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Neue jüdische Presse · 1910-09-09 · Heft 35 (9.9.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 35 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35. Seite 3. Urarckfurter Israelitisches FamArenblatt. einen „aä. Loo" geschaffenen Propinationsfonds übertragen, der durch Verpachtung oer Propinationen vom Jahre 1889 bis 1910 die geliehenen 120 Millionen zu verzinsen und zu amortisieren hatte. Ende des Jahres 1910 hört das Propinationsrecht gänzlich auf zu existieren, und der Branntwein- und Bierausschank wird zum konzessionierten Gewerbe. Seit den ältesten Zeiten war in Polen der Jude „Kretschmer"", Propinateur. Man nannte ihn auch den „Arendar"". Propinationsberechtigte waren nicht nur Edelleute, sondern auch Klöster, Kirchen, Bischöfe; Propinationspächter nicht nur ausschließlich Juden, auch christliche Arendare gab es genügend. Die deutschen Kolonisten in Polen, die hier im 14.—16. Jahrhundert den Bürgerstand bildeten, befaßten sich auch mit Branntweinausschank als Propinateure. Die Zahl der jüdischen Propinateure wuchs mit der Zeit uno erreichte in den letzten 40 Jahren, seitdem oas Propinationsrecht durch öffentliche Versteigerung durchwegs in jüdische Hände überging und jeder größere wie kleinere Propinateur das Recht hatte, auf dem Gebiete, für welches er pachtete, so viele Schenken zu öffnen, als er nur wollte, die enorme Zahl von mehr als 18,000. Diese Zahl gilt für Galizien mit Ausschluß Bukowinas. Nun tritt an Stelle der Propination der Ausschank als gewerbegesetzlich konzessionierter Erwerbszweig. Auf Grund eines Regierungsbeschlusses werden nur ungefähr 10,000 Konzessionen erteilt werden, von denen noch ein Prozentsatz an christliche Bewerber und mit Recht fallen muß. Cs blttben bei der optimistischsten Berechnung 8000 Judenfamilien, also etwa 5 0,000 Juden, existenzlos. Das Land und die bisherige Landespolitik haben diese verzweifelte Lage insoferne auf dem Gewissen, daß sie, durch egoistische Fiskalinteressen geleitet, es unterlassen Haben, eine zweckentsprechende Propinationspolitik durch 21 Jahre hindurch zu führen und eine Uebergangsperiode zu schaffen! Statt dessen wurüe das schädliche Anwachsen der Propinationsschenker seitens der Regierung geradezu unterstützt und im letzten Augenblick ohne Vorbereitung die jahrhundertelangen Verhältnisse in nagelneue umgewandelt! Das alles geschah, um möglichst viel Geld vom Branntweinausschank einzuziehen. Nach der Amortisation und Verzinsung der Propinationsanleihe von 120 Millionen heimste das Land ungefähr 40 Millionen in den Jahren 1889 bis 1910 ein. Diese Ueberschußgelder wurden zu allgemeinen Landeszwecken verausgabt. Solange aber das Land, diese Millionen brauchte, scheute es sich nicht, die Branntweinschenken ins Unendliche wachsen zu lassen! Jetzt, da die gesetzlich vorgeschriebene Zeit gekommen ist, werden tausende Juden, die bisherigen indirekten Steuereinnehmer der Regierung, ohne weiteres ihres Brotes verlustig! Solche plötzlichen Wendungen Passen nicht in die evolutionistischen, demokratischen Prinzipien der politischen Kunst im 20. Jahrhundert! Sie wären gerade am Platze im Anno dazumal, in den Zeiten, wo von dem Mut oder Unmut sogar des kleinsten Duodezfürsten Menschenleben und Menschenschicksal abhängig gewesen ist. Heute hat jeder Mensch und im konstitutionellen Staate auch der Jude. das Recht, innerhalb der herrschenden Gesetze nicht durch einen Federstrich aus seiner Laufbahn geworfen zu werden! Das ist nur noch in Rußland, im Reiche der unbegrenztesten Möglichkeiten, auf der Tagesordnung! Und Oesterreich ist doch - ein Rechtsstaat!! Ja! Aber jedes noch so gerechte Klagen hilft hier nichts! Die Regierung hat eine grundfalsche Politik 21 Jahre hindurch geführt, hat das Anwachsen einer überzähligen jüdischen Klasse von Propinationsschenkern aus eigenem, schlecht und unpolitisch aufgefaßten Interesse des Staatssäckels geradezu unterstützt, die alten hausjüoischen Politiker des Schweigens und Stillsitzens haben während der Herrlichkeit chres durch nichts gestötten Abgeordnetentums nie die Zukunft überdacht, und für alle diese Fehler müssen nun mehrere tausend Mische Familien mit ihrer Existenz zahlen! In dieser unerquicklichen Lage muß durch eine kluge und zielbewußte Hilfsaktion etwas geschehen. Die „Jca"" hat chr besonderes Interesse Galizien zugewendet und hat verflossenen Winter eine schriftliche Enquete im Lande durchgeführt, an der die bekanntesten Persönlichkeüen Galiziens und Oesterreichs teilgenommen haben. Ich vertrat die Ansicht, daß, wenn schon für Galizien was geschehen solle, die Aftiön eine soziale, auf die stabile Verbesserung der Judenlage hinauszielende sein müsse, denn, einmalige Abfertigungen haben die Eigenschaft von Almosen, daß sie nichts in die Höhe bringen und nur Bettler und gar keine selbständige Existenzen erziehen. Da nun auch das Land selbst, seiner eigenen Fehler den Juden gegenüber eingedenk, sich seiner Pflichte" für diese Bürger zweiter Klasse erinnert hat, wollen wir hoffen, daß sowohl die Landesenquete als auch die beabsichtigte und noch nicht zur Tat herangereiste Hilfsaktion der „Jca"" zu einer sozialen Aufraffungsarbeit für die galizische Judenschast den Grundstein legen werde. Prof. Marek Margulies. Londoner Chronik. Die israelitischen Anglo-Sachsen und die nächste Volkszählung. — Das neue Jto-Land. — Massenauswanderung. Die israelitischen Anglo-Sachsen leben jetzt in Aengsten. Eine Furcht peinigt sie und bringt sie zur Verzweiflung, denn die Regierung erwägt den Plan einer Volkszählung nach nationaler und religiöser Rubrizierung. Es könnte plötzlich entdeckt werden, daß der Mr. James Cohn oder Mr. Henry Levy Juden sind. Dem müsse vorgebeugt werden. Die „Anglo Jewich Preß" — darunter das zionistisch sein wollende „Jewich Chronicle"" — schlägt seit einigen Wochen Alarm, und im israelitischen Westend wird eifrig beraten und konferiert, wie diesem neuen „Hebel"" zu steuern sei. Es ist aber nicht anzunehmen, daß die Regierung solchen „tolerant-humanitären"" Zuflüsterungen Gehör schenken wird. Jeder Staat hat ein Recht zu wissen, welche Kräfte in seinem Bereiche schaffen und aus welchen soziologischen Faktoren sich das Staatsganze zusammensetzt. Die geplante Maßregel darf aber durchaus nicht antisemitisch gedeutet werden. Den israelitischen Herren ist sie allerdings aus begreiflichen Gründen nicht angenehm . . . Ihnen es, ihre Zugehörigkeit zum Judentum, soweit es geht, zu verheimlichen, denn sie wissen, daß man nicht gleichzeftig öffentlich Jude und englischer Ober-Patriot sein kann. Und, wenn auch der Engländer in der Regel den Juden als den „son of the chosen people" (Sohn des auserwählten Volkes) schätzt, weiß er doch, daß die Juden nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern auch eine nationale Einheit bilden, — daß also Jude und Engländer zweierlei sind. Wird die Volkszählung nach dem jetzigen Plane durchgeführt, dann erfährt der Engländer, daß fünfzehn „israelitische" Anglo-Sachsen aus Deutschland und aus aller Welt Mitglieder des Unterhauses sind. Da in England die Zahl der Juden eine Viertel-Million kaum übersteigt, so wird sich' der Engländer sagen müssen, daß dieses Verhältnis sehr ungleich ist. Eine unangenehme Aussicht! Vom Gesichtspunkt der jüdischen Politik ist diese starke Beteiligung der englischen Israeliten an der Politik ein vierfaches Uebel: 1. Wenn im englischen Parlament von Juden und Pogromen die Rede ist, schweigen sich die israelitischen Wgeordneten gründlich aus, damü man sie nicht verdächtige, daß sie noch jüdische Interessen haben, d. h., daß sie nicht Stock-Engländer sind. 2. Ist aber in der englischen Presse von Judenleid die Rede, dann heißt es immer: „Die Abgeordneten mosaischen Glaubens sind die einzige Instanz für diese Angelegenheft. Der Minister ist bereft, jede Frage zu beantworten." 3. Aus der Anwesenheit von 15 jüdischen Abgeordneten im Parlament schließen die Engländer, baß sie moralisch keine Verpflichtung haben, für die Juden etwas zu tun, — denn 15 Mische Abgeordnete . . . . 4.. Da in England jeder Abgeordnete einen großen sozialen und politischen Einfluß hat und diese 15 Abgeordnete eingesessene Assimilanten sind, so versteht es sich von selbst, daß sie ihren Einfluß nicht im jüdischen Sinn gebrauchen, sondern im Interesse der Assimilation mißbrauchen. Sie haben daher ein Interesse daran, aus dem Judentum eine Art Unterabteilung der englischen Kirche zu machen. Darin sind sich „Konservative"" und Reformer einig. Der Reverend muß selbst innerlich einem englischen Geistlichen gleichen, und die Synagoge muß eine Art Kirche werden. Während sich die israelitischen Herren ärgern, zittern viele Whitechapeler Juden vor Hoffnung. . . . Israel Zangwill hat einen neuen Saison- Schlager. In der letzten Saison hieß er Mesopotamien, jetzt heißt er West-Australien. Wahrscheinlich wird er in der nächsten Saison Süo- Venezuela heißen. Viele unwissende und im größten physischen Elend lebende Juden in Whftechapel, Optimisten aus Not, glauben der Tag ihrer Erlösung sei nahe. Ich stehe sonst selbst bei den Whitechapeler Juden nicht im Derüacht, viel von Geographie zu verstehen, und zu normalen Zeüeng wird mich keiner meiner dortigen Freunde einer Prüfung in Geographie unterziehen; doch jetzt werde ich, so oft ich nach Whitechapel komme, mit Fragen bestürmt: West- Australien? Wo — wie, wie weit, welche Bevölkerung, welche Aussichten, welche Charter-Bedingungen usw. Gott im Himmel weiß, daß meine australischer! Kenntnisse sehr geringe sind, aber die Unglücklichen glauben mir es nicht und büten unablässig, ihnen alles zu sagen. Jüngst hörte ich einen alten Juden in Whitechapel philosophieren : „Was hilft es, wenn wir auch einen Charter und eine Autonomie kriegen, wenn wir keine Reisespesen haben. Und selbst wenn wir schon Reisespesen hätten, wer garantiert uns, daß man uns zu landen erlaubt? Wenn es den Gojim paßt, machen sie eine Alien-Bill, und aus ist es mft der Herrlichkeft."" Diese Philosophie kann dem Leser ein Bild von dem Elend uno dem Verfolgungs-Bewußtsein der Whitechapeler Juden geben. Oft ist noch die Furcht größer als das Elend. Ich kenne Juden in Whitechapel, die, obwohl schon seit längerer Zeit im Lande, noch immer einem Polizisten aus dem Wege gehen . . . . Russische Erinnerungen. Hunderte Mische Familien wandern jetzt, nachdem sie sich in Whftechapel mehrere Jahre abgerackert haben, nach Amerika aus. Sie ziehen das unsichere Elend im unbekannten Land der degenerierenden Armut im Lanse der Frecheft vor. Maxime Le Maltre. Aus aller Welt. Deutsches «eich. Frankfurt a. M. Es ist eine längst anerkannte Tatsache, daß die allgemeine Hebung des Volkswohls ihren Ausgangspunkt in dem Streben nach Bolksgesundheit nehmen muß; denn nur in einem gesunden Körper kann ein gesunder Geist wohnen. Als ein größter Feind der Menschheft gill der Tüberkulosebazillus, der in die Hauptorgane, die Lungen, eindringt und eine verlierende Wirkung ausübt. Dieser fmchtbaren Krankheit fallen jährlich Tausende zum Opfer, die zuvor wieder unzählige andere mü dem schleichenden Gift infiziert haben. In Versammlungen und wissenschaftlichen Bereinigungen werden die Mittel erwogen, wie der Tuberkulose am wftksamsten zu begegnen ist, und manches Gute wurde in dieser Richtung geschaffen. Der Staat hat Sanatorien errichtet, in denen Minderbemittelten die Möglichkeit geboten ist, Heilung zu suchen, wo alle Vorkehrungen getrosten sind^ um die Ansteckungsgefahr auszuschalten. Wird durch Schaffung solcher Heftstätten der Allgemeinheft wenigstens teilweise Genüge geleistet, so ist speziell bei uns Juden, wo die genannte Seuche infolge von Entbehrungen, ungenügender Ernährung, sowie der im allgemeinen schwächeren

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