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Neue jüdische Presse · 1910-10-07 · Heft 39 (7.10.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 39 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mage M llr. Z9 des Imnftfnrtet ZsmckWm IftmitiewBtottes. Offenes Schreiben an Herr« Rabbiner Dr. Raphael Breuer in Aschaffenbnrg Von Rabbiner Dr. Sigmund Jampel in Schwedt a. O. (Fortsetzung.) Meiner ' versuchten Lösung des vielbesprochenen Rätsels voit oeni absoluten Fehlen jedes religiösen Momentes im Estherbuche, welche Sie, trotz ihrer vielfachen Begründung im Talmud und Midrasch, verdammt und verketzert haben, stellten Sie eine andere Erklärung gegenüber, welche in dem Gedanken gipfelt, daß man „gerade weil es so nahe gelegen hätte, in jeder einzclneir Etappe der Purimgeschichte das Walten der göttlichen Vorsehung aufzuzeigen, von Gott schweigt," und meine diesbezügliche Entgegnung (Israelit Nr. 14), daß es mir ganz unbegreiflich ist, wieso gerade das völlige Ignorieren und peinliche Ausschalten Gottes der beredtste Hymnus auf Gottes Allmacht sein soll, geben Sie (ibid Nr. 27) in einer sinnentstellenden Form wieder, als hätte ich gegen Ihre Deduktion gar nichts mehr vorgebracht als die Worte „ich begreife es nicht, weil ich es nicht begreifen kann" und auf diese wahrheitswidrigeWiedergabe hin leisten Sie sich einen journalistischen Trick in der höhnischen Bemerkung, daß Sie „meine Unfähigkeit zu begreifen wohl gelten lassen wollen". Ich habe eben die Lauterkeit Ihres Kampfes überschätzt, sonst würde ich, um Ihrer Meinkunst einen Riegel vorzuschieben, mich deutlicher ausgedrückt und gesagt haben, daß nicht nur ich, sondern daß keinMensch mitnormalen Sinnen es begreifen kann, wieso mangeradedurch eine Erzählungsweise, die lediglich das launische Geschick und den blinden Zufall walten läßt, Gottes Fügung erkennen lassen will. Wäre denn ein wirklicher Gottesleugner imstande, diese Episode mit mehr „realer Nüchternheit" zu schildern, als es unser Verfasser getan hat? Daß der Finger Gottes in unserer Esthergeschichte trotzdem überall bemerkbar ist, das liegt im Charakter dieses Ereignisses, in dem die göttlichen Eingriffe dermaßen konkret waren, daß sie nicht dank, sondern trotz der Bemühung des Verfassers, dieselben zu verdecken, dennoch immer wieder zum Vorschein kommen, ivie ja auch in der Geschichte eines Alexander des Großen, oder eines Napoleons u. d. g. m. die deutlichen Spuren der göttlichen Vorsehung, gegen die Absicht ihrer materialistischen Darsteller, von jedem Menschen leicht gefunden werden. Eine größere Paradoxie hätten Sie wahrlich nicht behaupten können als diese, daß man, gerade um die göttliche Einwirkung möglichst scharf zu markieren, eine Geschichte so abgefaßt habe, daß viele Große unseres Mittelalters den gottlosen Charakter dieser Darstellung nur durch die Annahme eines heidnischen Originals dieses Buches sich erklären zu können glaubten. Die Behauptung, man habe etwas verschwiegen, um es umso lauter zu offenbaren, ist ebenso absurd, wie die, daß man etwas umso lauter hinausschreit, je mehr man es verschweigen möchte. Da nun das Ausmerzen jedes religiösen Gedankens in unserem Buche kein zufälliges, sondern ein wohlberechnetes und durchdachtes ist, so kann bei den heiligen Verfassern der Megillah nur das von mir geltend gemachte Motiv wirksam gewesen sein; denn ein normaler Mensch wird niemals etwas verschweigen, gerade weil er eS offenbaren möchte; wohl aber wird er, wenn höhere Prinzipien dies fordern, etwas unterdrücken, obgleich er es offenbaren möchte. Wäre selbst ein solch verwegenes Versteckenspiel, wie Sie es unserem Verfasser zutrauen, denkbar, dann sollte es doch am ehesten dort zu erwarten sein, wo der Finger Gottes am sichtbarsten ist, nicht aber in Episoden wie Esther, wo die Gefahr obwaltet, daß die im Hintergründe wirkende Hand Gottes von manchem doch unbemerkt bleibt. Dagegen fragen Sic (Israelit Nr. 27) mit höhnischem Lächeln, „woher ich denn zur Beurteilung des Grades, in welchem sich die göttliche Leitung in den einzelnen Vorkommnissen der biblischen Geschichte offenbart, den erforderlichen Maßstab beziehe?" Nun, verehrter Herr Doktor, ich will Ihnen meine Bezugsquellen verraten! Erstens ist es die gesunde menschliche Vernunft, welche jedem sagt, daß der Gottesfinger in den Ereignissen, wie z. B. bei der Befreiung Israels aus Aegypten, viel greifbarer ist, als in der im Nahinen des Naturgesetzes sich abgespielt habenoen Esthergeschichte. Und zweitens sind es sämtliche großen Lehrer, die Israel je gehabt hat, welche die Unterscheidungsmerkmale zwischen diesen Graden der Sichtbarkeit göttlicher Spuren stets hervorhebcn und ganz besonders unser Estherereignis als das „versteckte Wmider" bezeichnen. Im Schatten dieser Männer darf ich mich wohl, hoffentlich auch nach Ihrer Meinung, vor den Pfeilen Ihres Spottes geschützt fühlen. Daß gerade Sie, der Sie sich so gerne als der Anwalt unser Religion aufspielen, dort, wo es Ihnen gilt, den Leser durch einige überlegene verhöhnende Witze zu imponieren, auch nicht vor unfern größten Geistesführern der talmudischcn Zeit Halt machen, haben wir bis jetzt' schon mehrfach gesehen. Muß man sich da nicht erstaunt fragen, wo Sie denn eigentlich Ihre Sinne hatten, wenn Sie mit. überlegenem Lächeln von „meiner beneidenswerten Höhe der Anschauung" sprechen, auf welcher ich erkannt habe, daß der Gottesfinger sich in den zehn Plagen Aegyptens mehr als in der Esthergeschichte bemerkbar machte? Damit Ihnen aber „mein mystischer Grund, warum der Ruach-hakodesch in einem Buche mit profaner Form verweilt, verständlich würde," könnte Ihnen das „Versetztwerden auf meine beneidenswerte Höhe" gar nichts nützen, solange Sie dem Gebote: nicht über Sachen zu schreiben, über welche man keine Klarheit besitzt — schnurstracks zuwiderhandeln. Wären Ihnen die zahlreichen mühevollen Untersuchungen unserer größten Geistesfürsten des Mittelalters über das Ruach-hakodesch-Problem auch nur einigermaßen bekannt gewesen, wie durften Sie da eine Polemik über jenes schwere Problem anschneiden, ohne auf jene große Literatur irgendwie Bezug zu nehmen? Aus der oben nachgewiesenen Verschrobenheit Ihrer Argumentation ergibt sich auch die Hinfälligkeit Ihres Hinweises auf Goethes Faust, der für unsere Frage absolut nicht in Betracht kommen kann. Der Zweck dieses berühmten Kunstwerkes liegt in seinem Inhalte und in seiner dramatischen Kombination. Dje Verssorm-Frage ist rein literarhistorischer Natur und beeinträchtigt jenen Zweck keinesfalls. Beim Estherbuche dagegen soll der Verfasser, — nach Ihrer Behauptung — gerade zum Zwecke der Verkündigung der Allmacht Gottes eine Darstellungsform gewählt haben, hinter welcher wir, wenn die Ueberlieferung uns nicht daran hinderte, einen Gottesleugner vermuten würden, wie ja auch viele unserer Großen heidnische Motive hinter dieser Erzählungsform suchen zu müssen glaubten. Wollten Sie hierfür eine Parallele bei Goethe finden, dann müßten Sie schon Nachweisen können, daß jenes Genie sich in irgend einem kleinen wässerigen Kinder-Kouplet in seiner ganzen Gewalt entfaltet habe. (Fortsetzung folgt.) Schopenhauer über die Mische Ration. Aus Anlaß der Wiederkehr des 50. Todestages Schopenhauers wurde in den Tageszeitungen und jüdischen Zeitschriften seiner gedacht. Das Andenken Schopenhauers aufzufrischen haben wir Juden keine Veranlassung, immerhin ist nicht ohne Interesse, nie dieser große Denker über die Judenfrage dachte.' Daß Schopenhauer auf die Juden tüchtig schimpfte, ist bekannt. Man darf dies aber nicht zu ernst nehmen, da er so ziemlich über alles rchonierte; nannte er doch den größten Teil der Menschen, nämlich sämtliche weibliche Wesen» minderwertig. Ob dies, wie seine Anhänger behaupten, die Schuld der Frauen war, die er kennen lernte, interessiert uns nicht. Seiner Abneigung gegen die Juden scheint jedoch keine persönliche Verstimmung zu Grunde zu liegen, denn bekanntlich waren einige jüdische Gelehrte seine besten Freunde. Diese scheinen allerdings dem Judentum ziemlich fremd gegenüber gestanden zu haben, denn Schopenhauer, war über die jüdischen Institutionen mangelhaft unterrichtet. So schrieb er u. a., daß getaufte Juden ohne weiteres zu Minjan gezählt werden dürften. Besonders zeitgemäß ist die Ansicht, die Schopenhauer über die „Jüdische Nation" hatte. Er schrieb darüber wörtlich in dem Abschnitt über Rechtslehre und Politik: „Demnach ist es eine höchst oberflächliche und falsche Ansicht, wenn man die Juden bloß als Religions-Sekte betrachtet; wenn aber gar, um diesen Irrtum zu begünstigen, das Judentum mit einem der christlichen Kirche entlehnten Ausdruck bezeichnet wird als „jüdische Konfession", so ist dies ein grundfalscher, aus das Jrreleiten absichtlich berechneter Ausdruck, der gar nicht gestattet sein soNte, vielmehr ist jüdische Nation" das Richtige. Die Juden häben gar keine Konfession; der Monotheismus gehört zu ihrer Nationalität und Staatsversassung und versteht sich bei ihnen von selbst." Diese Auffassung veranlaßt Schopenhauer, weiter solgendes zu schreiben: „Daß die Juden mit anderen gleiche bürgerliche Rechte genießen, heischt die Gerechtigkeit, aber ihnen Anteil am Staat einzuräumen ist absurd; sie sind und bleiben ein fremdes, orientalisches Volk, müssen daher stets nur als ansässige Fremde gelten. Als vor ungefähr 25 Jahren im englischen Parlament über die Juden-Emanzipation debattiert wurde, stellte ein Redner folgenden hypothetischen Fall auf: „Ein englischer Jude kommt nach Lissabon, woselbst er zwei Männer in äußerster Not und Bedrängnis antrifft, jedoch so, daß es in sein« Macht gegeben ist, einen von ihnen zu retten. Persönlich sind ihm beide fremd. Jedoch ist der eine ein Engländer, aber ein Christ und der andere ein Portugiese, aber ein Jude. Wen wird er retten? Ich glaube, daß kein einsichtiger Christ und kein aufrichtiger Jude über die Antwort im Zweifel sein wird. Sie gibt aber den Maßstab für die den Juden einzuräumenden Rechte." Wäre Schopenhauer der Sache objektiv gegenüber, gestanden, so hätte er sicherlich diese Beweisführung unbarmherzig zerpflückt. Daß Mitglieder einer Nation sich nicht stets in Liebe gegenseitig zugetan sind, ist bekannt; sagte doch kürzlich ein deutscher Minister, daß die Parteien sich am liebsten Raubtieren gleich gegenseitig zerfleischen möchten. Bei einer Lebensrettung ist wohl selten die Zugehörigkeit zu der gleichen Nation das ausschlagbende Motiv. Angenommen sämtliche Juden würden für einander empfinden, wie die Mitglieder einer großen Familie, was übrigens leider nicht der Fall ist; und der englische Jude hätte tatsächlich den Portugiesen und nicht den Engländer gerettet, so wäre dadurch die Existenz oder auch nur die Ehre des englischen Staates nicht im geringsten gefährdet gewesen. Aus weniger edlen Motiven hätte wohl ein nichtjüdischer Engländer im gleichen Falle ebenso gehandelt, nämlich, wenn der Portugiese sein Kunde und der Engländer sein Konkurrent gewesen wäre. Daß die Juden an Vaterlandsliebe den anderen nicht nachstehen, mußte auch Schopenhauer durch die Beteiligung der Juden an den Freiheits-Kriegen bekannt sein. Man sollte glauben, daß Schopenhauer nun zum Resultat käme, daß es am besten für die Juden wäre, wenn sie ihren eigenen Staat gründen, würden. Dem ist aber nicht so. An anderer Stelle hetzt er die anderen Völker geradezu gegen eine jüdische Staats-Gründung auf und rät mit einer eventuellen Tempel-Zerstörung ja nicht zu warten, bis ein Nebukadnezar käme. Das darf einen bei Schopenhauer nicht wundern, da Konsequenz nicht immer seine starke Seite war; .handelte er doch selbst oft seinem System entgegengesetzt. L- L. Bo» -er Jto. Der Zeitschrift „Jto", dem offiziellen Organ der Territoriälisten entnehme ich nachfolgende Notiz: ,^8remen. Am 13. d. M. langten hier 27 jüdische Emigranten an, welche der 41. Partie

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