Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 36 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. sondern lediglich nach den wirtschaftlichen und praktischen Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung in den betreffenden Ländern behandelt. Es herrschen somit in dieser Beziehung keinerlei Meinungsverschiedenheiten unter uns. Unser Verhältnis zu den anderen jüdischen Organisationen ist jetzt ein durchaus freundschaftliches. Da ich zugleich auch im Präsidium des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" bin, so ist dieser mit der Deutschen Konfcrenzgemeinschajt der A. I. U. durch Personalunion vereinigt. Auch zum Zionismus stehen wir jetzt in den besten Beziehungen, was schon daraus hervorgeht, daß wir in unser Berliner Komitee einige Zionisten hineingewählt haben. Wir befolgen damit das Grundprinzip der A. I. U., „die Gemeinsamkeit aller Juden". Umsomehr bedauere ich aufs tieffte die jüngsten Aeußerungen des nun in so tragischer Weise dahingerafften Herrn M. A. Klausner über das Pariser Zentralkomitee der A. I. ZIim Zusammenhang mit der Reinach-Asfäre. Mein diese Acußcrungcn sind — wie es der verstorbene Herr Klausner selbst in einem Schreiben an das „Frankfurter Jsr. Familienblatt" konstatiert hat — der Ausdruck seiner Privatmeinuug, die von der Deutschen Konferenzgemeinschaft keineswegs geteilt wird. Ich möchte dies als Präsident derselben besonders betonen und feststellen. Die betreffenden Aeußerungen sind für mich und die anderen Mitglieder umso schmerzlicher, als wir die bedeutende Persönlichkeit und hervorragende Begabung des Herrn Klausner außerordentlich hochgeschätzt haben. Sein jäher Tod hat uns aufs tiefste erschüttert. Er bedeutet einen schweren, unersetzlichen Verlust für die gesäurte Judenheit. Besonders bin ich dadurch eines treuen, allezeit bereiten Mitarbeiters beraubt worden. Die beste Ehrung, die wir ihm erweisen können, ist die hingebungsvolle Fortsetzung des Alliancewerkes, zu dessen Ausbau in Deutschland der Verblichene soviel beigetragen hat. Wir nehmen die Worte des hochgeschätzten Präsidenten der „Deutschen Konferenz-Gemeinschaft" Herrn Geh. Justizrat Timendorfer bezüglich des freundschaftlichen Verhältnisses der A. I. U. zu den anderen jüdischen Organisationen — einschließlich der zionistischen — mit Genugtuung entgegen; fürwahr, wer die ausgezeichneten Eigenschaften des Herrn Timcndorfer kennt, denr war es von vornherein klar, daß unter seiner Leitung sich die A. I. U. in versöhnlichen und jüdischen Bahnen bewegen wird. Doch die Berliner Leitung ist noch lange nicht die P a r i s e r unter den Auspizien der Herren Salomon Reinach und Bigart; in Paris ist werder eine Spur von Versöhnung noch von Willen zum Judentum wahrzunehmen; Männer wie Präsident Reinach und Generalsekretär Bigart kennen werder das erste noch das letzte. Solches bedingen die innere Veranlagung der genannten Pariser Leiter und in rwch größerer Masse das antijüdischc oder genauer jüdisch feindliche Pariser Milieu; und da es so ist, deshalb treten wir und mit uns weite Kreise der westeuropäischen Judenheit inklusive vieler angesehener Mitglieder der A. I. ll. für die Verlegung der Leitung der A. I. U. von Paris nach Berlin ein. Das Wirken der Pariser Leitung setzt sich nicht nur in Widerspruch zunr Geist des Judentums, sondern auch zum Grundprinzip der A. I. U., der „Gemeinsamkeit aller Juden". Wir begrüßen die Weigerung der Deutschen Konferenzgemeinschaft, die gesamten Gelder der Allianzmitglieder in Deutschland für das Schulwerk der A. I. U. zu verwenden, auf das wärmste. Ist doch grade die Schultätigkcit der A. I. U. das Tadelnswerteste an ihr, da dieses Werk nicht nur vom Standpunkt des Judentums zu verwerfen, sondern auch vom wirt-. schaftlichen Gesichtspunkt zu mißbilligen ist! Denn was die Pariser Leftung anstrebt, ist einzig und allein, dem Franzosentum und der französischen Sprache zu dienen. Herr Klausner stand mit seinem abfälligen Urteil gegen die Pariser Leiter der A. I. U. nicht allein, — da nützen Zrtttrkftücker AfWÄMDeS FcomIÄnblaÜ. keine dyplomatischen Verklauselierungen und' Abschwächungs-Versuche. D. Redakt. Zur galizischen Landesenquöte in der Judeufrage. Es ist wieder einmal der antisemitischen Hetzprcsse gelungen, einen schönen Plan zu verschieben unv wer weiß, ob nicht auch! — in den Resultaten wenigstens — zu vereiteln. Fast am Vortage ist die Judenenquste des galizischen Landcsausschusses verschoben Ivorden! Schon seit langem regnete es von den Spalten der konservativen und antisemitischen Presse mit einer Masse von Schimpf- und Schmähartikeln, die zu beweisen suchten, daß das Land keine Ursache habe, sich mit der Judenfrage speziell zu befassen, da doch die Juden ohnehin die wohlhabendste (!) Bewohnerklasse Galiziens bilden. Als nun der galizische Landtag auf einige Tage später einberufen wurde, da erhob sich ein Entrüstungsschrei sogar seitens der demokratisch gesinnten Polen, die in her unmittelbaren Aufeinanderfolge der Enquste und der Landtagssessionen nicht nur eine Demonstration, sondern geradezu eine aus die Abgeordneten einzuwirkende Pression zugunsten der Juden zu sehen glaubt-n. Sie fürchteten, daß die fast zweimonatlichen Landtagssitzungen im Zeichen der Judcnfragc arbeiten und andere Landesinteressen vernachlässigen werden. Und d er Landesausschuß, kapitulierte, und die „jüdischen" Abgeordneten, die in der Enquete ein neues und gut klingendes Losungswort für die nächsten Wahlen gegen jeden „unbefugten Angriff" auf ihre gut eingesessenen und durch Stillschweigen verdienten Abgeordnetenrechte sahen, legten eine selbstzufriedene Miene an und bewährten ihren polirischen Pessimismus durch loyales Festhalten an der stillschweigenden Tradition des Maulkorbtums. Und diese „berufenen" Vertreter der Juden kümmern sich nicht darum, daß tausende Juden brotlos werden und daß es die höchste Zeit ist, irgendwelchen Beschluß zu fassen. Und da der galizische Landtag nur einmal jährlich tagt, so war es eben notwendig/ schon ocr diesjährigen Session die Resultate der Enquste behufs irgendwelcher Stellungimhme seitens der höchsten Landcsvcrtretung vorzulegen und nicht die Enquete bis nach Schluß der Landtagssitzungen warten zu lassen. Das bedeutet soviel, als mit einer ev. Vorlage im Landtag bis künftigen Herbst Ivarten, was angesichts einer Wahlreforni und neuer Wahlen sich ins lateinische „ad calaendas graecas" übersetzen läßt. Ist das Possenspiel oder ein An-der-Nase-herumsühren-wollen. —? Angesichts des Geschehenen läßt sich vorläufig von der Ende Oktober oder Anfang Novcniber stattsindenden Enquete fast nichts erwarten. Prof. Marek M a r g u l i e s. 12. Delegiertentag der deutschen Zionisten. Frankfurt a. M., 13. Scpt. Viele Gedanken und Gefühle durchströmten mich, als mein Auge Sonntag ftüh um 10 Uhr das Mcnschcngewimmcl in dem blauweiß dekorierten Prachtsaal des Kaufmännischen Vereins musternd überflog und das herrliche Bild des Dclegiertentagcs überschaute. Da waren frische junge Leute, meist Studenten, unermüdliche Ordnerdienste leistend. Gruppen von Deligierten, die aus allen Teilen Deutschlands herbeigekommen waren und nun Worte des Wiedersehens austauschten. Und dami die Masse des Publikunis, Damen- und Herren in farbenreichem Durcheinander, alt und jung und alle Schichten der Bevölkerung umfassend, ganz nach den Prinzipien der demokratischen zionistischen Bewegung. Plötzlich ertönt das Glockenzeichen. Die Gruppen lösen sich, den Plätzen zueilend, das Gemurmel verstummt. Rr. 86 Ein zweites Glockenzeichen. An der vordersten Tür erscheint das Zentralkomitee, der Tribüne zuschreitend, mft seinem Erscheinen lebhaftes Beifallklatschen auslösend. Und nun sitzen sie oben vor den prüfenden Augen von 1500 Menschen, sie, die die Zukunft des jüdischen Volkes herausmeißeln wollen, herausmeißeln aus dem Chaos der Gegenwart. Und es sind Köpfe da, die zuversichtliches Vertrauen geben. Der vornehme Gelehrtenkops Professor Otto Marburgs, des Sachverständigen des Deutschen Reichs in Kolonirlsragen, der schlichte und doch, so energische Demokratenkopf Dr. .Franz Oppenheimers, des berühnlten Nationalökonomen. Und vor allem der Kopf der die ganze auserlesene Korona überragenden Erscheinung David Wolsfsohns, des Präsidenten der Gesamtkewegung, der nach Beginn der Rede des Präsidenten Dr. Bodeicheimer unter nicht enden wollendem Jubel den Saal betritt, ec, der gleich dem unvergeßlichen großen Herz! Gesundheit und Kraft seinem Volke geopfert hat und nun nach wochenlang« schwerer Krankheit, noch, Patient, es sich nicht nehmen ließ, seinen Getreuen zu zeigen, daß er bald wieder der Alte sein wird, Tag und Nacht sinnend und schaffend für die Rettung seines Volkes. * Sonntag .(Bormittagssitzung). Dr. Boden heim er eröffnet den Delegiertentag und weist im Eingang seiner Rede besonders daraus hin, daß durch, die bevorstehende Verlegung der Leitung von Köln nach Berlin seine Wahl als Präsident nicht wieder in Frage komme. Vor zwölf Jahren war es nur eine geringe Zahl Zionisten, die sich in Frankfurt versammelten, heute stehen 7000 organisierte Zionisten hinter uns. Der Zionismus hat den deutschen Juden den Rücken gestärkt und sie gelehrt, , daß man rin guter Staatsbürger sein und doch für die Zukunft seines Stammes eintreten kann. Der Zionismus wird der Türkei großen wirtschaftlichen und kulturellen Gewinn bringen. David Wolffsohn dankt dem Präsidenten für die Worte der Begrüßung und fährt dann fort: „Ich glaube, daß die Wichtigkeit des heutigen Delegiertentages darin besteht, daß Sie znm - ersten Male, seitdem die Organisation in Deutschland besteht, sich an Stelle von unserem Dr. Bodenheimer einen neuen Präsidenten wählen müssen. Meine Damen und Herren! Mir, dem Freunde Dr. Bodenheimer's, mit dem ich seit 15 .Jahren, also lange noch bevor der erste Kongreß stattfand und noch bevor uns Herzl erschien, ununterbrochen zionistische Arbeit getan habe, mir steht es nicht gut an'und es 'ist mir auch peinlich, ein Loblied auf Dr. Bodenheimer anzustimmen und seine Verdienste für die zion. Organisation hervorzuheben. Ich würde meine Pflicht als Präsident vernachlässigen, wenn ich es hier unterlassen würde. Dir. Bodenheimer den Dank der 'Gesamtorganisation für seine unermüdliche Arbeit und seine hervorragenden Leistungen auszusprechen. Dr. Bodenheimer hat sich nicht nur um die Zionistische Organisation in Deutschland verdient gemacht, sein Verdienst liegt in erster Linie auf dem Gebiete der Gesamtorganisation, Seiner Initiative ist es zu verdanken, daß wir in Köln, lange noch bevor die Zionistische Organisation geschaffen war, «ine Nationaljüdische Vereinigung für Deutschland hatten, und als bald darauf ber Sammelruf Herzls erfolgte, war es wieder auf die Initiative Dr. Bodenheimers, zurückzuführen, daß der erste Delegiertentag Deutscher Zionisten nach Bingen einberufen wurde. Es war nur eine kleine Versammlung, die kaum den Namen Delegiertentag verdiente, aber die Grundlage für den ersten Delegiertentag Deutschlands war gelegt. Es war durchaus kein Zufall, daß Br. Herzl gleich zu Beginn die meisten organisatorischen Arbeiten, wie die Gründung der Kolonialbank, nach Köln übertrug, daß er nichts Wichtiges mehr ohne Köln hinzuzuziehen, unternahm. In Köln fand er eine Organisation vor, es war daher nur eine natürliche Folge, daß nach dem Tode Herzl's die Gesamtleitung. nach Köln überging. Meine Dchnen und Herren! Hieraus ersehen Sie. nicht nur die Verdienste Dr. Bodenheimer's. Hieraus können Sie auch den Zusammenhang zwischen der Gesamtleitung und der Leitung der Zionistischen Organisation in Deutschland ersehen. — Um Mißverständnisse zu vermeiden, möchte ich von vornherein betonen, daß iches für einen großen Fehler halten würde, wenn die Zionistische Zentralleitung von irgend einem Lande, es sei denn unserem eigenen, abhängig wäre, oder auch nur eine lokale Färbung bekäme. Die Leitung darf weder deutsch noch englisch, weder russisch noch österreichisch sein," sie darf nur jüdisch, .nur zionistisch sein. Ich habe daher bei.jeder Gelegenheit alles, was möglich war, getan, um nur zu vermeiden.