Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 39 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Von der Lage der Judenheit sprachen wir im ersten Kapitel unserer Jahresrevue, von der Lage des Judentums wollen wir nunmehr sprechen; an den Stand unserer geistigen Werte, soll hier ein Gradmesser angelegt werden, mir wollen Gewinn und Verlust, Fortschritt und Rückgang feststellen. Zunächst sei Rußland, der Judenheit und einstweilen auch des Judentums Zentrum, betrachtet. Wäre das Beten der ganze Gehalt des Judentums, sowie seine alleinige, einzige Manifestation — lvie es manche anzunehmen glauben . —, so könnten wir uns mit dem Stand» des Judentums in Rußland im verflossenen Jahr zufrieden geben. Denn obwohl wir keine Statistik von der Zahl der Beter dort besitzen, kann man doch mit Sicherheit sagen, daß in Rußland im vergangenen Jahre mehr als früher gebetet worden ist. Allein die , Bestandteile des Judentums, sowie seine Aeußerungen sind mehr, gar viel mchr als das bloße Beten. Und dazu darf nicht vergessen werden, daß den Juden Rußlands fast jede Zusammenkunft verboten ist, und gar mancher nur deshalb die Synagoge ausgesucht hat, um dem Bedürfnisse der Zusammenkunft mit den Gesinnungs- und Stammesgenossen Genüge zu leisten; ist doch leider das Gros der jüdischen Jugend Rußlands eher alles andere als religiös! Die mißlungene Revolution hat ihnen ihren sonst großen Idealismus genommen, und an dessen Stelle haben Matcrialismus und Karrierismus, Genußsucht und Zynismus platzgegriffen. Daher die geistigen und physischen Selbstmorde, daher der Abfall und die Massentaufen der eingeengten, jeglichen Rechtes und Entfaltung beraubten' jüdischen Jugend! Und was tut die Orthodoxie zur Hebung der Jugend? Ist sie denn überhaupt imstande, etwas zur Abstellung der geistigen Epidemie zu tun? Jawohl, sie hätte manches tun können, wollte sie aus ihrem' engen Kteis heraus, um die Zeichen der Zeit zu lesen. Statt dessen erwartet sie Wunder von der im Lande herrschenden Reaktion und vergißt dabei, daß Liebe und wahrer Glaube sich nicht einpeitschen lassen, besonders aber bei einer Jugend, wie die Jugend des „Am keschei auref, am chochom" es ist! Die Orthodoxie stützt sich auf die finsteren Mächte, obwohl sie bei ihren Konferenzen den sie scheinbar unterstützenden Behörden genug Gelegenheit gehabt hatte, zu erfahren, was sie von Stolypins Gnaden zu erwarten hat. Wohl gibts Einsichtige auch unter der russischen Orthodoxie; allein die haben, wie überall,. leider nichts zu sagen, das Heft in Händen haben die unentwegten Heißsporne, und diese verstehen es meisterlich, alles zu verderben. Die einzigen, die etwas fiir die Jugend Rußlands tun, — wenn auch vorläufig, dank der Schikanen der Regierung, mit nicht allzu großem Erfolge, — sind die Nationaljuven. Unter den größten Schwierigkeiten und Verfolgungen der Regierung entfalten sie eine rege Tätigkeit- und setzen den Bau der Literatur und Geschichte eifrig fort. Da sind die Verlage „Tuschrjah" und „Maurijah", die unablässig neue Werke auf den Büchermarkt bringen; besonders „Tuschijah" hat in diesen: Jahre durch die „Bibliotheko gedaulo" Großes geschaffen. Auch ist für das Neuerscheinen des Tageblattes „Hazefirah" unter der bewußten Leitung seines einstigen Redakteurs, des bekannten Schriftstellers N. Sokolow Vorsorge getroffen worden. Ebenso ist von derselben Seite der Grundstein zu einem großen jüdischen Verlage, der den Ausbau unserer Literatur bewerkstelligen soll, gelegt worden. Auch für die Ausbreitung der hebräischen Sprache als solcher wird eifrig gearbeitet. Man sieht also, daß von den nationalen Kreisen doch immerhin etwas geschieht; die Orthodoxie aber sieht ihr einzige Aufgabe darin, die andern zu hindern, damit ja nicht etwas zustande konimt .... Und doch, doch ist trotz der oben erwähnten Erfolge das verflossene Jahr ein überaus trauriges auch bezüglich des Judentums für die russische Judenheit gewesen. Denn noch nie hat der jüdische Idealismus, der doch den Urquell für alles Erhabene und Heilige in der Judenheit ausmacht, so viel Schaden genommen wie in diesen: und wie überhaupt in den letzten Kontrarevolutionsjahren. Wohl ist jüdische Sitte und jüdischer Brauch auch in den Revolutionsjahren mit Füßen getreten worden, doch damals war es im Namen einer Idee, heute aber sind ein extremer Materialismus und Karrierismus der Grund hierfür. Daher auch der Grund für die Niedergeschlagenheit unb Verzweiflung der russischen Judenheit, daher die schwer empfundene Last und Unerträglichkeit des Druckes von außen, von Seiten der Regierung! Und was brachte das verflossene Jahr der Judenheit Deutschlands? Wie war hier der Stand des Judentums? Im großen uub ganzen erfreulich. Ein religiöser Zug, der von einem Bedürfnis nach religiöser Betätigung Zeugnis ablegt, greift in den Gemütern Platz, ein Ausfluß des zunehmenden Nationalismus (ebenso, lvie in Zeiten des Kosmopotitismus eine Abnahme der Religiosität zu verzeichnen ist). Bis tief in die radikal-jüdischen Reihen Deutschlands h:nein macht sich dieser Zug bemerkbar; man hat, wenn auch nicht überall das Bedürfnis, so doch wenigstens den Willen zur religiösen Betätigung, anfänglich Mode .— wie es in früheren Zeiten für den aufgeklärten Menschen Mode war, ein bischen Atheist zu sein — wird es nach und nach wie jede Mode halb oder ganz Bedürfnis. Ein gut Teil ist oaöei unbewußter Nationalismus! Ist doch der Wille zum Judentum überhaupt fast in allen Kreisen der liberalen Judenheit merklich im Zunehmen begriffen, man geht ernstlich daran, den Abfall zu bekämpfen, und. jüdischer Stolz und jüdisches Selbstbewußtsein sind fast im Munde aller. Kurzum, der Wille zur Religion ist vorhanden; allein man ist im unklaren, wie die religiöse Betätigung vor sich gehen soll; da gibt es zwei Riten; der. eine ist der von altersher geschichtlich geheiligte, der Vergangenheit Israels und seiner Zukunft entsprechende, der Ritus der Orthodoxie; allein um zu diesem zurückzukehren gehört viel Mut, und dieser Mut bleibt noch emstweilen aus. Der zweite ist der der Jakobsohnschen und Geiger'schen Reform, der weder der jüdischen Bergange:cheit noch der jüd. Zukunft noch dem Geiste des Judentums überhaupt entspricht. Er ist entstanden in einer antireligiösen, antinationalen Zeit. Die Sehnsucht nach Rechten hat ihn geboren, man dachte irrtümlicher Weise, daß die jüdische Eigenart, insbesondere aber die jüdische Ueberlieferung der Erlangung von Rechten hinderlich seien. Nun hat sich seitdem alles geändert, wir leben in einer religiösen sowie nationalen Zeit, und der Wunsch nach Menschenrechten ist, wohl gemerkt, unbeeinflußt von irgendwelcher Reform;'— »vnrden doch die Rechte an die Orthodoxie gleichmäßig wie an die Liberalen verabreicht —, und mithin hätte man erwarten können, daß angesichts dessen die Liberalen, die nach Betätigung ihrer religiösen Gefühle und Förderung der Religiosität unter chrer Jugend trachten, von dem falschen Wege der Reform aörücken werden; doch weit gefehlt. Die Liberalen — allerdings bloß vereinzelt und in einer Stadt, wo der unversöhnliche Flügel der Orthodoxie seinen Sitz hat — schreiten dank der Macht der Trägheit auf ihrem alten abschüssigen Wege noch wefter; man w i l l sich und andere glauben machen, daß man durch weitere Streichungen und Aenderungen im Geigerschen Gebetbuche und durch Verminderung des Hebräischen die Massen aus ihrem Jndifferentismus ziehen und zur Religiosität erziehen könnte. Daß diese Ansicht ganz falsch ist und daher großes Fiasko erleiden wird, braucht nicht erst gesagt zu werden! Ja, man ging weiter und man entschuldigte sich sogar! . . . Doch die Liberalen sind bereits am Gipfel der Negation angelangt, und der Tag der Einkehr und Rückkehr wird früher oder später kommen müssen! Schon hören wir die Stimmen laut, die von der Pflege und Erhaltung des Hebräischen sprechen; aber auch von der Bedeutung und Richtigkeit der nationalen Idee wird bereits eifrig gesprach e n. Eine - süddeutsche jüdische Zei-