Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 36 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 36. Außerdem sollen bald am Anfänge dieses Semesters die Sektionen für hebräische, jüdische, volkswirtschaftliche, statistische usw. Fragen ins Leben gerufen Meiden. Sobald Organisationen wie die Berliner auch anderen Ortes entstehen werden, —. sie sind teilweise schon in Gründung begriffen —, werden sie gemeinsam einen jüdischen Studentenkongreß einberufen und ein eigenes periodisches Organ (Zeitschrift) gründen können. (L.) Posen, 10. Sept. Die 13. ordentl. Generalversammlung des Verbandes der Synagogen-Gemeinden des Regierungsbezirks Posen wurde von Bankdircktor Goldschmidt eröffnet. Seinem Berichte über die Tätigkeit des Verbandes sei entnommen: Die Gemeinden Mixstadt und Schildberg haben sich dem Verbände neu angeschlossen; ihren Austritt erklärt haben die Gemeinden Z d u n h wegen Rückganges der Zahl der Gemeindemitglieder und geringerer Einnahmen trotz 260o/o Gemeindesteuer und Schwerin a. SB. wegen Fortzuges ihrer steuerkräftigstcn Mitglieder. Zur Zeit gehören dem Verbände 36 Gemeinden an. Zur Förderung des Religionsunterrichtes sind den Gemeinden Dobryza und Zduny auf deren Antrag Zuschüsse gewährt worden. Wie früher hat der Vorstand der Synagogengemeinde zu Posen auch für das Verwaltungsjahr 1910/11 eine außerordentliche Beihilfe von 300 JL bewilligt, und es steht zu erwarten, daß auch der bisherige Zuschuß des Deutsch-Israelitischen Gcmeindebundes zu den Kosten der Bezirksrabbiner nicht ausbleiben wird. ' Es erfolgte nun Bericht über die Tätigkeit in den Bezirksrabbinaten. In den angeschlossenen Gemeinden wurden Vorträge gehalten, der Religionsunterricht geprüft, die Gemeindeinstitutionen revidiert und zum Teil Literaturvereine gegründet, Einrichtungen, die der Deutsch-Israelitische Gemeindebund durch materielle Unterstützung förderte. Die Aufwendungen für die Ausbildung junger Leute haben gute Erfolge gezeitigt. Gegenwärtig befinden sich 24 unter der Leitung des Gemeinde- Rabbiners Herrn Dr. W. Feilchenfeld ausgebildcte Kultusbeamte in Aemtern. Nach Verlesung des Kassenberichtes, der mit 3090 JL Einnahmen und 3159 JL Ausgaben abschließt, wurden sodann die Herren: Bankdirektor Ignatz Goldschmidt, Sam. Silberberg, Israel Friedlaender-Posen, Rabbiner Dr. Lewin-Wreschen, Georg Herrin. Loewy- Rawitsch und Alsrnd Markus-Pinne in den Ausschuß wiedergewählt. Oesterreich-U«garu. Lemburg. Der galizische Landesausschuß teilt soeben mit, daß die für den 19. ds. Mts. anberaumte Enquete in Sachen der Judcnnp t für sinen späteren Termin aufgcschoben wird. Me Enquete wird wahrscheinlich erst Anfang November stattfinden. — Die wiederholte Verschiebung der unglückseligen Inferenz zeigt, wie ernst es den amtlichen Kreisen Galiziens um die Sanierung der jüdischen Notlage zn tun ist. Rußland. Petersburg. Das Wohnverbot verschafft Tag für Tag nicht nur säintlichen Polizeibehörden, sondern auch den verschiedensten Gerichtsinstanzen reichliche Arbeit. Und je rigoroser die Handhabe der diesbezüglichen Bestimmungen und Zirkulare, um so umfangreicher und komplizierter gestaltet sich diese Heillose Arbeit. So hatte die Petersburger Gerichtskammer als Berufungsinstanz an einem Tage über 12 ganz analoge Prozesse zu verhandeln, die sich sämtlich auf das Recht der Juden, außerhalb des Ansiedlungsrayons 'Handel zu treiben, beziehen. Die Prozesse wurden den Juden des Gouvernements Pskow aus Grund der Denunziationen der dortigen Verbändler gemacht: die Juden hätten — nach Angabe der Denunzianten — in den betreffenden Ortschaften als Handwerker das Wohnrecht genossen, statt des Handwerks jedoch Handel getrieben. Für dieses „Verbrechen" wurden sämtliche Angeklagte Pskower Bezirksgericht zur Konfiszierung ihrer Waren und zur Ausweisung nach dem Ansiedlung srayon verurteilt. Gegen dieses Urteil legten die Angeklagten Berufung ein, indem sie die rqcht einleuchtende Erwägung ins Tressen führten, daß.die in der Hauptverhandlung als Zeugen vernommenen Denunzianten wegen ihres fanatischen Rassen- und religiösen Hasses' auf keinen Fall Glauben verdienen könnten. Zur Sache selbst wiesen sie dann noch nach, daß sie keinen sebständigen Handel betrieben, sondern nur als Angestellte der dortigen Kaufleute Ankäufe gehandelt hätten, wozu ihnen das Recht zustünde. Trotz dieser sonst kaum abzuweisenden Motive wurde die Berufung verworfen. Petersburg. An den Universitäten bleiben bei der diesmaligen Immatrikulation die Vakanzen kür die Aufnahme neuer Stu¬ Frcurkfurter Israelitisches' Fcmülienblatk. dielender, selbst bis zur. Hälfte, unbesetzt. Das ist das verblüffendste Ergebnis der ruhmreichen Schwarz'schen Politik. Unterrichtsminister Schwarz hat es während seiner kurzen Amtsperiode verstanden, den Drang der russischen Jugend nach Univcrsitätsbildung so einztldämmen, daß die beliebtesten Bildungsstätten, in denen in den früheren Jahren eine Vakanz nur mit der größten Mühe .zu erobern war, diesmal den Aufnahmetermin immer wieder verschoben haben, in der Hoffnung, daß möglicherweise noch verspätete Gesuche eintreffcn könnten. Diese Hoffnungen erweisen sich jedoch als trügerische, da die Maßnahmen des noch immer im Amte befind-, lichcn Unterrichtsministers allzu wirksam sind. Verschiedene Gruppen, wie die Frauen, die Absolventcn der geistlichen Seminarien sowie der Real- und Konimerzfchulen, die Juden, abgesehen von der geringen und ungerecht gehandhabten Prozentnorm, werden von den Universitäten serngehaltcn. Ja, um dieses System noch weiter durchzuführen, hat Schwarz die Gymnasialverwaltungcn angewiesen, der großen Menge „Wilder" bei der Erlangung von Reifezeugnissen fast unüberwindliche Schwierigkeiten zu schaffen. Palästina. Jerusalem. Bekanntlich gibt es in Jaffa, Jerusalem, Haifa und Beirut außer den türkischen Postämtern auch fremde Postanstalten, und zwar in Jaffa und Jerusalem je ein deutsches, österreichisches, französisches und russisches, in Jerusalem auch noch ein italienisches Postamt, während sich in Haifa nur eine österreichische Postanstalt neben der einheimischen befindet. Zwischen den Postämtern herrscht ein dauernder Konkurrenzkampf, und da die Inden und die jüdischen Anstalten die Hauptkunden der Post sind, bemühen sich sämtliche Postverwaltungcn um die Gunst der jüdischen Bevölkerung. Diesen Zweck suchen sie zunächst durch die Anstellung jüdischer Postbeamten zu erreichen. Der Gcneralinspcktor der russischen Postanstalten Syriens und Leiter des Jerusalemer russischen Postamts ist ein Jude, Herr Solomiak. Trotzdem die echtrussische Presse, der der jüdische Postdirektor begreiflicherweise ein Dorn im Auge ist, alljährlich nach Ostern, wenn die russischen Pilger nach Rußland zurückkehren, ein förmliches Kesseltreiben gegen Herrn Solomiak eröffnet, wagt es die russische Regierung nicht, Herrn Solomiak zu entfernen, weil sie weiß, daß dies den Ruin der russischen Postagcnturcn in Palästina und Syrien zur Folge haben würde. Der größten Sympathien beim jüdischen Publikum erfreut sich die österreichische Post, da sie nicht nur in sämtlichen Abteilungen jüdische Beamte anstellt, sondern auch alle ihre Bekanntmachungen und Aufschriften hebräisch anfcrtigen läßt und seit dem Jahre 1908 sogar hebräisch gedruckte Postkarten, Anweisnngsformulare und ähnliche Drucksachen herausgibt. .Selbst die christlichen Beamten der österreichischen Post lernen hebräisch schreiben und sprechen, um mit den jüdischen Parteien Verkehren zu können. Um der jüdischen Bevölkerung entgegenzukommen, befördern die deutschen und österreichischen Postämter sämtliche Postsendungen im Orts- und Nachbarverkchr von Jerusalem und Jaffa völlig unentgeltlich. Auf diese Weise hat Jaffa mit den jüdischen Kolo- , nien in seiner Umgebung einen kostenlosen Postverkehr. G leinffefoa. 0 Das fünfte Gebot. Von S. S i l e n s k i. Es war schon tief im Herbst. Ein rauher, frostiger Wind fuhr über die Stoppelfelder, durch die Blätter der Buchen, die, vom kalten Reif berührt, in den feurigsten Goldtinten erglänzten. Wie aus Erz gegossen, standen die silbergraden Bäume, längs der Fahrstraße eine sich hinziehende Allee bildend. Einige Wandervögel, die sich verspätet hatten, flogen mit raschem Flügelschlage der Fremde zu. Ueberall Bilder der Vergänglichkeit. Trübe blickte die Sonne aus grauem Gewölk, und nur langsam stieg der Tag wie auf eisigen Stufen empor. Wie zur Vervollständigung dieses Gemäldes erscheinen auf der Straße einige Männer mit einer schwarzbehangencn Bahre auf ihren Schultern und dahinter wenige, leise fröstelnde Frauen. Es ist auch ein verspäteter Wanderer, die alte Frumet, die sic da zum guten Ort geleiten. Still und ernst gehen diese wenigen Menschen, als wären es Schatten, die vorübergleiten. Niemand weint, niemand flagt. Selbst der einzige Sohn versagt der Mutter den Zoll der Tränen. Hat er denn überhaupt Tränen? — Einmal hat auch er geweint, aber das ist schon lange, sehr lange her. Der kleine Zug hält still. Rüben sieht, wie die Männer den einfachen Sarg, niederstellen, dann wieder anfnehmcn. Er geht mit den Männern, die sich um ein frisch geschaufeltes Grab stellen. Er sieht dies alles, ohne dabei etwas zu empfinden. Er hört Gebete hcrsagen, sic scheinen ihm ganz fremd. Man läßt etwas in die Tiefe gleiten, sein Ohr vernimmt den schauerlichen Ton der auf den Deckel fallenden Erdschollen, — doch sein Herz gibt keine Antwort. Erst als die kleine blanke Messerklinge, scharf und dennoch leise, hineinschncidet in den Nockaufschlag über dem Herzen, packts ihn mit kalter Hand, schreit er auf wie ein verwundetes Tier, — und schluchzend beginnt der Sohn: Jisgadal wejißkadasch." — * Mehr als ein halbes Menschenalter — die jetzt bedächtig scheinenden Buchen waren noch junge lichte Bäumchen — ist cs her, da kamen um die Morgenstunde vom Dorfe her zwei junge Menschenkinder. Sie in der ersten Maienblüte, er ein kräftiger, breitschultriger Jüngling. Das Kleid des Mädchens war einfach, doch zierlich. Um den schöngcformten Kopf hatte sie die dunklen Flechten lose aufgcsteckt. Sic boten dem großen Korbe, den sic nach Art der Landbäucrinnen mit Geschicklichkeit auf dem Kopfe trug, gleichsam einen Halt. Sie war gezwungen, wollte sie nicht durch die Last das Gleichgewicht verlieren, sich gerade zn halten, was ihr wohl ein steifes, aber esic wunderbar erfrischendes unb anmutiges Aussehen gab. Die Augen des jungen Mannes gaben dem deutlichen Ausdruck. „Du bist heute," begann er, nachdem er eine Weile stumm neben ihr einhergegangen war, „sehr still. Ist es Dir vielleicht nicht lieb, daß ich Dir nachgckommcn bin?" — Und er blieb für einen Moment stehe», um ihr forschend .in die Augen zu sehen. ~ „Nein Rüben," antwortete das Mädchen, „ich bin nicht böse. Es muß einmal zwischen uns zur Absprache .kommen; .deshalb war cs mir ganz erwünscht, daß Marta heute nicht in die Stadt gehen konnte, um die Butter auf den Markt zu bringen. Im Hause kann ich doch, oder besser gesagt. Du nicht sprechen, also muß die Landstraße unser Znsammenkunftsort sein." Die letzten Worte sagte sie mit einer solchen Bitterkeit in Ton und Miene, daß ihr Begleiter sie verwundert anblickte. „Run, warum widersprichst Du mir nicht?" sagte sie, als sic seinen Blick auffing, mit einem Anflug von einem Lächeln, „warum sagst Du nicht: ich bin Herr im Hause, ich bin ein erwachsener Mensch, der sich nicht wie eine Puppe behandeln läßt. — Ich kann doch sprechen und schweigen, ganz wie ich es für gut finde!" Das Mädchen hatte sich ins Feuer geredet und begann, als sie keine Antwort erhielt, schneller vorwärts zu schreiten, so daß sie um einige Schritte Rüben voranskam. Doch alsbald war er wieder neben ihr. „Warum sagst Du mir das? Dü weißt, daß ich nicht anders sein kann. Dü weißt, daß cs meine Mutter ist, der ich mich unterordne. Kann ich, darf ich anders handeln? Und ist sie nicht auch gut?" „Du hast recht, Rüben. Gut, daß Du mich an ihre Güte erinnerst." „Du bist bitter, ich habe cs nicht so gemeint," gab er, wie sich entschuldigend, zurück. „Du sollst mich nicht für undankbar halten," sprach sie, „Deine Mutter hat sich der Vater- und mutterlosen Waise angenommen, sie hat mich sogar ■ nie fühlen lassen, daß ich das Gnadenbrot esse, ich danke ihr die Erhaltung meines Lebens, — und doch wäre cs mir lieber gewesen, sie hätte mich verhungern lassen, ich wäre damals gestorben, ohne mich nach dem Tode gesehnt zu haben." „Mein Gott, Milka, was ist Dir?" unterbrach Rüben erschrocken, „so habe Ich Dich noch nie sprechen gehört. Was hat Dich sanfte Taube so verwandelt?" — „Ich kanns njcht weiter mit anschen, nicht anhörcn," sprach das Mädchen, mit ihren hervorquellendcn Tränen kämpfend, „wie Du immer hintcnangesetzt wirst, >vie jedes Wort aus dem Munde Deiner Mutter Dich schlägt und straft, wie sie blind ist für Deine Zärtlichkeiten, für Deinen kindlichen Gehorsam. Ist das die vielgerühmte, gepriesene mütterliche Liebe, die Berge versetzt und Himmel stürnct." 1 Sie blieb stehen und sah ihn mit tränenschweren Augen an, in denen eine Welt voll Liebe lag. „Du weißt nicht Rüben, wieviel ich leide, wie sich ihre Worte gleich vergifteten Pfeilen in mein Herz bohren." „Ich kann Dich verstehen, mein Liebling," sagte Rüben, indem eine tiefe Röte in seinem Gesichte aufsticg, „ich empfinde denselben Schmerz, und für jede Kränkung, die Dir zugefügt wird, würde ich lieber tausend Martern ertragen. Aber Du kennst ihr ^erbittertes Gemüt, die Enttäuschungen, die ihr das Leben brachte. Meine arme Mutter hat ein weiches, gutes Herz, ich habe dies bei unzähligen kleinen und großen Ereignissen wahrgcnommen, habe es selber an mir erfahren, wir müssen Geduld mit ihrer Schwäche haben." Sie waren bei diesen lebhaft gesprochenen Worten von der Landstraße abgebogen und gingen jetzt auf dem schmalen moosigen Fußpfade langsam nebeneinander. Das Mädchen hielt mit dem einen Arme