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Neue jüdische Presse · 1910-09-09 · Heft 35 (9.9.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 35 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Kr. 35 Seite 5. ein ausbrausender Mann; .er geriet in den größten Zorn, mit dem Sohar in der Hand ging er mit den Worten: „Fort Schkozim, von hier!" aus die Schar los. In demselben Augenblicke aber erlosch die einzige brennende Lampe, ein helles, schrilles Gelächter gellte durch das Gemach, und eine Stimme ließ sich hören: „Du verjagst uns, wir harren deiner." Damit verschwand der Spuk. Rabbi Abeles aber lebte nicht mehr das Jahr über," schloß der Erzähler und wars einen musternden Blick aus die Hörer, die unter der Einwirkung der Schauergeschichte noch eine Zeitlang schweigend saßen. „Ja," begann eiwlich einer der Balehabatiin, „es ist eine bekannte Sache, daß die Toten zuweilen ihre Ruhestätte verlassen und in die Schule kommen, um die Thora zu lesen." „Natürlich," warf der Balemasse ein, „und nun gar bei uns hier, wo der „Bcß-Elom" so nahe an der Schul liegt." „Und die Schul mit ihrem glühenden Ofen ist auch ein wahrer „Gan-Eden"", fügte Chajim, der Krämer, hinzu. „Besonders in einer kalten Nacht >vie heute," bestätigte Kolmon. „Die Toten können sich überhaupt nicht recht au das Grab gewöhnen. Das weiß ja jedes Kind, daß sie noch dreißig Tage nach ihrenc Hinscheiden keine Ruhe finden. Nachts setzen sie sich ans die „Beß-Elom"-Bäume und bringen die Zeit mit Heulen und Klagen hin. Jeder, der cs gehört hat, weiß, wie schauerlich es klingt; ein Stein könnte sich in Thränen auflöscn." Alle stimmten zu, denn, wer es nicht selbst gehört hatte, der wagte doch nicht, im entfernstcn daran zn zweifeln. Bär war es bei diesen Erzählungen höchst unbehaglich zn Mute geworden. Die alte Röchele und der vergessene Kadisch waren ihm wieder eingefallen. Eine Gänsehaut lief ihm über den Rücken. Aber cr wehrte sich gegen die unheimliche Furcht, und er wagte sogar eine Entgegnung. „Eine Stelle in Hiob," sagte er, „lautet ausdrücklich: „Die Toten wissen von nichts."" Maßloses Erstaunen malte sich ans den Gesichtern aller; eine solche Kühnheit war noch nicht erhört worden. Endlich nahm Kalmon das Wort. „Seit wann bist Du EpikurcS (Epikuraerer — Freidenker) geworden?" fragte er Bär in höhnischem Tone. „Sein guter Poritz hat ihn aufgeklärt," sagte Chajim stichelnd. „Mer, Rabbossaj," rechtfertigte sich Bär, „Hiob war doch gewiß ein Lamdom und ein Zadik, und er hat cs doch gesagt." „Et!" mischte sich nun Chonon ein, der bisher geschwiegen hatte; „sprich doch nicht mit einem Amhoorcz!" Und, Bär scharf ins Gesicht blickend, fragte er: „Hast Du den „Khal-chassidim" gelesen?" Bär zuckte verlegen die Achseln. „Also," fuhr Chonon fort, indein er ihm einen vernichtenden Blick zuwarf, „rede ein andersmal nicht in Dinge drein, denen Du nicht gewachsen bist, und höre lieber, was der große „Chassid" in seinem Buche „Khalchassidim" berichtet!" Bär saß tief beschämt da, sein Gewissen machte ihm heftige Vorlvürse, und eine unbestimmte Angst konnte er gar nicht von sich äbschütteln; besonders der Kadisch quälte ihn immer wieder. Chonon aber begann, nachdem er zuerst eine Prise Tabak genomncen, mit gedämpfter Stimme zn erzählen: „Der große „Bal-Mknbol" (Kabalist) Rabbi Semmele pflegte, wie bekannt, wenn der Geist ihn trieb, einsame Wege einzuschlagen, um in seinen hohen Gedanken durch nichts gestört zn werden. Ans einem dieser Spaziergänge begegnete ihm ein alter Mann, der schwer seufzend unter einer mäckitigen Last dürren Holzes daherkeuchtc. Der Rabbi besah sich den Mann genauer. Es war eine Jammer-Gestalt, zn Haut und Knochen verschrumpft, ein wandelndes Gerippe; das fahlgrauc Antlitz schien seltsam verwittert, — und was das merkwürdigste war, von dem Manne ging ein moderiger Grabesgeruch aus. Der Rabbi wurde neugierig und fragte den Alten, wer er sei. Dieser erzählte ihm seine kurze, aber höchst traurige Geschichte. Er sei bereits seit 15 Jahren tot; Verwandte habe ^xr keine hinterlasscn, die für das Heil seiner Seele hätten Kadisch lesen können, für Geld habe er aber niemanden dazu bestellen können, denn cr sei sehr arm gewesen, und da er im Leben manche Sünde auf sich geladen, müsse cr jetzt im Jenseits dafür büßen. Jeden Tag schicke man ihn ans die Erde, wo er einen recht großen Haufen Holz aufbringen müsse. Damit heize cr dann denmächtigen Ofen im „Gehinem"; in diesem prasselnden Feuer werde er verbrannt, erstehe aber jedesmal' neu aus der Asche, um immer wieder dieselben Qualen zn erdulden. Wenn jemand für ihn Kadisch lese, so hätte sein Leiden wohl bald ein Ende, schloß der Arme seine Erzählung und schaute den Zadik mit bittendem Blicke an. Rabbi Semmele hatte mit Erstaunen zugehört, und tiefes Mitleid mit dem Unglücklichen regte sich in seiner Seele. Er versprach ihm »ns der Stelle, ein ganzes Jahr hindurch für ihn Kadisch zu lesen. Das Gespenst ließ einen Laut des Entzückens hören und verschwand. Ein Jahr verging, der Rabbi hielt sein Versprechen gewissenhaft ein. Da erschien ihm Frankfurter Israelitisches Familrenblatt. der Alte im Traume, dankte ihm unzählige Male mit verklärtem, vor Freude strahlendem Antlitze, sagte, daß er nunmehr erlöst sei, und erzählte vom seligen Leben im Gan-Eden. . ." Alle schn legen gerührt. Chanon aber wandte sich an Bär den Langen. „Nun, mein Philosoph," fragte er ihn triumphierend, „was wirst Du jetzt sagen?" Bär aber sagte nichts; der Schreck war ihm gewaltig in die Beine gefahren, denn der Frevel, den er durch Unterlassung des Kadisch begangen, drückte zentnerschwer auf seine Seele, und er hatte nicht die Kraft, den lähmenden Eindruck zu verbergen, den die Erzählung Chonons ans ihn gemacht hatte. Das Gespräch ivendete sich nun anderen Dingen zu, aber Bär saß' teilnahmslos da, in seinen Gedanken einzig mit Röchele beschäftigt. Wenn sic ihm erschiene, Rechenschaft fordere für die große „Awcro"! Ein entsetzlicher Gedanke, der ihn innner wieder quälte. Allmählich brachen die Baalehabatim auf. Nur Bär und der „Schamoß" Salmon blieben in der Synagoge. Dieser wackere Hüter des Heiligtums war ei» redseliger Mann, und keiner verstand sich besser darauf, ein .Gespräch in Fluß zn bringen und zn führen. Allein an Bär war heute seine ganze Kunst verschwendet; denn der Aermstc gab entweder gar keine oder einsilbige und obendrein höchst verkehrte Antworten. Als Salmon mit einem letzten Versuche, ein erquickliches Geplauder lGespräch) cinzuleitcn, fragte, ob er zum „Briß" (Beschneidungstag) beim „Gabbaj" eingeladen sei, fuhr sich Bär mit der Hand durch das Haar und sagte, nachdrucksvoll den Kopf schüttelnd: „Sie wird doch nicht kommen!" Höchst verwundert besah sich der brave Schamoß sein Gegenüber. Es war ihm doch bisher an Bär nichts merkwürdiges ausgefallen. Was konnte ihn so verwirren? Vielleicht die Anstrengungen des weiten Weges. Soviel stand jedenfalls fest, daß heute ans ihm kein vernünftiges Wort hcrauszubringcn sei, und so entschloß sich Salmon — wie schwer ihm das auch ankam — sein Gegenüber sich selbst zu überlassen und zu schweigen. — Bär achtete das gar nicht. Er grübelte und griibelte starr vor sich hinblickend. Dabei hatte cr die Beine auf die Bank gezogen, und den Kopf stützte er ans die rechte Hand. Allmählich aber überkanr ihn die Ermüdung; die behagliche Wärme, die seine ermatteten Glieder durchströmte, tat das ihrige, und so schluminerte er bald ein. Kaum hatte das der Schamoß bemerkt, als er sich erhob und die Synagoge verließ, um ans einen Augenblick nach den Seinen zn sehen. Es gelüstete ihn nicht, dem Schläfer zuzuschanen; bis dieser erwachte, konnte er selbst längst wieder zurück sein. — * Eine Viertelstunde etwa mochte Bär geschlafen haben. Offenbar aber beunruhigten ihn böse Träume, denn er stöhnte ängstlich, und seine Lippen bewegten sich leise niurmelnd. Mittlerweile erhob sich draußen ein Wind, der sehr rasch zu großer Heftigkeit anwuchs, durch die Gasse tobte und an den Fenstern rüttelte. Davon erwachte Bär. Mit einem Blicke sah er, daß er allein war. Ein leiser Schreck rieselte ihm durch die Beine, und ängstlich schaute er sich im leeren Raume um. Nur die Tischlampe verbreitete ein spärliches Licht, das gegen die Wände zn verdämmerte; in allen Winkeln kauerten Schatten, die zn lauern schienen. Die kupfernen Hängcleuchter nahmen in dem grauen Dämmer groteske Formen an, fast gespenstisch anzuschanen. Mit unsicheren Blicken glitt der arme Bär darüber hinweg. Und draußen heulte und pfiff der Wind,- die Eisnadeln peitschte er an das Fenster, daß es schaurig klang. Und jetzt — horch! — von fernher ein Winseln, ein Stöhnen, so hohl, so entsetzlich. „So jammern die Seelen," zuckte es Bär durch das Hirn. Ein eiskalter Schauer überlief ihn, und seine Haare stiegen ihm zu Berge. Noch kämpfte er, noch versuchte er, nicht daran zn denken. Da aber geht ein Knarren und Schlürfen über den Flur, und an der Tür rüttel's und poltert'», als ob sie aufgerissen werden sollte. Und jetzt — jetzt ist es ganz deutlich zu hören, unmittelbar vor der Türe — das grausige Winseln und Heulen . . . Da ist'» um Bürs Mut und Ueberlegung geschehen. Er springt auf, am ganzen Leibe zitternd, die weit geöffneten Augen starr aus die Tür geheftet. Jetzt 'wird sie kommen, die weiße Schar oder gar Röchele selbst! Tausend wirre Gedanken durchkreuzen sein Hirn. Er will sich auf die Ofenbank werfen, den Mantel über das Gesicht ziehen, aber die Furcht ringt ihm einen anderen Entschluß ab. Nur fort, fort ans dem öden, gräßlichen Raume, hinaus auf die Gasse. Er überlegt nicht, daß er da dem drohenden Unheil geradezu in den Weg laufen müsse, dir Angst schüttelt seine Knochen und bringt ihn um den letzten Rest von Besinnung. Er stürmt hinaus, niemand tritt ihm entgegen. Auf dem dunklen Flur stolpert er, aber er rafft sich auf, und mit etlichen Sätzen ist er auf der Gasse. Der Wind rüttelt und zaust ihn, aber was tut's? Besinnungslos stürmt er vorwärts. Nur noch einige Schritte, die Friedhofsmauer entlang, — dann ist er geborgen. Da aber — cr kann nicht mehr sehen, nicht atmen da schwebt etwa» Weißes durch 'die Luft heran, gerade auf ihn zn, immer schneller, innner schneller, es rauscht an ihn, und zwei kalte Arme legen sich um sein Gesicht. Einen Schrei stößt er aus und stürzt ohnmächtig zusammen — — — — — — — — Bald darauf kehrte der Schamoß in die Synagoge zurück. Zn seinem iricht geringen Schrecken fand er Bär den Langen anscheinend leblos auf der Gasse liegen. Er 'machte Lärm, und alsbald kamen die Balehabatim .herbei, halbnackend, mit verschlafenen und verwirrten Gesichtern. Natürlich taten sic alles, um Bär wieder zu sich zu bringen. Als dieses endlich gelungen mar, führten sie ihn nach! Hause, wo er zu Bett gebracht wurde und sofort in einen tiefen Schlaf verfiel. Am nächste,i Tag erhob er sich vom Lager. Er brauchte Zeit, um sich zn überzeugen, daß er heil und gesund sei. Auf teilnehmende Fragen der Nachbarn, die ihn besuchten, antwortete er ausweichend. Nur seiner Grüne erzählte er alles, denn das erleichterte seine gequälte Seele. Merkwürdigerweise wußte aber doch schon nach einigen Tagen ganz Malopol von dem Abenteuer Bärs. Man forschte nach: es stellte sich heraus, daß „Hate", die neben den, Friedhofe wohnt, vor ihrem Fenster Wäsche zum Trocknen aufgehangen hatte. Der L-turm hatte nun ein Hemd weggerissen und Bär dem Langen entgegengetragen. Das behaupteten nur einige Freigeister; die anderen jedoch meinten, man könne zum mindesten nicht wissen/ ob es nicht doch Röchele gewesen sei; denn daß man ein Hemd Haies neben dem ohnmächtigen Bür gefunden, sei keineswegs ein ausreichender Beweis. Kunst und Literatur. Der Kommentar des Maimonides zw dcnisprüchen derVäter, zum ersten Make ins Deutsche übertragen. Vorangehen als Einleitung „die 8 Kapitel", deutsch übersetzt von Dr. Bi. R a w i c z (Bezirksrabbiner in Offenburg). Im Selbstverlag des Verfassers 1810. 114 S. Durch die vorliegende Uebersetznng hat sich der Autor ein Verdienst erworben, das jeder, der das Wesen des Judentum» kennen lernen will, ihm hoch anrechnen muß. Die immense Bedeutung der „Sprüche der Väter" für die Erkenntnis' der Ethik des Judentums tvird von den meisten noch nicht in ihrem ganzen Umfange gewürdigt: In Wirklichkeit sind die „Pirke Aboth" die wichtigste Quelle für die Erkenntnis der jüdischen Ethik, wie sie im Talmud niedergelegt ist. Dann ist es klar, wie wichtig auch der Maimonidis ch e Kommentar zn den Sprüchen der Väter sein muß. Wichtig in doppelter Beziehung, vor allem, weil man durch diesen Kommentar des größten jüd. Philosophen und Ethikers des Mittelalters erst voll und ganz in das Verständnis der ethischen Sentenzen der „Sprüche der Väter" eindringcn wird; dann aber ist der Kommentar sehr bedeutsam für die Erfassung der ethischen A n s ch a u n n g e n des Maimonides. Diesem Kommentar hat der Autor die 8 Kapitel des Maimonides vorausgeschickt, die dieser als Einleitung zu seinem Kommentar geschrieben hat und die von der seele d es M e ns chen, ihrer Beschaffenheit, ihren Krankheiten und ihren Aufgaben Händeln, damit eine wertvolle Quelle für die psychologischen Ansichten des Maimonides bildend. So hat da» Werk trotz seines verhältnismäßig nur mäßigen Umfanges eine erhebliche Bedeutung und darf das Interesse all derer beanspruchen, die das Judentum und den großen Maimonides tiefer erfassen wollen. Mit diesem Interesse verbindet sich der Dank, der dem Autor für seine vorzügliche Uebersetzung gebührt, die in Anbetracht des ungemein schwierigen Stoffes das höchste Lob verdient. '_Dr. N. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbaeh a. K. — Gegen Sicht nnd Bhenmatlsmns bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfnrt a. 8L, Stallhnrggtr. 9. Tel. 259 n. 71. Igo Bad Harzbnrg. “i»3 Pension Parkhaus, 53 Salons und Familien-Dependance, Schloss Prinsenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser I. Ranges unter Hab blnats- Aufsicht, an schönster Waldlage. Geöffnet April bis Oktober Prospekt gratis._ M»Jg HoChtm Wocheu-Kaleuder. (Zettangaven nach dem Losch.) Samstag, den 10. September (=6. Mal): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr.25 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 40 Min., in Berlin 7 Uhr 30 Min. Wochenabschnitt: Schauftim. Zunächst wirk» oie Einsetzung gerechter Richter, gefordert, die kei-

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