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Neue jüdische Presse · 1910-09-09 · Heft 35 (9.9.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 35 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Iraitkfrtrker 3frnrliti|dir5 frailintlitt. <r—.-:-- Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Poä abonniert im In- und. Ausland, Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. l,5ü. sonstige Länder Mk. 2.— < --—-- AedaKtio» irnd Hefchäftsstelle: Srsnkfurr s. m., vildelerstraße 4/6> Ecke Lleichstraße efon 10507. -hh- Aeransgeöer: SalA exs>. > Jnjeriionspreise: Die viergespaltene Petitzelle. 25 Pfg. Die Reklamezeile ... . 100 „ Platz- und Daten-Bo:lchrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinkunft . . ■ 8. Jahrgang. Freitag, den 5. LUul 5670 (S. September 1916). Rr. 35. Inhalt »es Hauptblattes. -Artikel: Ganze Arbeit. — Das Problem der jüdischen Jugend. — Die galizische Landesregierung und das Judenelend. — Londoner Chronik. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Bär der Lange. — Wo ch en-Kal end er. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Ganze Arbeit. Zum XI. Deutschen D e l e g i e r t e n t a g. Au den Ufern des Mains, in unseren! schönen Frankfurt tagt kommenden Sonntag und Montag der elfte deutsche zionistische Delegierrentag. Bon allen Gauen Deutschlands kommen die Delegierten herbei, hervorragende Männer, Gelehrte von Weltruf, Volkstribunen, Redner von überivältigender Beredsamkeit, Politiker, Schriftsteller, Rechtsanwälte, Aerzte, Kauflcnte, kurzum Männer jeglichen Berufes und jeglichen Standes, Demokraten, wirkliche Volksvertreter, werden öffentlich über den Ausbau der nationalen Organisation, über die praktische Arbeit in Palästina und dergl. m. Rat pflegen. Wir rufen der illustren Versaminlung, den treuen Söhnen unseres Volkes, die Herz und Hand für die Befreiung ihrer Nation hcrgeben, in unseren! historischen, ehrwürdigen, schöne,: Frankfurt ein herzliches Willkommen zu. Willkommen, Ihr mutigen, wackern Männer und Frauen! Gesegnet seid vor dem Gotte Zions, gesegnet sei Eure Arbeit für Zion! Und nun ein Wort der Mahnung! Der elfte Delegiertentag tagt in der Stadt, von der aus eine neue Acra für das deutsche Vaterlano angebrochen, von wo aus eine Umwertung aller veralteten und morsch gewordenen Werte ausgegangen ist, in der Stadt, in der die konstitutionelle Freiheit für das deutsche Volk proklamierr würde, — , imb ebenso ist vielleicht gerade Frankfurt am geeignetsten für eine Umwertung der Werte in der Auffassung und Handhabung des Zionismus^ Jahre gehen, Jahre kommen, und bald sind Jahrzehnte geschwunden, seitdem an oem Ausbau der zionistischen Organisation für Deutschland gearbeitet wird. Stattlich ist die Zahl der Anhänger der Zionsidee; allein es wäre töricht, Bogelstrauß-Politik zu treiben und uns mit den bisherigen Ergebnissen zufrieden zu geben: die Idee der nationalen Befreiung des jüdischen Volkes ist für jeden Juoen, dem die Erhaltung des Judentums keine h.ohle Phrase ist und der über einen gesunden Menschenve»stand verfugt, etwas so Natürliches und daher Gesundes, daß sie jeden halbwegs aufrichtigen Juden in ihren Bann ziehen muß. Und so bedarf's einer Lösung der ernsten Frage: Warum stehen die Taufende und Abertausende, ernster Jud en, bei d enen d er Wille zum Judentum lebendig ist, abseits? Die aufstrebende Orthodoxie sucht ihre Positionen zu befestigen und zu erweitern, die um ihren Besitz besorgten Liberalen känipfen ihrerseits um die Erhaltung ihrer Positionen; er st er e wie letztere bedürfen der Hilfe der rührigen Nationalj u d e n dringend, — w i e k o in m t e s a l s v, daß weite Kreise beider Richtungen noch außen bleiben?! Haben die zionistischen Führer Deutschlands über diese Frage nachgedocht, und wie geoenken sie dieselbe zn lösen? Von einer V e r t i e f u n g des Zionismus sprachen wir in unserer Zeitung des öfteren, doch haben wir bisher von seiten der deutschen Zentrale nichts vernommen, der einzige aus ihrer Mitte, Herr Fritz Sondheinier, hat sich zustimmend in unserem Sinne geäußert; doch wissen wir nicht, ob seine Kollegen in der Zentrale niit ihm darin eines Sinnes sind. Sache der Delegierten des elften Delegiertentages wird es sein, nach dieser Richtung unsere Leitung fiir Deutschland zu beeinflussen. Wir wollen uns deutlicher ausdrücken: Drei Gebiete sind es, in denen sich der Zionismus betätigen kann: erstens politisch, zweitens s ozial, wie Gründung von Leihkassen, Sripendien und dergl. m., drittens kulturell, wie Gründung von Kurse» für hebräische Sprache und Literatur, Schiurim für Talniud und Geschichte. Und auf welches von diesen Gebieten erstreckt sich die Tätigkeit der deutschen Landes-Organisation? Einzig und allein auf das erste! Was tvunoer also, daß die zionistische Sache sich nicht in oem Maße ausüreitet, wie es naturgemäß zu erwarten sein sollte. Die zionistische Organisation von heute fußt auf das bloß ideelleMomentder Hoffnung auf eine fern gelegene Zukunft, wedermateriellenochgei st ige Vorteile gewährt sie ihren Anhängern. Gegenwärtig muß man mit folgenden Tatsachen rechnen: Materielle Förderung kann ein Jude entweder als Logenbruder von einer Loge ooer von irgend einer philathropischen Institution erwarten, geistige Förderung, Belehrungen irgendwelcher Art — sei es auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur oder auf dem der jüdischen Lehre und Gesetz — kann ein Jude nur von den professionellen Literatur- und Geschichtsvereinen oder von den Tauroh-Vereinen oer Orthodoxie erhoffen, und gar häufig passiert es, daß die Belehrung zusammen mit 0er Gegnerschaft zum Zionismus verabreicht 'wird . . . Das einzige, was die Zionisten zu bieten vermögen, sind schwungvolle Reden von „der materiellen Not der östlichen Brüder"; doch dieses einzige Moment wird für die Dauer langweilig. Nun kommen die Leute und sagen: Wohlan! Reduzieren wir unsere zionistischen Forderungen auf ein Minimum, etwa auf das bloße „Stammesbewußtsein". Die so sagen, glauben die Absciisstchenden daüurch für die zionistische Sache gewinnen zu können. Wir jedoch vermögen eine solche Ansicht nicht zn teilen; ein Zionismus ohne jüdisches Volks- und Kulturbewußtsein und ohne materielle und geistige Vorteile vermag niemandem zn imponieren, Werbekraft für neue Kreise besitzt er kaum, dagegen den bereirs erworbenen Anhängern wird er den Zionismus verleiden. . . . Rich reduzieren, sondern erhöhen; nicht einschränken,sondern erweitern! muß die Parole werden!! So ist es z. B. Sache der Zentrale, eie Berliner „Histadrus, Weltorganisation fiir hebräische Sprache und Kultur", kräftig zu unterstützen. Die Leitung der Zentrale kommt nach Berlin, und >vir erwarten von der neuen Leitung neue Methoden. Wir wünschen, daß der elfte Delegiertentag, der in unserem Frankfurt lagt, eine neue Aera mit sich bringt. Frankfurt brachte eine Umwertung der Werte nicht nur den deutschen Bürgern, sondern auch der deutschen Juden heil insbesondere, indem von Frankfurt die Parole „Tauroh im Derech erez, jüdische Lehre niit moderner Bildung" ausgcgangen ist. An den Ufern Babels saßen ivir und weinten, indem ivir Dein, Zion, gedachten. Wir weinten an den Ufern des Ebro, des Rheins, der Donau, der Wolga; wir glaubten, unsere Sehnsucht nach Zion durch Tränen stillen zu können. An den Ufern des Mains wollen wir nicht durch Tränen, sondern durch ganze Arbeit unsere Sehnsucht befriedigen. Das Problem der jüdischen Jugend. Ein großer französischer Philosoph hat einst gesagt: „Rückschreitende Völker sonnen sich an ihrer Vergangenheit, fortschreitende sorgen für ihre Zukunft". Fortschritt und günstige Weiterentwicklung eines Volkes hängen nur von seiner Zukunft ab, ja seine ganze Existenz wird durch dieselbe bedingt. Mag die Vergangenheit eines Volkes traurig sein, wenn seine Gegenwart nur glücklich ist. Ja, mag die Gegenwart auch trostlos sein, wenn die Zukunft nur verheißungsvoll ist. Ist die Zukunft verloren, ist alles verloren. Der Träger, der Bringer, der Herold der Zukunft ist aber die Jugend. So ist das Problem seiner Jugend eine der wichtigsten Lebensfragen eines jeden Volkes. Wenn man die Aufgaben und Pflichten einer Volksjugend zusammenfassen wollte, so könnte man sagen: die Jugend eines Volkes ist dazuberufen, die Znkunftbes Volkes mit seiner Vergangenheit zn verbinden und so seiner Geschichte! jene notwendigeKontinuitätund Einheit zu verleihen, die zu jeder normalen Entwicklung notwendig ist. Sie verrichtet diese Aufgabe, indem sie auf oer einen Seite den Fortschritt pflegt und auf der anderen die Tradition bewahrt. Sie bringt den Fortschritt, indem sie Ideen huldigt, die ihre

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