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Neue jüdische Presse · 1910-09-16 · Heft 36 (16.9.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 36 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. Nr. 36 leicht den Korb fest. Frei und anmutig bewegte sie sich, und entzückt hing das Auge des jungen Mannes an ihrer Gestalt. Sie hatte ihm schweigend zugehört; doch schien es mehr, als horche sie Innern Stimnien, die ihr ganz andere Dinge sagten. „Fünfzehn Jahre sind es geworden," begann sie wieder mit leiser Stimme — mehr zu sich sprechend, als zu ihrem Begleiter —, „dass ich in Eurem Hanse bin. Du warst zu mir in der ersten Stunde gut. Ich kann mich, wenn ich zurückdenke, .an keine Minute erinnern, daß Du mir anders als liebevoll begegnet wärest. Es Iväre mein Tod, ivcnn — — — —" ,FLas für wenn?" warf Rüben ein, als er sah, daß sie stockte. „Bist Du nicht meine Braut, hast Du nicht unzählige Male mir versprochen, daß Du mein Weib werden willst?" „Versprochen habe ich es. — Aber, sieh', Rüben, wir handeln wie törichte Kinder, eher werden sich diese Bäume dort" und sie zeigte ans einige entfernt stehende Eichen, „vor mir beugen, als.daß es Deine Mutter zngeben würde, daß ein Mädchen, das sie so zu sagen auf der Straße aufgelesen hat, ihren Sohn eheliche." „Von der Straße ausgelescn," wiederholte Rüben ihre Worte, „mußt Du so herb zu Dir sein! Du bist das Mud ihrer Schwester, und unmöglich ist es, daß meine Mutter mir mein .Lebensglück zerstöre. „Ich kenne besser ihren unbeugsamen Stolz," tvar die von einem unglücklichen Lächeln begleitete Antlvort. „Und selbst Ivcnn das mir unmöglich Scheinende möglich wäre, ich würde nie cinwilligen, unter einem Dache mit Deiner Mutter zu leben. — Ja, sieh mich nur mit großen .Angen an, dies ists ja eigentlich, was ich zu sagen hatte. Ich kämpfte lange jitit mir, aber auch ich, das Bettlerkind, habe meinen Stolz. Schon als Kind traf cs mich immer wie ein Geißelhieb, wenn ich ihre tadelnden Worte gegen Dich hören mußte, denn Du warst ipir die Vereinigung alles Guten. Je mehr meine Liebe zu Dir wuchs, desto mehr sammelte sich der Groll gegen sie an. — Laß mich ausreden, Rüben!" rief sie, denn sie sah, daß er sie unterbrechen wollte. „Wer weiß, ob >vir überhaupt noch mit einander sprechen werden. Ihr Groll ists, Rüben, nichts anderes, ich kann diesem Gefühl keinen anderen Namen geben. Langsam aber stetig entwickelte cs sich, so daß ich nicht mehr weiß, durch welches Wunder eS zu verscheuchen wäre. — Siehe am verslosscnen Freitag Abend war es. Es ist früh dunkel geworden, ein Gewitter war im Anzug. Ich war im Zimmer Deiner Mutter beschäftigt und steckte gerade die Kerzen auf, als ein furchtbares Krachen das ganze Hans erschütterte. Ich erschrick so heftig, daß mir die eine Kerze aus der Hand fiel. Ich dachte an Aich, denn Du hattest Dich auf deni Felde verspätet gehabt. Auch Deine Mutter dachte an Dich, ich sah die Zornesader' ans ihrer Stirne, das sichtbare Zeichen, das Dir gilt. Und als Du dann — noch immer früh genug zum Sabbatrüste ■*- durchnäßt und müde nach Hause kamst, empfing Dich kein liebes Wort von ihrem Munde, kein freundlicher Blick. — Du wirft mir wieder sagen: sie ist verbittert, verdüstert. Rüben, Du kennst Deinen Wert nicht, sonst wüdest Du sagen: Und ist die ganze Menschheit schlecht und die 'Welt eine Hölle, ein einziger solcher Sohn, wie Du cs bist, wiegt eine Menschheit auf und niacht das Leben zum Paradiese." Das Mädchen hatte zu sprechen aufgehört. Still, mit gesenktem Haupte folgte er ihr, dann sagte er: „Sage niir, Milka, ioas soll ich tun? „Komm, Rüben," antwortete sic, „setzen wir uns, ich komme noch früh genug in die Stadt." Und damit nahm sie die leichte Last von ihrem Kopfe, ging zu einem kleinen Abhange, wo sich beide niederließen. „Höre mich an, Rüben," begann das Mädchen mit fester Stimme. „Sieh mich nicht für ein junges, unüberlegtes Mädchen an; ich habe anfgehört, es zu sein, seitdem Du mir erklärt hast, Du willst mich zu Deinem Weibe machen. Ich' war nicht überrascht, habe es als selbstverständlich angesehen. Wir beide sind für einander geschaffen, wir gehören zu einander, so wie die Seele zum Körper. Nur vereint können wir leben. Verlasse das Haus Deiner Mutter, nicht feige, nicht heimlich wie ein Dieb. Ist cs denn etwas so Außerordentliches, Ivcnn ein Mann sich einen eigenen Herd gründet? O mein Rüben," sagte sie schmeichelnd, „lasse uns ein stilles Plätzchen suchen, nicht groß, nur für uns beide, aber Friede und Freude sollen darin wohnen." „Und meine Mutter?" fragte Rüben, ihr ernst in die Augen blickend. „Was tun wir mit unserer Mutter?" „Versorge sie," sagte sie beinahe hart., „Vielleicht geht sic zu ihrer Tochter." „Du weißt, Milka, daß dies nicht sein kann. Mein Schwager kann seinen Posten nicht lassen, meine Mutter wird' ans eigenem Antriebe nicht in die Stadt gehen. Nein," setzte er schärfer hinzu, „sie soll auch nicht, die veränderten Lebensgcwohnheiten, die ungewohnten Sitten, — — soll sie sich etwa in ihren alten Tagen noch ducken lernen." Er war von seinem Platze aufgestanden und ging einige Male in heftiger Erregung auf und ab. „Sieh mein 'Lieb," sagte er, ihre Hände zärtlich fassend, ^ich will Dir eine kleine Geschichte erzählen Franffurker JfrilkMDes FümMviblM. von einem rohen Heiden, nein, roh war er nicht, er war edel, er war großartig als Mensch. Also dieser Heide, es war derselbe Dema ben Nethina, der einen kostbaren Edelstein selbst für den dreifach gebotenen Preis nicht verkaufen wollte, weil sein Väter in dem Zimmer, in welchem sich der Stein befand, ruhte. Dieser Dein« befand sich einst in einer glänzenden Gesellschaft. Die vornehmsten und angesehensten Männer des persischen Reiches vertieften sich mit ihm in ein wichtiges Gespräch. Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen und hereinstürmte die Mutter Demahs, siel wie in Raserei über ihn her, .schlug ihn, riß ihm das prächtige goldgestickte Kleid vom Leibe, beschimpfte den ruhig Dastehenden, und endlich spie sie ihm sogar ins Gesicht, Ohne mit der Wimper zu zucken, nahm der Sohn die Wutausbrüche seiner Mutter auf, und als seine Fremde ihr wehren wollten, sagte er: „Lasset sie, sie ist ja ineine Mutter." —- Rüben hatte aufgehört zu sprechen und wartete ans die Wirkung seiner Worte, Doch das Mädchen hatte den Kopf abgewandt, so daß er nur an der leichten Röte ihrer Wange ihre Bewegung erraten konnte. „Du hast mir nichts zu sagen," sprach er, als er yergebens auf Antwort wartete, „ist Dir meine Liebe so wenig, weißt Du nicht, daß ich Dich mehr liebe als meine Seele." „Rüben," begann sie endlich, sie war anfgestanden und stand nun vor ihm, stolz, kalt, totenblaß, „ich habe Dich verstanden. Tue, was Du tun mutzt, und für gut findest! Doch ich, ich kann nicht. Lebe wohl" — — Und das Mädchen wandte sich zum Gehen. „Milka," rief der Jüngling erschüttert, „soll eine bloße Laune von Dir uns trennen! Habe Mitleid mit Dir und mir!" „Ich kann nicht — lebe wohl." Die Sonne hatte sich schon längst zum Untergang gewandt, und Rüben saß noch immer, sein Gesicht in den Händen begraben und fveinte seine ersten heißen Tränen. * Jahre sind seitdem vergangen, viele freudlose Jahre sür Rüben. Bon Milka hat er nur einmal gehört, daß sie einen alternden Mann geheiratet habe, doch nicht lange darauf gestorben sei. Und nun trauert der müde, gebrochene Mann wieder am Grabhügel seines entflohenen Jugendtranmes und ititf bicienitjc, um derentwillen er ihn zum Opfer gebracht hatte, um seine Aiutter. Kunst und Literatur. Bon Ben - Iehudas großem hebräischen Wörterbuch. Soeben ist in dem bekannten Verlag G. Langenscheidt das 3. Heft des 2. Bandes des Thesaurus Totins Hebraitatis von Elieser Ben-Jehuda erschienen. Von dem Werke liegen bis jetzt 15 Lieferungen vor, die bis zum Buchstaben Gimcl reichen. Das vollständige Werk wird zwölf Bände von durchschnittlich 600 Seiten umfassen .Der erste Doppelband soll mit dem Ende dieses Jahres fertig vorliegen. In den darauffolgenden Jahren soll die Herausgabe eine Beschleunigung erfahren, so daß das ganze Werk etwa im Jahre 1915 vollendet sein wird. Der Subskriptionspreis für das ganze Wörterbuch beträgt 250 JL Ein interessantes Manuskript. Unter den von der französischen Mission Pelliot aus Chinesisch-Turkestan mitgebrachten Manuskripten befindet sich auch ein aus Psalmen- und Prophctenstellen zusammengesetztes hebräisches Gebet in schöner Quadratschrift, die in das achte bis neunte Jahrhundert n. Ehr. zu setzen ist; sonnt repräsentiert dieser Fund eines der ältesten hebräischen Manuskripte. Das Blatt war gefaltet und wahrscheinlich dazu bestimmt, von dem Besitzer auf dem Leibe getragen zu werden. Palästina und Syrien, die Hauptrouteu Mesopotamiens und Babyloniens und die Insel CYpern. Handbuch für Reisende von Karl Baedeker. 432 Seiten, 21 Karten, 56 Pläne und Grundrisse und ein Panorama. 10 JL 1. Auflage. Leipzig, Karl Baedeker. Die Baedekers in ihrem bequemen Taschenformat und doch schier unerschöpflichen Inhalt sind wirklich ein Vademekum für alles, was der in ein fremdes Land Reisende zu wissen nötig hat. So finden wir in dem uns vorliegenden Baedeker neben seinem wesentlichen Teile, den Reiserouten, nicht nur instruktive Ratschläge bezüglich der Reisevorbereitungen, sondern auch eine arabische Grammatik, die ben Reisenden befähigt, sich verständlich zu machen und werden mit der Bevölkerung, der staatlichen, Kunst- und Literaturgeschichte Palästinas, Syriens usw. bekannt 'gemacht. Es sei hier als Textprobe der Mschnitt über die jüdische Bevölkerung Palästinas wicdergegebeu: „Die jüdische Bevölkerung Palästinas, insbesondere Jerusalems, setzt sich zusammen aus den „einheimischen" Juden, d. h. den Nachkommen der seit vielen Generationen daselbst wohnenden Juden, und den in den letzten Jahrzehnten eingewanderten, die jetzt bedeutend in der Mehrzahl sind. Die Ursachen dieser ungeschwächt fortdauernden Einwanderung sind weniger religiöse als politische und soziale: die bedrückte Lage der Juden in Rußland, Rumänien und anderen Ländern. Die einheimischen Juden sind überwiegend Sephardim, d. h. spanischportugiesische Juden, die bei der Vertreibung der Juden aus Spanien unter Jsabella I. answanderten: sie sprechen nreist arabisch, z. T. ein noch nicht ganz reines Spanisch. Die Aschkenazim, die erst seit dem 19. Jahrhundert einwanderten, stammen aus Rußland, Polen, Galizien, Mähren, Deutschland und Holland; sie sprechen das bekannte Judendentsch und zerfallen wieder in Peruschim (Pharisäer) und Ehasidim. Eine dritte Gruppe bilden die Bochara- Juden, die das Bocharische, eine mongolische Sprache oder das Russische sprechen. Durch den stark mongolischen Einschlag bilden sie einen eigenartigen Teil der Juden. Aus Frömmigkeit eingewandert, werden sie nur durch die religiöse Gemeinschaft mit den anderen zusammengehalten. Sie wohnen in Jerusalem in einer eigenen Kolonie mit eigenartigem Baustil und sind meist ziemlich wohlhabend. Die" vierte und letzte Gruppe sind die arabisch sprechenden Jemeniten. Sie sind in Jerusalem das jüdische Proletariat, Lastträger, Stiefelwichser u. dgl.; da sie nicht ans den Ländern stammen, aus denen die Chalnka kommt, haben sie auch keinen Anteil daran. Sie tragen ' kleine platte Baumwollmützen und die langen Peieslocken. — In der neueren Zeit machen sich starke Bestrebungen geltend, die hebräische Sprache neu zu beleben und zur jüdischen Volkssprache zu machen: sie bildet in der Tat ein Bindeglied zwischen den verschiedenen Bestandteilen und wird jetzt schon vielfach gesprochen." DAS FRANKFURTER KOMÖDIENHAUS Nene Zell 80 — Fernsprecher 1201 spielt diese Woche JOSEPHINE KT’* Ton Herrn. Bahr. Anfang 8% Uhr, Sonntag 8 Uhr. Kaiser Friedrich Quelle > Qffenbach a. JL .- Hegen dicht und Bhemnatlsmns bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl» Frankfurt a. M.. StaUhnrgstr. 9. TeL 259 a. 71. Wochea-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lnaeh.) SamStag, den 17. September l —13. EM!: Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 10 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 25 Mm., in Berlin 7 Uhr — Min. Wochenabschnitt: Ki-seize. — Zunächst wird uns von der Aneignung eines kriegsgefangenen Weibes berichtet. (Die Erlaubnis, sie zu ehelichen, ist nach der Tradition gleichsam eine Konzession an den „bösen Trieb.") Das Erbrecht des Erstgeborenen. Die Bestrafung des ungeratenen Sohnes. (Eine Borbeugungsmaßregel gegen spätere Entartung!) Schonung der Menschenehre mich beim Delinquenten, der gehängt wird. Zurückerstattung gefundenen Gutes. Strcngzüchtige Geschiedenheit der Geschlechter in Kleidung (und Sitten, nach der Tradition). — Eine Vogelmutter lischt samt den Jungen und Eiern zu nehmen. Am Hausdach 'Geländer anzubringen, um Blutschuld zu verhüten. Mischgattungen nicht im Weinberg anzusäen. Tiere verschiedener Gattung nicht zu verbinden, ebenso Woll- und Leinenstoff in Kleidern. — Verleumdung einer Jungfrau bezüglich der Virginität, Vergewaltigung lediger, verlobter und verheirateter Personen. — Aufnahmefähigkeit heidnischer Volksgenossen in Israels Gemeinschaft. (Ammoniter, Moabiter, Edomiter, Egypter.) — Menschlich-züchtiges Verhalten bei Verrichtung menschlicher Bedürfnisse des Körpers. Unzucht me zu dulden in Israels Kreis. Nicht Zins von Volksgenossen zu nehmen. Heiligkeit getaner Gelübde. — Genußerlaubnis für Arbeiter in Feld und Weinberg. Vorschriften für notwendig gewordene Ehescheidung. Dispens vom Heeresdienst für Männer im ersten Ehejahre. Vorschrift für vom Aussatz befallene Personen. Pfändung von Schuldnern. Lohnauszahlnng an Arbeiter bezw. Taglöhner. Armenrecht an „vergessenen" FeU>- und Weinbergfrüchten. Die Geißelungsstrafe und ihre Ausführung. Die Pflicht der Schwagerehe, wenn der Bruder kinderlos starb. Richtiges Maß und Gewicht zu gebrauchen, falsches, auch wenn unbenutzt, nicht im Hause zu dulden. — Stets eingedenk zu bleiben des tückischen Ueberfalls Amaleks nach Israels?luszug aus Egypten. Offenbacfttr Druckluft«Anlage Telefon 123. Ottenbach a. H. Telefon 123. {Jnflbertroffene bewährteste Tspplchrelltl||Iin||. I Caf6 Constabler abeSÄ“ea' a Gesohif tsleirung: Cafetier Willi lenfen. W

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