Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 37 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. 37. Seite 3. Karckfiücker FfrüelrtisPes FcttnMnölE. Persouatteu u. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Ein Vertreter des Warschauer jüdischen Jargon-Tageblattes „Hajnt" wurde dieser Tage von dem berühmten Gelehrten Professor vr. Ehrlich empfangen. Nach einem Hinweis darauf, daß das bakteriologische Institut, in welchem Professor Ehrlich arbeitet und seine aufsehenerregende Erfindung gemacht hat, eine Gründung der jüdischen Familie Speyer ist, daß ferner der Regierungsvertreter im Institut vr. Kahn gleichfalls Jude ist, schildert der Korrespondent sein Gespräch mit Professor Ehrlich wie folgt: »Ich interesstere mich", so äußerte der berühmte Gelehrte, »sehr wenig für all die nationalen und politischen Fragen. Ich bin politisch indifferent und ganz meinen Studien ergeben, ich bin aber, wie meine ganze Familie, stolz auf mein Judentum. Meinem Schwager, vr. Weigert wurde ein Professur an der Berliner Univerfität unter der Bedingung angeboten, daß er seine Religion verleugne. Er hat dieses Anerbieten mit Verachtung zurückgewiesen. Sie sehen", sagte der Gelehrte mit erhobener Stimme, .das liegt schon in unserer Familie. In unserer Familie würde niemand eine solche Niederträchtigkeit begehen. Wir widmen unser Leben der Wissenschaft, aber nicht der Jagd nach Titeln." Auf weitere Fragen über feine Beziehungen zum Judentum antwortete Professor Ehrlich: „Was kann ich Ihnen darauf sagen? Ich habe hieraus wahrhaftig nichts anderes zu erwidern, als: ich bin Jude und weiter nichts!" Berlin. An der anläßlich, des Rücktritts des Geheimrats Professor Dr. Julius Lazarus von seiner Stellung als dirigierender Arzt im jüdischen Krankenhause veranstalteten Abschiedsfeier nahmen etwa 70 Aerzte teil. Handelsrichter Hugo Bendix und Bankier Louis Rothschild-Berlin und Geh. Sanitätsrat Prof. Dr. A u f r e ch t - Magdeburg erhielten den Roten Adlerorden 4. Klasse, Rentier L. G. Golde, Präses der Shnagogengemeinde in Stolp, den Kronenorden 4. Klasse. Berlin. Frau Kommerzienrat Henriette Hecht überwies dem Magistrat 30000 Mark zur Begründung einer „Ferdinand Hecht-Stisiung". Justizrat Dr. Arthur Gerson, Vorstandsmitglied des Vereins für jüd. Krankenpflegerinnen, ist verschieben. Bankier Dr. jur. P a u l Arons erhielt den Titel Kommerzienrat. Karlsruhe. Anläßlich der Silberhochzeit des Großherzogspaares erhiesten Stadtrat Fritz Hamburger und Bankier M. Strauß den Titel Kommerzienrat und Nathan Rothschild, Vorsteher der israel. Gemeinde in Mosbach, das Verdienstkreuz zum Zähringer Löwen-Orden. -t. Stratzbnrg. Nach einer soeben veröffentlichten amtlichen Statistik befanden flch unter den fast 300 Selbstmördern Elsaß-Lothringens im Jahre 1909 5 Juden. -t. Stratzbnrg. Vom 1. Oktober ab wird in Elsaß-Lothringen eine neue jüdische Zeitschrift „D a s jüdische Blatt" erscheinen. Als Redakteure des Blattes, das die Fahne des alten Judentums aufrecht zu erhalten sich bemüht, zeichnen Rabb Dr. P. Kohn- Ansbach und Rabb. Dr. W e i l - BuchSweiler (Elsaß). Niederwiese« lRheinhessen). Seligmann Herzog wurde wiederum in den Gemeinderat gewählt. Er gehört diesem seit 1874 an. (L) Posen. In Fordon verschied im Alter von 102 Jahren die Witwe Rosenbaum. Bis zuletzt war sie körperlich und geistig rüstig. Noch als 80 jährige besuchte sie ihre Kinder in Amerika. Mühlen-Direktor und Gutsvorsteher Hermann R o t h o l z stellte der Synagogengemeinde in Schwersenz 1000Mark zur Beschaffung der Gasbeleuchtung in der Synagoge zur Verfügung. Die wenigen noch in Rehden wohnenden jüd. Familien sind der Shnagogengemeinde Graudenz zugeteilt worden. Wien. Das Amtsblatt veröffentlicht die Ernennung Dr. Julius Tandlers zum ordentl. Professor der medizin. Fakultät und Nachfolger Zuckerkandt's auf dem Gebiete der Anatomie. Tandler steht im 45. Lebensjahr. Der Radierer Max Pollak erhielt das Wildschgo-Reisestipendium. Es dürftedas erstemal sein, daß ein Jude diesen großen Preis an der Wiener Akademie erhielt, denn W. V. Krauß war bei Erhalt des Preises bereits getauft. Budapest. Anläßlich seiner Pensionierung erhielt Dr. S. i g m. D e c s e y, Senatspräfldent der königl. Kurie, den Orden der Eisernen Krone 2. Klasse. In Bonhhad erhielt die „Orth. Chewrah Kadischah" 5000 Kronen mit der Bedingung zugesandt, daß jeden Samstag Abend in der Synagoge nach „Ledowid Boruch" Kaddtsch gesagt werde. Es ist sehr fraglich, ob das Geld unter dieser Bedingung angenommen wird. Lemberg. Im Alter von 78 Jahren verschied derPhiläntropDr.WilhelmHolzer, langjähriges Mitglied des Gemeinderates und des Kultusvorstandes. Der Kultusvorstand beschloß, ihn in ein Ehrengrab zu Setten und eine Stiftung zu seinem Andenken zu «Ächten. Snczawa (Bukowina). Der 21jährige Mechanikergehilfe Saul Rauch hat dem Kaiser ein Geburtstagsgeschenk verehrt, das in seiner Originalität einzig da st eh t. Zn einer gewöhnlichen Literglasstasche hängt die Original-Visitphotographie des Kaisers in vergoldetem Rahmen, der oben die Kaiserkrone, von Lorbeerzweigen umgeben, unten die Jahreszahlen 1830—1910. rechts das Wappen der Bukowina und links die Initialen des Kaisers mit dem Glückstern darüber trägt. Vier goldene Knöpfe halten den Rahmen zusammen. Die Rückseite trägt die Widmung: „Unserem Kaiser, der die Liebe ist und die Allgüte, dies schlichte Zeichen von Treue und innigster Ergebenheit zu seinem 80. Geburtstage. Saul Rauch. Suczawa." Bereitet schon die Frage, wie das Bild in die Flasche kam, Kopfzerbrechen, so gibt der Verschluß erst recht Rätsel auf. Dieser besteht in einem schön gedrechselten Holzkolben, der von außen den Hals der Flasche vollkommen deckt, während er am innern Halsende zwei Querbalken trägt, die das Herausziehen des Verschlusses für immer unmöglich machen. Von der Mitte des Verschlusses gehen dann zwei schwarzgelbe Schnüre, an denen das Bild frei hängt. Die Flasche ist vollkommen intakt. Die Verfertigungsart ist Geheimnis des Erfinders. Nun soviel verrät derselbe, daß die Verfertigung von bloß drei solchen Flaschen den Arbeiter ganz gewiß ins Irrenhaus brächte: so gewalttge Anforderungen werden an die Geduld des Arbeiters gestellt. Am 15. d. erhielt der junge Mann eine Zuschrift des Oberstkämmeramtes in Wien, durch welche ihm der Dank des Oberstkämmeramtes zum Ausdrucke gebracht wird. Da Se. Majestät alle Geschenke aus Anlaß seines 80jährigen Geburtssestes prinzipiell abgelehnt hat, verbleibt die Flasche gegen entsprechende Entschädigung dem hiesigen Museum. London. Am 29. September wird im East-End ein jüdisches Arbeitsnachweisbureau eröffnet werden. Parts. Infolge eines Automobilunfalles verschied Bankier Jules Gutmann. Konstantinopel. Davud Effendi, ehemaliger erster Übersetz« beim Kaiser!. Divan, wurde zum Senator ernannt. New-Aork. Ein furchtbares Feuer in Old Forge bei Scranton, das 15 Häuser niederlegte, z«stürte auch die dortige Synagoge. Kapstadt. Am 13. September wurde das Ergebnis der Wahl en für das erste Parlament der „Vereinigten Staaten von Südaftika" bekannt gemacht. Danach sind bisher drei Juden ins Parlament gewählt worden: Max Langermann (Nattonalist) für Krugersdorp. Lionel Philips (Unionist) für Ieoville und Morris Alexander (Schwiegersohn des Professors Dr. S. Schechter, Rettors des Jüdischen Seminars in New-Iork) für einen Bezirk in Kapstadt. Mr. Alexander ist Mitglied des Großen Attionskomitees der Zionistischen Organisation. G fenillefoii. 0 Die Sonntagsruhe in Malopol. (Eine Gesthichte aus dem jüdischen Leben in Russisch- Litauen von vr. I. Forschmann). Ein höllischer.Schreck war den Malopolern in die Beine gefahren. Boris Jwanowitz, der UrjadnikI * 3 4 5), ein »goldener Goj", sollte versetzt und an seiner Stelle der Urjadnik von »Libawitz" berufen werden. Diesem Manne ging der Ruf eines „Gaslon"")! voran. Mit welchen »Gseros"') hatte er das unglückliche Libawitz heimgesucht. O, man wußte davon zu erzählen. Sonntags während des ganzen Gottesdienstes in der »Cierkow"4) mußten alle Läden geschlossen bleiben, und nicht genug an dem, er zwang die armen Bewohner obendrein, die Straßen und Gassen alltäglich zu reinigen. Wenn es ihm nun einfiele, auch in Malopol so drakonische Maßregeln zu verfügen! Der Schmutz in den Gassen war historisch, er gehörte gleichsam mit zu den Wahrzeichen der Stadt, und so viele Misthaufen gab es da, daß man damit ein ganzes Gouvernement hätte versorgen können. Ein saubergesegtes Malopol, das wäre überhaupt Malopol nicht mehr. Ueberall, in der Synagoge, auf den Straßen, wo nur zwei Menschen einander trafen, sprach man von nichts anderem als von dem neuen Urjadnik und den Bedrückungen, die man von ihm zu erwarten habe. „Er wird die Stadt einfach zu Grunde richten", fo klangen alle diese Gespräche aus. Selbst der »Magid"®), der eben damals in Malopol weilte, kam in seinem „Drusch"") auf das bevorstehende Ereignis zu sprechen. Er sah darin eine Strafe des Himmels für die Sünden der Malopoler und schloß seine Rede mit einem Gebete, daß das I Urjadnik — Polizeimeister. *) Gaslon — Mörder d. i. ein zu allem fähiger Mensch. 3) Gsero drückendes Gesetz. 4) Cierkow — christliche Kirche. 5) „Magid" — Wanderprediger. ®) Drusch — Predigt. Furchtbare doch noch von der Stadt abgewendet werden möge. Doch was halfs? Michail Borisowitz, der neue Urjadnik, kam, und sofort wurde eine schreckliche „Gsero" über die Stadt verhängt. Die Sperrung der Kaufläden während des christlichen Gottesdienstes wurde angeordnet und die Uebertreter mit strengen Strafen bedroht. Sämtliche Krämer in Malopol erhoben darüber ein Geseufze, daß es Gott und den Urjadnik von rechts wegen hätte erbarmen müssen. Aber Gott tront hoch, und der Urjadnik hatte taube Ohren. Besonders hart traf der Schlag den biedern Chajim-Jankele. Das war der reichste Krämer in Malopol. Er stand im Rufe eines grundfrommen Juden und — was leider nicht immer dasselbe ist — eines durchaus rechtschaffenen Mannes. Niemand im ganzen Orte hatte eine so genaue Wage wie er. „Gold mag man darauf wägen", pflegten die Malopoler zu sagen. Dabei war er unermüdlich im Geschäfte; selbst im strengsten Winter öffnete er schon um 6 Uhr seinen Laden, und abends um 11 Uhr stand er noch darin. Was verschlug's ihm, wenn er fror, daß die Finger steif wurden? Es konnte noch ein verspäteter Käufer kommen, und Chajim-Jankele wußte jede Kopeke zu schätzen, obgleich er sicherlich feine fünf Säcke Rubels im Trockenen hatte. Bei all seinem Reichtums war er aber ein armer Mann. Schon seit 10 Jahren war er mtt seiner »Grüne" verheiratet, aber die Ehe war ohne Kindersegen geblieben. Kein Zweifel, die Grüne war eine .Akoro""), und dazu kam, daß sie, wie fast alle diese unglücklichen Frauen, ihren Mann mit beständiger Eifersucht quälte. Sie half ihm treulich im Geschäfte, aber die Malopoler wollten wissen, sie tue das nur, um ihn besser überwachen zu können. Wenn er am Abende des „Schabbos" das Haus verließ, um, wie er sagte, etliche Stunden mit guten Nachbarn in „Schul"") zu verplaudern, so konnte man sie unfehlbar bald darauf vor der Synagoge sehen, wie sie spähende Blicke durch die Fenster warf, um sich zu überzeugen, ob ihr Chajim-Jankele auch ganz gewiß darinnen sei. So kam es, daß Chajim-Jankele nur wenig Neider hatte, obwohl die Malopoler sonst für rechte Neidhammel galten. Nur Mordche, sein Geschäftsnachbar, ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ihm etwas am Zeuge zu flicken. Dieser Mordche war ein gebürttger Malopoler, er hatte seinen Laden schon jahrelang betrieben, bevor Chaji«-Jankele sich in der Stadt ansiedelte und sein Geschäft im Nebenhause eröffnete. So betrachtete ihn Mordche als einen Eindringling und war ihm spinnefeind. An jenem Sontage, da die „Gsero" das erstemal in Kraft trat, war in ganz Malopol niemand so verdrießlich als Chajim-Jankele. Was ist ein Sonntag? Weder ein Schabbos noch ein „Jom-Tow",4") sondern ein ganz gewöhnlicher Tag. Und da sollte er den ganzen Vormittag den Laden geschloffen halten? Das war doch unmenschlich. Es litt ihn nicht zu Hause. Irgend etwas mußte er doch tun. Natürlich ging er nach seinem Laden. Wohin hätte er sonst gehen sollen? Er nahm von der Türe das Schloß ab und legte es auf ein umgekehrtes Heringfaß, das auf der Gasse vor dem Laden stand. Das konnte ihm doch niemand verbieten, auch nicht der „Sotskh",") der eben über den Marktplatz ging. „Wenn die Sperrzeit vorüber ist, so bin ich wenigstens der erste im Geschäfte", dachte Chajim-Jankele; „das ist auch etwas." Unmuttg ging er auf und ab. im Stillen seufzend über die schöne Zeit, die da verloren wurde. Wie selbst die Gerechtesten bisweilen versucht werden, so geschah es auch mit Chajim-Jankele. Leje, die Frau des Schenkwirtes, kam über den Marktplatz her. Die Aermel ihres Leibröckchens waren bis über die Ellenbogen aufgestreift, und die Busenknöpfe nicht alle zugeknöpft, — man sah. sie kam geradewegs von der Wirtschaft und hatte sich nicht Zeit genommen, Toilette zu machen. „Guten Tag, Reb Chajim," redete sie Chajim- Jankele an. „Gutes Jahr!" gab er zurück. „Was sagt Ihr zu meinen großen „Zores"?4") fuhr sie in ihrer raschen Art fort. „Kommen da zwei Gojim zu mir und wollen Heringe; denkt Euch nur, ich habe keine zu Haufe, und — heute kann man ja auch für sein Geld nichts bekommen!" „Ja, der Gaslon will uns zu Grunde richten!4, bestättgte Chajim-Jankele ingrimmig. „Wenn ich mir aber keine Heringe verschaffen kann", jammerte Leje. „werden mir die Gojim gewiß zur Röchele lausen. Denkt nur, was für ein Unglück!" „Was ist zu tun"? sagte Chajim-Jankele und warf einen spähenden Blick über den Marktplatz. „Was zu tun ist?" antwortete leise die Frau. „Ich wüßte schon. Ihr könntet mir vielleicht doch —? Es siehtts ja niemand." Chajim-Jankele stutzte. „Es geht nicht", sagte er nach einer Pause der Ueberwindung. „Bedenkt die I Ein Sack - 1000 Rubel. 8) Akoro — eine unfruchtbare Frau. °) Schul Synagoge. 10) Jom-Tow — Feiertag. u) Sotzky — Polizeidiener. 14) Zores — Aerger.