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Neue jüdische Presse · 1910-09-23 · Heft 37 (23.9.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 37 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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1 $tan&futfet Iftiklitisihks fnmilirnlilntt 1 i 8. Jahrgang. Freitag, de« 19. Lllul 5679 (23. September 1919). Rr. 37. Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro VierteljahrIn Frank, furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn M. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— H-daLtio« mrd cheschLftsD-tte: SrsnKIurt s. Iß., vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße T-refo« 10507. -H*- Heransgeber: Salg!' Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzette. 25Psg. Die Reklamezeile. 100 ., Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagm: Preis nach Uebereinkunft. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Ziele der jüdischen Landespolitik in Oesterreich. — M. A. Klausner. — Brief aus Rumänien. — Aus aller Welt. — Personalien und Kleine Mitteilungen. — Feuilleton: Die Sonntagsruhe in Malopol. — Sprechsaal. — Kunst und Literatur. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Die Ziele der jüdischen Laudespolitik i« Oesterreich. Von Tr. H. Kadisch, Wien. Eine analoge Aufgabe jener, die Oesterreich im europäischen Konzerte zu erfüllen hat, fällt den österreichischen Zionisten im Rahmen ihrer Gesamtbewegung zu: Eine Brücke zwischen Mitteleuropa und dem Osten zu bilden, ein Vermittler zweier verschiedener Kulturen zu sein. Naturgemäß bilden dieselben Schwierigkeiten, welche der österreichische Völkerstaat in nationaler Hinsicht zu bewältigen hat, auch ein großes Hemmnis für das Vorwärtsschreiten der zionistischen Bewegung. Für deutsche, tschechische und magyarische Assimilanten, die keinerlei Nationalgefühl mit ihren Brüdern im Osten verbündet, die sogar die trostlose Situation der russischen Juoen nicht zum Alljudentum bekehrt, hat auch Zion keine andere Bedeutung, als die eines fremden Territoriunis, im besten Falle ist es ihnen ein Denkzeichen der Erinnerung an die ruhmreiche Vergangenheit des jüdischen Volkes. Die österreichischen Juden müssen daher erst zum Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volke gebracht werden. Durch langjährige intensive agitatorische Tätigkeit müssen sie zur Erkenntnis gelangen, daß die Liebe zur jüdischen Ge samt Nation und die darauf basierende Paläst inarbeit in keinerlei Gegensatz steht zu ihren staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten als Oesterreicher, zu ihrer sozialen Betätigung als moderne Kulturmenschen. Diesem Zwecke dient die jüdische Volkspolitik in Oesterrejch, dem klassischen Lande des Nationalitätenhaders, den verschärft zu haben eine Hauptsünde der assimilatorisch-jüoischen Politiker hierzulande 'ist. Die Quelle unserer Nationalitätenkämpfe, sowie des aus ihnen entsprinden Rassenantisemitismus bildet aber die jetzige Verfassung. Oesterreich krankt an einem unnatürlichen dualistischen Doppelzentralismus, obwohl es seiner ganzenethnischen Zusammensetzung nach nur als Bundesstaat bestehen und seine historische Mission in Europa und speziell am Balkan erfüllen kann. Die staatsrechtlich-nationalen Kämpfe im Donaureiche werden tatsächlich erst enden, wenn an die Stelle des gegenwärtigen historisch, geographisch, ethnisch und wirtschaftlich gleich unbegründeten Dualismus der nationale Föderalismus getreten ist. Darum ist die Kardinalforderung der nationalen jungjüdischen Bewegung die nationale Autonomie, ein Postulat, dessen Erfüllung ebenso entschieden vom national-jüdischen, wie vom gesamtösterreichischen Standpunkte angestrebt werden muß. Gerade darin aber besteht die Stärke der jüdischen Volkspolitik, daß all' ihre nationalen, politischen und ökonomischen Programmpunkte auch den Interessen des österreichischen Staatsganzen, sowie dem politischen und ökonomischen Fortschritte entsprechen, — anderseits ist in Oesterrejch keine zweckentsprechende jüdische Politik möglich, die nicht die Zusammenhänge mit der allgemeinen österreichischen, des Chauvinismus mit dem Rassenantisemitismus, des sozialen Elend mit dem ökonomischen Antisemitismus im Auge behält. Wo auch immer im polyethnischen Donaureiche nationale Kämpfe die Volksmassen erregen, überall tritt aber als Begleiterscheinung der Antisemitismus zu Tage in seinen verschiedenen Formen als Rassenhaß und wirtschaftlicher Boykott der Juden. Die deutschen Radikalen unterscheiden sich diesbezüglich nicht von den tschechischen, die Altpolen gleichen in dieser Hinsicht den ruthenischen Russophilen, die magyarischen den serbischen Chauvinisten. Davon kann man sich in Böhmen ebenso wie in Galizien, in Ungarn wie in Bosnien überzeugen. Jede Bewegung, die mit dem Kampf gegen den gemeinsamen österreichischen Reichsverband beginnt uno den nationalen Radikalismus gegenüber anderen Nationalitäten proklamiert, endet immer mit der Judenhetze. Ja, noch mehr: dieselben chauvinistischen Gruppen, die sich nie zusammenfinden zum Zwecke der politischen und ökonomischen Regenerierung des Donaureiches, sie sind allezeit bereit zur Bildung einer — antisemitischen Gemeinbürgschaft. Die seinerzeitige Debatte über den Schmied'schen Schulantrag, welcher die Entrechtung der jüoischen Jugend an den Mittelschulen, nach russischem Muster plante, ist nur ein Beispiel für — viele, daß im Kampfe gegen die Juden alle Unterschiede zwischen Extrem-Klerikalen und Extrem- Nationalen der verschiedenen Volksstämme' verblassen, daß aber der nationale Chauvinismus immer und überall unser schlimmster Feind ist. Die Entartung des Nationalgefühles zum Chauvinismus hat übrigens nicht nur in Oesterreich, sondern auch in Deutschland, Rußland und Frankreich sich als Rassenantisemitismus geäußert. Die Judenexcesse waren ebenso stets die ersten Kundgebungen des zur Gluthitze entflammten nationalen Wahnsinnes, als die wirtschaftliche „christlich" soziale Hetze eine Konsequenz des Mißbrauches der christlichen Religion. Und deshalb ist die Herstellung der nationalen Ordnung in Oesterreich durch Verwirklichung der nationalen Autonomie aller Reichsvölker — bei gleichzeitiger Anerkennung der I u d e n als selb stständige, gleichberechtigte Nationalität — nicht nur eine Forderung, sondern der Kard inalpunckt unserer jüdischen Volkspolitik. Diese Forderung hat aber auch insofern für die a u ß e r österreichischen und speziell für die russischen Juden Rne große Bedeutung, als die Verwirklichung des nationalen Förderalrsmus in Oesterreich in weiterer Folge dem zentralistischen Gewaltregime in Rußland eiuen wuchtigen Stoß versetzen und der Anfang zur Befteiung der russischen Völker und peziell der rüssischen Juden Ware. M. A. Klausner. Es ist für die Nachwelt keine leichte Aufgabe, dieser Persönlichkeit in ihrer Würdigung voll gerecht zu werden. Klausner stand stets im Brennpunkt des Lebens. Er reagierte intensiv auf alle Erscheinungen, insbesondere der jüdischen Welt. Er nahm, in positiver oder negativer, fördernder oder ablehnender Art, an den Zeitvorgängen stets aktiven Anteil. Es gab kaum eine Bewegung im Westjudentum, mit der er sich nicht, bejahend oder verneinend, auseinandergesetzt hatte. Und er besaß in beiden Hinsichten eine starke Wirkungskraft. Trat er für eine Sache ein, so geschah es mit zäher, nie erlahmender Energie, umfassender organisatorischer Begabung und rastloseur Tatendrang. Wollte er aber etwas befehden, so standen ihm dabei schonungslose Schärfe und beißender Sarkasmus, eine gefürchtete Feder und ein nicht gewöhnliches Rednertalent zur Verfiigung. Eine solche Persönlichkett mußte einersetts viele Verehrer und Bewunderer, wie andererseüs zahlreiche erbitterte Gegner haben. Für jene sowohl wie ftlr diese ist es nicht leicht, eine objektive Abschätzung und Wertung dieser Kampfesnatur zu treffen. Es kommt noch hinzu, daß Klausner in seinen Charatter- und Geistesanlagen und in seinem ganzen Wesen eine komplizierte Gestalt war, die scheinbare Widersprüche aufwies. Er vereinigte in sich tiefes Mttempfindcn und Herzensgüte mit einer gewissen Strenge im äußeren Verhalten; ein leidenschaftliches, hinreißendes Temperament mit einem klaren, kühlabwägenden Erfassungsvermögen; Großzügigkett in Intentionen und Plänen mit scharfer Detailbeachtung. Journalist und Dichter. — Diese seltene Kombination ist bezeichnend für Klausners Persönlichkett. Aber auch in seinen flüchtigsten journalistischen Produktionen zeigte sich der Künstler und Sprachmeister. Seine Ausdrucksweise war prägnant und gehaltvoll. Präzise und wuchtig, dabei doch ergiebig und modulationsreich. Das ttat auch in seiner mündlichen Redeart, selbst im Privatgespräch, hervor. Er sprach viel und gerne. Man konnte sich mitunter stundenlang mit chm unterhalten, — ohne zu Worte zu kommen. Und" dabei sprach er in fast lauter Aphorismen. Jeder Satz ein Gedanke, eine wohlüberlegte, abgerundete Charakterisierung von Personen oder Verhältnissen. Nicht selten geriet er dabei in Pathos, als redete er zu einer hundertköpsigen Menge. Der Agitator steckte ihm in Fleisch und Blut.

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