Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 39 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39. Seite 3. „>ig aus der Anschauung der absoluten Gerechtigkeit, welche hie Basis des Judentums ist. So sind Judentum und- Christentum zwei grundverschiedene sittliche Welt- und Lebcnsanschauungen, die sich mit einander nicht vereinen lassen. „Kompromisse" sind zwischen ihnen nicht möglich! Das sind die Grundgedanken der Achad Haam'schen Ausführungen, und sie verdienen die ernsteste Beachtung aller derer, die sich mit dem großen „Problem Judentum" befassen. Aus der Wett der Gedanken. Von Ben Koheleth. IV. Die jüdische Wissenschaft. (Schluß.) Die Behandlung des Christentums ist vielleicht der interessanteste Teil des Melamedschcn Werkes, und es verlohnt sich, etwas genaue,: daraus einzugehen. Das Christentum ist keine für die Regelung des menschlichen Lebens bestimmte Gesetzgebung, sondern der Ausdruck einer weltgeschichtlichen Stimmung, die das Ergebnis verschiedener politischer Verhältnisse und geistiger Strömungen ist. Zwei Eigenschaften sind es vornehmlich, die ihm seine Eigenart verleihen: cs ist einerseits fatalistisch, andererseits anarchistisch. Da es sich um das Leben des Menschen auf der Erde nicht kümmert, hat es weder eine eigentliche Ethik — denn Ethik ist nur für das Zusammenleben der Menschen auf der Erde möglich —, noch nimmt es eine bestinimte, scharf umrahmte Stellung zum Staatsgcdanken ein. Christus selbst hat prinzipiell gar kein Verhältnis zu ihm, praktisch nimmt er eine opportunistische Stellung ein (Gebt Cäsar, was des Cäsars ist). Dieses Verhältnis hält an, solange das Christentum eine einzelne, oft vom Staate verfolgte Sekte war. Mit dem Momente -jedoch, da es Staatsreligion wird, und seine Machtaspirationen praktisch zu verfolgen beginnt, ändert sich sein Verhältnis zum Staat. Tie lebensfeindliche Stimmung, die das Christentum geboren hatte, verschwindet, der Wille zum Leben und Herrschen wird maßgebend, das Christentum sucht alle Gebiete des Lebens sich zu unterwerfen und sich auch des Staates zu bemächtigen. Theoretisch verharrt es zwar auf seiner lebensseindlichen Grundlage und erklärt demgemäß den Staat als etwas Irdisches, für etwas durchaus Böses, für ein Werk des Teufels; praktisch jedoch söhnt es sich mit ihm ans und sucht ihn für seine Zwecke dienstbar zu machen. Seinen, ganzen Charakter nach dogmatisch und absolutistisch, nimmt es das römische Staatsideal auf, verleiht chm eine kirchliche Färbung, und so entsteht der papistische Imperialismus, der, absolutistisch und tyrannisch, brutal und unethisch, jedes freiheitliche Leben unterdrückt und den Staat zu einem „Klosterzuchthaus mit dem Papst als Wärter-Tyrann an der Spitze" umformt. Dieser Zustand hält während des ganzen Mittelalters an und steht in geradem Gegensatz zur jüdischen Auffassung. Daher die Feindschaft der Kirche gegen das Judentum; die Bibel wird verboten und die Juden verbrannt. Doch das mittelalterliche Christentum fällt. Durch die gegen die Semiten unternommenen Kreuzzüge erhält es seine Todesstöße; der Geist der Freiheit ergreift die Menschheit, das Joch wird abgeschüttelt, das Zuchthaus gesprengt, und die Neuzeit beginnt. Und sofort kehrt man zur Bibel zurück. Schon die Renaissance war zum Teil von der Bibel beeinflußt; jene Bewegung aber, die das Christentum des Mittelalters endgültig stürzte und den Staat der Neuzeit schuf, die Reformation, war ein Produkt der Bibel. Luther ist in seiner Staatsauffassung stark vom Judentum beeinflußt, ebenso Zwingli, Wycliff und die anderen Refor¬ SfemtffutHet NsKkktiWK FawMenRaö. matoren. Der neuzeitliche Staat basiert also auf jüdischen Ideen; der Sieg der Neuzeft über das Mittelalter, der Freiheit über die Sklaverei, der Ideen der französischen Revolution über den Absolutismus bedeutet den Triumph der Bibel. Und auch der Mann, der die Staatsidee am tiefsten erfaßt hat, Kant, war stark von jüdischen Ideen beeinflußt. (Auf die nähere ethische Begründung des .Staates durch Kant — wo sich der jüdische Einfluß besonders bemerkbar macht — geht der Autor aber nicht ein; in seinem zweiten Teile dieses Werkes kommt er näher darauf zurück.) Dies ist der leitende Gedanke des ganzen Werkes, der ihm seine große Bedeutung für uns Juden verleiht. Gerade dieser leitende Gedanke aber bedeutet in mehr technischer Hinsicht einen Mangel. Das Werk verliert dadurch an einer gewissen Einheitlichkeit; man weiß nicht recht, was sein Zweck ist. Soll es eine einfache Geschichte des Staatsgedankens sein — wie es der Haupttitel sagt —, so wird man nicht übersehen dürfen, daß der Autor hier und da abschweist, daß er in der Charakterisierung semitischen Geistes oft zu weit geht. Soll es aber nur eine Ausführung des skizzierten Gedankens sein — wie wir es auffassen —, so waren wieder manche Kapitil überflüssig, die mit diesem Gedanken in keinem Zusammenhang stehende Epochen und Staatsphilosophien behandeln. Dieser Fehler jeooch, der die Lektüre des Werkes keineswegs stört, darf nicht allzuschwer angerechnet werden und verschwindet gegenüber dem inneren Wert des Buches ganz und gar. Ich könnte, wenn ich nur darauf ausginge, noch manche Mängel aufzählen, halte es aber für überflüssig und unrecht; denn soll auch der Kritiker auf Fehler des Buches Hinweisen, so soll er nicht nur darauf ausgehen; das nenne ich Kritikasterei und nicht Kritik. Zudem fallen diese .kleinen Fehler bei der großen Bedeutung des Werkes gar nicht in die Wagschale. Der Wert aber — dies sei sowohl den Lesern als auch dem Autor gegenüber nochmals betont — besteht nicht so sehr in der allgemeinen Note des Werkes, als vielmehr in seiner jüdischen. Als Geschichte der Staatsidee ist das Werk nichts Ungewöhnliches, auch nichts unbedingt Notwendiges; als Zeugnis jedoch für die Bedeutung des semitischen Geistes im allgemeinen, des jüdischen. im besonderen für die Kulturentwicklung der Menschheit gewinnt das Werk eine hervorragende Bedeutung, und als eines der ersten Werke der modernen jüdischen Wissenschaft ist es vielleicht von bleibender Daner.*) Darum: gebührt dein Autor auch der Dank der Wissenschaft, weil er auch sie durch die Hervorhebung der Bedeutung des semitischen Geistes auf etwas Neues hingewiesen hat, in erster Linie verdient er den Dank des jüdischen Volkes, denn es war eine gut jüdische Tat, die Herr Dr. Melamed durch sein Werk vollbracht - hat. _ Aus aller Welt. Deutsches Reich. Fraukfurt a. M. Dr. W. Hanauer veröffentlicht in der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" einen interessanten Aufsatz „Zur Statistik der jüd. Bevölkerung in Frankfurt a. fBl.“ Danach hatte Frankfurt im Jahre 1703 2364 Juden, 1817 war deren Zahl auf 4309, 1858 auf 5730, 1864 auf 7620, 1867 auf 8238, 1875 auf 11887, 1885 auf 15 537 und 1905 auf 22 476 gestiegen. Berlin. Die 140 000 Seelen — ’/* aller deutschen Juden — zählende jüdische Gemeinde Berlin steht vor den Repräsentantenwahlen. Wie trostlos die jüdischen Zustände in diesem von einer kleinen radikal-liberalen Plntokratie regjerten Gemein¬ *) Llllerbings wird das Werk eher ein bleibendes werden, wenn der Autor sich dazu verstehen wollte, es ins Hebräische zu übersetzen; damit würde er auch" der hebräischen Literatur einen großen Dienst leisten und das Werk erst voll und ganz zu einem Erzeugnis der jüdischen Wissenschaft machen. wesen sind, zeigt ein Aufruf der ,Jüd. Wahlvereinigung," der folgende Forderungen dieser radikal-liberalen Seite aktenmäßig festnagelt: „Einführung des Sonntagsgottesdienstes", „zwangsweise. Teilnahme jüdischer Kinder an christlichen Schulfeiern", .Beseitigung »wer Einschränkung der hebräischen Gebetsprache" und dann fortfährt: „Mit diesen längst als untauglich erwiesenen Mitteln der Reform hat unsere unter radikal-liberaler Leitung stehende Gemeindevertretung z. T. schon in der verflossenen Berwaltungsperiode operiert, denn unsere Verwaltung hat der Beseitigung des Sabbaths Vorschub geleistet durch vorbereitende Schritte zur Schaffung einer Art Berwaltungsgemeinschaft der Reformgemeinde mit der großen Gemeinde. Durch Annahme eines Stipendiums für jüdische Lehrlinge (Sanitätsrät Dr. Cohnfche Stiftung), das nur und ausschließlich solchen Lehrlingen zukommen soll, die bereit sind, den Sabbath zu entheiligen. Unsere Gemeinde setzt also Prämien für die Sabbathentweihung aus, während andere Großgemein, den, in denen man noch jüdischer lebt, wie z. B. die in Posen, diese Stiftung wegen ihrer antijüdischen und antireligiösen Tendenz selbstverständlich zurückgewiesen haben. Die Gemeindeverwaltung hat aber auch in vollkommener Verkennung ihrer Aufgaben Vorschub geleistet: Der Indifferenz und dem Abfall tausender, indem sie den religiösen Bedürfnissen der rasch wachsenden jüdischen Bevölkerung Berlins keine Rechnung getragen, sondern ihre erste und höchste Pflicht, die Errichtung von Synagogen, der privaten Initiative überlassen hat. Große Stadtteile Berlins, wie Moabit, Wedding, Gesundbrunnen usw.. Schöneberg mit 12 000, Wilmersdorf mit 10000 jüdischen Seelen sind heute noch ohne Gemeindesynagogen. (Charlottenburg mit mehr als 30000 Juden wird jetzt eine Synagoge erhalten.) Die Gemeindeverwaltung hat des weiteren Vorschub geleistet der Unwissenheit und Gleichgültigkeit unserer Jugend durch mangelnde Pflege unseres Religionsschulwesens. Bon den zirka 20 000 jüdischen Schulkindern Groß- Berlins werden nach dem Verwaltungsbericht sage und schreibe 4785 Knaben und Mädchen in den Religionsschulen der Gemeinde unterrichtet. Da hebräisch in den städtischen Schulen nicht gelehrt werden darf, so wächst der größte Teil der jüdischen Jugend Berlins'ohne Kenntnis des Hebräischen auf. . Der nicht nur von Konservativen, sondern auch von Liberalen, denen an der Erhaltung des Judentums gelegen ist, unterschriebene Aufruf, steNt sodann folgendes Programm auf: „1. Erhaltung des Sabbaths und der hebräischen IGebetsprache. 2. Ausbau des jüdischen Religions- und Kolksschulwesens, 3. Schaffung von Synagogenbezirkeu mit selbständiger Verwaltung (Parochialsystem) unter Erhaltung der Zentralverwaltung. in deu allgemeinen Angelegenheiten der Gemeinde, 4. Gerechtere Besteuerung als die bisherige, die deu Armen stärker als den Reichen belastet, 5. Beseitigung der Listenwahl und des beschränkten Wahlrechts. Jeder volljähriger Jude — so begreifen wir den Liberalismus —- soll sein Interesse am Ge» meindeleben durch das Wahlrecht bekunden dürfen, 6. Demokratisierung unserer Gemeindeverwaltung. Nicht die soziale Stellung, sondern das Verständnis für jüdische Fragen soll für die Gemeindeämter befähigen. Möglichst weite Kreise, der Gelehrte wie der Gewerbetreibende, der Kaufmann wie der Handwerker, sollen nach dem Grade ihrer Befähigung zur Mitarbeit herangezogen werden, damit die Gemeindeverwaltung nicht das' Tätigkeitsfeld einer kleinen Schicht sozial Hochstehender bleibe, sondern ein Arbeitsgebiet werde, an dem teilzunehmen der Stolz und die Ehre eines jeden Jiwen sei." Berli«. Der Verband der Deutsche« Juden will zur Ausschließung derJuden vomReservevffizierstande und ihrer sonstigen Zurücksetzung in der Armee mit Rücksicht auf die unbefriedigende Antwort des preußischen Kriegsministers auf die zu Anfang des Jahres an ihn gerichtete Eingabe und auf seine Aeußerungen in der Reichstagsdebatte, die im Gegensatz zu den vorjährigen des Herrn von Einem die militärischen Vorgesetzten in ihrer Zurücksetzung der jüdischen EinjäWgen zu bestärken geeignet sind, im Laufe des Winters in einer Reihe öffentlicher Versammlungen Stellung nehmen. Tie erste Versammlung soll in Berlin im großen Saal der Philharmonie am Sonntag, den 13. November pattfinden. Die Versammlungen wird der Verband in Gemeinschaft mit dem Centralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einberufen. Als erste folgt der in Berlin veranstalteten eine Versammlung in Breslau am 24. November im dortigen Saal der Gesellschaft der Freunde. Weitere sind vorläusig für Frankfurt a. M. und für Cöln geplant. — An den Versammlungen werden auch bekannte nichtjüdifche Parlamentarier als Redner teilnehmen. Oesterreich-Ungar«. Wie«. Ein Vorfall von geradezu empörender Roheit ereignete sich in dem ostschlefischen Städtlchen Orlan, in dem