Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 38 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 38. frankfurter McaeWsches FanrilrenKlait. Seite 3. nischen Staatsgedankens das imp erialistis ch e römische Reich. Dieses steigert seine Macht immer mehr und mehr, sucht iminer neue Völker und Länder zu erobern, schließlich kennt es in seiner Eroberungsgier keine Grenzen, kann aber diese ungeheure Expansionspolitik nicht vertragen und stürzt infolge allzugroßer Kraftanspannung und Machtsteigerung in sich selbst zusammen. Damit ist die Antike geschlossen; auf den Schauplatz der Geschichte tritt ein neue r F a kt o r: das Christentum. (Schluß folgt.) Brief aus Rußland. Bor einigen Wochen zirkulierte in der jüdisch-deutschen Presse eine der letzten Rachrichten aus dem jüdischen Jammertal in Rußland, daß die Geißel unseres Aufklärungsministers S ch w a r z, der in seinein Ivilden Kampfe gegen den starken Bildungsdrang der Juden nicht müde und nicht matt wird, auch die in Grodno befindliches Jüdischen Pädagogischen Kurse schwer getroffen hat. Rachdenr er die s e ch s jüdischen Privatgymnasien rechtlos gemacht hatte, beraubte er auch die einzigen jüdischen Lehrerkurse Rußlands ihres Rechtes, die Hörerin Gegemvart eines Regierungsbeamten selbst zu prüfen, damit sie das irötige Zeugnis bekommen. Ich glaube, es wird den Lesern dieser Zeitung nicht uninteressant sein, etwas von der Vorgeschichte, vom Ziel und Charakter dieser Krirse zu erfahren. Mit dem Beginn der nationalen Beivcgung irr Rußland mrd des Strebcrrs nach geistiger Wiedergeburt entstand auch die Erkenntnis, daß, um eine solche Wiedergeburt zu bewirken, die Lehrstättcn, wo unser junges Geschlecht erzogen und belehrt ivird, eine völlige Reform im besten Sinne des Wortes erfahren müssen. Die alten Jugcndcrziehcr (die Melamdim) mit ihren weltfremden Anschaltungen des Lebens und den veralteten Lehrmethoden mid den inittclalterlichen Unterrichtsmitteln können unmöglich ciir neues, menschlich vollkonnnenes und national kräftiges Geschlecht heranbilden. Es müssen neue Erziehnngsstätten und moderne Bildnngssormen geschaffen werden. Aus dieser Idee entsprang damals der „C h c d c r m ethnka it", eine auf der religiös-nationalen Basis des alten Cheder nach den neuen kulturellen, pädagogischen und hygienischen Anforderungen anfgerichtete hebräische Schule. Run entstand gleichzeitig die unvermeidliche Frage: Woher für die neuen Schulen die nötigen Lehrer nehmen? Mit dem kleinen Kontingent der autodidaktisch gebildeten Lehrer oder der sozusagen iinprovisorisch umgcsormtcn alten Melamdin war nicht viel gedient. Eine Institution zur Heranbildung jüdischer Lehrer tat not. Zwar gibt cs ja ein jüdisches Lehreriilstitut in Wilna, ein verkümmertes Ucbcrblcibsel des ehemaligen Rabbinerscminars daselbst; dieses ist aber nur dem Namen nach jüdisch, seinciil Geiste uns seinen Tendenzen nach ist es ein durchaus russis ch e s Gebilde, dessen Zöglinge die hohe Aufgabe erhalten, die jüdische Jugend zu russifi^ zieren . . . Das Wilnaer Lehrerinstitut steht im Verruf beim Volk als etwas Fremdes, von außen her ihm Aufgedrängtes, geradezu Feind liches, >vie überhaupt alles, was an die mcskilisch-assimilatorische Epoche erinnert. Ein derartiges negatives Element, aus welchem das Wilnaer Institut besteht, kann natürlich nichts positiv Jüdisches schaffen. Einer der bekanntesten und tüchtigsten Zionisten Rußlands, Herr Bezalel Jaffe aus Grodno, befaßte sich eifrig uird unablässig mit der Lösung dieses nationalen Problems. Ein solches ernstes Unternehmen hat seine finanzielle Schwierigkeit, und hierzulande vor allem die fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, wclche,.seitens der Regierung jedem kulturellen Werk, geschweige denn einem speziell jüdischen gemacht werden. Große Anstrengungen wurden gemacht, um eine Erlaubnis zur Gründung einer jüdischen Lehrerbildungsanstalt bei der Negierung auszuwirken. Einstweilen wurden hier in Grodno alljährlich zehn junge Leute stipendiert, um sich privatim in den nötigen Fächern für das Elementarlehrer- Examen vorzubereiten. Rach langjährigem Bemühen gelang es denn vor 3 Jahren, die erwünschte Erlaubnis zu erlangen. Die Erlaubnis ist auf den Namen der Gesellschaft zur Verbreitung von Aufklärung zwischen ''den russischen Juden gegeben worden, und von derselben wird auch die Anstalt ausgehalten. Jedes Jahr werden 30 junge Leute im Alter von 20 bis 30 Jahren aufgenommen, oie in der Anstalt ztvei Jahre bleiben und alles Nötige bekommen. Sie bringen sämtlich einen beträchtlichen Schatz von jüdischen und allgemeinen Kenntnissen mit und sind geistig gut entwickelt; hier wird ihr Wissen systematisiert und vervollständigt, und hier bekommen sic eine regelrechte theoretische wie praktische Pädagogische "Ausbildung. Fast alle sind sie uationalbewußte Juden, die ihr Wissen und Können in den Dienst des Volkes' zu stellen bereit sind, >oie überhaupt hier der nationale Geist und die hebräische Sprache vorherrschend sind; manche allgemeine Fächer, wie Naturgeschichte und Cheniie, nicht zu sprechen natürlich von der hebräischen Literatur und jüdischen Geschichte, werden im Hebräischen n n t e r r i ch t e t. Das Verhältnis zwischen Leitern, Lehrern und Schülern ist ein überaus freundschaftliches, und dadurch Ivird die gedeihliche Entwickelung der Institution stark gefördert. Die Zöglinge haben volle Freiheit in ihrem privaten wie religiösen Leben, welch' letzteres freilich einen Anlaß zur Unzufriedenheit der streng Orthodoxen mit der Gründung gegeben hat. Im allgemeinen jedoch hat sich diese junge Anstalt bereits die vollste Sympathie der russischen Juoenheit erworben. Die Absolventen des ersten Entlassungsjahres haben sämtlich sofort Anstellung bekonunen, und aus vielen Städten und Gemeinden wendet inan sich hierher mit der Bitte, ihnen Lehrer von hier zu schicken. Ebenso sind die G r o d n o e r Kurse unter der Jugend sehr populär geworden: aus den entferntesten Punkten Rußlands kommen hierher meist sehr begabte und entwickelte junge Leute, darunter auch solche, die bereits eine mehrjährige Lehrpraxis oder sogar eine literarische Vergangenheit hinter sich haben. Es melden sich Kandidaten zu Hunderten, von denen kaum dreißig Aufnahme finden können. Nun hat unser schwarzer Aufklärungsministcr auch dieser jüdischen Bildungsinstitution den Eselssußtritt versetzt. Diese ganz unerwartete Verfügung brachte die Verwaltung in große Verlegenheit. Zahlreiche Absolventen haben bereits Lchrcrstellen bekommen, können aber ihre Stellen nicht cinnehmen, da sie hier sitzen und warten müssen, bis sie an einein Reggierungsgymnasium von neuem geprüft werden. Viele werden selbstverständlich wegen der Verspätung auch ihrer Stellen verlustig werden. 8. S. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die Synagogengemeinde „Israelit. Religionsgesellschaft" teilt uns mit, daß auf Ersuchen ihres Rabbinats eine Verfügung des Königl. Generalkommandos ergangen ist, wonach die im Bereiche des 18. Armeekorps die z n m 13.' Oktober einberufenen j ü d. Rekruten mit Rücksicht auf das Versöhnungsfest erst am 14. Oktober einzurücken brauchen, sofern sie einen entsprechenden Antrag bei dem zuständigen Bezirkskommando stellen. Frankfurt a. M., 29. Sevt. Heute vormittag traf Herr Rabbiner Dr. Nobel von Hamburg hier ein. Zum Empfang haten sich Vertreter des Vorstandes und des Ausschusses der Israelitischen Gemeinde, der Ritualkommission und des Synagogenkomitees der Synagoge am Börneplatz auf dem Hauptbahnhofe versammelt. Die Herren fuhren .ht vier Equipagen nach dem Hotel zum Schwan. Herr Rabbiner Dr. Nobel wird seine "Antritts- Predigt morgen Abend halten. Wiesbaden. Am 29. d. Mts., um 6 Uhr abends, fand die Einweihung der Synagoge des Talmud-Thora-Bereins (Nerostraße 16) statt. Ein zahlreiches Fremdenpublikum füllte die freundlichen, Hellen, gefällig ausgestatteten Räume. Nach dem Solo-Vortrag des Mah-Tauwuh durch Felix Gold sch midt wurde das Minchagebct von I. F. A k t u a r j u s verrichtet. Den üblichen Psalmen, dem Königsgebete und dem Vortrag des Uvenuchau folgte sodann die Festrede, gehalten von Dr. Ratner. Von dem Wochenabschnitt Ki-sowau ausgehend, unterzog der Redner den Tempelbau Salomonis in "Anlehnung an Traktat Sabbat 30a einer eingehenden Betrachtung und schloß mit einer beachtenswerten exegetischen Erklärung des Ausspruches „Lepum Zaaroh agroh", sowie des Jechadschchu-Gebetes. Nachdem noch einige Psalmen rezitiert waren, trugen I. F. Aktuarjns und Felix Goldschmidt den Psalm 150 vor. Das Mariw-Gebet schloß die erhebende allseitig befriedigende Feier. Möge die neucingeweihte Vercinssynagoge, die auch gleichzeitig als Bet-Hamidrasch dient, wirken lehagdil Thauro ulhaatiro! H. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Die israelit. obthod.Landeskanzlei hat sich an den Obergespan des Z e m p l e n e r K o m i t a t s gewendet, um über die angebliche Blutanklage in Nagykövesd Informationen zu erhalten. Der Obergcspan teilte der Landeskanzlei mit, daß die aus dieser Affaire entsprungenen -Aufregungen nur durch die sensationslüsternen Meldungen der konfessionellen Presse entstanden seien. In der Gemeinde herrsche Ruhe und Ordnung, und der nüchterne Sinn der Bevölkerung vereitle das Werk fremder Aufwiegler. Lemberg. Die neuerliche Verschiebung der Enquete betreffs der galizischen Juden not hat nicht bloß den politischen Schwindel der maßgebenden Kreise Galiziens in seiner ganzen Erbärmlichkeit an den Tag gebracht, sondern soll auch manches Positive nach sich gezogen haben. Dem Vernehmen nach will die „Jca" eine Hilfsaktion e i n l e i t e n. "Auf Anraten der Wiener „Allianz" hatte sic es' vorgezogen, mit der Einberufung einer Konferenz bis nach 'der Enquete zu warten, damit der galizischen Landesregierung nicht der Wind ans den Segeln genommen wird. Nun aber, da die Enquete wiederum auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, will die „Jca" nicht länger warten, zumal die akute Schänkersragc ein sofortiges Eingreifen erfordert, und geht jetzt daran, nächstens eine Konferenz der verschiedenen Gesellschaften, wie „"Allianz". „Israelitische Union", „Hilfsvcrein der deutschen Juden" und „Hilfsvcrein der galizischen Juden", nach Lemberg einzuberufen, an der sich wahrscheinlich auch der Vorstand der Pariser „Jca" und Vorsteher anderer großer Organisationen persönlich beteiligen werdcn. Dce Beratungen dieser Konferenz sollen dem "Ausfindigmachen von neuen Arbeits- und E r w e r b s m ö g l i ch k e i t e n für die elenden galizischen Juden gewidmet sein. Zieht man die enormen Kapitalien, welche der „Jca" zur Verfügung stehen, sowie die ernste Absicht, die man bei ihr im Gegensatz zur galizischen Landesregierung vorausseheu muß, den Juden tatsächlich zu helfen, in Betracht, so darf man von dieser Aktion vieles erwarten. Triest. Nicht nur, daß es dieses Jahr nur wenige schone E s r o g i m gibt, haben überdies noch die griechischen Hänoler wiederum ein Kartell geschlossen und die Preise stark in die Höhe getrieben. Palästina-Esrogim sind weniger vorhanden als im vorigen Jahre, wohl eine Folge der „Schmittah". Großbritannien. London. Carl Stettaner. der sich jetzt in Sachen der I t o aufhält, deveschicrt, daß die Schritte, die seitens des amerikanischen Komitees der Jto zur Beseitigung der ,E in Wanderungsbeschränkungen .. in Galve st o n , unternommen wurden, erfolgreich waren und — wie es scheint — die gesetzlichen Bedenken, die mit Bezug auf das Werk der Jto erhoben, zugunsten derselben beseitigt werden. Tie Zahl der Immigranten, die mit Hilfe der Jto bis jetzt in Galveston Einlaß gefunden haben, beläuft sich auf 2500. Rußland. Petersburg. Das Handelsministerium hat eine 1 Gesetzesvorlage wegen Regelung der Emigration ausgearbeitet. Nach dieser Vorlage soll ein wichtiges Hemmnis der Auswanderung, wie es in der Notwendigkeit, einen überaus teuern Auslandspaß zu lösen, gegeben war, beseitigt werden. Dieses Privilegium soll jedoch nur denjenigen Emigranten eingeränmt werden, die ein russisches Schiff benutzen. Im Falle der Rückkehr muß ein derartig vrivilegiertcr Emigrant gleichfalls ein russisches Schiff benutzen, sonst g"ht er seines Vorrechts verlustig und muß für die aanze Zeit seines Aufenthalts im Auslände die übliche Paßabgabe (30 bzw. 40 Rubel pro Jahr) - entrichten.