Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 38 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr 38 Odessa. In der Ersatzwahl zur Reichsduma ging der Kandidat der reaktionär-antisemitischen Gruppen, Baron -Rena, mit 756 Stimmen gegen 537 Stimmen, die auf den Kandidaten der Progressisten fielen, als Sieger hervor. — Die Gewaltakte, die diesen Sieg der Reaktion in der Hochburg des Freisinns ermöglichten, übertreffen die kühnste Phantasie. So z. B. wurden die jüdischen Hausbesitzer von Polizeibeamten besucht und aufgefordert, in ihrer Gegenwart das Wahlbulletin mit dem Namen Renos anszufüllen, widrigenfalls würden sie zu höhern Geld- und Freiheitsstrafen, wegen „Verstößen gegen die Sanitätsvorschriften" — und hier wütet doch die Cholera! — belegt werden. Die Wahlen brachten aber auch ein anderes ErgÄnis. Sie zerstörten endgültig die Legende von der Fortschrittsfreundlichkeit der russischen Gesellschaft. Wenn die erste Kurie Odessas bis jetzt in der Reichsduma von Männern des Fortschritts vertreten war, so geschah dies, weil damals die meisten Wähler Juden waren. Nachdeni es aber Tolmatschcw und seinen Helfershelfern gelungen ist, die Zahl der jüdischen Wähler durch verschiedene Machinationen erheblich herabzudrücken, war es aus mit dem Odessaer Freisinn. Für den Kandidaten der Progressisten stimmten noch nicht einmal 5°/o der christlichen Wähler. — Werden die jüdischen Vorkämpfer der russischen Freiheit etwas daraus lernen? Italien. Rom. Gegen den Schulinspektor Rafaele Salerno wurde beim Unterrichtsminister B es chw e r de e i n g e r c i ch t, denn er hat sich ' in seinem Wörterbuch für die Mittelschulen erlaubt, die Vokabel „Ebreo" (Jude) wie folgt zu erklären: „Ein Mensch, der nicht an die Lehre I. Chr. glaubt. Geldgierig. Wucherer." Der Schulrat der Provinz Livorno hat bereits beschlossen, das Buch aus den Schulen zu entfernen. Türkei. Koustantinopel. Finanzminister Djavid Beh empfing während seines Aufenthalts irr Saloniki G'roßrabbiner Meir. Der Minister äußerte diesem gegenüber den Wunsch, daß in den jüdischen Schulen neben der türkischen Sprache auch der beutsche S prach unterrich t gepflegt werde, da besonders die Juden von Saloniki die Vermittler des Handels zwischen der Türkei und den deutschsprechcnden Staaten bilden. Koustantinopel. Unter dem Vorsitze des Großrabbiners Nahoum versammelte sich letzten Sonntag der au§ 80 Mitgliedern bestehende Große Israelit. Rat. Anwesend waren 53 Mitglieder. Großrabbiner Nahoum weist auf die glückliche Lösung der finanziellen Schwierigkeiten hin und fordert besondere Pflege der türkischen und der hebräischen Sprache, sowie Modernisierung der Unterrichtsmethoden in den Schulen. Hierauf begründete Farchi die von 53 Mitgliedern des Rates gegebene Demission damit, daß ihr Mandat seit 30 Jahren nicht erneuert worden sei und daß es auch den Bctresfenden wegen zu hohen Mters, teils wegen Mangel an Zeit unmöglich ist, ihre Mandate auszuüben. Im Interesse der Nation müßten die Mandate erneuert werben. Der Grotzrabbiner habe bereits an den Staatsrat das Ersuchen gerichtet, baß die Mitglieder des Großen Rates für eine Periode von zehn Jahren gewählt werden und alle zwei Jahre ein Fünftel ausscheidet. Großrabbiner Nahoum wünscht die Ernennung einer Kommission, welche mit der Administration der Gemeinde und mit Nominierung der neuen Mitglieder zu betrauen wäre. Nach diesem Vorschläge, welcher von der Versammlung akzeptiert wurde, wurde die Kommission wie folgt gewählt: Großrabbincr Nahoum (Präsident), Jsaac Pascha Molko, Moise Dalmedico, M. Raphael Kruchi, Abraham Effendi Fresco, Elic Montias, Dr. Wellisch. Er, deffeu Urteil gerecht ist! Von M. Pulvermann. „Solange sich ausdehnt das Himmelszelt, Solange nicht wankt die Erdenwelt — — So lange werden drei Dinge fortbestehen, Und in aller Ewigkeit nicht vergehen: Das Wort Gottes, lauter und hehr, Sein strafender Zorn, wie Flammenmeer Und einer Mutter Leidenschaft, zentnerschwer!" Du weinst über den Tod deines Kindes? Deine Augen fließen über bei dem Verlust eines Säuglings, der noch nicht einmal der Mutterbrust entwöhnt war? Darum wandelst, du einsam am Ufer des Stroms, händeringend und jammernd jn der Bittcrkeft deines Herzens? Ach) gesegnet ist doch die Jugend in ihrer unverbrauchten Seelenkraft! Ja, du bist gesegnet, weil du die Leiden deiner Seele durch! einen Tränenerguß hinwegzuspülen vermagst! Doch in uns, die wir die heilige Siebzig erreicht oder gar überschritten, da sind die heilenden Quellen durch das beständige Fließen längst versiegt und vertrocknet. Darum bleibt das Leid in uns unbeweglich, und wie ein Bleiklumpen liegt es schwer in unserem Herzen. <• Aber, gepriesen sei er, dessen Urteil gerecht ist! Mit der Länge der Zeit wird das bittere Leid ein Bestandteil unserer Seele, das wir nicht missen möchten und von dem wir uns nicht trennen wollten, selbst wenn wir es könnten . .,. Nein, nein! Gewähren auch' die' Tränen eine gewisse Linderung, ich neide sie dir nicht. Damit du aber nicht gegen den Himmel dich, auflehnst in deiner Betrübnis, will ich dich daran erinnern, daß du nicht die einzige bist, die Ursache zur Trauer hat, und daß der Herr den züchtigt, den er lieb hat! Und mich hat er sehr lieb gehabt! Ein einziges Kindchen nur hast du verloren — ein winziges Geschöpfche», das noch nicht gelernt hatte, mit den Zähnchen zu beißen; doch ich, ich habe vier Kinder verloren; vier Kinder, die den Fallgruben der Kinderkrankheiten schon entgangen waren, die wie die Zedern des Libanons herangewachsen waren! Wie das geschehen war, will ich dir jetzt berichten, während wir in der Kühle des Abends dasitzen. Du brauchst aber dabei dein Weinen nicht einzustellen und kannst deine Tränen weiterfließen lassen. Ich' hatte einen Sohn, dessen Namen Jsak war — was sage ich? — nein, es war Benjamin, von dem ich dir zuerst erzählen will. Er war bereits dreizehn Jahre alt geworden, und ich hatte schon angefangen, Umschau ,zu halten unter den Mädchen der Stadt, um eine Lebensgefährtin für ihn zu wählen. Und ich trug meinen Kops hoch und durfte überall anklopfen. Denn er war ein guter Sohn, der die Lasten des Hauses auf sich genommen und die Sorgen von uns fernhielt, seitdem sein Vater von uns gegangen war, um Plätze im Paradiese für uns zu bereiten. , Und es war gerade in der Zeit der Kantonisten. Was? Du weißt nichts von den Kantonisten? Ach, ja; ich hatte cs vergessen, daß du von sehr weit zu uns gekommen bist, sogar von jenseits der Grenze, und die Kunde von diesen G'reucltaten mag dir verborgen geblieben sein. Es waren ja auch keine Begebenheiten, die Frauenohrcn gern hören; es waren Begebenheiten voller Elend, Finsternis und Herzbrechen. Aber in deiner traurigen Stimmung magst du sie mit all ihren Schrecknissen vernehmen. Damals, als der Kaiser Nicolai über Rußland herrschte, da gaben ihm seine Ratgeber den Gedanken ein, schlecht und böse, wie jener Ratschlag bei dem König Pharao in Egypten, daß er die Kinder Israels vom Erdboden vertilgen sollte. Und auch in unserem Lande war Qual und Pein über unser 'Volk verhängt worden, die den Eltern das Leben zur Hölle auf Erden machten. Aber wir murrten nicht gegen Gott; denn er richtet alles nach feinem weisen, unerforschlichen Ratschluß ein. Und mit den Kantonisten hat es sich folgendermaßen zugetragen: Die Herrscher der Provinzen, die Häupter der Städte und bie Aeltcsten der Dörfer, sahen mit bösen, neidischen Blicken auf unser Volk, dessen Nachkommen heranwuchscn und sich vermehrten, wie es der Herr in seinem Segen an Abraham verheißen. Darum sprachen unsere Feinde hinterlistig zu einander: „Lasset uns Hand legen an die Kinder, die die feste Wurzel dieser Nation bilden, um dadurch den Stamm.Zu entkräften und zur Verwesung zu bringen!" Und es wurde der grausame Befehl gegeben, daß Knaben im Alter von acht bis fünfzehn Jahren aus der Stätte ihrer Geburt entfernt und über Pas weite Reich zerstreut werben sollten. Und in jeder Stadt und in jedem Dorfe wurde ein Vorsteher bestellt, und meistens war es einer unseres Stammes, weil er die Verhältnisse der jüdischen Familien am besten kannte. Von diesem Vorsteher wurde.nun verlangt, daß er jährlich eine bestimmte Anzahl Knaben aus seiner Gemeinde abliefern sollte. Anfänglich verstanden wir gar nicht, welche schwere Plage dadurch über uns hereingebrochen war; aber später, als sich' die Kunde verbreitete, daß hier und da Kinder gewaltsam entführt wurden, da erhob sich ein Jammern und Wehklagen, daß bie Säulen des Himmels hätten wanken und brechen müssen. Am meisten hatten natürlich die Kinder der Armen und Unbemittelten zu leiden; denn ihre Eltern vermochten keine Geschenke den Machthabern zu geben, um sich bei denen beliebt zu machen, die das' Geschick ihrer Kinder in ihren Händen hielten. Und wenn die Reihe an den Sohn eines Reichen kam, dann ging dessen Väter mit einem Beutel Geld hin, um seinen Sohn durch Bestechung loszukaufen, und das Kind eines Armen wurde statt dessen geopfert. Wie barmherzig ist doch unser Gott, der die Zeiten ändert, der dem jetzigen Geschlecht seine ganze Gnäde zuwendet, daß dessen Augen nicht mehr das anzusehen brauchen, was das unselige in jenen Zeiten hat ansehen müssen. Unser Dorf liegt nämlich an der Landstraße, aus welcher die armen Kinder herdenweise, mühselig bahinzogen. Sie kanren immer zu hundert; bewaffnete Reiter rechts, links, hinter und vor ihnen, die ihre Lederknuten unaufhörlich zur Anwendung brachten. Das Stöhnen und Seufzen der Kinder war nervenzerreißend, Mark und Seele erschütternd. Sechs Knaben gingen immer in einer Reihe, in langen Soldatenmänteln gekleidet, die über die Füße herabhingen, so daß die armen Kleinen bei jedem Schritt stolperten, und ihre Rockärmel waren an eine Stange gebunden, damit keiner bei Nacht fliehen konnte, weil ja sechs an die Stange zusammcngekoppelt waren. Und von jedem Hundert, bas fortgeschleppt wurde, kehrten zwei oder drei zurück, wenn Hände und Füße, vom Frost zerfressen, gebrauchsunfähig geworben waren, oder ihre Ohren taub, daß sie nicht mehr hören konnten. > Aber das Schicksal der andern war noch vieltausendmal gräßlicher. — Meistens wurden sie, wie das Vieh, in Ställen eingepfercht, bis Geschwüre, Eiterbeulen und andere Krankheiten sie befielen, aus Mangel an Luft, Licht und Nahrung. Bei solchen, wo die Genesung noch nicht ganz ausgeschlossen war, war auch noch etwas zu verdienen, indem man sie den Bauern verschacherte, die sie zum Schweine- oder Gänsehüten verwendeten, oder sie wurden in ein Joch gespannt, um die Felder zu pflügen und zu ackern; und zwölf Knaben gingen für einen Ochsen. Jene aber, denen die Giftgeschwüre das Fleisch bis auf den Knochen zerftessen, jene wurden durch Branntwein betäubt, und in Lehmhütten gesperrt und feuchtes Stroh ringsherum cingczündet, so daß der beißende Rauch 'durch Spalten und Ritze eindrang und die unschuldige Seele aus den: morschen Leib herauspreßte. . . . Was? Du glaubst eS nicht? — Siehe, ich bin am Ende meiner Tage, und welchen Gewinn hätte ich ba, Gottesgeschöpfe so schwer zu verleumden? Glaube mir, es ist alles buchstäblich so wahr, wie ich 'es dir erzählt. Im Gegenteil! Vielleicht, daß ich es jetzt doch in einem mildern Lichte sehe, weil die Zeit den grausigen Schmerz in stille Wehmut verwandelt und es mir sehr schwer fällt, Menschenbrüder als wilde Bestien zu schildern. Aber es leben doch noch viele unter uns, denen jene Erinnerung wie ein schreckhaftes Gespenst am hellichten Tage erscheint. — Und jedesmal, wenn ein solcher Trupp durch unser Tors gezogen kam, da bebte das Väterherz und es weinte das Mutterauge, und manches Haupt ist von Kummer und Sorgen über Nacht eisiggrau geworden. Das war bas Schicksal der Kantonisten! — Und ich hatte einen Knaben Benjamin! . . . Bisher war ich ja von einer Durchsuchung meiner Kammer seitens der Kindermörder verschont geblieben. Wem ich dieses Glück, außer Gott, noch zuzujchreiven hatte, wußte ich nicht; vielleicht, weil meine Schwester bei dem Vorsteher zwölf Jahre treu gedient, so daß ihre Fürsprache mir meinen Sohn bisher erhalten. Wer bald.kam auch die Zeit, da bereits alle tauglichen Kinder der Arnren fortgeschleppt waren, und es blieben nur noch die'Knaben des Vorstehers und seiner Sippe, und — mein Sohn Benjamin. Und eines Tages kam meine Schwester händeringend und berichtete inir, daß mich für mein Kind bie Stunde gekommen sei. Der 'Jammer meiner Seele war großunermeßlich': aber ich begnügte mich nicht mit lailtenr Wehllagen, sondern zermarterte mein Gehirn, wie es doch möglich sei, gegen das böse Geschick an-' zukämpsen. An eine heimliche Flucht war ja nicht zu denken, weil doch alle Ausgänge scharf bewacht wurden. Schließlich aber war doch ein Plan gegen die Menschenfeinde in meinem Kopfe gereift. — Und in der Stille der Nacht, da mein Kind, die drohende Gefahr nicht ahnend, ruhig schlief, da weckte ich ihn aus seinem Schlummer und erzählte ihm, was uns bevorstand, und was ich zu 'tun entschlossen war. Kaum' aber' hatte ich ihm meinen Plan berichtet, da wurde er totenbleich und begann fürchterlich zu weinen: „Ach, Mutter, ich habe solche Augst!" Aber ich redete ihm gut zu, daß wir alles tragen müssen, da keine andere Rettung vorhanden ist, um dem Schrecklichen zu entgehen. So saßen wir in den Stunden der Nacht, und seine Arme umllammerten krampfhaft meinen Hals und sein leises Schluchzen erschütterte seinen ganzen Körper. Gegen Morgen wurde er ruhiger und sagte ganz gefaßt: „Geliebte Mutter, wenn Du meinst, daß es sein muß, will ich mich nicht länger sträuben, denn ich kann Deinen Kummer nicht länger mit ansehen. Mer — aber — ich — ich — fürchte mich doch so sehr, bis in den Tod!" Dann nahm ich eilig Stroh aus' dem Strohsack/ tat es auf den Fußboden, mein Sohn Benjamin, mit seinen Füßen gegen die Tür gerichtet, legte sich darauf wieder,, ich bedeckte ihn mit einem weißen