Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 37 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. gfamlfutfet Jsra eWWes Familirnblatt. Rr. 37. Der Gesprächspartner war ihm gleichsam Publikum, auf das er einwirken mußte. Der zentrale Punkt all seines Denkens und Trachtens bildete das Judentum. Klausner war ein jüdischer Patriot mit der ganzen Glut seiner Seele. Das schwere Los seiner Brüder im Osten beschäftigte ihn unaufhörlich, und die Erleichterung ihrer herben Geschicke war sein beständiges Streben. Nur ein geringer Teil davon, was er in dieser Beziehung geleistet hat, ist der Oeffentlichkeit bekannt geworden. Es wird die Aufgabe des Historikers sein, Klausners Wirksamkeit auf diesem Gebiete zu erforschen. Denn er betätigte sich dabei — nach seinen eigenen Worten— nicht als Person, sondern als Institution. Den höchsten Regierungsorganen gegenüber war er eine jüdische Repräsentanz. Er ging dabei seine eigene» Wege — die allerdings keine neuen Wege waren. Die Lösung der Judenfrage in den osteuropäischen Ländern erhoffte und erwartete er in diesen Ländern selbst, wenn ihn auch die ununterbrochenen Judenverfolgungen daselbst mit tiefster Empörung und schmerzlichster Bitterkeit erfüllten und ihm die Verwirklichung seiner Hoffnung in weite Ferne rückten. Als Realpolitiker vertrat er nicht den Grundsatz: „Alles oder nichts!" sondern war bestrebt, die zunächst erreichbaren Möglichkeiten zu erwirken. Und schienen diese Möglichkeiten auch noch so geringfügig zu sein im Verhältnis zum schier unermeßlichen jüdischen Massenelend, so hielt er doch ihre Erreichung für aller Mühe wert. Seine Devise war: „Kol hamikajem nefesch achas mejisrocl kellu kijam aulom molee". Er verwendete sich für den Einzelnen mit demselben Eifer, wie für ein Gcsamtstreben. Und die Zahl dieser Einzelnen, die ihm chre Existenz verdanken, ist sehr beträchllich. Klausner wirkte aber nicht allein für die Juden, sondern auch für dcks Judentum, für die Hochhallung der Mischen Ehre und des jüdischen Namens. Bekannte er sich auch nicht zum Nationaljudentum, so war er doch vom Bewußtsein der jüdischen Gemeinsamkeit in allen Ländern tief durchdrungen. Die radikal - assimilatorischen Bestrebungen mancher Kreise der westlichen, insbesondere der deutschen Judenhcit bekämpfte er in schärfster Weise. Und wenn sich in der deutschen Judenheft während der letzten Dezennien ein stetig wachsendes Erstarken des Selbstbewußtseins und der Eigenerkenntnis bekundet, so ist es nicht zum geringsten Teile der rastlosen, unermüdlichen Wirksamkeit Klausners zu verdanken. Sein auf so tragische Weise erfolgter Tod bleutet daher einen schweren Verlust für die Mische Gesamtheit. Ben David. Brief aus Rumänien. Die Presse und die Juden. Um die Langewelle der politikleeren Sommermonate bei ihren Lesern zu zerstreuen, haben die rumänischen Zeitungen in letzterer Zeit wieder das stets sensationerregende Thema „Die Juden" ausgegriffen. Diese, im öffentlichen Leben von jeder Betätigung und noch so geringer Anteilnahme ausgeschloffen, ökonomisch und sozial bedrückt, können schließlich auch noch dazu dienen, ihren rumänischen Mitbürgern einen Zellvertreib zu verschaffen. Und die Vorzüglichkeit dieses Mittels scheint die allergrößte Anerkennung zu genießen, denn von den offiziellen und halboffiziellen Regierungszeitungen bis zu den letzten Krähwinkelblättchen hinunter wetteifern sie alle miteinander, die Juden in religiöser und nationaler Beziehung auf verschiedene Weise darzustellen, beschränken sich aber dabei nicht nur auf die rumänischen Juden allein, sondern greifen biswellen auch well über die Landesgrenzen hinaus. Es ist fast, als wollten die rumänischen Schriftsteller all ihre Gelehrsamkeit und ihren ganzen Stilreichtum aufbieten, um sich durch die mehr oder minder genaue Beschreibung der Juden und Behandlung ihrer Angelegenheiten die Unsterblichkeit zu erringen. Und die Art dieser Abhandlungen und Beschreibungen ist doch schon von jeher jedermann bekannt! Nicht, daß sie etwa ein klein wenig Licht auf die Judenfrage in Rumänien werfen, oder daß sie die öffentliche Meinung zugunsten der Juden belehren und verständigen. Nein. Die meisten .Studien", die man über Juden und Judentum in den Zeitungen veröffenllicht, dienen zum Schlachtfeld zwischen den.rein idealen"' Hetzaposteln und Judenfressern und dm aus verschiedmm polllischm Gründm sie bekämpfenden „Philosemiten". Wie gewöhnlich fangm die Antisemiten mll den in Karlsbad eintreffenden galizischeu Bart- und Schläflockenjuden an und arten in die ruchlosesten Konsequenzen und Ratschläge betreffs der die Rumänen unterjochendm jüdischen Pächter, Händler, Fabrikantm ic., aus. Manche unter den vernünftigeren Judenfeinden geben sich dm harmlosm Schein von Gelehrten und wiffenschaftlichen Forschem und gehen von Raffen- und Nationstheorien aus, um aber immer wieder mit einem catonischm Ausruf zu schließen: kraoterea ceasso. . . daß die Juden Fremde im Lande und schädlich fürs mmänische Volk seien. Sogar das bisher regelmäßig beobachtete Totschweigen aller eigentlichen jüdischen Angelegenheiten versuchen einige Scheingelehrte zu brechen, geraten aber dabei mit ihren Aeußerungen ins Lächerliche und geben allerlei komischem Kram zum besten. Zionismus und Fanattsmus ist ihnen ein und daffelbe zu bekämpfende Unheil, weil es die Juden an der entgültigen Lösung ihrer Frage, d. h. an der spurlosen Affimilation, hindere; femer tadeln sie die jüd.- nattonalen Bestrebungen als eine Rückkehr zum finsteren Exklusivismus und zur Unkultur der vorigen Jahrhunderte. Wenn die Juden erst ihre Religion und die zionistischen Schwärmereien abgelegt habm, dann werden sie in die Reihe der anderen Nattonen eintreten können! Eine geringe Zahl von Schriftstellern nehmen sich der Juden insosem an, als sie die Großhetzer Jorga, Cuza, u. s. w. auss unerbittlichste herunterrcißen, ihre Falschheit, Blindheit und Ungerechtigkeit, sowie die verderblichen Folgen ihrer Hetzereien für die Schuljugend Nachweisen und sich zur Pflicht machen, die griechische, bulgarische oder armmische Abstammung dieser .echten Nationalrumänen" ans Licht zu bringen. Diese Handlungsweise hat zwar das Gute, daß sie die vor Wut schäumenden Anttsemiten zu lächerlichen Auswegen und Aerteidigungs- oder Schmähungsschreiben zwingt, für die Juden ist sie aber höchstens von rein theoretischem Werte. Denn was vermögen diese wenigen aufrichttgen Bekämpfer der Antisemiten gegen den großen Strom, der die Jugend, die Gelehrten, die Bürger, alles mit sich hinreißt, und wann hat je die Schamröte die Antisemiten von ihren ungerechten Angriffen abgehalten oder zur Anerkennung ihrer Enherzigkeit gebracht? Miboschau. Aus aller Wett. Deutscher Reich. Frankfurt a. M. Aus dem Bureau der .Freien Bereinigung für die Jnterreffen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: Wir machen die Herren Rabbiner und Lehrer in den Eranisonsorten, sowie die intereffierten jüd. Soldaten selbst darauf aufmerksam, daß das Preuß. Kriegsmini st erium dieser Tage die Generalkommandos und obersten Waffenbehörden durch erneute Verfügung aus seinen Erlaß vvm 15. April 1910 Hinweisen wird. Darnach ist dm jüd. Soldaten an den bevorstehenden Feiertagen, soweit die Jntereffen des Dimstes es gestatten, Urlaub zu bewilligen. Es wird Sache der Jntereffenten selbst, sowie der zuständigen Herren Rabbiner und Lehrer sein, durch persönliche Intervention unter Berufung auf die in dem Erlaß zum Ausdruck gebrachten Wünsche des Herrn Kriegsministers die Beurlaubung im Einzelfalle zu erwirken. ' Frankfurt a. M. Wie wir erfahren, trifft Herr Rabbiner Dr. A. Nobel nächsten Donnerstag hier ein und wird am Bahnhof von den Spitzen der Gemeinde und der Synagoge am Börneplatz empfangen werden. Die feierliche Amtseinführung findet Freitag abend statt. Hannover. Am 13. September fand hier die Gmeral-Bersammlung der LandundLehrguts-Gesellschaf-t m. b. H. statt. Nach einigen Satzungsänderungen wurden in den Aussichtsrat zugewählt der frühere Rittergutsbesitzer I. B r a n d t aus Charlottenburg und A. Silber» berg, Direktor der Anstalt in Ahlem. Dann erstattete der Geschäftsführer, vr. E u g e n K a tz, den Jahresbericht: Hiemach befindet sich das Lehrgut Steinhorst in andauemder Aufwärtsentwicklung. Die Emte der Acker- und Gartenfrüchte des Jahres 1910 war befriedigend, die Moorkulturm schreiten vorwärts, sodaß im Frühjahr des nächstm Jahres sechzig Morgen Grasland neu angesät werden wnnen. Mit Hülfe eines stattlichen Darlehns wurde auch mit den Aufforstungsarbeiten begonnen. Durch Ankauf eines Stammes allerbesten ostfriesischen Zuchtviehs hat die Wirtschaft inbezug auf den Lehrcharakter eine schätzenswerte Bereicherung erfahrm. Um eine größere Anzahl von Lehrlingen mit Gespann- und Maschinenarbeiten gmügend vertraut machen zu können, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen, werden zu dem etwa 900 Morgen großen Gute Steinhorft noch etwa 150 Morgen hinzugepachtet. Zu den zwölf Lehrlingen, die — abgesehen von den jüdischen Gehülsen und Arbeitern — bis heute eingestellt worden sind, können im Herbst noch einige ausgenommen werden. Für Frühjahr 1911 ist eine Bergrößemng des Lehrlingsheims geplant, und es können dann etwa 20 Lehrlinge Platz finden. An der Diskuffion beteiligten sich mit verschiedenen Vorschlägen: Justizrat Bereud, M. Berliner, Professor Marburg, SartoriusRheinhold, Silberberg und Witte. Rußland. Petersburg. Dumaabgeordneter Fried mann hat sich einem Zeitungsvertreter gegenüber über das voraussichtliche Schicksal des Gesetz es Projekts Wege «Abschaffung des jüdischen Ansiedlung srahons geäußert. Danach dürfte diese Vorlage im November zur Beratung gelangen. Die Duma werde dieselbe zunächst weder annehmen noch ablehnen, sondem sie einer Kommission überweisen. Seitens der jüdischen Dumamitglieder werde die Fordemng gestellt werden, das Projät der Kommission wegen Unantastbarkeit der Person zu überweisen, weil diese allgemeine Frage mit dem jüdischen Wohnrecht eng verknüpft ist. Die Zusammensetzung der genannten Kommission biete auch den Juden günsttgere Aussichten. Er glaube jedoch nicht, daß die Duma in diesem Sinne beschließen werde. Wahrscheinlich werde sie das Gesetzesprojekt einer speziellen Kommission überweisen, in welche dann die Kadetten auch die beiden jüdischen Dumaaogeordneten wählen würden. Die Arbeiten der Kommission werden voraussichtlich lange Zeit, vielleicht einige Jahre dauern, da sie daS gesamte in den russischen Regierungsarchiven befindliche Material bezüglich der Judensrage zu prüfen haben werde. Petersburg. Jeder Tag bringt eine Fülle von Material bezüglich Chikanierungen der Juden seitens der Behörden. Heute sei nur folgendes herausgegriffen: In Jusowka bei Jekaterinoslaw hielt Dr. Olschwanger, der Leiter der mit Erlaubnis der Behörde zur Bekämpfung der Cholera gebildeten jüdischen Sanitätskolonne, in der Synagoge einen Vortrag über die notwendigen Vorsichtsmaßregeln; für die Abhaltung dieses Vortrages bestrafte ihn diePolizeimit 25 Rubel. — Das Polizeidepartement hat die für die Palästinapilger bestehende Paßermäßigung in Bezug auf die Juden aufgehoben. — In Kiew hat die Polizei die Bankhäuser aufgefordert, ihr die Namen und Adressen aller jüdischen Angestellten mitzuteilen, damit sie feststellen kann, ob diese Angestellten das WohnrechtinKiew haben. Palästina. Jerusalem. Im Monate August fanden in der Augenheilanstalt des Lemaan Zion 4880 Behandlungen, 12 kleine und 16 große Operattonen statt. Außerdem verzeichnete die Poliklinik 6910 Behandlungen und 15 Impfungen und die Apotheke 1961 Rezepte, darunter viele Gratisrezepte. Jaffa. Architekt BarSkh, der das neue Gebäude deS hebräischen Gymnasiums erbaut hat, wird sich demnächst nach Haifa begeben, um dort die nötigen Vorbereitungen für den in Angriff zu nehmenden Bau des Technikums zu treffen. — Für einen Architekten ist jetzt eine günstige Gelegenheit, sich in Jaffa niederzulassen. An Stelle des Herrn Barsch würde er in Jaffa und Jerusalem auf zahlreiche Aufträge von Privaten und öffentlichen Jnstttutionen rechnen können. — Einer der erhebensten Momente im Leben der weinbauenden Kolonien ist die Zeit der Weinlese. Voll sind die Weinberge von Arbeitern, die die süßen Trauben vom Weinstock pflücken und sie sodann in Körben auf vollbeladenen Wagen nach dem Keller führen. Freilich betrübt es den Anblick, daß die vielen Scharen der Arbeiter in den Weinbergen nicht Juden sind. Dies geschieht nicht einmal in der Kolonie Rechowoth, die die größte Anzahl billiger jüdischer Arbeitskräfte in den jemenitischen Familien besitzt. Immerhin aber findet eine große Anzahl von Juden in der ,Kazir"-Zeit eine sehr einträgliche Beschäftigung. Amerika. New-Pork. Durch Eingreifen der jüdischen Führer, Jacob H. Schiff, Louis Marshall etc., ist der Riesen streik der Schneid er, beendet worden. Die jüdischen Führer waren sich darüber klar, daß ein Andauern des Streiks für die jüdische Bevölkerung des Ostens eine gewaltige Krisis bedeuten würde, und sie vermittelten daher zwischen den Streikenden und den Fabrikanten. Montreal. Kanada hat wieder einmal den Beweis seiner Animosität gegen uns Juden gegeben. Das Gesetz vom Mai ds. Js., das die Einwanderung der Asiaten verhindern will, indem es von diesen einen Baärbesttz von 200 Dollars pro Person verlangt, wird von der Einwanderungsbehörde nicht nur auf Chinesen und Japaner, sondern auch auf sämtliche — Judenin Anwendung gebracht, „da die Juden aus Palästina stammen und Palästina in Asien liegt". Der rumänische Jude Salomon Schulmann ist der erste, der wegen dieser unglaublichen Gesetzesauslegung Kanada nicht betreten durste. Die Proteste der Juden Kanadas werden wahrscheinlich wenig nützen.