Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 35 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frankfurter JsraEMes Fcrmllienblatt. Sh. 35 Väter nicht gekannt, Anschauungen sich aneignet, die ihre Eltern verwarfen. Insofern tritt sie in einen gewissen Gegensatz zu der alten Generation — und ein solcher ist notwendig, ist heilsam.; nur darf der Gegensatz nicht zur Kollision führen, die Differenz nicht zur Feindschaft werden. Die Jugend aber bewahrt auch die Tradition, indem sie die Geschichte ihres Volkes studiert, seine Sprache pflegt, seine Literatur sich aneignet, mft seinen Kulturschätzen vertraut wird. Und so. Altes mit Neuem verbindend, Tradition mit Fortschritt in ein Band flechtendbinoet sie Vergangenheit und Zukunft zu einem Kranze, führt sie ihr Volk einer neuen, hoffnungsreichen Zukunft entgegen. * Bei unserem Volke ist die Aufgabe der Jugend noch größer. Führt sie bei anderen Nationen nur die Zukunft herbei, so muß sie bei uns fast ein Volk neu schaffen. Die Judenhett der Gegenwart ist zerklüftet, zerrissen, innerlich gespalten, und das Judentum, — wo findet man das Judentum, wo es so viele Judentümer gibt! Dieser Zustand ist nicht nur beschämend, nicht nur ungesund, er ist für die Existenz unseres Volkes gefährlich, er bedroht dieselbe auf's furchtbarste. Wir haben die Verfolgungen der Cäsaren, die Metzeleien der Kreuzfahrer, die Scheiterhaufen Torquemadas, die Schläge Chmielniczkis ertragen, weil wir einig waren. Wir werden die Pogrome Krufchewans, die Zirkulare Stolypins, die Hetzen Stöckers, die Beschimpfungen Drumonts nicht aushalten, wenn wir nicht einig sind. Die Aufgabe aber, das jüdische Volk der Gegenwart zu einigen, fällt unserer Jugend zu. Von der alten Generation ist diese Tat nicht zu erwarten, denn in dieser hat schon ein jeder seine bestimmten Ansichten und Vorurteile, aus denen herauszukommcn es nur den Bedeutendsten gelingt. Zur Einigung unseres Volkes bedarf es aber der Juden, von denen der eine den anderen nicht von vornherein mißtrauisch und feindselig ansicht, Juden, bei .denen die Begeisterung und der Wille zur Einigung die etwa vorhandenen natürlichen Hemmnisse besiegt. Solche Juden steift nur die Jugend. Sie ist, der einzige Faktor, der unserer unheilvollen Zerklüftung ein Ende machen kann, und darum ist ihre Verantwortung noch größer. Selten hat die Mische Jugend eine solche heilige und unumgänglich notwendige Aufgabe zu vollbringen gehabt wie die der Gegenwart, selten war die jüdische Jugend von solch ausschlaggebender Bedeutung für die Weiterentwicklung unseres Volkes gewesen wie die jetzige! Selten aber auch — man muß es mit blutendem Herzen konstatieren — war die innere Lage, der geistige Zustand der jüdischen Jugend trostloser und beklagenswerter wie jetzt. Was bei der Jugend anderer Völler Hand in Hand mit einander austrftt und ihr Wirken so segensvoll gestaltet, ist bei unserer Jugend getrennt, und so wirft ein jedes von beiden nur schädlich. Dort ist Arbeft für den Fortschritt und die Pflege der Tradition eng miteinander verbunden, bei uns fehft das eine, wo das andere zu finden ist. Im Osten, wo wir eine Jugend haben, die sich nach Fortschritt sehnt, die aus den lichtraubenden Mauern des Ghetto an den Sonnenglanz der europäischen Kultur hinaustritt, hat diese zum größten Teil einen Bxuch mit der Tradition vollzogen, Kat sie emen Kampf aufgenommen g^en alles, was jüdisch-eigentümlich ist, gegen alles, was uns hellig ist. Daher jener LaffendeRißzwischenBäterund Söhnen, daher der unheilvolle Kampf zwischen alter und neuer Generation, der anstatt zu langsamem, evolutivem, gesundon Fortschritt zu führen, nur wüste, kulturschädliche Anarchie herbeiführt, lind da die notwendige Verbindung mit der Vergangenheft fthll, hat jene Jugend ihren sittlichen Habt verloren, den nur die Tradition eines Volkes bieten kann, schwanft hin und her, bald hier und bald dort, um dann in den Hafen der „fteien Liebe", zur Weltanschauung des „Shanin" zu gelangen. Und im Westen haben wir zum großen Teile die umgekehrte Erscheinung. Hier haben wir zum Tell eine Jugend, die an der Tradition mit zähester Energie festhält, doch ihr fehlt jegliches Verständnis fürdie Zukunft, die sie, ohne Initiative und eigenes Zugreifen, einzig und allein der Sorge der Vorsehung überläßt. Infolge dieser Gleichgültigkeit ist auch nichts von jenem.leichten, gesunden Gegensatz zwischen Vater und Sohn wahrnehmbar, der für den Fortschritt des Volkes notwendig ist; alles, was der allen Generatton gut war, ist es auch der jungen, alles, was dem Vater recht ist, ist dem Sohne hellig; keine neuen Anregungen und Ideen werden dem überlieferten Kulturschatz hinzugefügt, alles lebt in ttäger Apathie, in tätlicher Langweile. Durch den Mangel jeglichen Fortschrftts schwindet die Idee,dasGeistige, das doch der Jugend notwendig ist; denn wo Geist ist, muß auch Fortschritt herrschen; so wird alles mechanisiert, wird durch die Macht der Gewohnheit alltäglich und banal, und dieser trockene Geist der Alltäglichkeit ergreift auch diesen Tell der Jugend, und so verliert diese an Kraft und Saft, wird leer und trocken, ein Schwamm, der wohl viel in sich aufnehMen könnte, dem es aber an Gelegenheit zur Aufnahme fehlt. Und der dritte Teil, der weder zur ersten noch zur zweiten Kategorie gehört, ist überhaupt indifferent, sorgt weder für Pflege des Fortschritt noch für Wahrung der Tradition, setzt sich tells aus stupiden Dandys und geistlosen Modehelden, teils aber aus charakterlosen Berufsjägern und herzlosen Geldmenschen zusammen. > Wies ist — der Deutlichkeit wegen ein wenig grell geschlldert — das Bild, das die jüdische Jugend heute bietet. Daß eine solche Jugend die ihr gestellte Aufgabe unmöglich erfüllen, ja oft nicht erfassen kann, ist ftar. * * * Doch nun: Was tun? Denn eine Aenderung muß eintreten, sonst müßte man ja an unsere Existenz verzweifeln! Wie helfen wir also unserer Jugend? Doch da liegt des Pudels Kern. Nicht: Wie helfen wir unserer Jugend, sondern: Wie hilft sich unsere Jugend? Unserer Jugend kann und darf nicht geholfen werden. Aus sich selbst heraus muß sie die Kraft schöpfen! Wer ist stärker als die Jugend) die mft ihrer Begeisterung Berge versetzen, mft ihrem Wagemut Welten stürzen kann! Wie? Die alte Generation, zum Teil vertrocknet und erstarrt, soll die Retterin unserer Jugend werden! Man kennt den Ruf des alternden Solneß: „Ich fürchte mich vor der Jugend." Soll unsere Jugend wirftich so schwach und kraftlos, so ehrlos und mutlos' sein, daß sie auf die Hllfe der Alten wartet? Bon den Alten kommt die Hilfe nicht! Daß man bisher nur von ihnen die Hllfe erwartet hat, war die Ursache der trostlosen Lage unserer Jugend. Jetzt heißt es für unsere Jugend: Mündig, selbstständig werden, ihre Parole lautet: Selbsthilfe! Was die anderen vermögen, ist nur, der Jugend Ratschläge zu ertellen. Und' da lautet der erste Rat: Helft euch durch Organisierung! Alles organisiert sich heute, ja, man könnte durch das Wort „Organisation" den wichtigsten Charakter der modernen Zeit wiedergeben, und für die Jugend^ ist es eine doppelte Notwendigkeit, sich zu organisieren. Ihre natürliche Anlage erfordert dies. 'Der 'im Leben bereits 'gereiste Mann kann Wohl für sich allein leben, kann in Stille und' Beschaulichkeit schaffen und wirken. Der Jüngling, die Jungftau vermögen dies nicht. Sie wollen mft anderen Zusammenkommen, wollen ihre Ideen und' 'Gefühle austauschen, die Begeisterung, die sie beseelt, will durch andere belebt werden, das Feuer, das ihneil innewohnt, wlll sich mft anderen Flammen zu neuer, mächttgerer Glut vereinigen! Darum: Nur durch Organisierung kann sich unsere Jugend selbst Helsen, kann sie zu neuem Löben erwachen. Wohl sind Ansätze zu Jugendorganisationen gemacht worden, aber teils waren sie nur für gewisse Parteien besttmmt, tells umfaßten sie nur einzelne Gegenden und Länder und schlugen darum fehl. Denn dieses Prinzip ist falsch! Die Jugend- Organisation muß die gesamte jüdische Jugend der Welt umfassen. Landesorganisationen ziehen nur wieder jenen Zwiespalt zwischen den Juden der verschiedenen Länder nach, der in der alten Generation so verderblich wirft. Parteiorganisationen rufen nur jene Parteigegensätze wach, die heute die Judenheft so zerklüsten und kraft-, los machen. Unsere Jugend darf diese Gegensätze nicht kennen. Sie muß im Bewußtsein fester, unzertrennlicher Einheft heranwachsen, um so die Wiedereinigung unseres Volkes herzustellen. So ergibt sich der Ruf an unsere Jugend: Junge Juden aller Länder, einigt euch in einer Organisation, die nur die eine Basis hat: das Judentum. Jüdisch sei eure eine P arole, Einheit die zweite! Das geeinigte Jung-Juda erstehe! Die galizische Landesregierung und das Judeneleud. Der 19. September wird für die polnischen, resp. galizischen Juden zu einem historisch denkwürdigen Tage werden. Zum ersten Mal in der Geschichte der Juden Polens ergreift die Landesregierung die Initiative, um „in foro publico" offiziell über Judenleben und Judennot zu debattteren. Es wurden Materialien gesammelr, Nachforschungen cingeleitet, Interpellationen gestellt und oft und ebenso nutzlos beantwortet, bis vor zwei Jahren der galizische Landtag endlich' beschloß, in die Judenfraze einzugreifen und zu diesem Behufe für September in das Landtagsgebäude zu Lemberg eine Versammlung von chttstlichen und jüdischen Notabeln, Abgeordneten, Politikern, Gemeindevorstchern, Redakteuren und Rabbinern einzuberufen. Obzwar das Judenelend in Galizien schon seft jeher sprichwörtlich geworden ist, hat zu eingehenderen Erörterungen erst die Propinationsfrage den unmittelbaren Anstoß gegeben. Was ist denn Propination, Propiuationsrecht, und wie ist die Protzinätionsfrage entstanden? Das Propinationsrecht, ein Ueberbleibsel mittelalterlicher Standesherrschaft und Standesrechts, beruhte darauf, daß der Herr (Eigentümer eines Bodenkomplexes) das ausschließliche und ausschließende Recht hatte, in den Grenzen seiner Besitzungen Spirituosen, Bier und Meth zu fabrizieren und zu verkaufen, die Untertanen die durch Strafen sanftionierte Pflicht, ihren Bedarf bei ihm und nicht außerhalb seiner Besitzungen zu decken: Es ist also ein Bannrecht, das durch die spätere Entwickelung zu einem an das Grundeigentum gebundene Privilegium und späterhin (im 12. Jahrhundert) als Rechtsinstitutton durch das Gesetz anerkannt worden ist. Der konstftutionelle Sturmwind yr der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fegte das Propinationsrechi nicht hinweg. Der Anachronismus, daß ein Mensch zu seinen Privatzwecken auf eine ganze Reche seiner Mftbürger das Recht hat, eine Art Steuer aufzulegen, blieb aufrecht. Erst in der zweften Hälfte des 19. Jahrhunderts beschränkte die österreichische Regierung die allmächtigen polnischen Edelleute, nahm ihnen zuerst das Fabrikationsrecht, dann auch gegen einmalige Entschädigung von 120 Mlllionen das ausschließliche Verkaufsrecht von Spiritualien und' beschloß im Jahre 1875 die gänzliche Aufhebung des Propinationsrechtes nach 35 Jahren, d. h. Ende des Jahres 1910! Ms zu der Zeit bliöb das PropinattonZrecht erhalten und auf.