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Neue jüdische Presse · 1910-09-30 · Heft 38 (30.9.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 38 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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SttttnfLfntict MulitWes fmiilieililiitt. I*". :-- > Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro Viertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,80, sonstige Länder Mk. 2.— I Im. .. HedaKttorl ««d chsschäftsDette: SranKfurl s. ly., vilbelerstraße 4/6» Ecke Lleichstraße T-ref-» 10507. Aevausgebev: Karg , -—! Jnsertionspreisr: Die viergespaltene Petitzelle. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz» und Daten-Vorschrtft ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. ' Freitag, den 26. Ellul 5670 (80. September 1910). Rr. 38. 8. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Das Jahr 5670. — Aus derWelt der Gedanken. — Brief aus Rußland. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Er, dessen Urteil gerecht ist! — Zum 25 jährigen Jubiläum der Sodener Kuranstalt für arme Israeliten. — Kunstund Literatur.— Woch en-Kal end er. — Familiennachrichten._ Das Jahr 5670. i. Was brachte uns das dahingegangene Jahr? Nach außen politisch nur geringe Veränderungen: Bülows Abgang bedeutet für uns in Deutschland eine kleine Verschlechterung; hat doch mit seinem Sturze der liberale Einfluß der bürgerlichen Parteien auf den Gang der Regierungsgeschäfte aufgehört und dieser Umstand die Juden, die während der Bülowschen Aera zur Regierung hielten, in die Apposition gedrängt, in eine Opposition, die dank der Prinzipienreiterei der Sozialdenwkriet hier einstweilen und lange noch von der Leitung des Reiches ausgeschaltet ist. In O e st e r r e i ch hat sich die Lage der Juden eher um ein weniges verschlechtert als verbessert. Der Streit der Nationalitäten hat der christlich-sozialen Partei Gelegenheit gegeben, im Trüben zu fischen und ihre auch ohnehin große Macht noch zu verstärken; vielleicht wird jetzt infolge der Verständigung der Tschechen mit den Deutschen einerseits und der fehlenden bewährten Hand Luegers andererseits eine Schwächung der Christlichsozialen und dadurch eine geringe Besserung der Lage unserer Brüder eintreten; allerdings hängt diese Besserung noch 'von anderen Faktoren ab, in erster Linie von der Haltung der Juden heit selbst, von deren Geschlossenheit und Entschlossenheit, als nationale Einheit mit festem Willen und begründeten Ansprüchen aufzutreten. Auch in Ungarn ist die politische Lage fast unverändert, nach wie vor genießen die Juden die bürgerlichen und politischen Rechte, sofern sie überhaupt in chauvinistischen Ländern Rechte zu genießen pflegen. Eine kleine Besserung ist seit dem Sturze der hypermagyarischen, chauvinistischen Koalition eingetreten, an deren Stelle das Ministerium Khuen-Hedervary getreten ist- Aber auch in Ungarn zeigten sich deutlich die großen Nachteile der Rückgratslosigkeit und Ungeschlossenheit der Judenheit; auch in Ungarn wäre viel mehr zu erreichen, wenn die dortige Judenheit mehr Ehre im Leibe, mehr Selbstbewußtsein im Hirne hätte. In der verjüngten Türkei erfreuen sich die Juden fast voller, uneingeschränkter Rechte, und die Behandlung, die ihnen seitens der jungtürkischen Regierung zuteil wird, steht in keiner Weise der der anderen Nationalitäten nach; zwar hatten die Juden vor den anderen in machem bevorzugt werden sollen, einerseits als Stammesverwandte, deren Interessen nicht nur nicht mit den türkischen kollidieren, sondern sich in manchem ergänzen, andererseits, weil die anderen Nationalitäten nicht ungefährliche Aspirationen im Busen tragen, was bei den Juden keinesfalls zutrisft; allein Privilegien werden nirgends, auch in den demokratischsten Staaten, nicht einmal immer oen eigenen Volksgenossen freiwillig erteilt, die müssen ganz einfach gefordert werden. Um aber mit Forderungen austreten zu können, dazu gehört eine einheitliche, fest geschlossene Nation, was die türkische Judenheit einstweilen noch nicht ist, wenn sie auch auf dem besten Wege ist, es zu werden. Auch darf nicht vergessen werden, daß die Jungtürken den mißtrauischen, fanatischen Alttürken und Arabern gegenüber sich chauvinistisch gebahren müssen. Und überdies muß man dessen eingedenk sein, daß die verjüngte Türkei noch gar nicht zur Ruhe gekommen ist; der Unverstand von innen und der krasse Egoismus chrer guten Freunde, Rußland, Frankreich und England, von außen sorgen schon dafür, daß die Türkei überhaupt nicht zur Ruhe kommt. Was die Juden Englands betrifft, so hat sich deren Lage im verflossenen Jahre in keiner Weise verändert; zwar verriet die Haltung der Juden beim Ableben Eduards — die überschwänglichen Trauerkundgebungen fiir den dahingegangenen Monarchen und die Huldigungserklärungen für den neuen König — eine gewisse Nervosität und Acngstlichkeit, allein diese Angst war nicht etwa ein Ausfluß gegebener Tatsachen, sondern sic beruht einzig und /allein einerseits auf den eingewurzelten, ererbten Vorurteilen der christlichen Welt den Juden gegenüber, anderseits auf der irrigen, von der antisemitischen Christenheit den Juden selbst suggestierten Anschauung von deren Schlechtigkeit und Minderwertigkeit, die eine völlige Emanzipation der Juden als unmöglich erscheinen läßt. Es bliebe noch die Politik Englands überhaupt, die doch Jahrzehnte hindurch für den menschlichen Fortschritt und Humanität tzn allgemeinen fördernd und für die Judenheit insbesondere bisweilen hilfreich war. Doch seitdem England um die Erhaltung seiner Machtsphäre ängstlich zu werden und dem Zarismus nächzulaufen begann, seitdem hörte es auf, für uns Inden und den Fortschritt von Interesse zu sein. Die Schwenkung Englands nach der von Blut strömenden Newa hin, die unter der glorreichen Regierung Eduards VH. begann, hat unter Georg IV. nicht aufgehört, und mithin kann die Politik Englands uns nur gleichgiltig sein! Was Italien betrifft, so ist für diejenigen Kreise in der Judenheit, die das Allerhöchste und Schönste für uns Juden in einer Emanzipation, die bis zum Ministerposten reicht, erblicken, das goldene Zeitalter für die Juden Italiens berefts eingetreten, denn deren Lage läßt nichts mehr zu wünschen übrig. Ist doch der Jude Nathan das Oberhaupt der heiligen Stadt, wo der Stuhl Petri steht, und von wo die Zerstörung Judas und die nachherige tausendjährige Verfolgung und Massakrierung des jüd. Volkes ausgegangen ist; und der Jude Luzzati ist das Oberhaupt des ganzen Landes (allerdings von Giolottis Gnaden . . .) Allein für uns hat eine Emanzipation auf Kosten des Judentums keinen Wert. Daß der Jude staatsmännische Fähigkeiten besitzt, dazu bedürfen wir nicht der Ministerpräsidialschaft Luzzattis als Beweis; schon Chisdai ibn Schaprut unter den Kalifen Al Rachmon und Al Chakin, und Samuel Hanagid unter Chabus und Badis, wie auch später Abarbanel unter Ferdinand und Jsabella, so auch Don Josef Naxos und viele andere haben schon längst Zeugnis von unserem Können abgelegt. England besitzt ebenfalls jüdische Minister; Bradford hat sogar einen zionistischen Lordmayor! Allein die Juden Englands sind doch mehr als Juden dem Namen nach, schon deshalb mehr, weil England mehr konservativ als irgend ein anderes Land Europas ist. Es gibt noch weitere Gründe, auf die wir noch zurückkommen werden, doch hier sei nur die Tatsache konstatiert. Auch die Juden Frankreichs sind einstweilen — vielleicht solange keine zweite Dreyfusaffäre vorfällt — in vollem Besitze chrer Rechte, wenn sie auch keinen Ministerpräsidenten aus ihrer Mitte stellen; vielleicht weil zuviel markante christliche Staatsmänner da sind, vielleicht aber auch aus Rücksicht auf den lieben Verbündeten Rußland; allein hier wie überhaupt in allen romanischen Ländern geschieht die Emanzipation der Juden meistens aus Kosten des Judentums; auch die Juden Frankreichs sind bald mit ihrem Judentum zu Ende. Besonders Frankreich hat sich im Aufsaugen des jüdischen Volkstums hervorgetan. Schon mit der Verleihung der Menschenrechte an die Juoen unter Mirabeau, noch während der erste Rausch von der völligen Gleichheit und Verbrüderung alle Herzen und Hirne beherrschte, noch damals bildeten die Juden die einzige Ausnahme, indem man ihnen die allgemeinen Menschenrechtemitderstillschweigenden Voraussetzung des Anfgehens in das damals kosmopolitische Frankreich verabreichte. Und als bald darauf der große Napoleon zur Regierung kam, da war es ihm noch nicht genug damit, daß die Juden Frankreichs im Franzosentum aufgehen, sondern er ging noch weiter, er verlangte, daß die ftanzösischen Juden die Judenheit der gesamten Diaspora im Ausgehen mitreißen; das sogenannte napoleonische „Sanhedrion" (große Synode), das als Behörde Napoleons' gedacht war, war doch in erster Linie dazu bestimuft, die übrige Judenheit zu bevormunden und auf den Weg des llntergehens zu lenken. Und was das damalige starke, weltbeherrschende Frankreich von seinen Juden verlangte, dies fordert das heute nicht mehr so starkennddaher chauvinistische Frankreich in erhöhtem Maße; heute ist es die „Alliance Jsraelite Universelle", die die Judenheit bevormunden und gängeln soll; sie ist es.

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