Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 37 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr- 37. Kankfurtcr JsraeMsHes FccmAienblatt. Strafe! Wenn es der Sotskh sähe! Er war eben da auf dem Markte.' „£)', fiel Leje ein, .der ist im „Kantor",22) ich Hab ihn gesehen, und Ihr wißt, vom „Wodki"") kommt er nicht so bald los. Bedenkt, Reb Chajim, fünf Heringe auf einmal!' Und dabei sah sie ihn mit bittenden Blicken an. .Chajim antwortete nichts. Fünf Kopeken zu verdienen! Ueberdies war Leje eine alte Kundschaft. Die Versuchung war groß, und selbst ein Härterer als ein Malvpoler Krämer wäre wohl wankend geworden. Blitzschnell überflog Chajim mit den Blicken den Markt, niemand war zu sehen. .Wartet ein wenig!' flüsterte er Leje zu und verschwand rasch im Laden, dessen Türe er sorgsam hinter sich anlehnte. Leje hatte nicht Zeit, etwas zu erwidern; aber sie überlegte sofort, daß es für sie kein Geschäft sei. Ungesehenes zu kaufen, und mit einem Husch folgte sie dem Krämer nach in den Laden. Chajim war aber sehr im Irrtums gewesen, wenn er sich unbeobachtet glaubte. — Mordche, sein Erzfeind, stand unter dem halboffenen Tore seines Hauses und.konnte sehen, ohne gesehen zu werden. Die Neugierde, die sich zuerst auf seinem Gesichte malte, ging bald in offenkundigen Aerger über; aber auch dieser schwand, und die Mienen des biederen Mannes zeigten deutlich, daß er nach einem Entschluffe ringe. .Ein „Moffcr"2) werden will ich nicht," murmelte er und schüttelte nachdenklich das Haupt Doch da umspielte auch schon ein verschmitztes Lächeln seine Mundwinkel, und seine listigen Aeuglein zwinkerten in hellem Vergnügen, — der Entschluß war gefaßt. Mit wenigen Schritten war er bei Chajims Laden, nahm von der Häringwnne die Schlüffel, sperrte damit die Ladentüre ab, legte die Schlüffel dann wieder auf ihren alten Platz und ging ruhig, als ob nichts geschehen wäre, in sein Haus, von wo aus er den weitern Verlaus der Ereignisse seelenvergnügt beobachtete. Chajim und Leje mertten indessen nicht, in welcher Falle sie sich gefangen hatten, denn sie waren in ein äußerst lebhaftes Feilschen um die Häringe vertieft; Leje wühlle bis über die Ellebogen in dem Fasse, um die schönsten Milchner herauszufischen. Nicht lange darauf kam Grüne zu dem Laden; sie sah die Schlüssel auf der Tonne liegm, von ihrem Gatten aber fand sie keine Spur. Natürlich erregte das ihre Verwunderung, und ihr erster Gedanke war, den Laden aufzuschließen. Gedacht, getan Aber kaum hatte sie die Türe aufgeriffen, so stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus; denn bei allen unheimlichen Ahnungen, die ihr durch den Kopf geschossen waren, das hatte sie nicht erwartet, ihren Chajim mit einer fremden Frau im Laden zu treffen. Auf den Gesichtern dieser beiden malte sich lebhafter Schreck, denn sie hatten im ersten Augenblicke gedacht, der Sotsky habe sie überrascht. Etliche Sekunden stand Grüne sprachlos da und starrte mft weftaufgeriffenen Augen auf die beiden. Dann aber entlud sich ihr eifersüchtiger Zorn in einer Flut von Scheltworten. .Du Chazuso,") du Marschaas"') schrie sie und ballte die Fäuste gegen Leje. »Zehn Klafter in die Erde hinein — da ist Dein Platz, aber nicht hier in dem Laden, Du, Du ....!' Das Wort ersttckte ihr im Halse. Chajim und Leje begriffen nicht sofort, was die Wut Grünes veranlaßt habe; erschrocken sahen sie einander an: War die Arme„mschugo"2) geworden? «Was hast Du? Was ist Dir zugeswßen?" fragte Jankele besorgt. Aber da kam er schön an. Grüne glaubte nicht anders, als er wolle sie noch verhöhnen. „Gottes Zorn komme über Dich!" rief sie. „Du Mschumod19), Du Apikores!!0) Mit einem fremden Weibe sich einsperren, das von Gott Verbotene trechen. Ha, ha! Ein frommer Jude! Ein Lamdon!21) Herausschleppen soll man Dich, herausschleppen!" Nun ging den beiden ein Licht auf. Also eifersüchtig war Grüne! Das war doch zu toll. Leje lachte hell auf. Das aber schlug dem Fasse den Boden aus. Wütend, ihrer selbst nicht mehr mächttg, stürzte sich Grüne auf sie und fuhr ihr mft den Nägeln ins Gesicht Das wollte sich die wackere Leje natürlich . nicht gefallen lassen und setzte sich krästtg zur Wehre. Ein regelrechter Kampf begann. Die Weiber rissen einander die Kopftücher herab und zerfetzten sie, packten sich an den Hamen, zerkratzten sich die Wangen und schrieen und kreischten, daß man es bis in die nächste Stadt hätte hören können. Das Gefecht wurde immer erbitterter; dabei wurden Teller, Gläser, Flaschen von dem Ladenttsche geworfen und zersplitterten klirrend auf dem Boden. Verzweifelnd sprang Chajim hin und her und wollte die wütenden Frauen trennen. Vergebliches Bemühen. Es regnete Hiebe von beiden Setten aus ihn, und der einzige Erfolg, den er erziette, wm, daß er die große Oelflasche umwarf, deren Jnhatt sich ls) Kantor — Schnapsschänke. ul Wodki - Branntwein. 16j Mo ff er — Denunciant. “) Chazufo — Schamlose. 17) Marschaas — Döse Frau. Mschugo — Wahnsinnig. 19j Mschumod — Getaufter. *°) Apikores — Epikuräer Freidenker. **) Gelehrter. alsbald über die Dielen ergoß. „Mein Blut! mein Blut!" schrie er bei diesem Anblicke auf, und jammernd rang er die Hände. Der Lärm hatte natürlich im Nu sämtliche „Balhobatim" 22) Malopols herbeigelockt; es blieb wie es im Sprüchworte heißt, kein Kind in der Wiege. „Man hat Chajim-Jankel und Leje beisammen eingesperrt gesunden", flüsterte einer dem andern zu. Ein unerhörter Skandal in Malopol, der selbstverständlich die allgemeine Entrüstung hervorrief. Chajim achtete es nicht in seiner Verzweiflung. „Mein Blut! Mein Blut!" jammerte er noch immer; „es fließt in Strömen." Da ging eine Bewegung durch die Leute. Der Urjadnik mit dem Sotsky war gekommen, und der Mächtige bahnte sich sofott einen Weg durch die Menge. Alsbald wurden die beiden stteitenden Weiber gettennt, und nun begann das Verhör. Mit dem Urjadnik ließ sich nicht spaßen, und so mußte Chajim gestehen, wie alles gekommen sei und daß er sich gegen die Sonntagsruhe vergangen habe. Der Urjadnik machte ein finsteres Gesicht; er wollte ein Exempel statuieren. Das Urteil war bald geschöpft, und man muß gestehen, die Sttafe war raffiniert ersonnen: Chajim-Jankele mußte auf seine Kosten durch einen ganzen Monat hindurch den Marktplatz reinigen lassen! Der Arme wand und krümmte sich unter dem vernichtenden Urteile, allein was hals's? Der Urjadnik hatte gesprochen und dabei blieb's. Für die Malvpoler aber war die Sache damit noch nicht erledigt. Chajim und Leje waren ja doch — mochte dies auch ohne böse Absicht geschehen sein — in einem dunklen Raume Aug' in Auge beisammen gewesen. Es handette sich unter allen Umständen um eine „Eschoß-isch", also um eine der schwersten „Aweros." Wer kann sür ihre Unschuld bürgen? fragten sich die B. H. und zuckten die Achseln. Einer hätte dafür wohl bürgen können — Mordche Allein, der schwieg. Ast als das verdächtige Paar vor dem „Raw" und einem ganzen Minjan Juden den feierlichen Schwur tat, daß sie einander mtt keinem Finger berührt hatten, beruhigten sich die Gemüter der Malopoler. Chajim-Jankele aber berechnete auf dem Heimwege den Schaden, den er erlitten hatte; fünfzig Rubel betrug er wenigstens, den Spott und die Schande nicht gerechnet. Und das alles für fünf Kopeken, die er — hätte verdienen können! Chajim-Jankele hat sich in seinem Leben nie mehr gegen die Sonntagsruhe vergangen. Unerklärlich blieb ihm nur, wer der Schelm gewesen sei, der ihn und Leje eingespertt hatte. Die Wahl des Stoffes steht dem Autor frei. Der Umfang der Schrift darf nicht unter zehn Druckbogen betragen. Die Einreichung der Arbeiten muß bis zum 31. März 1911 verschloffen mit der Aufschrift „Preisausschreiben" und eingeschrieben an die „Zionistische Vereinigung für Deutschland, Charlvttenburg. Bleibtreustraße 49" erfolgen. Außerdem muß der Umschlag ein Motto aufweisen, das auch auf ein verschlossenes Kuvert zu setzen ist. Für die besten eingereichten Arbeiten find je ein Preis von 600 Mk. und 300 Mk. in bar ausgesetzt. Die preisgekrönten Arbetten gehen mit allen Rechten ins Eigentum der Zionistischen Vereinigung für Deutschland über» die sich vorbehält» auch andere geeignete Einsendungen zu angemessenen Honorarsätzen zu erwerben. Dem Prisrichterkollegium gehören an: vr. Martin Buber, Georg Hermann, vr. Richard Huldsckiner, sowie folgende Herren vom §enttalkomitee: Rechtsanwalt Gronemann, vr. ullgman« und Hermann Struck. Eine Palästina-Nummer der „Welt" Unter Mitarbeit der hervorragendsten Kenner von Land und Leuten des jüdischen Zukunftslandes wird das Zionistische Zenttalorgan „Die Welt" am 17. Oktober d. I. eine Palästina-Nummer herausgeben. Aus der Fülle der Beittäge, die sür das Heft vorgesehen sind, heben wir hervor: Zionistische Arbeit in Palästina — Die jüdischen Kolonien in Palästina — Das Verkehrsproblem in Palästtna — Die hebräische Sprache in Palästina — Die Tätigkeit des jüdischen Nationalfonds in Palästina — Die Arbeiterfrage in Palästina — Kulturpflanzen in Palästina — Das gesellschaftliche Leben in Palästina — Das Kreditwesen in Palästina — Jüdische Altertümer in Palästtna — Die Heilquellen Palästinas und die Hygiene im Lande — Das Volksleben in Palästina — Industrielle Möglichkeiten in Palästina — Presse und Verlagswesen in Palästina. Außer diesen allgemein gehaltenen Beittägen sollen behandelt werden: Der Bezaiel, die Siedlungsgenossenschast, ChaluKah, die Palesttne-Land-Development- Company, die Versuchsstation, die Nattonalbiblwthek, das Hebräische Gymnasium, die Tachkemonischule, die Anglo-Palestine-Contpanh, das Mikro-Biologische Jnstttut, die Jemeniten usw. Die einzelnen Beittäge werden durch zahlreiche Bilder jOriginalzeichnungen, photographische Aufnahmen und Katten) illustriert sein. Der Preis der Nummern wurde iür Deutschland und Oesterreich-Ungarn mit 68 Pfg., für alle übrigen Länder mit 75 Pfg. festgesetzt. Sprechsaal. (Ohne Berantwortlichkett der Redaktion.) Mit größtem Staunen nahmen die Besucher der schönen Westend-Synagoge (Unterlindau) von dem Beschluß Kenntnis, daß der S hn ag o gench o r, der in ganz hervorragender Weise zur Verschönerung und Hebung des Gottesdienstes beittug, abgeschafft werden soll. Grund hierzu 'soll die ungünstige finanzielle Lage sein, in der die 'Religionsschule, welcher diese Synagoge unterstellt ist, sich befindet. Dieser Grund dürfte jedoch keinesfalls stichhaltig sein, da die Synagoge nicht nur glänzende Einnahmen, pro anno ca. 12 900 Mark, und nur geringe Spesen, ca. 6000 Jh, hat, sondern die Hauptgemetttde Pflegt ja stets das entstehende Defizit zu decken. Und warum denn auch nicht, da ja für die orthodoxen Interessen ganz gut auch noch einige tausend Mark mehr verausgabt werden können. Der andere Grund, daß 'der Chor nicht leistungsfähig sei, ist auch hinfällig. Was kann man von Choristen verlangen, die für monatlich! 64 Gänge, nämlich je 2 Gottesdienste un>d 2 Proben wöchentlich, ein Honorar von 5 JL monatlich beziehen!!! Würde einer der Vorstände der Westendsynagoge für solche minimale Bezahlung solch gewaltige Gegenleistung übernehmen?? Also erhöhe man die Bezahlung, und der Chor wird besser! Es haben sogleich 70—80 Besucher, eine Petition dem Vorstände unterbreitet, um das Fortbestehen des Chores LN fordern. Dem allgemeinen Wunsche wird sich der Vorstand nicht' entziehen können. Es ist daher zu hoffen, daß auf die Feiertage wieder in der Westend-Synagoge der Synagogenchor zu hören sein wird. F. St. Knust und Literatur. Preisausschreiben. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland beabsichtigt die Herausgabe von längeren Erzählungen, die nach Form und Inhalt gleich geeignet find, die Stannnesheimat, insbesondere die Natur des Landes, das Leben feiner Bewohner und vor allem das der jüdischen Kolonisten dem Herzen der Leser nahe zu bringen. Zu diesem Zweck ist ein Preisausschreiben für die besten Arbeiten dieser Art beschlossen worden. 22j Balhabatim — Die besitzenden Einwohner. FEANKFOJRTEB KOMÖDIENHAUS Direktor Karlheim Martin Nene Zell 80 —. Telephon 1201 spielt von Samstag ab: täglich Der Skandal _Anfang 8% Uhr, Sonntag 8 Uhr. von i&alser Frledrlcn Quelle —— Offenbach a. M. - » Gegen Gicht and Bheamatlsmns bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Frledrloh Stahls Frankfurt a. DL, Stallbnrgstr. 9. Tel 259 u. 71. Wochen-Kalerr-er. (Zeitangaben nach dem Lnaeh.) SamStag, dm 24 September t — 20. -EIlul): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 05 Min.,' in Berlin 6 Uhr 45 Min. Wochenabschnitt: Ki-sowau. — Pflicht, die Bikkurim, d. h. die Erstlingssrüchte nach Jerusalem zu bringen. (Nur jene 7 Arten, welche dm Ruhm des Landes bilden, sind bikkurimpflichtig!) Es war ein freudiger Akt. Dankbar warf man einen historischen Rückblick auf Israels Leidenszeit, bevor es das Land besaß, deffm erstgereifte Frucht man dem Priester übergiebt. Man erwähnt Jakobs schwere Dienstjahre bei Laban, die Knechtschaft in Egypten, die Erlösung, den Besitz des schönen Landes Kanaan. (Das Hinaufziehen mit Erstlingsfrüchten war nicht an eine bestimmte Zeit gebunden. ES erstreckte sich bis in die Winterzit. Man vereinigte sich meist zu ganzen Karawanm, unter Posaunenschall und frommen Liedern dahinziehendj.' — Der „zweite Maaser', den der Eigentümer selbst in der GottcSstadt zu verzehren hatte. Auch hierbei wurde ein Bekmntnis (Widdui) abgelegt. Mindestens alle drei Jahre mußte man den „Maaserscheini' aus dem Hause räumen, d. h. nach Jerusalem bringen. — Aufstellung von zwölf Steinen am Jordan, mit Kalk übertuncht, darauf man die „Worte der Lehre' schrieb. — Verkündigung von zwölf Fluchsormeln gegen den Berg Ebal hin, dann im entgegengesetzten Sinn gefaßt (als Segensformeln) gegen den' Berg Gerisim. Auf beiden Seiten standen dabei je sechs Stämme, im Tale unten dazwifchm die Priester und Leviten mit der Bundeslade. — Den Schluß der Sidra bildet die sogenannte Tauchvchv, d.r.'große