Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1910-09-09 · Heft 35 (9.9.1910) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 35 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692665-2692700--05640-2700575
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 4. Nr 35 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Körpcrkonstitution besonder» stark aüfttitt, noch wenig geschehen. Es existieren sür glaubenstreue Juden nur zwei Anstalten, wo ihnen Gelegenheit geboten ist, den religionsgesetzlichen Vorschriften, nachzukommen. 1. Das Asyl sür mittellose kranke Israeliten in Meran, das jedoch nur im Winter seine Pforten öffnet und aus Mangel an Mitteln selbst dann nur eine beschränkte Anzahl Patienten ausuchmeu kann. Es bleibt also haupstächlich: 2. Die Israelit. Kuranstalt Bad Soden, welche Dank ihrer praktischen, allen Anforderungen der modernen Hygiene entsprechenden Einrichtungen, den herrlichen Neubau, welchen Freifrau D. C. von Rothschild in hochherziger Weise errichten liest, imstande ist, wirklich viel Gutes zu leisten. Die Sodener Anstalt ist das einzige jüdische Sanatorium, welches Sommer wie Winter Männer und Frauen ihren religiösen Grundsätzen getreu verpflegt. Die Verwaltung übt ihr schweres verantwortungsvolles Amt mit voller Liebe und Hingebung, aber sie ist sich bewußt, daß es ihr niöglich iväre, noch viel mehr Unglücklichen zu helfen, wenn nicht Geldmangel sic zwingen würde, einen großen Teil der Hilfesuchenden abzuweiscn. Bereits mitten im Jahre sind die verfügbaren Mittel, aus Jahresbeiträgen und Geschenken bestehend, aufgczehrt. Mit größter Opferfrcudigkcit begründet, blickt die Sodener Anstalt heute auf eine überaus segensreiche Entwicklung zurück. Möchte diese Entwicklung nicht gehemmt werden. Niemals hat es unserem Volke an offenen Händen und Herzen gefehlt, wenn es galt, eine der großen Mizwaus, wie Bikur Chaulim cs ist, zu erfüllen. Möchten diese Zeilen als Appell an alle jüdischen Herzen er ermöglichen, daß die Sodener Anstalt in immer größerem Umfange auch fernerhin den Ansprüchen gerecht werden kann, die von so viele» jüdischen Kranken an sie gestellt werden. Es ist die Pflicht eines jeden jüdisch denkenden Menschen, die schöne Anstalt nach besten Kräften zu unterstützen, damit sie ihre Ausgabe in weitem Maße erfüllen kann. Frankfurt a. M. Die Monatsschrift des Zentralvcrcins deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens „Im deutschen Reich" bringt über einen Fall von A n t i s c ni i t i s m u s folgendes: „In dem Hütgeschäft Alfred Bender in Frankfurt a. M., Zeil 19 und Katharinenpforte 3—5, wurde, wie uns von dort mitgeteilt wird, ein jüdisches Fräulein als Verkäuferin engagiert. Als sie die Stelle vereinbarungsgemäß ain 16. Mai d. I. aiurat, fragte sie der Inhaber des Geschäfts, Herr Wilhelm Löw, ob .sie Jüdin sei. Nachdein sic diese Frage bejaht hatte, erklärte er, sie könne gehen; es vertrage sich nicht mit seinen Prinzipien, Juden zu beschäftigen, er habe dies noch nie getan, könne dies auch seinen andern Verkäuferinnen gegenüber nicht. Am Tage vor dem Termin vor dem Kaufmannsgericht zahlte die Firma Alsred Bender dem Fräulein die eingeklagte Summe, was die Richtigkeit des Berichts bestätigte. Uebrigens 'hegten wir schon deshalb keinen Zweifel daran, weil eine von «n« an die Firma Bender gerichtete bezügliche Anfrage unbeantwortet blieb. — Wir bringen den Vorfall an die Oeffentlichkeit, damit die charaktervollen jüdischen Kunden sich nicht mehr bei Herrn Wilhelm Löw behüten lassen, sondern vor dem grundsätzlich jüdische Angestellte abweisenden Hütfabrikanten behütet werden." Eydtkuhneu. Unter Beteiligung einer nach Tausenden zählenden Menge .und im Beisein der Behörden fand dieser Tage die Einweihung des mit einem Kostenaufwand von 20000 Rubeln erbauten Jüd. Alter s-undKranke n Hauses iqr nahen Willkowischken (Rußland) statt. Das prächtige Haus wurde vom Landrat und Herrn Aernhard Freidberg aus -Eydtkuhneu eröffnet. Letzterer hat mit seiner Schwester bic Hälfte der Kosten beigestenert, so daß ihm dasZusiaudekommcu des segensreichen Werkes zu verdanken ist. Bamberg. Die mit einem Kostenaufwand von einer halben Million Mark neu erbaute Synagoge wird am 11. September ein ge weiht werden. Der stattliche Neubau, ein herrlicher Monumentalbau und eine Zierde der Stadt, wurde in nicht ganz einem Jahre nach den Plänen des Diplomingenieurs Kronfuß-Bambcrg hcrgcstellt. Den Bauplatz, der 1502 Quadratmeter umfaßt und einen Wert von nahezu 80000 JL besitzt, hat die Stadt zu dem ermäßigten Preise .von 15 000 JL abgetreten. Er bietet noch hinreichend Raum für den projektierten Anbau eines Schulhauses nebst eines Dicnstwohnungsgebäudes. (L.) Wreschen, 3. September. Ein sehr wichtiger Akt hat heute innerhalb der hiesigen Synagogen- Gemeinde stattgefnnden. Zum Nachmittagsgottesdienste hatten sich Jung und Alt zur Schließung des altehrwürdigen Bet- und Lehrhauses versammell. Mehr als 100 Jahre haben in diesem heiligen Raum (Beth-Hamidrasch) Andächttge ihre Gebete verrichtet und in der Gotteslchre geforscht. Der Kantor rezitierte den Psalm: „Wer darf weilen in deinem Zelte, wer' wohnen auf deinem heiligen Berge?" Hierauf hielt Rabbiner Dr. Le- >v i n eine zu Herzen gehende Abschiedspredigt. An: Abend erfolgte dann die vorläufige Ucberbringung der Gcsetzesrollen, der vielen Talmudbücher und sonstiger heiliger Geräte in die nahe Synagoge. — Ein anschließender Raum im gemeinsamen Gottcshanse soll als Beth-Hamidrasch gewonnen werden. Oesterreich-Ungar». Wien. Unser Parlament hat mit Mehrheit die Aufnahme der Nationalität in die Fragebogen, die bei der Volkszählung zur Verwendung gelangen, beschlossen. Die Regierung fügt sich diesem Beschlüsse nicht und erläßt eine langatmige Erklärung für ihre Haltung; ihr wirklicher Grund ist aber der, daß die Juden ebenfalls für die Aufnahme der Nationalitätsklanscl sind. — Diese Uebcrgehung der jüdischen Forderungen findet selbsttedend den begeisterten Beifall der Sozialdemokraten. Doch das ist jedem einleitchtend, der die Gerechtigkeitslicbc und die politische Anständigkeit dieser Partei kennt. Die „Arbeiter-Zeitung" applaudiert, wenn ein orthodoxer Jude eingesperrt wird, der vor einer katholischen Prozession den Hut nicht abnahm. Sie erklärt das „Jiddisch" für „Budapester Orpheum". Warum sollte sie für die Forderungen des fast zwei Millionen zählende» jüdischen Volksstamines sein? Lemberg. Die von dem Landesausschuß auf den 19. September einberusene Enquete über die Verarmung der Inden in Galizien wird bei ihrer eintägigen Dauer und der Fülle des Materials ihrer Aufgabe nur wenig gerecht werden können. Dies liegt auch wahrscheinlich im Plane ihrer Veranstalter, die nur politische Spiegcl-Fechtcrei betreiben. Der galizischc Landcsausschuß rechnet mit der Möglichkeit der Auflösung des Abgeordnetenhauses und geht zeitig auf den W ä h l e r s a n g. Rußland. Warschau. Im Städtchen C h o r o l (Gouv. Poltawa) hat der Bürgermeister angeordnct, daß die jüdischen Kühe nur zu 10«'« auf der Gemeindewiesc weiden dürfen. Wer weiß, was der Prozentnormwahn in Rußland noch zeitigen wird! — Bis vor kurzem ditrftcn in Smolensk jüdische Handwerker, die ihre Papiere bei der Gouvernementsbehörde zur Prüfung cingereicht hatten, bis zum endgültigen Bescheid provisorisch in der Stadt bleiben. Bor einiger Zeit hat nun die Gouvcrncmentsbehörde „in Erfüllung der mündlichen Vorschrift des Herrn Gouverneurs" die Verfügung getroffen, jüdischen Handwerkern nicht eher das A u f e u t h a l t s r e ch t in Smolensk einzuräumen, als bis ihre Papiere geprüft und in'Ordnung befunden worden sind. Infolge dieser Verfügung wurden 50 jüdische Handwerker „bis ans weiteres" ansgcwiesen. Nun soll das gleiche Geschick auch die altern Handwerker treffen, die weiter nichts verbrochen haben, als daß das Polizeiarchiv ihre alten Scheine nicht aufzubewahren wußte. Zahlreiche jüdische Familien, die während fünfzehn bis zwanzig Jahre unbehindert in Stadt und Gouvernement Smolensk wohnen durften, werden wohl — dank der Lässigkeit der Polizei und der Laune des Herrn Gouverneurs — zum Wanderstabe greisen müssen. Türkei. Konstantinopel. In S m y r n a , wo der Handel in den Händen der Griechen und Juden liegt, haben die ersteren den Boykott gegen die jüd. Kaufleute ausgesprochen, da die Inden bei der Boykottierung der Griechen in der Türkei mit tätig gewesen seien. Konktantinopel. Die jüd. Handelsgesellschaft „Agudath Netaim" ist unter dein Namen „Sociätä Ottomane de Co in me ree, Agr i c u lt ur c et Industrie" legalisiert worden. Das Grundkapital dieser Aktiengesellschaft beträgt 50 000 Pfund, wovon etwa die Hälfte bisher gezeichnet worden ist. Die von Herrn Eiscnberg geleitete Gesellschaft hat ihren Sitz in Konstantinopel und eine besondere Zweigniederlassiliig in Jaffa. — Der K a i in a r a iir (Statthalter) von Jaffa beschimpfte jüngst in der jüd. Kolonie E k r o n wegen einer Differenz beim Erheben der Getteidestcuer die jüdische Bevölkerung. Die Kolonisten wandten sich beschwerdeführend an Großrabbiner Haim Ratz um, der ihre Beschwerde dem . Minister des Innern Talaat-Beh vorttug. Der Minister erklärte, daß er über den Vorfall bereits durch den Gouverneur von Jerusalem unterrichtet sei und daß er sofort die Amtsenthebung des Kaimakams verfügt habe. An seiner Stelle ist der bisherige Statthalter von Alerandrette znm Kaimakam von Jaffa ernannt worden. Amerika. . New - Bork. Infolge des Riesenstteiks der Schneider hat die Notlage der arnren jüv. Arbeiterbevölkerung erschreckende Dimensionen angenommen. Tausende jüdischer Familien sind außerstande, die Wohnungsmiete zu bezahlen, und mehr als 1500 Parteien haben bereits die Ausfordcrung erhalten, ihre Wohnungen zu verlassen. 0 FeiÄeilm. © Bar Der Lange. Eine Skizze aus dem jüdischen Leben in Russisch-Litauen. Von Dr. F o r s ch m a n n. tSchluß). Bär blieb >vie angewurzelt stehen: so sehr lähmte ihn der Gedanke an den vergessenen „Kadisch". Aber was ließ sich niachen? Er mußte weiter, er mußte nach Hause. Als Bär in das Städtchen kam, saßen schon die Balehabatini bei der „Sndo", und niemand sah ihn, wie er scheu durch die Gassen schritt. Daheim brannten schon längst die Bcnschlichter auf dem mit einem weißen Tuche gedeckten Tische. Basse, die andachtsvoll in ihrem „Zeeno-Ureno" las, machte große Angen, als sie Bär cintreten sah: sic hatte ihn nicht mehr erwartet, und auch in den Gesichtern der Kinder malte sich lebhaftes Erstaunen. Mit unsicherer Stimme erzählte Bär, er sei vom Wege abgckommcn und über zwei Stunden herumgeirrt, bis er sich endlich znrcchtgcfnnden habe. Er schämte sich innerlich dieser Lüge, — aber konnte er vor Frau und Kinder» die Wahrheit sagen? Wie er aber die Geschenke des Poritz auskramte, da lachten die Kleinen in Heller Freude, und auch über Basses fahles Antlitz flog ein Lächeln. Doch Bär konnte die gedrückte Stimmung nicht los werden. Als inan sich zu Tische setzte, sprach er mechanisch den „Kidusch". Die „Smiröß" sang er lange nicht so feierlich wie sonst, ja, er hörte kanui, wie herrlich sein Jankele den Gesang mit kräftiger Stimme begleitete. Die vortrefflichen Gerichte, die zu-Ehren des Sabbat anfgetragcn waren, mundeten ihm nicht, »nd kaum war das Mahl beendet, so erhob er sich. „Wohin?" fragte Basse. In „Schul" war seine kurze Antwort, und damit schritt er zur Tür hinaus. * ' * * Die Synagoge in meinem Heimatstädtchen diente außer ihrem eigentlichen Zwecke als Stätte des Gebetes noch zu manchem anderen: den Obdachlosen war sie ein Zufluchtsort, für die Kauflcute eine Börse, auch fand man sich nach des Tages Mühen dort ein, um etliche Stunden init guten Nachbarn zu verplaudern. Für Bär hatte sie heute noch einen ganz eigenen Reiz; sie war näinlich tüchtig geheizt, und bei ihm zu Hause „konnte man eine Jagd auf Wölfe machen". Er hatte wahrhaftig das Bedürfnis, seine halberfrorenen Glieder auf der Bank vor dem Ofen anszuwärmen. Als er die Synagoge betrat, sand er bereits eine ganze Gesellschaft versammelt. Auch Kalmon der „Baalmasse" war da, so genannt, weil er schöne „Masses" (Märchen)' erzählen konnte, und Chonon der „Melamed", der durch seine heilbriilgenden Sprüche berühmt war und besonders bei Krankheiten, die von „Ajin - horo" herrühren, aufgesucht wurde. Bär wurde sofort mit Fragen, bestürmt, warum er vom Gebete ausgebliebcn sei. Er brachte wieder das .Märchen von seinem Jrrgange vor, diesmal schon mit größerer Sicherheit, dann erzählte er ausführlich von den Geschenken des Poritz, von Brannttrinken aber sagte er kein Wort. Ihre Neugier war dadurch befriedigt, und das durch sein Erscheinen unterbrochene Gespräch wurde wieder ausgenommen. Die Ereignisse des Tages wurden lebhaft erörtert, dann gab Kalmon etliche Wundererzählungen aus dem Leben verschiedener „Zabikim" znin besten, und endlich lenkte sich das Gespräch auf Tote und Gespenster. Kalmon führte auch hier das große Wort und tischte gleich ein Halbdutzend Geistcrgcschichten auf, um zu zeigen, daß er sich auch aus diese Art Erzählungen verstehe, und die Balehabattm lauschten ihm mit großer Spannung. „Der Zadik Rabbi Abcles, gesegnet sei sein Andenken" — erzählte er unter andern — „saß einst an einem Sabbatabende in Schul beim Lesen des „Sohar". Da tat sich plötzlich die Tür auf und herein schritt eine Schar von Männern, in „Tachrichim" gehüllt. Sie schritten gerade aus auf den „Aronhakodesch" zu, nahmen die Thorarollcn heraus und wollten sie eben ausbreiten, um darin zu lesen. Da erhob sich unerschrocken der Zadik von seiner Bank und rief ihnen drohend zu: „Begebt euch, Tote, nach eurer Ruhestätte!" Sie ließen sich aber nicht stören; einer von ihnen hatte sogar die Unverschämtheit, den üblichen Segen vor dem Lesen der Thora zu verrichten. Nun war Rabbi Abeles, wie bekannt,;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.