einen Kampf nach innen ausgenommen, und diesmal mit gutem Grund und heiligem Rechte. Zwischen der Pariser und Berliner Leitung sind Streitigkeiten ausgebrochen, die den Pariser Herren wohl unangenehm sein mögen, die aber für die gesamte Jüdenheit notwendig und bedeutungsvoll sind. Der Streit dreht sich um die Summe der abzuführenden Gelder, von denen die Konferenzgemeinschaft einen Teil zur eigenen Verfiigung behalten will. Was aber dem Streite seine Bedeutung verleiht, das ist die Tatsache, daß die deutschen Alliancemitglieder mit der Tätigkeit der Pariser Zentrale nicht mehr einverstanden sind, well, nun weil sie eben noch Juden sind, denen das Judentum am Herzen liegt, und die sich deshalb unmöglich mit der Taktik eines Rei- *) S. hierzu unser Jnterwiew mit Justizrat Timendorfer in Nr. 32 dieser Zeitung: nach, die auf die Vernichtung des Judentunls und Auflösung des jüdischen Volkes hinausgeht, zufrieden geben können. So bedeutet der Streit ein gutes Zeugnis für das jüdische Gefühl der Leiter der Konferenzgemeinschaft, ein Gefühl, in den: ihnen alle Mitglieder derselben beipflichten werden, wenn sie nur über den Streit unterrichtet sind. Dies ist bisher leider nicht geschehen. Wir können an dieser Stelle nicht genauer auf die ganze Angelegenheit eingehen, werden aber noch auf sie näher zurückkommen. Was wir aber schon hier aussprechen wollen, das ist die Hoffnung, daßdie Konferenzgemeinschaft in ihremStreite sich nicht den Forderungen der Pariser Assimilanten unterwerfen, sondernvon ihrem Standpunkt nicht um ein Iota abweichen wird. Und wenn Paris nicht nach gibt, nun, dann bleibtnoch immer ein Mittel übrig, das nach unserer Ansicht das beste wäre; wir meinen: dieTreunungvonParis. Wasderöster- -:eichischen und englischen Judenheit gelungen ist, wird hoffentllich auch die deutsche fertig bringen. Und nun von der Organisation, die in sich die Einheit der Judenheft verkörpern wollte und leider sich zur Zerftörerin seiner Einheit ausgebildet hat, zu der mrderen, die eine Einigung dersetoen anstrebt; wir meinen die ,,Histadrus iwris, Organisation für hebräische Sprache und Kultur". Diese, von den besten Köpfen des modernen Judentums gegründet, hat bereits eine eifrige Tätigkeit ausgenommen, die vor allem in der Gründung von Ortsgruppen (bisher über 100) und Errichtung von hebräischen Kurse:: besteht. Sie hat in allen Ländern Landcskomitees errichtet, denen u. a. in Deutschland Prof. Mittwoch, in Rumänien Rabbiner Dr. Niemerower und Rabbiner Dr. Nacht, in Palästina David Jelljn vorstehen. Auf die große Bedeutung dieser Organisation cinzugehen, bedarf eines besonderen Aufsatzes; jedenfalls ist zu wünschen, daß diese Organisation, deren wichtigstes und vorläusig einziges Ziel in der Wiederbelebung und Verbreitung unserer nationalen Sprache besteht — das übrige hat der im nächsten Sommer stattsindende Kongreß festzusetzen —, von allen Richtungen und Parteien der Judenheit eifrigst unterstützt werden wird. Im Zeichen einer günstigen Entwicklung stand auch das innere Leben der Judenheit Oesterreichs. Hier besteht die Hauptaufgabe darin, die Juden — sowohl die östlichen als auch die westlichen — zu guten, modernen Juden zu erziehen, wobei im östlichen Teil das Hauptgewicht auf das „Moderne", im westlichen auf das „Jüdische" zu legen ist. Durch Errichtung von Chedorim und Bildungsanstalten haben die nationalen Juden nach dieser Richtung hin gearbeitet und auch günstige Erfolge erzielt. Diese Erfolge wären jedoch noch größer und nachhaltiger gewesen, hätten sich bereits alle nationalen Führer der österreichischen Judenheft zu guten Juden erzogen. Gerade in Oesterreich, dem Land der Nationalitätenkämpfe pur excellence, haben wir dienicht seltene Erscheinung, daß Juden sich national gebärden und auch betätigen, ohne das Judentum zu kennen und — was die Hauptsache ist — es kennen lernen zu wollen. Wir haben schon voriges Jahr auf diesen ungesunden Zustand hingewiesen, indem wir den Reichsratsabgeordneten Mahler als Beispiel wählten, der inzwischen seine Rolle als Vorkämpfer unjüdischer Anschauungen und Ideen noch durch die Uebersetzung des „Orpheus" von S. Reinach*) ruhmreich fortgesetzt hat. Der politischen Tätigkeft des österreichischen Nationaljuden ist dagegen im großen und ganzen nur Lob und Anerkennung zu spenden; gerade, well der „Jüdische Klub" so vielen zum Teft häßlichen und unlauteren Angriffen ausgesetzt war, erachten wir es als Pflicht, ihnen diese Anerkennung nicht vorzuenthalten. Bei Fortsetzung und Verstärkung dieser nationalen Arbeit ist zu hoffen, daß die national-jüdischen Parteien bei den nächsten Reichsratswahlen die Zahl ihrer Abgeordneten verdoppeln, ja verdreifachen werden. Gleichfalls in aufstrebender Entwicklung ist die Judenheit der Türkei, begriffen. Mit dem neuen konstitutionellen Leben hat auch ein neuer Geist die türkische Judenheft ergriffen, die aus einem jahrhundertelangen Schlafe erwacht ist. Natürlich geht dieses Erwachen nicht plötzlich vor sich; sie ist noch ein wenig verschlafen, und so herrscht noch teilweise Lioße Verwirrung und Desorientierung. Soweit die Schuld an dieser Verwirrung nicht dem plötzlichen Erwachen zuzuschreiben ist, fällt fiet nicht so sehr auf die Massen als auf die Führer. Vor allem der erwählte Führer, der Chacham-Baschi, ist für viele Fehler und Mißgriffe verantworftich zu machen. Man wftd ihn zwar nicht der Energie- und Tatlosigkeü anklagen dürfen, dafür aber der Ziellosigkeit in seinem Handeln. Der Grund hierfür ist in seiner Unentschlossenheft und seinem Mangel an Mut und Offenheit zu suchen. Als Vertrauensmann der „Alliance" erwähft, kann er sich der starken nationalen Strömung innerhalb der türkischen Judenheft doch nicht verschließen, und so schwankt er hin und her, bald hier und bald dort, treibt Polftik nach beiden Seiten, und vor lauter Politik kommt er zu keiner positiven, zjelbewnßten Arbeit. Und aus diesem Dilemma wird er sich nicht befreien können, bevor er nicht seinen festen Standpunkt gewählt hat, und daß dieser nur der der Nationaljuden sem kann, für so klug, dies einzusehen, halten wir Haim-Nahum; zumal, da auch der ungünstige Einfluß der Alliance bei der türkischen Regierung, die sich von Frankreich abzuwenden beginnt,, im Abnehmen begriffen ist. Auch den anderen Führern der türkischen Jstdenheit, vor allem den jüdischen *) Siehe unseren Artikel „Salomon Reinach, ein Typus" in Nr. 28 dieser Zeitung,