Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 38 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. die mit Hilfe der materiellen unb moralischen Unterstützung seitens ihrer ausländischen Mitglieder das Franzosentum überall in die Welt zu verpflanzen hat. Und wer die' eäsariftische, wie auch russische auswärtige Politik Frankreichs kennt, der wird cinsehen, daß auch in seiner verwerflichen Finanzpolitik gegenüber der verjüngten Türkei die jüdischen Finanziers Frankreichs die ersten sein werden, dje Helsersdicnste leisten. Bezüglich der Juden Amerikas hat dieses Jahr trotz der konservativen Regierung Tafts keinerlei Verschlechterung auf dem politischen Gebiete gebracht. Was Amerika gibt, wird mit vollen Händen gegeben, und auch, ohne eine Gegenforderung, wie nationale oder religiöse Preisgabe zu verlangen. Schon deshalb nicht, weil Amcribl überhaupt keine Vergangenheit hat. Und daß der noch im Werden begriffene Amerikanismus keinen moralischen Anspruch auf Aufgchcn alter, moralisch viel höher stehender Nationalitäten, >pie die jüdische es ist, hat, wird wohl sogar ein Taft, geschweige denn Nooscvelt, ohne weiteres zugcstehen, Gaynor hat cs unlängst bereits freimütig zugestanden. Und doch, doch hindert nicht das ausgezeichnete Verhältnis zu den Juden daran, deren Einwanderung mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern. Im Stolypin'schen Eldorado Rußland hat sich nichts Erfreuliches in diesem Jahre ereignet: ein dumpfer, erschöpfter Verzwciflungsschrei kommt zu uns von diesem verpesteten Zuchthaus herüber, lauter Hiobspostcn sind zu uns tagaus tagein das ganze Jahr hindurch gedrungen, auf allen Gebieten des jüdischen Lebens werden dort unsere Brüder buchstäblich geknebelt, systematisch werden sie materiell wie geistig ausgehungert, um sic aus dem Lande hinauszudrängen, — und es ist gar nicht abzuschen, wie und wann die vcrzweiflungsvolle Lage unserer dortigen Volksgenossen eine Aenderung zum Besseren erfahren wird. Soweit die gesamte politische Lage unserer Brüder allerorts; über die geistigen, rein jüdischen Zustände innerhalb der Judenheit das nächste Mal! Aus -er Wett der Gedanken. Von Ben Kohelcth. IV. Die jüdische Wissenschaft. „Jüdische Wissenschaft"! „Was," höre ich unsere rückgratslosen Kosmopoliten und mitleidstriefende Allerwcltsphilanthropen schrein, „jüdische Wissenschaft, das ist der Gipfel zionistischen Wahnwitzes! Nachdem diese Chauvinisten bereits die Forderung einer jüdischen Kunst, einer jüdischen Musik, sogar einer jüdischen Philanthropie erhoben haben, verlangen sie nun auch eine jüdische Wissenschaft. Als ob Wissenschaft auch national wäre!" Ruhe, meine Herren, wir fordern nationale Kunst, nationale Musik, nationale Philanthropie, well es alle Völker haben und auch wir dessen bedürfen, und aus demselben Grunde verlangen wir auch eine jüdische Wissenschaft. Denn auch die Wissenschaft ist national. Die Märe von dem «nationalen Charakter der Wissenschaft ist noch ein Ueberbleibsel des 18. Jahrhunderts, das von allen Völkern bereits überwunden ist, das aber einem beträchtlichen Telle unseres Volkes noch sehr durch die Köpfe spukt. Ja, auch die Wissenschaft ist national; es gibt überhaupt kein Gebiet des Lebens, das der Souveränllät des Nationalen verschlossen wäre. Diese Tatsache ist nicht etwa eine willkürlich ausgesprochene Behauptung, sondern etwas tief in der Menschennatur Begründetes. - Kein Mensch, auch der Gelehrte nicht, wird in seiner Tätigkeft nur vom Verstände geleitet. Vielmehr wirken auf ihn noch tiefere, primäre Instinkte und Empfindungen ein, die auch meistens den Verstand in eine ganz bestinimte Richtung lenken. Diese primären Empfindungen und Instinkte Fvarckfuckr JfraÄkkiWes FarmlisnblaL sind aber mit dem Stempel des Nationalen» behaftet und setzen sich zum großen Teil aus allen Volksgeiwssen gemeinsamen Instinkten zusammen, die teils von Urzeit her gegeben, teils aber im Laufe der Geschichte erworben sind. Diese nationalen Instinkte geben allen geistigen Tätigkeiten und wissenschaftlichen Forschungen der Mitglieder dieses Volkes ganz bestinnnte Eigenarten, die sich dann in der gesamten Wissenschaft des Volkes bemerkbar machen und ihr eben ihren nationalen Charakter verleihen. Und ebenso wie die Wissenschaft das letzte Produkt aller Kulturcntwicklnng ist, so stellt auch die Wissenschaft den erhabensten Ausdruck der nationalen Kräfte eines Volkes dar. Und gerade bei uns Juden, dem „Am Hascfcr", war eine nationale Wissenschaft stets das höchste Ideal gewesen; das schönste, was unsere Propheten von der erhofften messianischen Zeit erzählen konnten, war „Umiziaun tezch tauroh, udwar adaunai mijeruscholaim". Solange wir als freies, gesundes Volk auf eigenem Boden lebten, hatten wir auch eine nationale Wissenschaft, die alle Gebiete des Lebens umfaßte. Auch durch die ganze Zeit des Goluth hindurch, bewahrten wir unsere nationale Wissenschaft, nur Ivar diese, seitdem wir in den Mauer» des Ghetto eingezwängt waren, innerhalb enger Grenzen gebunden, umfaßte nicht das gesamte Leben, beschränkte sich größtenteils auf das spezifisch Jüdische, war zu jüdisch, zu national. Und als wir aus dem Ghetto hinaustraten, da eirtwickclte -sich wohl eine mo-. dcrnere jüdische Wissenschaft, aber auch sie war zu eng, umfaßte nur jüd. Stoffe, nennen wir sie: doch bezeichnenderweise auch „die Wissenschaft des. Judentums". Doch jetzt, da wir in unserem geistigen Schaffen das Goluth abwerfen wollen, da wir eine jüd. Renaissance anstrebcn, jetzt gilt es auch die Grenzen unserer Wissenschaft zu erweitern, alle Gebiete der modernen Kultur zu umfassen, eine vollständige Wissenschaft zu schaffen, die den Söhnen unseres! Volkes alles gibt, was sie bedürfen und sie nicht, zwingt, ihre Wissensbcgicrde an den Quellen anderer Völker zu stillen Gewiß, ich weiß, eine solche Wissenschaft wird im Goluth nicht geschaffen werden können, dazu bedürfen wir vorher auch politisch und sozial einer Regeneration im Ahnenlande, aber das Fundament karm schon im Goluth.gelegt, der Beginn schon in der Diaspora gemacht werden. Dazu bedarf cs nur selbstbewußter Inden, deren ganzes Wesen von jüdischem Fühlen und Denken erfüllt ist, die ihre jüdische Eigenart auch in ihren wissenschaftlichen Forschungen und g cistigenSchöpfungen bewahren. Solche Juden besitzen wir heute nur in geringer Zahl. Selbst der größte Teil unserer national-jüdischen Denker halten noch an jenem unseligen und unsinnigen Grundsatz der Haskalah fest: Jehi jehudi beauholechoh, weodom bezcisechoh! (Sei Jude in deinen Zelten, und Mensch bei deincin Ausgehen!) Dieser Zustand ist auch die eigentliche Ursache jenes inneren Zwiespaltes, jener seelischen Zerrissenheit, die man heutzutage oft an den Besten unseres Volkes wahrnimmt, über die unsere Jugend so oft schon geklagt hat. Erst.wenn der jüdische Denker auch in seinem wissenschaftlichen Denken Jude bleiben wird, wenn er von seinem jüdischen Wesensinhalte in keinem Augenblicke seines Lebens «blassen wird, erst daim wird er jene innere Einheit, jene seelische Harmonie gewinnen, die ihn erst zu großem Schaffen befähigen wird; daun wird er aber auch wissenschaftliche Schöpfungen in jüdischem Geiste schassen und so dm Grundstein legen zu der ersehnten jüdischen Wissenschaft. * * * Von diesem Gesichtspunkte aus begrüße ich ei» Werk auf das wärmste, das vor kurzem erschienen ist, und das als eines der ersten Werke der jüdischen Wissenschaft gelten kann. Der Ver- Rr. 38 sasser des Werkes ist der Mitarbeiter dieses Blattes, Dr. S. M. Mel am cd, das Werk führt den Titel: „Der Staat im Wandel der Jahrtausende".*) Dem Titel nach zu schließen, ist das Werk ein ganz allgemeincs, dem Geiste nach, der es geboren hat, von dcnr es getragen wird, ein durchaus jüdisches. In gewissem Sinne kann man das Werk als einen Anti-Chamberlain bezeichnen. Sucht dieser von gernianischem Größenwahnsinn beherrschte, mehr phantastisch-romantische als wissenschaftliche Schriftsteller den Semiten im allgemeinen, den Juden im besonderen alle Bedeutung für die Kulturentwicklung abzusprcchcn und die Arier um so höher zu erhebe», so untcrnimmt Tr. Melamed fast das Gegenteil. Er sucht nachzuweisen — in seinem Buche aus dem Gebiete der Staatsphilosophie —, daß die Semiten uiü> speziell die Juden das eigentlich befruchtende Element der Geschichte sind. Allerdings — dies sei von vornherein zum Schutze des Autors vor etivaigen Angriffen gesagt — ist Dr. Melamed in seinem Eintreten für die Semiten nicht so radikal, wie Chanlberlain in der Verherrlichung der Arier, auch spricht er nicht den Ariern so sehr alle Bedeutung ab, lvie Chamberlain es den Semiten gegenüber tut; täte er dies, so hätte sein Werk nicht mehr wissenschaftlichen Wert als Chamberlains Epopöe; er ist viel gerechter, objektiver, wenn er auch hier und da in seiner Charakterisierung der papistischen Kirche vielleicht etwas zu scharf ist. Der Grundgedanke, der das ganze Buch durchzieht und ihm seine innere Einheitlichkeit verleiht, ist etwa folgender: In der antiken Welt stehen sich zlvei diametral entgegengesetzte Weltanschauungen gegenüber: die jüdische und die heidnische. Die heidnische ist vorwiegend an der Natur orientiert, die jüdische an dem Gedanken einer absoluten Gottheit. Aus dieser Tatsache ergeben sich verschiedene notwendige Konsequenzen: Aus der Vorstellung einer großen Anzahl von Götterir ergibt sich für oeu Heiden der notwendige Antagonismus unter den Völkern, das politische Chaos, der Krieg aller gegen alle. Im Gegensatz dazu stellt das Judentum dem einzigen Gotte die einzige, geeinte Menschheit gegenüber, es vertritt das Ideal der Eintracht, das Prinzip des Friedens. Aus der Vorstellung der Schöpfung des Menschen durch Gott folgt für denselben das Bewußtsein inneren Stolzes, innerer Freiheit; demgegenüber verficht das Heidentum das Prinzip der Sklaverei. Da die absolute Gottheit in sich das Recht verkörpert, wird dasselbe zum Leitprinzip alles menschlichen Lebens; der Mensch muß sein Leben nach den Geboten des Rechtes, der Ethik einrichtcn; die Menschen aber leben im "Staate; so wird der Staat nach der Ansicht des Judentums zum Verwirklich er der Ethik, die Forderungdes Rechts st aates. wird zum ersten Male in der Geschichte erhoben. Das Heidentum jedoch, lediglich an der Natur orientiert — und in der Natur gilt nur das Gebot der M acht — vertritt auch das Prinzip der Macht und schafft den M a ch t st a a t. Der Kampf dieser zwei diametral sich gegenüberstehenden Auffassungen vom Wesen des Staates bildet den wichtigsten Tell der Geschichte des Staatsgedankens. Diesen Kampf in der Geschichte der Kultur zu verfolgen, ist die eigentliche Aufgabe des vorliegenden Werkes. Im Altertum stehen denr jüdischen Rechtsstaat — der ein Produkt des Geistes ist und, vorher in der Wüste konzipiert, schon fertig in das Land hineingetragen wird — anfangs die griechischen sich bekämpfenden individualistischen Kleinstaaten gegenüber, dann aber in vollendeterer Ausbildung des heid- *) Dev Staat im Wandel dex Jahrtausende. Studien zur Geschichte des Staatsgedankens von Dr. S. M. Melamed. Stuttgart, Ferdinand Enke. 1910. 303 S. Preis 11 Mk.