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Neue jüdische Presse · 1910-10-07 · Heft 39 (7.10.1910) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 39 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 39. Frankfurter Israelitisches FamÄienblaÜ. der Ido»Emigranten angehörten imb znm Landen in Gmveston nicht jugefaffcn wurden. Beim Ankonmren der Zurückgewiesenen waren Mr. Zangwill, Dr. Jochmmann und Mr. Josef Fels zugegen. Auf der dirrauffolgenden Sitzung des Londoner Komitees wurde der Beschluß gefaßt, den 27 durch die Zurückweisung stark geschädigten Auswanderern eine materielle Unterstützung zntell werden zu lassen, obwohl die ,Jto" an und für .sich natürlich keine Verantwortung, für die unberechenbaren Launen der amerikanischen Regierung übernehmen kann. Unter den 27 Leuten wurden ca 14000 Frcs. verteil^ wodurch sie auch eine hübsche Summe für die Neueinrichtung in Rußland zurückbehalten konnten. Die Freude und die Dankbarkeit dieser Leute war auch unendlich und äußerte sich in begeisterten Ovationen, die Dr. Jochelmann zuteil wurden." Wer die Jto zu beobachten Gelegenheit hatte, wird wissen, wie sehr die Herrn von „Galveston" von ihrem Hilfswerk schwärmten. Daß sie mit diesem Unternehmen kläglichen Schifsbruch gelitten, wittde ja an und für sich nicht so sehr ins Gewicht fallen als 'der Umstand, daß die Jtoisten gar keinen anderen AuÄveg fanden, als die aus Rußland geflohenen —, wieder nach Rußland zu importieren. Wir wollen dahin gestellt sein lassen, ob die von der Jto mit dieser Lösung Beglückten wirklich so freudig bewegt waren, jedenfalls hätte es die Jto billiger gehabt, ihre Opfer gleich zu beschenken. Wir müssen aber die jüdischen Zeitungen auffvrdern, von diesen Tatsachen Kenntnis zu nehmen. Diese Emigrationspolitik der Jto. spricht Bände. DaS Berantwortlichkeitsgefühl, mit dem die Herren mit armen Juden umgehen, scheint so wenig ausgeprägt zu sein wie die Begabung für jüdische Volkspolitik. Wenn auch nicht bas'Gefolge Zangwills, so doch die jüdische Oeffenllichkeit dürste durch dieses Schildbürgerstückchen hinreichend aufgeklärt werden. Lapieoti sat! Dr. Felix T heilhaber. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Berlin. Ihre» 80. Geburtstag feierte am 26. Sept. die in weiten Kreisen bekannte Phllanthropin Johanna Levy in ihrem Heim, Winklerstraße 4, in Grunewald. Die Jubilarin wirkt als Vorstands- oder Ehrendame in zahlreichen WoWatigkeitsvereinen und empfing während des ganzen Tages Deputationen dieser Vereine. Sv graüllierten u. a. der Berliner Verein für Ferienkolonien, das Mädchenhaus Pankow, der Verband brandenburgischer Hellstätten, die jüdischen Altersversorgungsanstalten und das jüdische Mädchen- und Altenheim. Crailsheim. Mit dem im 84. Lebensjahre verschiedenen Privatier M. R v s e n f e l d ist ein Mann dahingegangen, der früher im kommunalen Leben unsrer Stadt eine führende Stellung eingenommen hat. So war er Obmann des Bürgerausschusses und Vorsitzender des Aufsichtsrats des Gaswerks. Karlsruhe. Außer den ber-its gemeldeten Auszeichnungen an Juden gelegenllich der Jubelfeier veS Großherzogspaares verzeichnen wir noch: Geh. Hofrat Dr. R o sin -Freiburg (Ritterkreuz), Oberlandesgerichtsrat Dr. Fürst, OberlandeSgerichtsrat Dr. Maas, Kvmmerzienr. H e r r - man »-Karlsruhe (Ritterkreuz 1. Klasse mst Eichenlaub), Landgerichtsrat Dr. Aberle, Rechtsanwalt Dr. Robert Katz-Mannheim, Fiskalanwalt Dr. Rudolf F ü rst - Heidelberg, Rechtsanwalt Ernst Fuchs, Rechtsanwalt Tr. Arnold Seeligmänn (Ritterkreuz 1. Klasse), Julius Mayer- Baden, Israel Aberle, Wilhelm Nauen- Mannheim (Ritterkreuz 2. Klasse), Isaak Lang- Altdorf, Heinrich Weil-Emmendingen, Meier Dreifuß-Nonnenweier (Berdienstkreuz vom Zähringer Löwen), Gymnasialst rvfessor Dr. Robert Gold schm idt-Karlsruhe (Ritterkreuz 1. Klasse mit Eichenlaub vom Orden vom Zähringer Löwen). Bankier Meier A Strauß-Karlsruhe (Ritterkreuz 1. Masse vom Orden vom Zähringer Löwen), Kantor Abraham Schlössinger-Billigheim und Gemeinderat Leopold Sinsheimer^leineichvlSheim (silberne Verdienstmedaille). München. Chefingenieur Heinrich Goldberg, Sohn des Kantors Gollrberg in Chemnitz, erhielt den türkischen Osmanie-Orden 4. Klasse. Oberlandesgerichtsrat Julius Ulrich.Bamberg NnuLe zum Rat am obersten Land geeicht in München befördert. Mülhausen t. Elf. Nach kurzem Krankenlager verschied im 73 Lebensjahre Salomon Ruefs. der Leiter des hiesigen Synagogenchores. (L.) Pose«. In Krotoschtn wurde Kaufmann Julius Daniel und in Lissa Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Wolfs in den Kreistag gewählt. Wie«. Ein Alter von 112 Jahren hat Frau Katharina Lustig, eine arme jüdische Frau, die vorgestern im israelit. Versorgungs- Hause starb, erreicht. Don ihren Geschwistern wurde ein Bruder 91 und eine Schwester 90 Jahre alt. Als Erben des vor IVs Jahren in New Uork verstorbenen „Bierkönig" Alfred Loudsdale (alias Isaak Glotzenstein) wurde» dessen Bruder Josef in Kalisch und dessen Schwester CUli, die Frau des Hausierers Josef Neumann in Prag, sowie zlvei Neffen namens Bielek in Kalisch eruiert. Londsale hinterließ ein Vermögen von 36 Mill. Dollar. Loudsdale wurde als 15 jähriger Junge von seiner eigenen Famllie —* was er ihr nie vergessen hat — der Assentierungskommission aus geliefert, nur auf diese Weise die ältereu Söhne der Familie vor dem Militärdienst zu retten. Nachdem er sich hatte taufen lassen, wurde er Unterofiizier und erhielt einen 14 tägigen Urlaub, den er dazu benutzte, nach London zu desertieren. Wien. Reichsratsabg. Dr. Nathan Löwenstein, einer' der Wortführer der polnischen Assimttationsjnden, ist in den Adels st and erhoben worden. Wien. In der Hofoster erntete des e l fjährigen Erich Korngold's Pantomime „Der Schneemann" lebhaften Beifall. Budapest. Desiderius »anitz, Generaldirektor der Agrarsparkasse und Präsident der israelü. Gemeinde in Eger (Ungarn), wurde in den Adelsstand erhoben. Brünn. Am 20. d. M. ist in Groß-Kanisza Frau Anna' Kapper, Witwe des bekannten Uebersetzers Und Dichters Siegftied Kapper, eine Schwester Moritz Hartmanns, im 76. Lebensjahre gestorben. Prag. An dem Bankier Kisch, Bruder des Universttätsprofessors Dr. Kisch und des Rabbiners Tr. Alexander Kisch, wurrde in seinem Büro Raubmord verübt. Odessa. Fräulein Kostlanikowa, de Nichte des Kriegsministcrs Sachomlinoff, hat nach ihren, Uebertritt znm Judentum den hiesigen jüd. Millionär Leon Brodsky geheiratet. Ans der zionistische» Bewegnng. Hamburg. In der am 29. September abge« abgehaltenen und von 97 Mitgliedern besuchten Generalversammlung der Zion. Ortsgruppe Hamburg-Altona wurde nach Erstattung des Jahres- und des Kassenberichts Vorstand und Schatzmeister Entlastung erteilt. Die Ortsgruppe hat im letzten Jahr laut den Ausweisen in der Jüd. Rundschau und ohne die unmittelbar an den Nationalfonds abgeführten Spenden die gewiß achtbare Summe von 9634 J& \üx die Organisation aufgebracht, eine Summe, die die von Nicht-Hamburgern während der Kongreßtage gegebenen Spenden nicht enthält. Die vom Vorstand beantragte Erhöhung des Jahresbeitrags auf 10 Mark (einschl. Schekel, Landesbeittag und Lieferung der JiÜ>. Rundschau) wurde mit großer Mehrhett angenommen. Ein Anttag mehrer Mitglieder betteffend Abänderung des § 5 der Satzungen (Vergrößerung des Vorstands und Fortfall der Kommissionen) grte unter Ablehnung der auf Erweiterung des cstands gerichteten Tendenz zu einer Ueuregelung der Kommissionen, die aus.je drei Mitgliedern bestehend, 1. Palästina-, 2. die Propaganda-, 3. die Nationalsonds - Angelegenheiten bearbeiten sollen. Dadurch, daß die Kommissionen in internen Ortsgruppenversammlungen womöglich alle zwei Monate einmal den Mitgliedern Bericht über ihre Tätigkeit erstatten, soll das Interesse an den wichtigsten zion. Angelegenheiten vertieft und erwellert werden. Znm lebhaftesten Bedauern der Versammlung erllärte der Vorsitzende Dr. Kalmus, der die Geschicke der Ortsgruppe durch viele Jahre hindurch geleitet hatte, daß er aus persönlichen Gründen nicht mehr in der Lage sei, eine Wiederwahl anznnehmen. Obgleich die Anwesenden ihm eine lebhafte Ovation bereiteten, die allen vom Herzen kam, beharrte Herr Dr. Kalmus bei seiner Weigerung. Die Neuwahl ergab dann: Vorsitz: Rechtsanwalt Bernhard David, weitere Mitglieder des Vorstands: Dr. Chwolles, Estermann, Dr. Halpern, Frau Huldschiner, Dr. Huldschiner, Dr. Kalmus, Leopold Landau, Dr. Victor. In die Propaganda-Kommission wurden gewählt: Abraham, Dr. Besser und Dr. Nathan, in die Nationalfonds- Kommission: Res. Gottschalck, Heinrich Mayer, Martin Salinger, in die Palästina-Kommisston: Neumann, Dr. Tannenwald, Dr. Weigert. Köln. Dr. Jacob Klatzkin ist von der Redaktion der „Welt" zurückgetreten, um sich wichttgen literarischen Arbeiten zu widmen. Ans der Lehrerwelt. Köln. Anläßlich der Einweihung des neuen israelit. Waisenhauses erhielt Rabb. Dr. Frank den Kronenvrden 3. Klasse. Stuttgart. Eine weitere Kreise intercsstcrende Gerichtsentscheidung über die Frage des Reliionsnnterrichts an höheren Schulen ringt die „Deutsche Juristenzeitnng." Der Entscheidung liegt folgender Tatbestand zu Grunde: Im Jahre 1907 ist für die der israelitischen Kirche angehörigen, im volksschulpflichtigen Alter stehenden Schüler der höheren Lehranstalten Württembergs der daselbst eingerichtete israelitische Religionsunterricht znm Pflichtfach erklärt worden. Wegen beharrlicher Weigerung, an diesem Unterricht teilznnehmen, wurde ein Schüler mit dem Ausschluß aus der Anstalt bedroht. Der Vater des Schülers legte dagegen Beschwerde beim Württembergischen Verwaltungsgcrichtshvf ein. Dieser Gerichtshof verwarf aber aus folgenden Gründen seine Beschwerde: Die in Frage stehenden Lehranstalten gehören zu den öffentlichen Anstalten. Philadelphia. Es sind levhaste Bemühungen im Gange, Rabbiner B. L. Levinthal, der an die ,F)heb Schalom" - Gemeinde in Chicago berufen wurde, hier zu fesseln. Rabb. Levintyal wurde 1865 iu Kowno (Rußland) geboren und empfing sein Rabbinatsdiplom von den Gaonim Jsaac Elchanan Dpektor s. A. und Samuel Mohilever s. A. Rabb. Levinthal ist Ehrenpräsident der Vereinigung der orth. Rabbiner Amerikas und Kanadas. Ans de« Vereinen. Frankfurt a. M. Vcrigen' Donnerstag, den 29. September abends fand die konstituierende Versammlung der „I w r i a h", Ortsgruppe d e r cltorganisation für hebräische Sprache und Kultur" statt. S. H. G o l d m a n n eröffnete in einer hebräischen Ansprache die Versammlung namens des Berliner Zentralkomitees der Organisation, in der er die Ziele und Aufgaben des Vereines (in erster Linie Errichtung von hebräischen Kursen) darlegte. S. Geis sprach sodann über die allgemeinen Aufgaben der „Histadrus", speziell über ihre Bedeutung für die westeuropäische Judenheit. Es sprach alsdann hebräisch der bekannte hebräische Schriftsteller S. P. R a b b i n o w itz, der besonders die Jugend aufforderte, tatkräfttgst den Verein zu unterstützen. N. Goldmann hielt darauf das Referat über die Bedeutung der hebräischen Sprache für das jüdische Volk. — In der daran sich anschließenden Diskussion sprachen die Herren Selka, Rabbinowitz. Geis und L a p p s e. Mit der Mahl eines uns 9 Herren bestehenden vorbereitenden Komitees schloß die günstig verlaufene Versammlung, die als der Beginn einer ebenso notwendigen wie segensreichen Tätigkeit für hie Verbreitung der Kenntnis unserer nationalen Sprache und Literatur unter der hiesigen Judenheit anzusehen ist. Bisher sind dem Verein 60 Mitglieder beigetteten. Londoner Chronik. Die Ausgrabung«« iu Babylon. F. Simpich, der Konsul der Vereinigten Staaten in Bagdad, schreibt über die deutschen Ausgrabungen in Babylon: „Diese mächtigen Ruinen, diese gewaltigen Räume, diese großen Pfeiler und Hallen rufen die längst versunkene Welt wieder ins Leben, von der wir als Kinder mit frommem Staunen in der Bibel lasen. Die Ausdehnung des alten Babylon ist ganz erstaunlich. Meilenweit ersttecken sich die Ruinen längs des Euphrats, der sich durch die arabische Wüste windet, jetzt ein Wüste, aber einst das fruchtbarste Land der Welt. Beim Wandern durch die Trümmer stößt man plötzlich auf den wohlerhaltenen Schädel eines Bürgers des alten Babylons, der vor etwa 6000 Jahren hier starb. Tausende von Ueberresten dieser wundervollen Kultur sind von den Deutschen ausgegraben worden. Schüsseln, Alabasterschalcn mit Inschriften, Marmorfiguren von Menschen und Tieren, Steinfignren von Göttern und Göttinnen, Tausende von -Täfelchen, die Keilinschriften enthalten, und — wie eine Zeitung in Ton — einen täglichen Bericht von den Geschäften und Arbeiten der fleißigen Babylonier geben. Ein Steinlöwe von ungeheuren Proportionen ist ausgegraben worden. Und noch steht er.zwischen den Mauern des Nebukadnezar-Palastes als ein Monument aus llrväterzeiten. Neben des Löwen Körper sieht man die hingestreckte Gestalt eines Mannes, den der Löwe eben zerfleischen zu wollen scheint. Wundervoll ist das Tier aus dem Riesenblock von schwärzlichem Stein, wahrscheinlich Dolerit, herausgemeißelt. Das Hauptornament an den Mauern und Wänden ist .das Zauberbild eines seltsamen Drachen, der Fischschuppen und die Vordersüße eines Löwen hat, während die Hinterfüße die eines Adlers sind. Ein Pferdekopf sitzt auf einem Tigerkörper. An manchen Stellen sind die Wände vorzüglich erhalten, noch so stark und solide, wie an dem Tag, da der letzte babylonische Arbeiter sein Werk vollendete. Beim Mauern ist kein Mörtel verwandt, sondern Erdpech oder Asphalt, der sich noch jetzt häufig und reichlich am Euphrat findet.

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