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Neue jüdische Presse · 1910-09-16 · Heft 36 (16.9.1910) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 36 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mlage z» ilt. Zß des FraMckr IsmckWm taitienfitaffes. 12 Delegiertentag der deutschen Zionisten. (Schluß). Sonntag. (Nachmittagssitzuug). Die Nachmittagssitzung brachte die Generaldebatte, die sehr rnhig und sachlich verlief. Den Höhepunkt der Generaldebatte bildete die groß angelegte glänzende Rede von Dr. H. Löwe, in der er auf die gewaltigen jüdisch-kulturellen Aufgaben des Zionismus das Schwergewicht legte, deshalb Kenntnis, resp. intensive Beschäftigung mit der hebräischen Sprache und Literatur und mit der Geschichte des jüdischen Volkes von jedem Zionisten forderte und unter anderem auf die jüngst in Berlin gegründete Bereinigung „Histadrus, Organisation für hebräische Sprache und Kultur" aufmerksam machte, für die bereits >100 000 JL gezeichnet sind. Der K o m nk e r s. Ein vollständig verändertes Bild bot der Saal, als wir ihn nach zweistündiger Pause um 9 Uhr betraten. Die ernsten Beratungen hatten der Geselligkeit Platz gemacht, und fröhlich sununte es unter den Hunderten von Jünglingen und Männern, die an dM langen Tischrcihen vor dem kostenlos kredenzten Bier saßen, während der Damenflor von der Galerie herabschaute. Ungeheurer Jubel brach los, als die Studenten in ihrer farbenprächtigen Tracht, das Rapier in der Hand, in den Saal marschierten, über den sie für diesen Abend Besitz ergriffen hatten. Und sie führten die Herrschaft nach studentischem Brauch, — aber nach jüdisch-studentischem Brauch! Ja, das war das Erhebende: diese jungen Leute sangen nicht nur jüdische Weisen, sie waren sich auch in jedem Momente, selbst bei der freien Fidelitas, bewußt, daß sie Juden find. So gab eS denn manch witziges, doch nie ein unfeines Wort, und der Gesang blieb stets die edler Sangeskunst. Montag. (Vormittagssitzung). Die Sitzung wurde mit dem Referat des Parteisekretärs Blumenfeld eröffnet. Herr Blumenseld führte etwa Folgendes' aus: Die Agitationsmethoden, die die zionistische Partei bisher angewandt hatte, sind in Deutschland inzwischen' überwunden worden, und es ist nottoendig, ein neues Projekt für die Agitation zu finden. Man hat bisher dem Zionismus in der Agitation allzu sehr des Problematischen entkleidet und dadurch zwar quantitative Erfolge errungen, aber den Wert des ^einzelnen Zionisten dadurch herabgemindert. Vornehmlich hatte die Methode, unter allen Umständen in jeder jüdischen Agitation mitzuarbeiten, einmal das Ergebnis gehabt, daß jene Organisationen durch die Aufnahme der von unseren Gesinnungsgenossen hervorgetretenen zionistischen Terminologie gegen den Zionismus kampffähig und dagegen die Zionisten selbst in ihrer zionistischen Betätigung matt wurden. Es kommt darauf an, den Zionisten zum Bewußtsein zu bringen, daß die Wurzeln ihrer zionistischen Kraft und Begeisterung ausschließlich. in dem rein jüdischen Nationalismus liegen, zu dem sie sich aus persönlicher Notwendigkeit bekennen müssen. Dieses Ziel ist zu erreichen, wenn neben Agitations-Vorträgen dieses Inhalts auch unser Preßorgan, die „Jüdische Rundschau," in ihrer gesamten Haltung mehr als bisher eine rein zionistische Färbung hat. Me Durchführung der nationalen Propaganda können uns nur die neu zu organisierenden Gruppen-Verbände geben. Auf den Gruppenverbänden sollen die einzelnen Zionisten K zusammenfinden, um sich in ihrer Gesinnung ch gegenseitige Aussprache zu stärken. Mas' Referat schließt mit der Empfehlung folgender Thesen: 1. Der Delegiertentag ist der Ansicht, daß der nationale Charakter unserer Bewegung in der Agitation unzweideutig betont werden müsse, insbesondere soll entscheidendes Gewicht ans den prinzipiellen Unterschied zwischen dem Zionismus, als der jüdischen Volksbewegung, und allen anderen jüdischen Organisationen gelegt werden. 2. Der Delegiertentag erblickt in den Gruppenverbänden die zuverlässigste Grundlage für eine systematische Agitation. Er beschließt daher, die Organisierung von Gruppenverbänden überall durchzuführen und macht es den Ortsgruppen zur Pflicht, sich dem Gruppenverband ihres Bezirkes anzuschließen. Me Debatte über die aufgestellten Thesen wurde zunächst vertagt. Dr. Hey mann erhält das Wort zum Bericht über die folgenden Anträge des Finanzausschnsses: § 6. Än den Verhandlungen .können nur hie von den Ortsgruppen gewählten Delegierten teilnehmen. . Das Wahlrecht zum Delegiertentag ist abhängig von der Zahlung des Landesbeitrages. Jede Ortsgruppe wählt einen Delegierten, Ortsgruppen von mehr als Y0 Mitgliedern zwei Delegierte, Ortsgruppen von mehr als 100 einen Dele- ] gierten für jedes angefangene weitere Hundert. Einkünfte. I § 20. Me Einkünfte der Organisation bestehen aus den Landesbeiträgen, aus Spenden und Zuwendungen jeglicher Art. 8 21. Der Landesbeitrag beträgt mindestens 5.— JL für nicht in Ortsgruppen organisierte Zionisten, für Mitglieder von Ortsgruppen mindestens 1.— JL Die Gruppenverbände bezw. Ortsgruppen sind verpflichtet, für jedes Mitglied den Landesbeitrag in Höhe von 1.— JL und einer Abgabe von 2.— JL pro Kopf an die Landesorganisation abzuliesern. Resolutionen. Der XII. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland macht eS sämtlichen der deutschen Landesorganisation angehörigen Gesinnungsgenossen zur moralischen Pflicht, gemäß ihrem Einkommen und ihrem Vermögen, Beiträge für die deutsche Landesorganisation beizusteuern. Es entspann sich eine längere Debatte, in der S ch erek-Posen, Simon-Mannheim, Goit e i n - Frankfurt a. M. gegen hie Vorschläge des Finanzausschusses sprachen, während die Delegierten W i e n e r - Kattowitz, Rechtsanwalt Dr. Stahl - Beuthen, Schnelling-Hannover, Lichtheim- Berlin für die Anträge der Kommission sprachen. In der Abstimmung wurden die Anträge des Finanzausschusses mit 49 gegen 18 Stimmen angenommen. Es folgte sodann die Debatte über die Anträge des geschäftsführenden Ausschusses bezüglich des Misrachi, die dahin gehen: ,Me Mitglieder des Misrachi können gleichzeitig Angehörige der Zionistischen Bereinigung in Deutschland sein, müssen dqnn aber unseren Landesbeitrag voll an uns bezahlen. Außerdem sollen die misrachistischen Vereine Sitz und Stimme in unseren Gruppenverbänden haben." Nach einer kurzen Debatte, an der sich die Herren Schnelling -Hannover und Levigard- Frankfnrt a. M. beteiligten, wurden die Anträge angenomnien. Ans Vorschlag von Herrn Dr. Jacobs o h u wurde die für den Misrachi vorgeschlagene Regelung auf alle Föderationen ausgedehnt. Nachträglich entspann /ich noch über diese Frage eine Auseinandersetzung zwischen den Delegierten Dr. Jsaac Strauß-München und Siino n» Mannheim einerseits, Sondheimer, G o i t e i n und Struck andererseits. Der Delegiertentag blieb aber bei seinem gefaßten Beschluß. Der Delegiertentag wandte sich sodann den Vorschlägen des geschäftsführenden Ausschusses über die Rechte des Zentralkomitees zu. In der 'Debatte sprachen die Delegierten Rechtsanwalt David und Sondheimer . gegen den Vorschlag, daß die nicht in Berlin wohnenden Mitglieder des Zentralkomitees sich in den Sitzungen durch Vollmachten vertreten lassen könnten. Nach entgegengesetzten Ausführungen des .Herrn Schachtel-Breslau wurden auch diese .Vorschläge des geschäftsführenden Ausschusses angenommen. Hiernach müssen Sitzungen des Zentralkomitees auf Antrag von fünf Mitgliedern stets einberufen werden und find die nicht in Berlin wohnenden Mitglieder des Zentralkomitees berechtigt, sich durch andere Mitglieder vertreten zu lassen, doch hat jeder höchstens 3 Stimmen. Die Anträge wurden mit 40 gegen 18 Stimmen angenommen. Montag. (Nachmittagssitzung.) Der Vorsitzende Dr. Bodenheimer eröffnete die Sitzung mit der Verlesung des Antwortschreibens S. M. des Kaisers auf das Telegramm des Delegiertentages: Seine Majestät der Kaiser und König lassen für das 'Gelöbnis der Treue vielmals danken. Auf Allerhöchsten Befehl der Geheime Kabinetsrat in Vertr. von Strempel, Geh. Regierungsrat. Der Delegiertentag trat sodann in die Debatte über das Referat des Parteisekretärs.Blumenfeld ein. Barth-Berlin empfiehlt den Antrag des Gruppenverbandes für Mitteldeutschland auf zwangsweise Einführung von Gruppenverbänden. Dr. Moses-Mannheim hält die Arbeit in den Gemeinden und in den anderen Organisationen . für nicht so wichtig, wie der Referent. Wenn aber ein Zionist in einer anderen Organisation tätig ist, so könne er in dieser Organisation nur im Rahmen derselben arbeiten. Redner geht sodann auf den Artikel ein, den „Der Israelit" zur Begrüßung des Delegiertentages geschrieben hat und kommt im Anschluß hieran auf die Haltung der badischen Zionisten gegenüber dem Oberrat zu sprechen. Me Zionisten hätten diesmal keine Veranlassung gehabt, als Zwnisten in den Wahlkampf einzutreten. Ihre zionistischen Forderungen wären erfüllt. Neue zionistische Interessen seien seit der letzten Wahl nicht aufgetaucht. Wenn aber wiederum Fragen wie die Gebetbuchfrage oder die Ausland frage auftauchen würden, so würden die Zionisten wiederum mit den konservativen Elementen gemeinsam kämpfen. Motzkin-Berlin spricht im Anschluß an die Ausführungen des Referenten eingehend über den bekannten Artikel Dr. Oppenheimers. Dr. Heym ann-Berlin betont ebenfalls die Notwendigkeit der Stärkung der nationalen Ideen und wendet sich gegen die Ausführungen Dr. Moses über die Gemeindepolitik. Wir dürften nie vergessen, daß die Gemeinden die einzigen organisierten jüdischen Körperschaften seien. Auch in den nichtzionistischen Organisationen dürfe immer nur unter Wahrung des nationalen Standpunktes gearbeitet werden. Dr. Stahl-Beuthen erklärt die bisherige Agitation für verfehlt, da sie auf die Ansichten des Publikums nicht genügend Rücksicht " nehme. Dr. Strauß- München hält die Arbeit in den anderen Organisationen für überaus notwendig und will vor allen Dingen, unsere Tätigkeit in den Gemeinden betont wissen. Parteisekretär Blnmenfeld geht dann in seiner Schlußrede auf die geäußerten Ansichten im Einzelnen ein. Es sei natürlich notwendig, daß die Zionisten zu entscheidendem Einflüsse in den Gemeinden kommen müßten, aber unsere Agitation brauche diese Dinge nicht .als wesentlich hervorzuheben. Erst müßten die jungen Zionisten erzogen werden. Nur unsere alten, festen und Absolut zuverlässigen Gesinnungsgenossen sollen dieser Aufgabe gerecht werden. Im übrigen wird unsere Zeit in der Gemeindepolitik erst dann gekommen .sein, wenn unser junger Nachwuchs äußerlich in der Lage sein wird» führende Stellungen in dem Gemeindeleben einzunehmen. Der Redner charakterisiert dann eingehend die Form seiner eigenen Agitation und glaubt unter dem Beifall der Versammlung versichern zu können, daß die nächsten Jahre eine außerordentliche Stärkung der zion. Idee und der zion. Organisation in Deutschland bringen werden. Es folgt nun Abstimmung über die verschiedenen Anträge. Me Thesen des Parteisekretärs Blumenfeld werden einstimmig angenommen, desgleichen der erste Antrag Dr. Stahls, der die Errichtung von Fortbildungsschulen verlangt. Ueber den zweiten Antrag,Dr- Stahls, die Ortsgruppen zu verpflichten, für ihre Mitglieder die „Jüd. Rundschau" zu abonnieren, entspinnt sich xine längere Debatte, die durch die Annahme des Vorschlages Dr. Hantkes beendet wird, der beantragt, den vorliegenden Antrag in der Form eines Wunsches anzunehmen. Es folgen nun die Wahlen. Als Vorsitzender wird einstimmig Dr. Hantke- Berlin gewählt. In den geschäftsführenden Ausschuß werden nach dem Vorschlag des Wahlausschusses außer dem Vorsitzenden noch die Herren Dr. Friedemann, Dr. Heymann, Dr. Gronemann, H. Struck gewählt. Als Mitglieder des Zentralkomitees .werden noch folgende 16 Herren gewählt: Blumenfeld - Berlin, Wiener - Kattowitz, Bodenheimer-Köln, Moses-Mannheim, Simon-Mannheim, Wollsteiner-Berlin, Dr. Kalmus-Hamburg, Dr. Halpern-Hamburg, Schachtel-Breslau, Dr. Kollenscher-Posen, Sondheimer-Franksurt, Lichtheim-Berlin, Dr. Ascher-Dessau, Stein-Königsberg, Dr. Leczynski-Berlin, Motzkin-Berlin. Dr. Hantke ergreift nun das Wort und dankt für die auf ihn gefallene Wahl. Er gedenkt der großen Bedeutung des scheidenden Vorsitzenden Dr. Bodenheimer und teilt mit, daß die deutsche Landsmannschaft beschlossen habe, einen Oelbaumhain auf Dr. Bodenheimers Namen zu pflanzen. Dr. Bodenheimer dankt in der Schlußrede für die ihin zuteil gewordenen Ehrungen. Er dankt ferner der Frankfurter Ortsgruppe für die glänzende Vorbereitung des Delegiertentages, den Vertretern der Presse für ihre unermüdlichen Leistungen. Oeffentliche Versammlung. Hatte die Erösfnungssitzung am Sonntag früh einen bis zum letzten Platz besetzten Saal auszuweisen, so wurde sie dennoch von der öffentlichen Versammlung am Dienstag Abend noch übertrumpft: Denn hier bot das Publikum eine im einzelnen überhaupt nicht mehr zu übersehende Masse. Rechtsanwalt Dr. Siegfried Schwarzschild, der Vorsitzende der Frankfurter Zion. Bereinigung, eröffnet kurz nach 9 Uhr die Versammlung, und sodann ergreift Rechtsanwalt Dr. Arthur Hantke-Berlin, der istue Präsident der Zion. Vereinigung für Deutschland, bas Wort. Das Leben zerreibt uns Juden, wenn wir uns nicht gesunde Lebensbedingungen schaffen, denn heute unterliegen wir den Einflüssen einer nichtjüdischen Umgebung. Die großen jüdischen Männer, zu denen die gesamte Kulturwelt ausblickt, waren Söhne des Landes Palästina, und nur ein bodenständiges Judentum in Palästina wird sich die Achtung her Kulturwelt erwerben. Hier sind wir als Gesamt heit ohne jede Bedeutung um» unaufhörlich in der Gefahr, unsere Eigenart zu verlieren. Wieviel Kraft

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