Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 36 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. 36. Seite 3. McackfsMr FkrWWMs FcünMenAE. daß eben die Leitung eine totale Färbung anuähme. Früher als wir in Deutschland Echod be' ir n' schenajim be' mischpoch o, einer in einer Stadt und zwei in einer ganzen Sippe waren, als' die Zionistische Organisation in Deutschland noch sehr klein war, da hat Dr. Bodenheimer von Köln aus die ganze Arbeit gemacht und geleitet. Nachdem aber inzwischen unsere Organisation Ln Deutschland herangewachsen ist, so daß es heute in allen deutschen Gauen Zionisten giebt, von Memel bis Köln, von Emden bis Kattowitz, und von Schleswig-Holstein bis zum Bodensee zionistische Vereine, Ortsgruppen und Vertrauensmänner gibt, da hat sich die Notwendigkeit herausgestellt, die Leitung nach dem deutschen Zentrum, nach Berlin zu verlegen. Und auch Dr. Bodenheimer hat bald eingesehen, daß nmn unmöglich die Arbeit, die in Berlin gemacht werden sollte, von Köln arts leiten könnte, zumal ec immer größeren Anteil an der Leitung der Gesamtorganisation genommen ffat. Er war daher gezwungen, sein Amt niedcrzulegen, und Sie stehen jetzt vor der Notwendigkeit, einen neuen Leiter jetzt an dem Orte ju wählen, wo die Arbeit gemacht Ivird. — Genau dasselbe geschieht jetzt auch mit der Gesamtleitung. Auch diese wird nach Berlin kommen. Die Jahreskvnfereuz hat zwar den Ausdruck gebraucht „Nach einem größeren jüdischen Zentru m", und einige Mitglieder der Kommission meinen, daß auch London oder Paris in Betracht kommen könnten, aber diese Meinung beruht auf vollständiger Nnkcnntnis der Verhältnisse, denn, wie die Verhältnisse liegen, gibt es vorläufig keinen anderen in Betracht/kommenden Ort als Berlin, und ich bin sicher, baß die Leitung dorthin kommen wird. Dann wird auch die Gesamtorganisation gezwungen sein, gleich dort einen Präsidenten .zu Ivählen, weil es eben nicht anders geht, als daß der Sitz der Leitung sich an dem Orte befindet, wo die Arbeit geschieht. — Sie sehen wiederum, welcher Zusammenhang zwischen der deutschen Organisation und der Gesamtleitung besteht. Meine Damen und Herren! Es genügt nicht, daß man für den Präsidenten eine Majorität schafft, wir müssen ihm von vorherein mit dem gröUen Vertrauen entgegenkommen. damit er eine sichere Hand bekommt und den Mut, seine Arbeit zu leisten. — Wir Zionisten können uns nicht so leicht mit einein aus unserer Mitte begnügen, auch wenn wir ihn zuni Führer wählen, denn wir hatten einen Hcrzl unter uns und man ist leicht versucht, den Maßstab nach seiner großen Persönlichkeit anzulegen. Mer umsomehr ist cs unsere Pflicht, dem Manne, den wir gewählt haben, unser Vertrauen zu schenken und seine Autorität zu stärken. Hüten wir uns vor persönlichen Kämpfen: denn sie gießen Bitternisse in die Herzen derer, die am meisten der Begeisterung und Liebe bedürfen. Hüten wir uns, das Band, das uns zusammenhält, leichtfertig zu zerreißen. Wohl .sind wir in der Lage, es wieder zusammenzuknüpfen, aber der bloten bleibt .immer da. (Beifall.) Noch eines möchte ich Ihnen sagen, lassen Sic sich nicht von einem Pessimismus, der in der letzten Zeit bei einigen von uns cinzureißen droht, gefangen nehmen. Meistens sind es nur solche Leute, welche uns den Pessimismus predigen, die selbst nichts' tim und arbeiteil imd deren ganze Tätigkeit darin besteht, daß sie eimnal im Jahre oder einmal in 2 Jahren zu uns kommen und große Reden halten, flogen und jammern, die aber, weil sie selbst nicht Mitarbeiten, auch nicht sehen, daß wir trotz aller Müben und Schwierigkeiten vorwärts kommen. Lassen Sie sich nicht von diesem Pessimismus gefangen nehmen, denn es ist nicht richtig, daß wir nicht weiter kommen. Wer mitten in der Arbeit steht, weiß, daß wir jeden Tag Schritt für Schritt vorwärts kommen und unsere Idee auch in denjenigen Kreisen allmählich Eingang gefunden hat, die uns früher aufs heftigste bekämpft haben. (Beifall.) Wer Augen hat, kann sehen, daß sich jetzt überafl, wo Juden leben, ein Interesse für jüdische Kultur und Sprache regt und 'vor allem die Liebe zu Erez Jisroel, zum Judenland wieder erwacht ist. (Stürniischer Beifall.) Wir können zwar noch nicht die Hände in 'den Schoß legen, denn wir stehen noch am Anfänge der Arbeit. Große jüdische Massen stehen uns'' noch fern und vor allem viele der alten Generation. Es dürste iwch lange dauern, bis wir .sie afle gewonnen haben, aber unser junges Geschlecht, die Jugend, die gehört uns, .und wenn wir nur auf unsere Jugend Hinschauen, die jetzt mit Begeisterung zum Judentum zurückkehrt, dann braucht uns nicht bange 'zu sein vor der Zukunft, denn die Zukunft gehört uns. (Lanqandauerndcr Beifall.) Lassen Sie sich auch nicht beeinflussen von denjenigen Pessimisten, die es gewiß gut meinen, die uns eine Politik Vorschlägen, welche in Wirflichkeit äußerst gefährlich ist, die Politik des' Ueberbordwerfens, Sie wollen, daß wir einen Punkt nach dem anderen von unserem' Programm aufgeben, um uns bei der türkischen Regierung lieb Kind zu machen. Was wir Vorhaben, wird aber der Türkei zum Segen gereichen und nie und niemals^ zum Schaden. Zwischen unseren Interessen und denen des ottomanischen Reiches gibt es keinen Gegensatz. Unsere Aufgabe ist es, darauf hinzuarbeiten, daß auch die türflsche Regierung sich diese Ueberzeugung zu eigen macht. Solange dies noch nicht vollständig der Fall ist, gilt es zu arbeiten, und zu warten. Denn die Meinungen und Ueberzcugungen einer Regierung sind nicht von ctvigem Bestände, und der Tag wird kommen, an dem die türkische Regierung uns die Hand reichen wird. (Beifall). Worin bestand von jeher die größte Kraft des jüdischen Volkes? In seinem zähen und unentwegten Festhalten an dem. >vas cs einmal als gut und richtig erkannt hätte. So wolle» auch wir daran eine Lehre nehmen. Halten wir fest >an unserem Programm, das ba lautet: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Eine Heimstätte ivollcn wir schaffen mit der rechtlichen Sicherheit, die uns die konstitutionelle Türkei bieten kann; nicht etwa ein Zufluchtsort für arme verfolgte Juden aus dem Osten, sondern eine eigene Heimstätte für das jüdische Volk. Und in dem Lande unscres Volkes, in Palästina. (Stürmischer Beifall.) Wenn Sie in diesem Sinne arbeiten werden, dann bin ich überzeugt, daß wir unser Ziel auch erreichen werden. Keiner von uns darf sagen: „ich werde das Ziel erreichen," denn jeder von uns ist sterblich. Wir aber dürfen ruhig sagen: „wir tverden es erreichen," denn das jüdische Volk ist unsterblich. Es war, es ist und cs wird sein. Und Dank seiner unverwüstlichen Lebenskraft, dürfen tvir auch den festen Glauben hegen, daß der Tag kommen wird, an dem es wieder vereinigt wird mit seinen: eigenen Lande, mit Erez Jisroel. (Stürmischer, langänhaltendcr Beifall.)" Nach der Rede Wolffsohn begrüßte Dr. Siegfried Schwarzschild für die Frankfurter Ortsgruppe und Dr. I. F e u ch t w a n g e r für die Misrachi-Födcration den Delegiertentag. Sodann wurden in das Büro gewählt Dr. Bodenheim c r - Köln, Dr. I. Moses- Mannheim. G'ästav Schwabe-Därel. Rechtsanwalt Gronem a n n - Berlin, Dr. S. Schwarzschild - Frankfitrt, Fritz Sondheiincr - Frankfurt und Arnold Wiener- Kattowitz. D r. H a n t k e erstattet den Geschäftsbericht. Dieser verbreitet sich über die Jüd. Rundschau, die fürderhin mehr den Charakter eines Agitationsorgaucs wahren und der ein Preßausschuß vorgeseht tverden soll, über die literarischen Publikationen (A-B-C-Buch, Palästina-Handbuch etc.), über die Tätigkeit der Nationalfvndskommission, die von Juli 190S bis Juli 1910 einschließlich den Beträgen für die Siedlungsgenossenschaft 1.13 000 Mark und außerdem noch für .den Palästiua- Pflanzungsvercin, den Parteifonds und den Bezaflel 57 000 Mark vereinnahmte. Für die Deckung des Etats, dessen Ausgaben mit 18 000 Mark veranschlagt sind, wird die Erhöhung des Landcsbcitragcs auf 3 Mark beantragt und zur Zeichnuilg von besonderen Jahresbeiträgen mit dein Minimalbetrag von 5 Mark aufgefordert. Prof. Dr. Marburg ergreift sodann das Wort zu seinem Referate „Palästina als ' jüd. Arbeitsgebiet." Palästina .entwickelt sich gewaltig. So exportiert Jaffa jetzt schon 1 Million Kisten Orangen und tvird das vierfache exportieren, sobald die jüdischen Pflanzungen in seiner Umgebung ' ertragfähig geworden sind. Der Bodenpreis in Jaffa ist in den letzte» 40 Jahren um das 20 bis 25 fache gestiegen. 30 blühende jüdische Dörfer, davon eines mit fast 2000 Einwohnern, hat bereits Palästina. Während die Jca mit ihrem Riesenkapital die Palästina-Kolonisation immer noch nicht würdigt, konzentriert die zion. Organisation ihre Kraft immer mehr auf die Hebung des Landes. Der Nationalfonds mit seinen 2 Will. Kapital ist ausschließlich zum Landankauf bestimmt; auf seinen Ländereien sind bereits eine Lehrfarm errichtet und drei Oelbaumwälder angepflanzt worden. Die Palästina Land Developments Company dient der Parzellierung und hat damit eine Aufgabe, wie sie die preußische Ansiedlungskommission hat. Die Opvenheimersche Siedlungsgenossenschaft, mit der demnächst der erste Versuch gemacht wird, soll das Problem lösen, größere Massen jüdischer Arbeiter an die Scholle zu fesseln. Ein Arbeiterheimstättenfoubs wird biflige Wohnungen schaffen, und der Einführung von Hausindustrien ist die ständige Aufmerksamkeit des Palästinaamtes gewidmet. Zu erwähnen sind ferner die Lsndkaufgesellschaft Geulah und der Pflanzungsverein Palästina, der fleine Gärten bepflanzt und an Stelle einer Dividende den .ausländischen Eigentümern eine Sendung von Palästinafrüchtcn zukomnien läßt. Auch die städtische Entwicklung und der Handel wird von der zion. Organisation nach jeder Mchtung gefördert; wir nennen die Terraingesellschaft Palästina, die Anglo - Palästina- Company, die Kunstgewerbeschule Bezaflel, den Frauenverbänd für Kulturarbeit in Palästina, das Palästina-Jndustrie-Syndikat. Das Hebräische wird in Palästina immer mehr die Umgangssprache. Die türkische Politik verlangt gebieterisch die Förderung der jüd. Kolonisation, denn einerseits ist sie nicht im Stande, ihre menschenleeren Gebiete nur mit Mohammedanern zu bevölkern und dann hat sie danrit ein Gegengewicht gegen den erwachenden arabischen Nationalismus, der die Erlangung des Kalifates zum Ziele haben muß, während wir Juden inrr eine Selbstverwaltung erstreben, wie sie die türkische Regierung von jeher anderen in ihrem Reiche wohnenden Völkern gewährt hat. Dr. Franz Oppenheimer verbreitet sich in seinen Ausführungen über das Genossenschaftswesen und fordert die genossenschaftliche Organisation der Gemeinde als' Schlußstein in: System der Demokratie. Jede industrielle Produktivgenossenschaft ist elend zugrunde gegangen, während jede landwirtschaftliche glänzend reüssierte, und zwar, weil zwischen den industriellen Unternehmungen ein feindlicher, dagegen zwischen den landwirtschaftlichen Unternehmungen ein friedlicher Wettbewerb bestellt. Deshalb setze er seinen wissenschaftlichen Namen dafür esii, daß der Versuch mit seiner Siedlungsgenossenschaft in Palästina glänzend gelingen werde. (Schluß in der Beilage.) Aus aller Well. Deutsches «eich. Berlin. In einem 203 Seiten starken Bande ist soeben der Deutsche Jahresbericht der Alliance Jsraölite Universelle für 1909 erschienen. Er bietet, wie die früheren Berichte, ein Bild der Tätigkeit der ältesten und größten jüdischen Hilfsorganisation, die sich über drei Erdteile erstreckt. L§r zeigt, auf welche Weise die Mliance ihre Aufgaben seit ihrem 50 Jahre zurückliegenden Entstehen xrfüflt. Das großartig angelegte Schulwerk wird von Jahr zu Jahr erweitert. Im Fahre 1862 wurde die erste Schule mit 8 Lehrern und 300 Schülern eröffnet. Zehn Fahre später hatte die Alliance 17 Schulen mit 98 Lehrern und 2800 Schülern. Noch 10 Jahre später waren bereits 47 Schulen mit 290 Lehrern und 7600 Schülern vorhanden. Heute beträgt die Zahl der Schulen 149. die der Lehrer 1275, die der Schüler 41,000. Den Zahlen entsprechend sind auch die Aufwendungen für die Schulen gewachsen. Während im Jahre 1862 Frs. 9800 für die Schule ausgegeben wurden, betrug das Schurbudget im Jahre 1909 2 Millionen Francs^ 'Dabei sind die Ausgaben für Mobilien, Schulmaterial usw., deren Gesamtsumme annähernd 300.000 Frs. jährlich beträgt, nicht mikgerechnet. Mit diesen Ziffern zeigt der Bericht aber auch, daß cs nicht gleichgültig ist. in was für Händen die Leitung der Alliance ruht. Berlin. Die im Februar ds. I. begründete „National-kulturelle Vereinigung jü - bischer Akademiker erstrebt: 1. Me Vereinigung aller jüdischer Studenten auf der Basis ihrer national-kultureflen Interessen: 2. das gründliche Studium der reichen geistiacn Werte der jüdischen Kultur: 3. die Heranziehung geeigneter, würdiger Arbeiter auf den Gebieten jüdischen Lebens. Der Verwirklichung dieser Ziele soflen dienen: einerseits Vorträge über die verschiedenen Gebiete' des jüdischen Lebens, andrerseits ein eingehendes Studium der Einzel-Disziplinen ^Nationalökonomie. Geschichte. Literaturgeschichte, hebräische Sprache usw.). Letzteres macht die Gründung von Sektionen nötig, die unter Leitung erfahrener Spezialgelehrten arbeiten soflen. In der kiesigen Ortsgruppe wurde bereits folgende Referate gehalten. Warum muß der iüdische Student national sein? (Dr. Zlozisti). Welchen Ausdruck soll der Nationalismus des jüdischen Studenten finden? lSchriftstcller Niger). Die Rabhinerkonferenz in St. Petersburg (N. Sokolow). Judentum und Menschheit (Dr. M. Bnher), Tie Stellung des Juden im Sozialismus lDr. G. Landauer). lieber den Emiarationskonareß (Roqalski), Me jüdische Studentenschaft in West-Eurova. ihre .Liese und Organisationsformen (Cand. rer. pol. Rosenbaum). Die ersten beiden Referate haben sehr leidenschgffliche Debatten hervoracrufen, besonders über die Fraacn der „Sprache," der nationalen Llufaaben des jüdischen Stubententums. des Nationalismus und Zionismus usw. Aur aflen Versammlungen waren außer den Mitgliedern der Ortsgruppe — sie zählt deren gegen 50 — auch Zahlreiche Gälte anwesend. Die nächste Arbeit gilt nun der Sch'afflmg von zwei Institutionen: 1. Ein Ausfilnitsbiirea". zwecks uneutaeltlicher Ertgflung von Auskünften über afle Berliner Lehranstalten. Lebrvcrbältnisse uiw 2 Eine Dorlehens- und' linterstütznngskasse, welche den in Not geratenen Studenten mit fleinen Darlehen auf leichte Rückrahlunasbedingunaen behilflich sein wird. Zn diesem Zweck hat der Vorstand der Berliner Grnvve eine Enauete 'vorgenommen, die in eininen hundert Eremvlaren an die Berliner iüd. Studentenschaft versandt worden ist. Das'Resultat dieser Enauete wird zum Beginn des neuen Semesters veröffentlicht werden.