Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 39 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Seite 5. Aber eine Woche später, als sich meine Finger voller'Verzweiflung ln die Mauer einkrallten, daß mir das Blut' unter den ,Nägeln hervorspritzte, da kam ein Mönch aus dem Kloster und blickte sich suchend nach allen Seiten um. Und als seine Augen auf mich sielen, da rief er mir zu: „Was hast Du hier herumzustrolchen. Du Landstreicherin? Willst Du eine Mahlzeit auf ehrliche Weise, verdienen, dann komm herein und hilf ein wenig mit bei der Arbeit. Wenigstens wäre» die Torfleutc heute vor Deinem Mausen sicher!" Und aus dieses Gebot überschritt ich bebend und zitternd die Schwelle des Klosters, ohne zu lvissen, ob ich es wieder lebend verlassen werde, ohne zu wissen, was mir bevorstand. Ich' erfuhr, daß eine der gemieteten Scheuerfrauen plötzlich erkrankt war, an deren Stelle ich die Arbeit verrichten sollte. Und aus der Unterhaltung der andern Weiber erfuhr ich auch, daß am nächsten Tage eine große Feierlichkeit stattfinden sollte, da eine junge Nonne geweihct wird. — Da wußte ich, daß mir das Messer am Halse saß, und daß nur ein Wunder uns retten konnte. Akir wurde die Arbeit auf einem Korridor im zweiten Stock angewiesen, wo rechts eine Tür sich befand, hinter welcher ich zwei Stimmen vernahm, die eine scharf, laut und heftig, die andere schwach, matt und verzagt. Und als ich so am Boden lag, horchend und lauschend, wo ich meine ganze Seele in meine Ohren gelegt, da ging plötzlich die Tür auf, und der Priester, mein Todfeind, trat heraus; in seinem Zorn stieß er mich mit seinem Fuß zur Seite und befahl mir heftig und barsch, mit meinem Wassereimer ihm aus dem Wege zu gehen. Aber erkannt hatte er mich nicht. Und als er fort war, da drückte ich leise die Türklinke nieder und stand bald in der ZeUe, die er eben verlassen. Tort, auf deni Bette ausgestreckt, lag meine Tochter, oder wenigstens ihr Schatten. Und als sie schwach und matt ihre Augen aufschlug, da erkannte sie mich trotz meiner Verkleidung. Mit schwerer, röchelnder Brust, ohne sich im geringsten überrascht zu zeigen, keuchte sie kaum hörbar: „Atutter, geliebte Mutter! Ich wußte ja, daß Du kommen wirst. — Aber schnell — schnell! Sie — sie haben mich — mich ermordet!" Und weil sie mich trotz meiner Verkleidung bald erkannt hatte, wußte ich, daß sie im Sterben lag, — weil die Toten alles sehen und alles lvissen. Ich stürzte zu ihr hin und, ihr Köpfchen an meine Brust gebettet, sagte ich ihr das Sündenbekenntnis vor; sie sprach jedes Wort nach, und zum Schluß hörte ich sie noch ganz deutlich beten: „Adonoj, f/ii hoelokim! Gott allein ist der wahre Gott!" Dann bewegten sich ihre Lippen nur noch leise, aber mit ihren Händen zerrte und riß sie an ihrem Halse herum, gerade so, wie sie es in ihrer Jugend getan und auch wie damals, als ich sie das erste Mal zwischen den beiden Nonnen im Klosterhose gesehen. — Sie zerrte und riß, — aber sie hatte .nicht mehr Kraft, die Hände hochzuheben. Endlich verstand ich, was sic wollte; ich faltete ihr das Hemd auseinander,. und ich sah ein schwarzes Kreuz auf ihrer Brust liegen. Mich erfaßte ein unheimliches Granen, und ich toar meiner Sinne kaum mächtig. Ich riß das Kreuz von ihrem Halse und schleuderte es zu .Boden, daß es in tausend Stücke zerbrach. Mein unglückliches Kind erhob jetzt ihr Haupt, und während ein schwaches Lächeln ihre Lippen umspielte, flüsterte sie leise: „Mutter, meine Mutter, ich danke Dir! Ich — ich — konnte nicht — sterben — mit dem — dem — auf meinem — Herzen!" Dann atincte sie noch einmal; aber auch nur dieses einzige Mal. So verlor ich auch meine Tochter. Geprießen sei er, dessen Urteil gerecht ist! Aber warum hast du denn schon zu weinen aufgehört? Du hast doch eben noch so sehr um dein Kindchen lamentiert, das noch nicht einmal der Mutterbrust entwöhnt war! Jetzt waren mir nur noch zwei Kinder geblieben, Jsak und David, beide. waren sie durch eine Geburt zur Welt gekommen. Und wenn ich beide ansah, dann wußte ich, daß es niir in meinem Mer nicht an zwei festen Stützen fehlen wird. Aber, wehe! es war ineine Bestimmung, eine kinderlose Mutter zu werden, —, und hätte ich tausend Kinder geboren, so wäre ich nur tausendmal kinderlos geworden. Tu hast doch sicherlich von dem großen Aufstand gehört, als die Bauern sich gegen ihre Bedrücker erhoben. Die Kunde davon strömte ja in alle Lande hinaus, und auch das Meer jenseits der Grenze war von Menschenblut gerötet. Und das Blut meiner Söhne war ebenfalls dabei. Tenn sie gehorchten nicht der Stimme ihrer Mutter, die ihnen immer und immer wieder wiederholte: „Du sollst nicht töten! Du sollst nicht morden!" Denn sie widersprachen mir und sagten: . „SOhitter, rate uns nicht zur Schmach und Schande, daß man die Nachkommen der helden- FjÄNkfurktt UrüEMS DkmilikttSlE. hasten Makkabäer als Feiglinge betrachtet! Daß man uns als aufgeblasene Hähne ansieht, die nur auf ihrem Dunghaufen sich stolz. aufblähen! Mutter, in unserer Erinnerung lebt fort unser Bruder Benjamin, der durch die Schergen des Tyrannen seinen Geist aufgegeben! Mutter, wir vergessen nicht unsere Schwester Esther, die durch die fluchwürdigen Machenschaften der Wüstlinge ihr junges Leben hingcgeben! Mutter, für jedes Haar auf ihrem Haupte, soll eine Bestie mit dem Tode durch unsere Hand büßen!" So sprachen beide, große Worte im Munde führend, wie es unerfahrene Jünglinge zu tun Pflegen. lind Jsak hatte erst vor wenigen Monaten geheiratet, und er sagte zu seinem jungen Weibe: „Fürchte Dich nicht. Ich werde schon zur rechten Zeit zurückkehren, um das Angesicht »reines Kindes zu schauen!" So zogen sie fort und kämpften die Schlachten an der Seite ihrer Landleute. Und wir Frauen kämpften zu Hause gegen die Unruhe, gegen das böse Geschick durch Gebete und Fasten, und auch bei unserem Kampfe sind blutige Tränen geflossen Und dann hörten wir von einer großen Schlacht, die nicht allzuweit von hier geschlagen wurde. Und wir hörten auch, wie die Feinde die Bauern vor sich hergetrieben und viele Tausende von ihnen erschlagen. Biele aber waren doch dem Gemetzel entgangen und hatten sich bis nahe an unser. Städtchen geflüchtet, wo sie sich im Walde verbargen, um den verfolgenden Feind im Hinterhalt zu erwarten. Varuch, der Glaser, hat uns die ganze traurige Begebenheit erzählt, dein es ' gelungen war, sich in seinein Hause zu verbergen. Und ich erinnere mich noch ganz genau jedes seiner Worte, weil ich sie nicht nur mit meinen Ohren, sondern mit meiner ganzen Seele, mit allen Fasern meines Herzens in mir ausgenommen. Und ivas er erzählte, war Folgendes: „Es war gerade nach dein Dunkelwerden, als ivir im Walde lagen, da vernahmen wir ein Stampfen von Pferdehufen, das sich uns näherte; wir wußten, daß Kosaken gegen uns im Anzuge waren; wir machten uns kampfbereit, wir stellten uns aus zu beiden Seiten der Straße, von den Bäumen gedeckt, um die Kosaken zu ilmzingeln, um ivomöglich sie gefangen zil nehmen. Aber der Kosak ist die Brnt, die der Teufel mit einer Füchsin gezeugt, und seine Schlauheit und Hinterlist ist eine Ausgeburt der Hölle. Sie entgingen alle dem sichern Verderben, weil eines ihrer Pferde mit den Ohren gespitzt hatte. Dieses warf näinlich den Kopf hin und her, schnüffelte in der Lust herum, und daraus merkten die Reiter, daß andere Berittene vor ihnen waren, und da keiner der ihrigen diesen Weg . geritten war, so konnte cs für sie kein Zweifel sein, daß sic feindliche Haufen vor sich hatten. Sie stiegen darum von ihren Rossen und warteten, bis es ganz dunkel war. Dann nahmen sie etwa hundert ihrer Pferde, deren Reiter in den früher» Gefechten gefallen waren; dann suchten sie. etwa hundert Leichen der unserigen —: ach, sie brauchten nicht lange und nicht weit zu suchen —, banden die letzteren auf den Pfcrderückeu fest und trieben die Pferde im scharfen Lauf uns entgegen. Wir hörten sie kommen und stürmten mit Dolch und Sense auf sic ein, ohne aber von unseren Schußwaffen Gebrauch zu machen, um nicht durch das Knallen noch mehr Feinde heranzulockcn. Wie es eigentlich geschah, wissen wir selbst nicht; — es war ja gar kein Mondschein, und die Bäume ragten düster und ernst empor, als wollten sie den Himmel wegen dieser unerhörten Grausamkeit anklagen. Da wir bei dem Feinde keinen Widerstand fanden, hieben und stachen wir wie besessen und schwelgten förmlich in unserem Rachegefühl, — bis wir plötzlich merkten, daß die Reiter, gegen die wir kämpften, unsere Uniform trugen. — In der wahnsinnigen Meinung, daß wir uns in der Hitze des Getümmels in der Richtung geirrt uttb daß die Feinde hinter uns sein müssen, da die unserigen ja vor uns waren, wendeten sich die vordern Reihen nach rückwärts und kämpften mit verdoppelter Wut gegen den vermeintlichen Feind hinter uns. —> Aber als der Morgen zu dämmern begann, — da — da sahen wir, was wir in unserem Wahnsinn angerichtet, — da lagen unsere Brüder haufenweise — von unser» Händen erschlagen." So erzählte uns Baruch, der Glaser, und das andere habe ich mit eigenen Augen gesehen. .—> Denn als mir von deni nahen Blutbad hörten, eilten wir alle hin mit Salben und Verbandszeug, um den Verwundeten zu Helsen, ob sie auch Fremdlinge waren, weil wir dachten, daß vielleicht andere Mütter unfern Söhnen beistehen werden, wenn diese in Not sich befanden. Ich war eine der ersten dort, und meine Füsse wateten in den Blutlachen, und ich wendete die gefallenen Körper um, um nach dem Herzschläge zu fühlen; aber die meisten hatten aufgehört zu schlagen; — die Nachkommen der Makkabäer verstehen es gut, die Waffe zu gebrauchen. Dann kam ich zu einer Stelle, wo zwei Leichen dicht nebeneinander lagen, mit den linken Händen sich fest haltend, die Lippen fast berührend, und der Dolch des einen war im Halse des andern, und das Messer des andern steckte tief in der Brust des einen. Bei diesem Anblick überkam mich eine große Schwäche, und an allen Gliedern bebend näherte ich mich ihnen, das Herz voll trüber Ahnungen. Und als ich ihnen ins Gesicht sah — Gepriesen sei er, dessen Urteil gerecht ist — da — da sehe ich meine zwei Söhne Jsak und David vor mir! Mit einer Kraft, wie ich sie noch nie in mir verspürt, trug ich beide ins nahe Gebüsch 'und bedeckte sic mit meinem Kopftuch. Dann lies ich nach der Stadt, um Naomi, Jsaks Weib, zu holen, die erst vor 'wenigen Tagen Mutter geworden war, und ich rief ihr zu: „Komm' schnell und nimm Dein Kind mit, daniit es dem Vater wenigstens einmal ins Gesicht schaue, da der Vater nie das Antlitz seines Kindes sehen wird!" Gepriesen sei er, dessen Urteil gerecht ist! Tann nahm ich den Handwagen und legte meine zwei Söhne darauf und brachte sie selbst nach dem „Guten Ort," damit sie nicht mit den andern Leichen in das große Loch geworfen wurden, das als gemeinsames Grab dienen mußte. Dieses alles habe ich mit meinen Augen gesehen und mit meiner Seele erlebt; den Becher der Leiden habe ich bis zur Neige geleert. Und meine Kinder waren 'keine Säuglinge, ^als sie mir entrissen wurden. . . . Aber, was sehe ich? Trockene Augen! Warum weinst du nicht? Ist es denn wahr, daß Keiner Kummer dahinschwindet, wenn er einem großen Jammer gegenübergestellt wird? — Komm, wir wollen jetzt nach Hause gehen; die Nachtluft ist kühl, und dort sehe ich auch meinen kleinen Enkelsohn Jsak, der sich nach mir umsieht. Margnerttentag. Nächsten Dienstag findet der Margueritentag für die Säuglingsfürsorge Groß-Frankfurts statt. Außer dem Blumenverkauf aus der Straße, in den HetelS auf den Bahnhöfen werdm an verschiedenen Plätzen öffentliche Konzerte stattfinden. Ein Kinderumzug wird sich du ch die Stadt bewegen. Verschiedene Vereine werden im Laufe des Oktober Veranstaltungen zugunsten des Margueriteniages ins Werk setzen. Kinematographentheater. Kege'- und Spielkluüs haben ihre Tageseinnahmen anr 11. Oktober zur Vertilgung gestellt. Man darf hoffen, daß die Veranstaltung, d e allen Kreisen ohne Unterschied des Bekenntnissä und der Partei zugute kommt, auch von allen unterstützt wird._ FRANKFURTER KOMÖDIENHAUS Direktor Karlbetm Martin Nene Zeil 80 — Telephon 1201 spielt von Sonntag, tle-i 9. Oktober sb: täglich Das Lehen des Menschen üaiser Friedrich Quelle - Offenbacb u. K. Segen Sicht und RhenmatiBmas bewährt» Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl« Frankfnrt a. M., Stailburgstr. 9, Tel. 459 n. 71. J. EMMEL & SOHN Schillerstrasse 28. Spezial-Gesehäft rar Hain Zelehen-Otensiilen. flolzbrand-. KrrbsehnllKTa-so-ii. Batil-lrllkek Wocheu-Kaleuder. (ZeNarrgaven nach dem faaeh.) SamStag. den 8. Oktober l—5. Tischri“' Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 20 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a M. 6 Uhr 35 Min., in Berlin 6 Uhr 15 Min. Wochenabschiritt: Wajeilcch. — Ermahnungen Moses an Israel, Strafverkündigungen beim Abfall. Tie Pflicht, die Thora abzuschreibcn und so zu deren Mehrung beizutragen. Ter Samstag heißt „S cha bbos-S chuwo" (Bußesabbath). Im Morgengebet Einschaltungen, im Mussaf bei der Keduscho „Elauheichem." I aum-Kippur. Festesbeginn in Frankfurt. Mittwoch abend 5 Uhr 40 Min. Anstatt durch Essen und Trinken ehrt man Jaum-Kippur durch Licht und Kleidung. Daher die Jaum-Kippur-Kerze. Nicht wieder anzünden lassen, wenn ausgegaugen. Man „benscht" die Kinder vor Synagogenbegiun. Die Hausfrau zündet Lichter 'an mit Brocho ,Lehadlik neir schel Jaum hakippurim" und Schehechijonu. Donnerstag morgen beginnt der Gottesdienst in den meisten Gemeinden bereits um K Uhr. Den ganzen Tag zeige man heiligen Ernst, würdevolle