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Neue jüdische Presse · 1910-10-07 · Heft 39 (7.10.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 39 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Jsraelttift^s Familienblatt. Nr. 39 tung, die dem badischen Oberrat nahe steht, empfahl die ausdrückliche Unterstützung der Zionisten, und so glauben wir, daß auch unsere Liberalen den Weg des Nationalismus, den alleVolker und alleParteien gegangen sind, bald einschla^ gen werden, — und vom Weg des Nationalen werden sie allmählich zur Tradition, wenn auch nur teilweise, gelangen! Und die Orchodoxie? Selbst unschembare Dinge lassen bisweilen tief und weit blicken. Es waren Zeiten — es ist noch nicht lange her —, da konnte man auf Grund gewisser Kundgebungen mrd Tatsachen sich der Hoffnung hingeben, daß die Reorganisation in der „Freien Vereinigung" sowohl einen erweiterten Gesichtskreis, als auch neue Methoden mit sich bringen werde; allein manche aus dem Munde führender Persönlichkeiten dieser Organisation in der letzten Zeit gefallene Aeußerungen gegenüber der nationalen Bewegung lassen darauf schließen, daß die Freie Vereinigung im letzten Jahre in ihre alte Enge und die zur Separation neigenden Tendenzen zurückgefallen ist. Anscheinend ist dieser Rückfall einerseits auf die in Europa zunehmende Religiosität, anderseits auf die Stärkung der Position der Orthodoxie Rußlands zurückzuführen. Doch es ist eine Kurzsichtigkeit, diese zwei Faktoren zu überschätzen; die Stärkung der Orchodoxie Rußlands ist rein äußerlich, und die Zunahme der Religiosität in Europa beruht vorwiegend auf der Ausbreitung und Steigerung des nationalen Gedankens. Wer sei dem, wie es wolle: das eine ist sicher, daß man heutzutage separatistischen Gedankengängcn innerhalb eines Volksganzeu kein Verständnis abgewinnen kann, und so fürchten wir, daß die Orthodoxie den großen Fehler, der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in der Zeit der Aufklärung gemacht worden ist und der zur Ausschaltung der Orthodoxie geführt hat, jetzt zum zweiten Mal in Zeiten des Nationalismus macht und heute — wie damals — sich selbst ausschaltet. Schon schicken sich die Liberalen, die die Zeichen der Zeit verstehen, an, sich dem Nationalismus anzuschließen. Die Orthodoxie arbeitet also zugunsten der Liberalen und zu ihrem eigenen Schaden. (Schluß folgt.) Das Wese« -es Judentums. Bon Ben David. Die tiefe religiöse Bewegung, di: weite Kreise der modernen Menschheit durchzieht, hat auch allgemein ein erhöhtes Interesse für die Grundprinzipien des Judentums, der Mutter der herrscheichen Religionen, hervorgcrufcn. Die letzten Jahre haben eine Fülle von Schriften und Abhandlungen über den Charakter und das Wesen des Judentums gebracht, die nur zum Teil von Bekennern desselben herrührcn. Es läßt sich jedoch im allgemeinen nicht behaupten, daß die zahlreichen nichtjüdischcn Autoren, selbst die gelehrtesten und gründlichsten unter ihnen, die wahren Tendenzen und den inneren Sinn der jüdischen Religionsethik erfaßt und dargestcllt haben. Man vermißt bei ihnen die völlige Objektivität und absolute Vorurteilslosigkeit. Sie werden dabei, mitunter vielleicht unbewußt, zumeist von dem Bestreben geleitet, oas Christentum auf Kosten des Judentums zu idealisieren. Wie wäre es sonst möglich,, daß christliche Theologen und Religronsphftosophen, denen jede Gehässigkeft gegen Juden und Judentum fernliegt, dieses als bloßen Zercmonialkultus bezeichneten und chm die „Gesinnung" absprächen? Man solfte nun meinen, daß demgcge,rüber doch wenigstens dieJudensclbst der Wahrhcitserkenntnis chrcr eigenen Glaubenslehren und sittlichen Grundsätze voll und ganz gerecht würden. Leider ist dies aber nicht immer und überall der Fall. Bei einer richtigen Erkenntnis vom wahren Wesen des Judentunis würden unmöglich solche reformistischen Bestrebungen entstehen können, wie sie gegenwärtig in gewissen Kreisen der englischen Judenheit auftreten. Denn sie bedeuten eine Entfremdung und Abweichung vom Grundcharakter des Judentums! Diese radikale Reform-Bewegung*) ist bereits vielfach beleuchtet und kritisiert worden. Zn den zahlreichen Kritiken hierüber ist jetzt noch eine hinzugekommen, die besondere Beachtung verdient. Sie stammt vom bekannten hebräischen Denker und Schriftsteller Ach ad Ha am (U. Ginzberg), und ist im neuesten Heft der hebräischen Monatsschrift „Haschiloach" und auch in englischer Uebersetzung erschienen. Wie alle seine Essays, zeichnet sich auch diese Whandlung aus durchs strenge Sachlichkeit und konsequente Logik, klare Diktion und präzise Form, Gedankenreichtum und einen tiefen sittlichen Ernst. Sie enthält in den Grundzügen eine Kennzeichnung und Darstellung vom inneren. Wesen des Judentums und im Verfolg dessen eine entschiedene Mlehnung des von C.G. Montefiorc, dem Hauptträger der erwähnten Reformbestrebungcn, in seinem umfangreichen Werke „The Synoptir Gospels" (London, 1909) gemachten Versuches, das Evangelium dem Judentum näher zu bringen und als Bestandteil und Fortschritt innerhalb desselben darzustellcn. Bei der grundlegenden Bedeutung der Achad Haam'schen Ausführungen sei hier deren Hauptinhalt wiedergegeben. Der Autor weist zunächst auf den Unterschied zwischen der gegenwärtigen Reformrichtung in England und den Anfängen der jüdischen Reformbestrebungen in Deutschland hin. Während die letzteren mehr durch äußere Motive — die Erwartung auf schnelleres Erlangen der Emanzipation — hervorgerufen wären und daher auch mehr praktische Reformen am Zeremonialkultus bezweckt, die inneren religiösen und ethischen Grundprinzipien des Judentums aber hochgehalten hätten, sei die Rcsormbewegung in einem Teil der englischen Judenheit, die sich der vollen rechtlichen und bürgerlichen Gleichstellung erfreut, aus der Geistesverfassung der betreffenden Kreise, aus ihrer inneren Entfremdung vom überlieferten Judentum hervorgcgangcn, weshalb sic auch auf eine Negierung des Grundcharakters des historischen Judentums hinausgehe. Dadurch erkläre cs sich auch, warum die Rcformbcwegung in England später aufgetreten ist als in Deutschland. Dazu bedurfte es einer entsprechenden „Entwickelung" im jüdischen Denken und Fühlen jener Kreise. Achad haam schildert dann die ersten Aeußerungcu der jüdischen Reformideen in England vor dreizehn Jahren (im Jewish Quaterly Review, 1897) und den weiteren Verlauf der Bewegung, die darauf Hinziele, dem Neuen Testament einen hervorragenden Platz im Judentum einzuräumen. Das ist aber eine innere Unmöglichkeit. Bei aller Achtung uitd Respektierung der anderen Religion dürfen wir doch den unverwischbaren Unterschied zwischen dieser und der unseligen nicht übersehen. Und nun gibt der Verfasser eine klar formulierte Charakterisierung dieses unverwischbaren Unterschiedes. Der spezifische Grundcharakter der jüdischen Lehre ist ihr absolutes Bestreben, die religiöse und sittliche Erkenntnis über jede begrenzte konkrete Form zu erheben und sie unmittelbar mit einem „gestaltlosen" abstrakten Ideal zu vereinen; während in: Mittelpunkt der christlichen und selbst in der mohammedanischen Religion eine zentrale Menschengestalt steht, die als das Ideal der absoluten Vollkommenheit gilt und deren Anbetung einen wesentlichen Teil der ohne sie undenkbaren Religion bildet, — ist das Judentum allein mit keiner solchen Menschengestalt verknüpft. Für das Judentum ist nur Gott allein das Ideal *} Ter geschätzte Schreiber überschätzt die Bedeutung der von Montefiorc ausgehenden Bestrebungen. Es geht nicht an, von einer „Bewegung" zu sprechen, da Montefiorc fast vereinzelt dasteht. Die Redakt.. der absoluten Vollkommenheit. Der Mensch, selbst der vollkommenste, ist nicht ganz ohne Fehl. Auch Moses verschied um seines Vergehens halber. Er hatte nur eine Mission zu erfüllen; sein: Persönlichkeit ist aber nicht mit dem, Wesen der Religion als Bestandteil derselben verknüpft. So konnte einer unserer Weisen behaupten: „Esra war würdig, die Thora den Juden zu übermitteln, wenn ihm Moses nicht zuvorgekonnncn wäre." Ein solcher Ausspruch wäre z. B. von Paulus und Jesus undenkbar. Noch weniger als Moses ist die Persönlichkeft der anderen jüdischen Propheten mit dem W'e s e n des Judentums verknüpft, die nicht in ihrem eigenen Namen sprechen, sondern das Wort Gottes verkündeten. Ebenso liegt die Bedeutung des künftigen Messias nicht in seiner Person, sondern in seiner Mission. Unsere Weisen sprechen mehr von den „Tagen des Messias" als von ihm selbst. Dieser Grundzug des Judentums hat vielleicht vor allem die Ausbreitung desselben über die nichtisraelitische Welt behindert. Die menschliche Seele begnügt sich im allgemeinen nicht mit einem abstrakten Ideal. Und als die Zeit kam, da der jüdische Monotheismus seine Herrschaft auf die anderen Völker ausdehnen sollte, bedurfte es dazu der Hinzufügung einer konkreten Gestalt, einer menschlichen Figur. Diese Gestalt offenbart im Evangelium nicht „Also sprach Gott", sondern — „Ich spreche zu Euch". Dieses „Ich" vermag schon allein das Judentum fiir immer vom Evangelium fernzuhalten. Diese grundsätzliche Neigung des Judentunis, sich über jedes „Bildnis" im religiösen und sittlichen Lchen zu erheben, zeigt sich nicht bloß in Bezug auf das religiöse und ethische I d e a l, sondern auch betreffs des religiösen und sittlichen Zweckes. Das Judentum erblickt seine Aufgabe nicht in der „Erlösung" der Einzelperson, sondern im Glücke und der Vervollkommnung der Gesamtheit, des Volkes, und in ferner Zukunft — der ganzen Menschheit. Auch hier ist also ein Kvllektivbegriff ohne konkrete begrenzte Form. Welcher von den beiden Zwecken nun der „höhere" sei? In Wirklichkeft lassen sich dabei keine „Werte-Grade" aufstellen. Der Mensch kann in seinem religiösen und sittlichen Leben die höchste Stufe erlangen, ob er dem einen oder dem anderen Ziel zustrebt. Nur daß dabei die Richtungsart eine verschiedene ist. Die besondere Tendenz des Judentums zeigt sich iwch in anderer, vielleicht der tvichtigsten Hinsicht: in Bezug auf die moralische Grundlage. Die jüdische Ethik basiert auf der objektiven, absoluten Gerechtigkeit, die christliche aber — auf der subjektiven Liebe. Das sind zwei grundverschiedene Moralanschanungcn. Der christliche Altruismus ist ein umgekehrter Egoismus. Jener macht das „Ich" zum Mittel für den „Andern"; dieser — die „Anderen" zum Instrument für das „Ich". Die jüdische objektive, absolute Gerechtigkeit aber kennt im Werturteile weder ein „Ich" noch einen „Anderen", sondern nur den Menschen an und fiir sich als sittliches Wesen. Diese absolute Gerechtigkeit fordert das Judentum nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für die Völker und Nationen in ihrem Verhältnis zu einander. Der christliche Altruismus konnte dabei nicht in Wirksamkeit treten. Ein ganzes Volk kann unmöglich in seiner Selbstaufgabe zugunsten einer anderen Nation die Erfüllung einer ethischen Pflicht erblicken. Und so entwickelte sich der egoistische „Nationalpatriotismus" als Basis der höchsten „Völkerethik'". Die Gerechtigkeitslehre des Judentums aber fordert keine Selbsteickäußerung des Einzelnen sowohl wie des Volkes, sondern nur die gerechte' Respektierung und Unbehinderung der anderen Personen und Nationen. Deshalb konnte das Judentum noch vor Jahrtausenden das erhabene Ideal verkünden: „Kein Volk wird gegen ein anderes das Schwert schwingen"". Dieses Ideal ist in Wahrheit di,e notwendige logische Folger-

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