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Neue jüdische Presse · 1910-10-07 · Heft 39 (7.10.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 39 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr 39 fier jüdische Fried ho f vollständig zerstört wurde. Alle Gräber wurden aufgerissen und fast sämtliche Grabsteine — nur zwei blieben stehen — umgestürzt und in Trümmer geschlagen. Es wird ein Racheakt vermutet. Der Grund zu dieser scheinbar unglaublichen Vermutung ist Lurch einen Konflikt - gegeben, der in. den Tagen des Schulbeginns zwischen den Juden und der überwiegenden slaviichen Bevölkerung ausgcbrochen ist. -Die Tschechen und Polen hatten nämlich in den letzten Jahren in Orlau Mehrere nationale Bildungsanstalten errichtet und verlangten nun von den jüdischen Kaufleuten, die in wirtschaftlicher Buchung vvn ihnen abhängig sind, die Unterstützung dieser Schulen. Ms aber die jüdischen Bürger abermals ihre Kinder in die deutschen Schmen einschreiben ließen, deren Erhaltung sie fast ausschließlich besorgen, trotzdem sie die Anstellung jüdischer Lehrer von der dortigen Ortsgruppe des Deutschen Schulvereines" nicht erwirken konnten, da sollen von feiten der erbitterten Slaven einige Drohungen gefallen sein, die man jetzt mit der Zerstörung des jüdischen Friedhofes in Zusammenhang bringen kann. Wir wollen zwar nicht hoffen, daß sich diese Vermutung bewahrheitet und daß die Slaven zur Wahrung ihrer kulturellen Ansprüche in den zweifellos ihnen gehörigen Gebieten zu solchen, jedem Fortschritt und jeder Kultur hohnsprechenden Mitteln greifen, möchten aber trotzdem unseren Juden einschärsen, ihren Kindern vor altem eine bewußte jüdischnationale Erziehung angedeihen zu lassen und nicht in diesem Kampfe zwischen den drei Nationen eine so exponierte Stellung einzunehmen, um dem Unrecht immer zum Siege zu verhelfen. Bald könnte sonst der Tag kommen, da man sich nicht allein an ihren Toten vergreifen würde. . . . , "Jüd. Ztg." Wie«. Der geplante jüdische Emigrationskongreß iß verschoben wordeu. Er wird voraussichtlich erst in einem halben Jahr abgehalten werden. Este! «Bosnien). Moritz Stern-Derant Hai die Klage gegen Marko Petric in Sachen der Ritualmord beschuldigung zurückgezogen. Petric hatte die Gattin Sterns beschuldigt, sein Kind zu jüdisch-rituellen Zwecken abgeschlachtet zu haben. Stern ist von der Klage zurückgetreten, weil es zwischen ihm und Petric zu einem Vergleich gekommen ist, der darin besteht, daß letzterer in drei Zeitungen sein Bedauern über die Beschuldigung aussprechen und als Buße 500 Kr. dem dortigen Magistrat zuwenden muß, deren Zinsen an Arme ohne Unterschied der Konfession verteilt werden sollen. Rußland. Petersburg. Der vor kurzem in I e k a t erinoSlaw pattgefundene Kongreß des Set* bandeS für Bergbau, Metallindustrie und Maschinenbau hat in einer Resolution 'die judenfeindliche Politik der Zentralregierung aufs'schärfste verurteilt. Diese Politik sei ein starkes Hemmnis für die Entwicklung der Industrie. Der Kongreß beschloß, die zukünftigen Kongresse an solchen Orten abzuhaüen, wo den Vertretern der .verschiedenen Völker die Beteiligung möglich ist. — Der unbeschränkte Selbstherrscher Odessas. General Tolmatschew, verfügte dieser Tage die Schließung der städtischen Poliklinik, die 70 Jahre lang funktionierte und jährlich ca. 50 000 Patienten Hilfe erwies. Die weise Maßregel wurde dadurch begründet, daß sich unter den Vorstandsmitgliede.rn auch Iuden befänden, die die Minsk in eine Stätte staatsgefährlicher Propaganda verwandeln könnten. Der Vorstand legte gegen diese Verfügung Verwahrung ein, inbem er darauf hinwies, daß sich während der letzten acht Jahre im Vorstand nur ein Jude befunden hätte, daß ferner die Mitglieder besseren nie, auch nicht zur Zeit der revolutionären Stürme, Anlaß zu Beschwerden über ihr politischer Benehmen gegeben hätten. Diese Erklärung hatte indes keine Wirkung. Während der letzten Tage trat die Polizei mit ihren Ausweisungsedikten auch an die Handwerker heran. So wurde mehreren jüdischen Seifensiedern das Wohnrecht versagt, die 20—30 Jahre in Kiew seßhaft waren, darunter einem aus dem Grunde, weil die Fabrik, in .der er arbeitet, klein und der Steuerinspektion nicht unterworfen sei. Die Petersburger Polizei erklärte die von den Fabrikanten ohne Hinzuziehung der zuständigen Zunft ausge- Mlten Fachpatente für unzureichend, um das Aufenthcütsrecht zu erlangen. In solchen Fällen wird noch eine offizielle polizeiliche Bestätigung verlangt, daß der betreffende Handwerker in der bezüglichen Fabrik beschäftigt war. Bei der. famosen Wirtschaft der russischen Polizei ist eine solche MaßregÄ nur geeignet, einen Anlaß, mehr für die Erpreßungssucht der Tschinownils zu bieten. Kiew. Im hiesigen Gefängnis ist der jüdische Untersuchungsgefangene Schmaretschik, der eines Schienendiebtzahls verdächtigt war, aber beharrlich leugnete, zu Tode gepeitscht worden. Mit vier Nagaikas wurde der Wehrlose vom Oberaufseher und zwei Geheimagenten so lange bearbeitet, bis er seinen Geist ausgab. —> Wahrscheinlich werden diese Mvrdbuben für ihre,Heldentat bei ihren Vorgesetzten verständnisvolle Anerkennung finden und beföibert werden. Türkei. Konstantiuopel. Die nach der Demission des Großen Israelit. Rates eingesetzte Provisorische Kommission zurr interimistischen Beratung und Vorberreitung der Neuwahlen hat der Justizminister fürr ungesetzlich erklärt. — Rabbi Jakob Meir in Saloniki hat sich nunmehr entschlossen, das Amt des Oberrabbiners in Jerusalem anzunehmen. Amerika. New-Uork. Der Vorsitzende des Hilfsvereins der deutschen Inden, Dr. Paul Nathan, ist hier eingetroffen. Man darf wohl seine Reise mit der G a l v e st o n - angelegenheit in Verbindung bringen. — In derselben Frage hat auch eine Kinferenz zwischen Schiff und Karl Stettauer aus London stattgefunden. Stettauer ist inzwischen nach Philadelphia weitergereist. Er, deffeu Urteil gerecht ist! Von M. Pulvermann. (Sch'ub). Und wir ernährten uns schlicht und redlich, indem wir Pflanzen und Kräuter sammelten, die wir in der Apotheke und auch in Privathäusern als Heilmittel verkauften. Und der Gallech, der Dorfpfarrer, der fromm und still die Wege Gottes wandelte, kaufte uns sehr viel ab, weil er sehr mild und wohltätig gegen die Armen war, und er zahlte auch die besten Preise. Aber gerade um jene Zeit starb der «Kreis, und an seine Stelle kam ein junger Geistlicher, der aber ein Wolf im Schafspelz war und gar Arges und Böses in seinem Herzen .barg. Als Esther zum zweiten Male in seinem Hause war, kam sie mit flammenden Blicken und zorngeröteten Wangen zurück und sprach aufgeregt: „Mutter, der junge Gallech hat mich erinnert, daß ich ein erwachsenes Mädchen bin! — Ich werde nie mehr seine Schwelle betreten!" Seit damals trug ich die Pflanzen selbst in sein Haus, und mit geheuchelter Freundlichkeit erkundigte er sich nach meiner Tochter; ich mußte ebenso freundlich erwidern, obwohl ich wußte, daß sein Herz von schlechten Gelüsten und sündhaften Begierden erfüllt war. Er ging auch oft an unserem Häuschen vorüber und versuchte mit seinen Glutaugen in mein Stübchen zu spähen. Eines Tages kam er dreist über meine Schwelle, mit der listigen Frage, ob ich vielleicht sein Hündchen gesehen, das ihin seit einigen Tagen abhanden gekommen war. — Ich wußte ja, daß es 'nur eine unwahre Ausrede war, aber ich durfte mir nichts aumerkeu lassen. Zufällig kam Esther in diesem Augenblick nach Hause, und da hatte er noch die Verwegenheit, ein heiliges Bibelwort auf sich anzuwenden, indem er sprach: „Mir geht es gerade so wie einst dem König Saul aus eurem alten Testament: Er ging aus, einen Esel zu suchen und fand eine Kone, — und ich ging aus, um mach einem Hund zu forschen und fand —. eine Rose Sarons!" Aber in ihrem jugendliche» Zorn rief meine Tochter schnell: „Das Ding, das Sie gefunden, wünscht lieber ein Hund als eine Rose in Ihren Augen zu sein!" Er biß heftig seine Unterlippe, bis ein roter Blutstropfen sichtbar 'wurde. Dann sah er mein Kind unzüchtig an und sagte mit einem häßlichen Lächeln, das mich erzittern machte: „Auch die Rose Sarons scheint sDorncn zu haben; — aber nichtsdestoweniger ist sie doch des Pflückens wert, — oder die Dorne» werden mit einem scharfen Schnitt entfernt." So fuhr er noch lange fort, sich an jedes Wort zu klainmern, um für mein Kind neue Kränkungen zu schaffen. Und es war nicht das einzige Mal, daß er niit seiner Gegenwart die Luft in meinen vier Wänden verpestete. Er kain öfter, und ich durfte es nicht wagen, ihin den .Eingang zu wehren. Aber ich bat mein Kind, nicht wieder das Zimmer zu betreten, solange der böse Geist darin weilte. Aber, was konnten zwei schwache Frauen gegen einen hinterlistigen Menschen beginnen, der sich von den Ratschlägen Satans leiten ließ? Denn auch später, als mein Kind verschwunden war, wie ein Stein in den Meereswellen, ohne auch nur die leiseste Spur zu hinterlassen, auch da kam er nochinoch immer und erkundigte sich heuchlerisch nach ihrem Aufenthalt. Und als ich ihm darauf keine Antwort geben konnte, da spottete er, noch meiner Verzweiflung und sagte, es sei unrecht, daß ich das Kind vor ihin verberge; wir brauchten keine Furcht vor ihin zu -haben, denn er sei doch ein Mann GotteS, und werde keinem Menscheuwesen irgend ein Leid zufügen. Er sprach mit solcher verstellter Teilnahine und scheinbar so aufrichtig, daß ich schon ansiilg, au seiner Mitschuld zu zweifeln. Inzwischen aber blieb ich nicht müßig und unterließ es nicht, in der Nachbarschaft nach meinem Kinde mich zu erkundigen und bat auch die Fischer, beim Einziehen ihrer Netze ja recht aufzupasseu, ob sie näht irgend eine Spur finden. Ich erfuhr nichts. So schtvand die Zeit, und ich blieb ohne jegliche Nachricht. Nach vielen, langen Wochen kam der Priester wieder einmal zu. mir und sagte scheinbar ganz entrüstet: „Du hattest ganz recht daran getan, Deine Tochter zu beklagen! Vor einigen Tagen war ick in Warschau, und da habe ich gesehen, wie die Rose Sarons im Schmutz herumwatet und im Kot sich herumwälzt. An den Straßenecken lauert sie auf ihre Buhlen, und ihr Name ist bekannt in allen Schifferkneipen und in allen Kasernen." Aber ich wußte «S sogleich, daß cs eine niederträchtige Lüge war; denn in Warschau auf dem „Guten Ort" ist doch ihr Vater beerdigt, und sie würde es nicht wagen, an dem Orte zu sündigen, wo die abgeschiedene Seele ihres Vaters ihr jeden Augenblick entgegentreten konnte. Aber aus all seinem Reden hatte ich die «Gewißheit erlangt, daß bas Verschwinden Imeiner Tochter sein Machwerk war. Ich wartete daher meine Zeit ab, und eines Tages, als ich ihn wieder den Reisewagen besteigen sah, da ging ich in sein Haus, um aus seineralten Haushälterin den Aufenthaltsort meines Kindes herauszulocken. Ich nahm ein Fläschchen süßen Wein und ein großes Stück Honigkuchen mit mir, um sie dadurch gesprächiger zu machen. ,Lier, Kattinka," sprach ich zu ihr, „das wird Dir gut schmecken; der Kuchen ist lind und weich für Deinen zahnlosen Mund, und der feurige Wein wird das Blut in Deinen Adern erwärmen." Sv setzten wir uns hin und plauderten; unauffällig forschte ich sie aus, und da der Wein ihr die Zunge gelöst, erzählte sie bald vertraulich: „Ach, es ist doch ein einsames und langweiliges Leben, das ich jetzt führen muß, seitdem der alte Herr tot ist. Der neue hat so vielerlei Geschäfte außerhalb und weilt nicht gern hier. Wohin er immer fährt, weiß ich nicht; ich kann cs mir auch gar nicht erklären, warum er so oft nach dem Ütonnenkloster in Czenstachau reist. Er sagt, daß er dort eine verstockte Novize bekehren muß, die vom Teufel besessen ist. Aber ich glaube es nicht. Es gibt doch dort Priester genug!"- Jetzt wußte ich, wo ich mein Kind suchen mußte. Ich wartete mit Ungeduld, bis der böse Mensch wieder zurückgekehrt war, dann übergab ich meine Zwillingsknaben einem Verwandten und machte mich auf die Reise nach jenem Kloster. So wanderte ich zu Fuß zwei Tage und zwei Nächte, mit einem Herzen voller Betrübnis, aber auch mit einer Seele voller Hoffnung, daß der himmlische Vater mir schon einen Weg zeigen wird, wie ich mein unschuldiges Kind den Krallen ihrer Feinde entreißen kann. Und unterwegs färbte ich meine Zähne mit Safran und mein Gesicht und imeinc Hände mit dem Saft abgekochter Wallnüsse, so daß keiner mich erkennecc konnte, beim ich sah aus wie eine Zigeunerin und konnte so tun, als ob ich ihre Sprache nicht verstand. Und als - ich am dritten Tage meiner Wanderschaft dort ankam, da verbarg ich mich im «Gebüsch, dem Kloster gegenüber. Ich, brauchte nicht lange zu warten; ich sah bald, wie zwei Nonnen eine dritte in ihrer Mitte führten, bereit Kopf mit einem dicken Schleier umhüllt war, so daß sie keinen Blick um sich werfen konnte, aber auch damit keiner ihr Gesicht sehe. Aber ich erkannte doch meine Tochter Esther, bei einer Bewegung ihrer Arme, wie sie es manchmal als Kind getan, wenn «Jtc unwillig oder wenn etwas ihr widerwärtig war. Jahrelang hatte ich diese Bewegung nicht mehr bei ihr wahrgenommen, — und ich nahm es als ein günstiges Zeichen auf, daß Gott selbst sie dieses Erkennungszeichen Mache» ließ, und daß er mir beisteheu wird, sie aus ihrer Gefangenschaft.;u befreien. Sv wartete ich viele, viele Tage auf eine günstige Gelegenheit, um mich wenigstens durch ein Wort oder durch einen Klick mit meinem . Kinde zu verständigen. Doch es war vergebens; außer dem Anblick dieser vermummten Gestalt; hatte ich gar keine «Gelegenheit, irgend etwas zu unternehmen. —. Bald aber kam eine Zeit, wo ich auch auf diesen schwachen Trost verzichten mußte: ich wartete, aber sie erschien nicht mehr.

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