Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1910-09-16 · Heft 36 (16.9.1910) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 36 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2692297-2692665-2692701--05662-2700595
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 10. 36 Frankfurter UraEtisches Famtlienblakt. muß jeder Familienvater aufweiidcn, um nur das Judentum .in seiner Familie zu erhalten! Der Zionismus verheißt ein Leben in Freiheit, Wissenschaft und Judentum. Der Ziouisnius hat nichts zu streichen; er will aufrecht halten und ausbauen. Rechtsanwalt Dr. BodenHeimer-Cöln, der bisherige Präsident, erinnert an die scharfe Bekämpfung der Zionisten durch die Nichtzionisten. Die Zionisten haben in ihren Gegnern aus politischen oder religiösen Gründen niemals Feinde gesehen, sondern Brüder, die noch einmal zu ihnen kommen werden. Feinde sind nur die Täuflinge und die, die ihre Kinder zur Taufe führten. Von der Vereinigung für das liberale Judentuni in Deutschland ist jüngst in einein Flugblatte von dem „zersetzenden Einfluß" des Zionismus gesprochen worden. Jawohl, der Zionismus zersetzt, indem er alles Ungesunde im jüdischen Volkskörper ausscheidet. Von orthodoxer Seite hatte man hier den Mut, der fast an Frivolität grenzt, uns als die Religiosität gefährdend brandmarken zu wollen, — und dabei haben wir unter uns eine Fraktion, die unter der Fahne des orthodoxen Judentums arbeitet. Redner geht sodann auf das von dem ihm unterstehenden Nationalfonds in ^Palästina bereits geschaffene näher ein (Häuserviertel in Jaffa, Siedlung jüdischer Bauern, Oelbaumwälder, Bezalel usw.). Professor Otto Warburg-Berlin schildert die Verhältnisse Palästinas, das sehr Sizilien gleiche. Während aber Sizilien trotz der Latifundienwirtschaft 31/2 Millionen Einwohner hat, 'hat Palästina kaum 700000. Palästina könnte also noch 3 Millionen Juden aufnehmen, aber wir Zionisten wollen dort nur einige Hunderttausend ansiedeln. Uebrigens schließen sich Palästina die sehr dünn bevölkerten türkischen Gebiete Syrien und Mesopotamien an, von denen letzteres früher einmal 40 Millionen Menschen ernährte. Auch das Klima ist sehr geeignet, wie der außergewöhnliche Kinderreichtum der in Palästina eingewanderten Juden beweist. Auch eignen wir Juden uns für die Kultivierung des Landes, denn Hunderttausende unserer Brüder sind schwere Arbeit gewöhnt (Hafenarbeiter in Saloniki, Lastträger, Fuhrleute, Handwerker in Rußland usw.), und dann beweisen es bereits die 30 blühenden jüdischen Dörfer in Palästina. Wir Juden des Westens haben nach, Palästina Kapital und Organisation zu bringen. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, die Alliance Jsraelite Universelle uitb die anderen Organisationen helfen mit. Um die Zukunst Palästinas braucht uns nicht bange zu sein; es ist ein Gartenland, wie es am .ganzen Mittelmeerc kein besseres gibt. Dr. med. Moses- Mannheim spricht über die Jugend und zu der Jugend. Das Beste, Ms der Zionismus der Jugend gebracht hat, ist die Wahrheit Und Klarheit über' ihre eigene Stellung. Denn keine Jugend ist der Gefahr einer unruhigen Seelcnpendlung, eines inneren Zerrissenseins mehr ausgesetzt als die jüd. Jugend, die sich zurückgesetzt fühlt wegen ihrer Abstammung von einem Volke, das sie nicht kennt und nicht liebt, dje dort nicht stehen darf, wo sie will, und dort nicht. steht, wo sie soll. Ihr gibt der Zionismus nicht nur Ziel und Ideale, sondern er ist auch für sie von gemütsbildender Kraft, von sittlicher Festigung und dient ihrer Persönlichkeitsentwicklung, dem höchsten Glück der Erdenkinder. In Hins Simon-Mannheim: Die Gegnerschaft gegen den Zionismus resultiert meist aus dm Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit in jüdischen Dingen, infolge deren sich die meisten überhaupt nicht bemühen, den Zionismus kennen zu lernen. Sie haben Leine Ahnung von der Tiefe und Schwere des Problems, das er zu lösen berufen ist, — und dabei gibt es kein wichtigeres und interessanteres Thema als ein Kulturproblem. Wenn wir noch lebendig pulsierendes, originales Judentum sehen wollen, dann müssen wir zu unseren Brüdern im Osten Hinüberblicken, die noch stei sind von dem beklemmenden Zwiespalt des Westens. Dort kennt man noch nicht die Frage, warum man Jude ist, so wenig wie ein Sohn fragen wird, warum er der Sohn seines Vaters ist. Mr Juden des Westens .haben deshalb Sinn und Herz dein jüdischen Osten zu nähern. Dr. Franz Oppenheimer-Berlin: Wir haben ein Stück Weges' zusammenzugehen; wenn das jüdische Palästina Wirklichkeit wird, so werden sich die verschiedenen Geistesrichtungen unter uns scheiden; dann kann 'der Kampf beginnen, der dm Vater aller Dinge ist. Unsere alte jüdische Gesetzgebung giebt die Grundlinien einer jüdischen Demokratie, und die zweitausend Jahre Golus haben das Ucbrige dazu getan, eine rein demokratische Edelrasse zu züchten. (Auswahl und Inzucht schaffen Rassen.) Jeder, der keinen starken Nacken hatte, viel ab. Wir werden in Palästina ein Gemeinwesen von voller Kraft und Blüte ausbauen. Und wenn uns das gelungen ist, so wird das ein schwerer Schlag für alle die sein, die uns setzt verfolgen. Besonders den russischen Barbaren werden wir zeigen, daß es ein gutes Volk war, das sic ausgetrieben haben. Unser Volk wird dann in Palästina ewig bestehen, denn der Boden wird dein ganzen Volke gehören, die Grundbedingung für den ewigen Bestand. Parteisekretär Blumeufeld-Berlin ergreift nun das Schlußwort. Die zionistische Idee hat den Beweis erbracht, daß sie als politische Idee stark und mächtig ist. Ihre Einwirkung ist eine eminent moralische. * Zum Schluß noch einige Einzelheiten: Das mustergültige, bis ins Kleinste tadellose Arrangement lag in den Händen der Herren Tb Lewisohn, L. Perlmutter und Rechtsanw. Dr. Schwarzschild. Das Tischgebet bei dem gemeinsanicn Diner in dm Frankfurt-Loge am Sonntag Mittag wurde versteigert und ergab 850 JL für die Oppenheimers che Siedlungsgenossenschaft. Für die Siedlungsgenossenschaft sind Außerdem noch einige tausend Mark gezeichnet worden. Der Besuch der jüdischen Sehenswürdigkeiten unserm Stadt (alte Friedhof, Kindergarten, Waisenhaus, Siechenhaus, Synagogen) am Dienstag Morgen bot den Teilnehmern viel des Interessanten und befriedigte überaus. Die Israelitische Kiuderbewahranstalt in Köln. In der heutigen Nummer die Zeitung wendet sich der Vorstand der obigen Anstalt an weitere Kreise der Jildenheit mit der Bitte um Unterstützung. Me Anstalt, wohl die bedeutendste ihrer Art in Deutschland, widmet sich den verschiedensten Humanitären, sozialen und charitativen Zwecken. Nach der „Denkschrift", die anläßlich der Einweihung des Neubaus in der Lützowstraße am 22. Juni 1909 erschienen ist, umfaßt sie folgende Einrichtungen: 1. Einen Kindergarten (seit 1890). Es sind ca. 140 Kinder, die noch nicht schulpflichtig sind, angemeldet. Er wird täglich von 80—70 Kindern besucht. 2. Eine Suppenanstalt für schulpflichtige Kinder (seit 1891). Täglich erhalten durchschnittlich 70 bis '80 Kinder ein nahrhaftes Mittagessen. 3. Eine Haushaltungsschule (seit 1892), in der Mädchen, der Schule entwachsen, zu Dienstmädchen, Köchinnen usw. herangebildet werden. 4. Eine Kochschule für Schülerinnen der Oberklasse der israel. Volksschule. Sie wurde 1897 auf Wunsch der städt. Schulbehörde eingerichtet. 5. Ein Kinderasyl, in dem ungefähr 70—80 Knaben und Mädchen untergebracht sind (seit 1908). 6. Eine Volksküche (s. 1903). Für 20 Pfg. mhält man ein 'schmackhaftes und reichliches Mittagessen. Frequenz ca. 4000 Mahlzeiten jährlich. 7. Einen Kinderhort (seit 1905) zur Aufenthaltsstätte der Schulkinder, während der schulfreien Zeit, bestimmt. Unter Aufsicht fertigen die Schüler ihre Schularbeiten. 8. Ein Säuglingsheim. Auf Grund solcher umfassender Leistungen dürfte die Anstalt wohl berechtigt sein, an alle Schichten der deutschen Judenheit mit der Bitte um Mitarbeit an dem großen Werke sozialer Fürsorge heranzutreten, dies umsomehr, als das Betätigungsfeld der Anstalt nicht nur die hiesige Stadt, sondern ganz Deutschland umfaßt. Hoffentlich geben die herannahenden Feiertage Veranlassung, daß zahlreiche Spenden einlausen. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Berlin. Der vorige Woche so jäh hingeraffte M. A. Klausner war ein ungewöhnlich kluger, geistvoller Mann und hatte ein warmes jüdisches Herz, das stets hilfsbereit war. Es verbanden ihn freundschaftliche 'Beziehungen mit höchsten Negierungskreisen, >vo sein Rat sehr geschätzt war, und er benutzte diese Beziehungen gern, um für jüdische Interessen einzutreten. Klausner wurde 1848 in Halle geboren, studierte Mathematik und Astronomie und wandte sich dann der Journalistik zu. Er war 12 Jahre leitender politischer Redakteur des Bert. Börsen-Courier und übernahm dann von Lewin die Israel. Wochenschrift, die er aber eingehen ließ> als er zum Geschäftsführer der Alliance Israelit« gewählt wurde. Berlin. Im 67. Lebensjahre verschied die Schriftstellerin Babette Herwi, Vorsitzende des Deutschen Frauenklubs. Berlin. Die Synagogengemeinde.Adaß Jisroel" hat einen schweren Verlust erlitten: Nathan Wolfsohn ist verschieden. Er . hat mitgebaut an dem Werden dieser Gemeinde als Mitglied hes Repräsentantenkollegiums und des Vorstandes der Religionsschule und war beispielgebend durch seine wahre Frömmigkeit. (l,.) Posen. In der hiesigen Latz'schen Alterl - versogungs-Anstalt starb Frau Rabbiner Samter im Alter von 95 Jahren. Me Dahingeschiedene war bis zu ihrem Lebensende noch geistesfrisch. Ihre Bibelgewandheit erregte große Bewunderung. Von den städtischen Körperschaften in Ho Heusalza wurden zu Krei st a g s ab ge o rd nete n Stadtrat S a l o m o n s o h n und die Stadtverordneten S ch w e r s e n z und R o s e u b e r g gewählt. Aus Anlaß seines fünfzigjährigen Meisterjubiläums. wurde dem Schneidermeister Michaelis Kochmann in Schocken von der Handwerkskammer zu Bromberg der E Y r e n m e i ste r b r i c f verliehen. — Rechtsanwalt Israel in Rawitsch ist zuni Notar ernannt worden. (L.) Posen. Durch den Tod des Herrn David Baruth hat die hiesige Synagogengemeinde ein bewährtes Mitglied verloren. Der Verstorbene, der nur das Alter von 46 Jahren erreichte, war Vorstandsmitglied mehrerer gemeinnütziger Vereine. Mm. SelmarKlein erhielt in Anerkennung der mit Eigener Lebensgefahr ausgeführten Errettung eines Menschen vom Tode des Ertrinkens die Rettungsmedaille in Silber. Heilbronn. Hier ist eine orthodoxe Separat gemeinde in Bildung. Der Sohn des Herrn David Reis wurde ■ jüngst nicht mehr in der Synagoge Barmizwoh. Mainz. Die israelitische Gemeinde erwarb aus dem Gelände her ehemaligen Lederwerke in der Neustadt ein Terrain für 130000 Mark zum Bau einer neuen Synagoge. Ratibor. Hier verschied der hochangesehene Stadtrat und Stadtälteste Herm'annBerliner. Budapest. Die Räumung des alten jüd. Friedhofs läßt der Israelit. Heilige Verein in Angriff nehmen. Die Exhumierung der Reste von mehr als 50,000 Menschen erfordert riesige Arbeit. Die Reste der einzelnen Leichen, unter denen sich viele Kindergebeine befinden, werden in einen besonderen Sack gelegt und in den gemeinsamen, Gräbern des neuen Friedhofes unter stillen Gebeten beigesetzt. Während der Arbeiten wurden auch überraschende Wahrnehmungen gemacht. So war das Kleid eines vor 60 Jahren begrabenen Toten, der Kopf eines vor 70 Kihwen verstorbenen. Mädchens mit den dreiteiligen Zöpfen noch unberührt. V^*f‘ 1.Z--

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.