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Neue jüdische Presse · 1910-09-30 · Heft 38 (30.9.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 38 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 Bettuch, stellte ihm ein brennendes Oellämpchen zu Haüpten, und dann setzte ich mich hin und wartete. Es dauerte gar nicht lange, da hörte ich die Häscher die Stiege heraufkommen, und als-sie die Tür aufstießen, ging ich ihnen langsam entgegen und rief ihnen klagend zu: „Ihr kommt zu spät — mein Sohn Benjamin starb gerade, als die Sonne aufging. Sehet, ich habe ihn schon „abgehoben", damit die „Thara" bald erfolgen kann!" Und einer der Männer — es waren drei gekommen, um den schwachen Knaben zu bewältigen — drängte sich 'Bei mir vorbei, beugte sich nieder und hob den Zipfel des Totcntuches ein wenig am Kopfende auf, das er bald wieder fallen ließ. „Die Frau hat recht," sprach er zu seinen Begleitern, „ihr Sohn ist tot, und wir sind zu spät gekommen." Sie gingen fort. — Und ich, ich stürzte zu meinem Knaben hin, ritz die Decke empor und rief seinen Namen. Aber er gab.keine Antwort. Vor Angst und Müdigkeit war er sicher eingeschlafen. — Ich rüttelte ihn und küßte seinen Mund, da fiel sein Unterkiefer herunter, — und da sah ich, was ich nicht sehen wollte! — Und der Sarg, den die Chewra-Leute nach drei Ständen aus meinem Hanse trugen, — er war nicht leer. . Gepriesen sei er, dessen Urteil gerecht istt Aber, was ist denn mit dir? Ich habe dir doch gesagt, daß du dein Weinen nicht cinzustellen brauchst; und doch fließen deine Tränen viel langsamer für dein verstorbenes Kindchen, das noch in den Windeln gelegen! — Und jetzt will ich dir auch von meiner Tochter Esther erzählen, die unter dem Namen „Hadassa", die Myrte, bekannt war. Denn ihr Atem war süßer Duft, ihr Augenglanz ein mildes Altarfeuer, ihr Wort ein volltönender Gesang und der Hauch der Jugendblüte lag aus ihrem Angesicht im Sommer und tm Winter. Sie war damals gerade fünfzehn Jahre alt geworden, und allen, die ihre Hand begehrten — und es waren gar viele, die sic begehrten — gab sie immer nur die eine Antwort: „Ich werbe meine Mutter nie verlassen, weil seit dem Tode meines Bruders Benjamin keiner da ist, der etwas verdienen kann, — und meine Zwillingsbrüdcr sollen nicht hungern!" (Schlußfolgt.) Zum 25 jährige« Jubiläum der Sodener Kuranstalt für arme Israeliten. Wenn wir bei einem Ausflug in den lieblichen Taunus durch das alt-berühnrte Bad Soden kommen — wir haben uns in seinem schönen Kurparke an den herrlichen Anlagen erfreut, haben in dem Quellenpark die verschiedenen Brunnen gekostet und sogar „Champagner" getrunken — und wir glauben schon Soden wieder verlassen zu haben, — da lenkt ein eigenartiger Gebäudckomplcx unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wir treten näher heran und lesen die Inschriften: „Unbefugten ist der Zutritt verboten", „Besuchszeit von 5—7 Uhr lnachmittags". — Was ist denn das? — „Die Kuranstalt für arme Israeliten." - „Für arme Israeliten?" fragte mich einmal ein Spaziergänger, „warum denn gerade für diese, es gibt doch viel mehr arme Christen." Und seine Begleiterin fügte naiv hinzu: „Arme Israeliten gibts doch gar nicht." — Leider scheint es hoch welche zu geben, und verhältnismäßig gibt es viel mehr arme Juden als arme Christen." Aber darauf kommt es garnicht an. Vielmehr konimt es nur darauf an, ob sich Männer finden, die das gute Herz und den energischen Willen haben, für ihre leidenden Glaubensgenossen ihre Zeit und ihre Kraft zu verwenden. Finden sich solche Männer, dann sind die Mittel auschj Vorhänden, und dafür ist dieser Bau ein Beweis. ,Qb man ihn Wohl besichtigen darf?" fragt wohl der eine mit einem Seitenblick auf Pas Plakat. Selbstverständlich wird das gerne gestattet. Wir treten in einen weiten hellen Vorraum, der eine Flucht von Zimmern verbindet. Im Parterre finden wir das modern eingerichtete Sprechzimmer, Laboratorium und Dunkelkammer, das Wartezimmer und das Büro. Auf der anderen Seite des Ganges liegen die Küchenräume. Fleisch- und Milchküche natürlich getrennt, mit den neusten hygienischen Einrichtungen versehen. Von hier aus kommt man in den Speisesaal, einen freundlichen hellen Raum, der von 2 Seiten nur Glaswände hat und volles Licht empfängt. — Im Sommer braucht man nur die großen Fenster zju öffnen und die Patienten .speisen vollständig im Freien. Hieran schließt sich der Gesellschaftsraum. Spieltische laden hier zu allerhand Brettspielen ein, ein Flügel ermöglicht musikalische Unterhaltungen, und Zeitschriften und Bücher bieten jedem Zerstreuung. Ein Schrein mit Thorarollen erzählt uns, daß die Patienten sich hier zum Gebet vereinigen können. Im zweiten Stock besuchen wir zuerst die Liegehalle, ein weiter, breiter Raum, in dem etwa 30 Patienten Liegekur machen können. Durch seine gediegene Einrichtung wirkt dieser Raum ebenso angenehm wie durch den freundlichen Ausblick auf die grünen Fluren. Die anderen Räume dienen als Krankenzimmer, die fast alle nach Süden gehen, entsprechend den Anförberungen der modernen Hy¬ Frankfwcker JfraEWeS FamüivÄaü. giene. Dieser ist überhaupt im ganzen Bau Rechnung getragen. Ueberall fallen uns die weiten Fenster aus, die Licht und Luft in Menge einlassen. Die Fußböden sind leicht waschbar und die Ecken alle abgerundet. — Ein heller freundlicher Anstrich ruft in uns einen sympathischen Eindruck hervor. Wir kommen die Treppe herunter und lesen folgende Inschrift: „Dieser Bau wurde errichtet zum Wohle leidender Israeliten durch Freisrau Wilhelm v. Rothschild im Jahre 1900." „Natürlich", sagt der Besucher, „wenn man aus solche Hülfe rechnen Harf, dann kann man auch leicht solchen Bau hinstellen." Wodurch wurde aber die Baronin zu dieser hochherzigen Stistung veranlaßt? — Das hat seine Geschichte: Bor 25 Jahren, in den Märztagen, kamen zwei Männer aus Frankfurt ä. M. und mieteten hier einige Räume, die sie zur Aufnahme von kurbedürftigen armen Juden einrichteten. Eine Köchin besorgte die Verpflegung, ein Arzt übernahm die Behandlung, und so glaubten die Herren mit geringen Mitteln bessere Resultate zu erzielen, als wenn sie baar Geld dem Patienten aushändigten, wie sie es bisher getan hatten. Wenn sie geahnt hätten, welche Summen in den nächsten 25 Jahren umgesetzt werden würden, auch diese Männer, die an gewaltige Leistungen der Wohltätigkeit gewohnt waren, hätten wohl den Mut verloren. In den folgenden Jahren stieg die Zahl der Patienten rasch, und in den 25 Jahren sind zirka 5000 Patienten verpflegt worden. Selbstverständlich mußten dementsprechend die Räume vergrößert werden. Das Haus, das sie in der Dachbergstraße erworben hatten, war bald zu klein. Es wurden die anliegenden Wiesen angekauft und durch eine hochherzige Spende des wohltätigen Barons v. Rothschild ein Speisesaal mit Küche errichtet. — Um ein ständiges Personal zu erhalten, wurde bald auch uns Winter die Anstalt geöffnet und zu diesem Zwecke ein Stock znit Wohnzimmer auf den Speisesaal aufgesetzt. — Die Anstalt hatte während des Winters besonders glänzende Erfolge zu verzeichnen, so daß auch die Winterkur eine immer größere Ausdehnung nahm. Im Jahre 1909 stieg die Zahl der Patienten aus 21, die während des ganzen Winters verpflegt wurden. Die Notwendigkeit, eine Dampfheizung einzurichten und Differenzen mit den Allgemeinen Elektrizitäts-Werken, sowie Mangel an Wasser in der „Städt. Leitung" zwangen die Anstalt, einen Bau herzustellen, der allen diesen Anforderungen genügte. Eigene Lichtanlagen würden geschaffen, eine Dampfwäscherei damit verbunden und durch eine eigene Wasserleitung die Möglichkeit gegeben, auch die nötigen Bäder in der Anstalt herzustellen, und in diesem Jahre — gleichsam als Festgeschenk zur Feier des Jubiläums — wurde das neue Gebäude aufgestellt, in welches alle VerwaltUffgsgebäude hineinverlegt wurden. lieber die Aufbringnug der Mittel geben uns die Jahresberichte Auskunft. Ein Teil wurde durch Mitgliederbeiträge, ein Teil durch Geschenke aufgebracht, und das Defizit, das gewöhnlich nicht unbeträchtlich war, durch die hochherzigen Gaben des Barons und seiner edlen gleichgesinnten Gattin der Baronin v. Rothschild gespendet. Sie waren es auch, die die Neubauten errichten ließen. Eine Anzahl von Freibettstiftungen sind durch Tafeln am Eingang mit den Namen der edlen Spender verewigt. Großen Dank schuldet auch die Anstalt einem Wohltäter aus Frankfurt a. M., der seit piner Reihe von J'ahrpn dien ganzen Wein für . die Patienten in hochherziger Weise reichlich gespendet hat. In diesen Dagen, schließt die Dlnstalt ihre 25. Saison. Die Herren vom Borstande und die Gönner der Anstalt müssen die vollste Befriedigung finden in dem Gedanken an das, was sie geleistet haben. Diese Befriedigung ist der schönste Lohn für ihre Arbeit, die sie im Interesse der leidenden Glaubensgenossen noch Jahre lang ausüben mögen. Kunst «uv Literatur. Lord Beaconsfield (Disraeli): Contarini Fleming. Ein psychologischer Roman. Übersetzt und eingeleitet von Oskar Levh, London. S. 630. Preis 4 Ml Brsch. Berlin 1909. Osterheld & Co.. Welcher Staatsmann wird heute noch Dichter sein und welcher Dichter noch Staatsmann? Ja' wir haben heute keine großen Staatsmänner mehr und vielleicht auch keine großen — Dichter. Und wer wird heute noch einen psychologischen Roman von 600 Seiten lesen, wenn, .man" ihn nicht gelesen haben muß? Also hat Oskar Levy den vorliegenden Roman nicht für „man", sondern blos für einige wenige absonderliche Geister ins Deutsche übertragen, und diese wenigen werden Lord Beaconfields Roman kurz vor oder hinter Goethe's Wilhelm Meister, mit dem man ihn ja oft genug mit Recht verglichen hat, in ihren Bücherschrank setzen. Ein moderner Dichter würde wahrscheinlich hier und dort psychologisch richtiger die Entwicklung eines Poeten von den ersten launischen Regungen feines Seite 5. Genies im kindlichen Alter bis zur endlich errungenen Abklärung im reifen Mannesalter schildern, aber er würde sie uns nicht mit derselben Größe wie dieser Politiker darstellen können Zu diesem kosmopolitischen (ich gebrauche dieses Wort nicht wie unsere Miffionsjuden für jüdisch) Werke hat der Übersetzer ein von Sarkasmen sprühendes Vorwort geschrieben, das uns wegen seiner freimütigen Offenheit imponiert, wenn wir auch nicht überall mit ihm übereinstimmen. Gerade dieses Vorwort feffelt speziell das Jntereffe der jüdischen Leser. Im Verlag von Erich Reiß, Berlin-Westend, ist eine neue Ausgabe des weltberühmten Romans „Der Gras von Montc-Christo" von Alexander Dumas erschienen. Die Ausgabe, die ungekürzt ist, enthält 1306 Seiten, sodaß der Preis von 5 JL bei der vorzüglichen Ausstattüng als sehr billig zu bezeichnen ist. FßANKFUBTER KOMÖDIENHAUS Direktor Karlheim Martin Nene Zeil 80 — Telephon 1201 spielt von Samstag ab: täglich Der Skandal ™ _Anfang 814 Uhr, Sonntag 8 Uhr. ttaiser Friedrich Quelle -- Offenbach a. M. - Gegen Gicht und Khenmatismna bewährt. Alleiniger General Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. A., Stallburgstr. 9. Tel. 259 u. 71. Wocheu-Kaleuver. (Zeitangabe« nach dem Laach.) SamStag, den 1. Oktober (=27. Slluli: Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 40 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M 6 Uhr 50 Min., in Berlin 6 Uhr 30 Min. Wochenabschnitt: R i z o w i m. Moses ermahnt Israel, dem göttlichen Gesetze Treue zu wahren. Für die Nichtbeobachtung stellt er Strafen in Ausficht: Krankheit, Zerstreuung unter die Feinde usw. — Die Thora, das göttliche Gesetz, ist jedem „nahe", er kann ste erfüllen. Aufruf von Himmel und Erde als Zeugen, Israel das „Gute" und somit das „Leben" zur freien Wahl vorgelegt zu haben. Erew Rausch-haschonoh. Montag ist der Rüsttag zu Rausch-haschonoh. Es werden mehr Selichaus (Bußgebete) als an den vorhergehenden Tagen verrichtet. Das Schvfarblasen unterbleibt, um einen merklichen Unterschied zu machen zwischen dem bisherigen freiwilligen Blasen während ganz Ellul und jenem am Rausch-haschonoh, an dem es Pflicht ist. Der Tag sei dem Ernste und der Buße gewidmet: Aussöhnung Befeindeter, Besuch des Friedhofs, Almosenspenden, Fasten. Das Wichtigste des Tages ist die Aussöhnung Befeindeter, denn wer sich mit seinen Mitmenschen nicht versöhnt, der kann von Gott keine Verzeihung verlangen. Rausch-haschonoh. Dienstag und Mittwoch ist Rauschhaschonoh. Hiermit beginnt das Jahr 5671. Nach der Tradition ist Rausch-haschonoh auch der Tag des Weltgerichts („Jaum Hadin"); in der Thora wird er Tag des Blasens („Jaum Teruoh") genannt. “ Am Rausch-haschonoh wird unser Urteil gleichsam geschrieben, am Bersöhnungstag besiegelt. Daher unser Neujahrswunsch: „Kesiwo wachasimoh-tauwoh", gute Einschreibung und Versieglung. Am Rausch-haschonoh. mit dem die „Asseres jemei teschuwoh" (— 10 Bußtage) beginnen, gebe man sich nicht wie sonst irdischen Genüssen hin. Löblich ist's, ganz „Thillim" zu lesen. Beim Kiddusch am Abend Schehechijonu, am 2. Abend eine neue Frucht dazu nehmen. Man genieße abends Honig und Süßapfel als Symbol eines „süßen" Jahres. Der Gottesdienst beginnt möglichst früh (6 Uhr). Die Festgebete sprechen von der Huldigung Gottes a) als Schöpfer, b) als Richter. Das große Muffafgebet enthält 9 Brochaus, darin „Olenu". Rach dem Schacharis die knhaltreichen Bitten „Owinu Malkenu"; auch nach Mincho-Schmono-E., und so während der ganzen 10 Bußtage, Sabbat und Erew-Jaum-Kippur ausgenommen. Schofarblasen göttlich gebotene Pflicht. Tonarten traditionell. Nichts genießen vor dem Hören dieses Blasens, wie auch sonst nicht vor dem Beten. (Frauen und Schwache ausgenommen.) Bedeutung: Zeichen der Huldigung, Weckruf zur Buße, Erinnerung an den Widder bei Jsaks Opferung. Erinnerung an die Offenbarung. — Der Blasende sei ein würdiger Mann. Das Schofar entspreche den gesetzlichen Vorschriften. Bis zur Dämmerung darf man's hören, wenn nicht früher möglich. Rach beendeter Andacht morgens nochmals 30 Signale gebräuchlich. Es ist ein viel geübter Brauch, am ersten Tage nach dem Mincho-Gebet an einen Bach. Fluß oder See mit Fischen zu gehen und das „Taschlich-Gebet" zu verrichten. Sinn: „Taschlich", du mögest werfen

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