Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 34 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 34. Seite N. 6. Pläne, beziehungsweise Modelle vom neuen Waisenhaus, Siechenhaus, Kindergarten, Schwesternhaus, der Milchküche des Philanthropins. 7. Beschneidungsinstrumente. 8. Statistische Tabellen über den Gang der Sterblichkeit bei den Juden in Frankfurt. Die Anwesenden erklären sich damit einverstanden, bis auf die Abteilung 6, die nach Ansicht der Herren Sanitätsrat Dr. Fasse und Dr. Benario entsprechender in einer der allgemeinen Abteilungen unterzubringen wäre. Berlin. Mit dem Beginn der akademischen Ferien hat die „Vereinigung jüdischer Akademiker" ihre Seniestertätigkeit beendet. In gewohnter Weise hat sie, als der »Sammelpunkt der gesetzcstreuen Studentenschaft Berlins, . ihre Mitglieder, unter denen in diesem Soinmer die Zahl der Stirdenten eine besondere Höhe erreichte, speziell an den allwöchentlichen Vereinsabcnden und durch den für dje jüngeren Mitglieder bestimmten „Fuxenunterricht," der von Herrn cand. chem. W. Halberstadt geleitet wurde, mit den Grundlagen jüdischer Welt- und Lebensanschauung vertraut zu mache» gesucht. Neben der jüdisch-wissenschaftlichen Betätigung im modernen Gewände hat sie aber auch das alte Thorastndium nicht vernachlässigt. Außer den Privatschiurim der einzelnen Mitglieder fand noch ein Gemorohschiur unter der bewährten Leitung des Herrn Rabb. Dr. Munk, sowie ein Mitgliederschiur in „Dinim" statt. Der Geselligkeit wurde durch Ausflüge in die Umgebung Berlins, sowie durch Veranstaltung kleiner Ruderpartien nsw. in weitem Maße Rechnung getragen. Zu erwähnen sind auch Kneip- und Kegelabende, die sich an die Vereinssitzungen anschlossen. Die zu Semesterschluß stattgehabten Vorstandswahlen für das Wintersemester ergaben folgendes Resultat: cand. med. Jacob Levy (Vorsitzender), Rabb. Dr. E. Munk (stellv. Bors.), sind. jur. Marcus Birnbaum (1. Schriftführer), sind. jur. Sally Goldschmidt (2. Schriftführer), cand. med. Philipp Frank (Kassenwart). Gesetzestreue Studenten, die im Winter die Berliner Universität zu beziehen gedenken, wollen sich an den Vorsitzenden xand. med. Jacob Levy, Berlin C. 25, Kaiser Wilhelmstr. 1SE, III. wenden, der zur Auskunft über Studium, Wohnungsverhältnisse nsw. gern bereit ist. Oesterreich-Ungarn Wien. Wie verlautet, ist kaiserl. Rat Leopold Sachs aus dem Kult n s v o r st and ausgetreten. Grund: Das die Wiener Judenschaft schwer kompromittierende Kondolenzschreiben des Kultusvorstandes anläßlich des Todes Luegers an die Wiener Antisemitenpartei, gegen das Rat Sachs aufs heftigste opponiert hatte. Fiume. Die hier im letzten Jahrzehnt angesiedelten orthodoxen Juden wollten sich zu einer Gemeinde organ-isieren, ein Bestreben, das die orthodoxe Zentralkanzlei in Budapest unterstützte. Die neologe Landeskanzlei machte aber ihren Einfluß, der unter der neuen Regierung wieder zugenommen 'hat, in der entgegengesetzten Richtung geltend und erreichte auch, daß der "derzeitige K u l t u s m i n i st e r die Genehmigung zur Bildung der Gemeinde verweigerte, da durch den Austritt der Orthodoxen, die bestehende Gemeinde nicht im Stande sein werde, ihre Institutionen aufrecht zu erhalten. Rußland. Warschau. Der Aufruf des aus angesehenen Finanzleuten und Schriftstellern zusammengesetzten Komitees zur Wiedererrichtung der hebräischen Tageszeitung „Hazefirah" hatte so zahlreiche Monnementserklärungen zur Folge, daß das Wiedererscheinen desj„Hazefirah" zum 1. Oktober unter der Redaktion von Nahum Sokolow gesichert erscheint. — Der Kiewer Abteilung der „Jto" erwachsen durch die Erschwerung der Emigration nach G alveston große Unkosten. Die Zahl der zurückgewiesenen Emigranten der 41. und 42. Galvestonpartie beträgt an die 50 Mann. Für die Hin- und Rückreise, sowie für den Aufenthalt in Amerika in Erwartung der Erledigung der eingereichten Gesuche bedurfte es nicht weniger als ' 3 Monate, während welcher Zeit auch die. in Rußland zurückgebliebenen Familien der Emigranten unterstützt werden mußten. Dazu kommt, daß die zurückgewiesenen Emigranten nicht die geringste Lust verspüren, nach Rußland zurückzukehren .und die Beförderung nach einem andern Einwanderungs- Zentrum verlangen. — Dieser Tage hat die Kiewer Jto - Verwaltung nach Bremen, wo sich zurzeit die zurückgewiesenen Emigranten besinden, den Betrag von 35 000 Rbl. überwiesen. — Aus Segrze wird über einen Pogrom folgendes berichtet: Anläßlich deskatholischen Feiertags war in der Kirche eine große Menge Beter aus dem gesamten Kirchspiel versammelt. UürrckfuÄer JfrLÄrtr sHeF FairMenME. Unfern der Kirche saß der jüdische Fuhrmaim Don und wartete auf den Schluß des Gottesdienstes, um seine Passagiere nach Hause zurückzubringen. In der .Nähe befanden sich noch weitere sechs Juden aus Serotzk, lauter Kleinhändler, die zur Messe herbeigeeilt waren, um den Kirchenbesuchern erfrischende Getränke, Früchte u. dgl. feilzubieten. Gegen 1 Uhr, als der Gottesdienst zu Ende war und die Menge die Kirche zu verlassen begann, wurden feindliche Aeußerungen gegen die Juden vernehmbar. Bald kam es zu deutlichen Drohungen und Hetzrufen. „Haut die Juden!" ertönte es plötzlich; einer aus der Menge stürzte auf den jüdischen Fuhrmann und schlug mit einem Knüppel aus ihn. Blutüberströmt brach der Fuhrmann auf der Stelle tot zusammen. Andere stürzten sich auf die .jüdischen Verkäufer. Zwei von ihnen wurden mit Frnchtwcinflas ch e n am Kopfe verwundet. Die übrigen retteten sich mit knapper Not. Der Ermordete hinterläßt eine Frau und drei Kinder. D i e F r a u wurde vor Kummer w a h n s i n i g. Warschau. >Unser Leven" ve>öffentlicht das Interview eines ihrer Mitarbeiter mit dem österr. Reichsratsabgeordneten Stand, dem wir entnehmen, daß Stand eine interparlamentarischeBereinigung jüdischer Abgeordneten ins Leben zu rufen sich bemüht. Er hoffe, diese Idee auf dem nächsten Friedenskongreß in Brüssel zu verwirklichen. Palästina. Jerusalem. In einigen Tagen wird hier eine jüdiicheBersicherungsgesellschaft gegründet werden; das Statut ist bereits ausgearbeitet. Haifa. Der längst projektierte Hafenbau soll endlich Tatsache werden Bekanntlich leidet die Küste des südlichen Teiles von Syrien an ihrem Mangel an Häfen. Der ganze Küstenstrich ist flach und sandig, sodaß Schiffe einige Kilometer von der Küste entfernt ankern und Passagiere und Güter auf kleinen Leichterschiffen ausbooten müssen. Haifa ist von allen Hafenplätzen Palästinas in der günstigsten Lage dadurch, daß xs durch das Karmelgebirge vor südlichen und südwestlichen Winde» geschützt ist. Außerdem bietet.die Bucht von Haifa die beste Möglichkeit zur Anlegung eines künstlichen Hafens. Das gegemoärtige Projekt für den Hafenbau ist besonders deshalb interessant, weil nian durch Abdämmung einen ziemlich breiten Landstreifens zur Anlage von Geschäftshäusern, Schiffahrtsbureaus, Lagerspeichern gewinnen will. Aus dem Verkauf dieses neu gewonnenen Vorlandes hofft die türkische Regierung einen wesentlichen Teil der Kosten des Hafens herauszuschlagen. Der Hafenbau wird dem aufstrebenden Haifa zu einer noch wesentlich schnelleren Entwicklung verhelfen, denn es ist die einzige türkische Kopfstation der Mekkäbahn und der gegebene Ausfuhrhafen für das Getreide des reichen Haurandistriktes. Bär der Lange. Eine Skizze aus dem jüdischen Leben in Russisch-Litauen. Von Dr. F o r s ch m a n n. - Jedermann in meinem Hcimatstädtchen kannte Bär den Langen schon aus dem einfachen Grunde, weil dort alle Leute einander kennen. Einer guckt dem andern in die Töpfe, und wenn sich einmal eine Henne verläuft, so weiß jedes Kind zu sagen, wem sie gehört. Bär der Lange erfreute sich aber noch einer ganz besondern Bekanntheit, er war sozusagen eine populäre Person und kam darin fast dem „Row" (Rabbi) und dem „Schejehof" gleich. Mein Heimatstädtchen, ein Nest von kaum 300 Häusern, besaß nämlich kein eigenes Postamt, und Bär hatte die wichtige Aufgabe, zweimal wöchentlich nach dem etwa 30 Werst entfernten Postorte „Lechowitz" zu pilgern. So besorgte er die Korrespondenz seiner Mitbürger, und für jedes Paket Briefe, das er ablieferte oder überbrachte, strich er den königlichen Lohn von einer ganzen Kopeke ein. Auch andere Aufträge gab es bisweilen für ihn. Dem „Poritz" (Gutsbesitzer) sollte das Geld für das gelieferte Getreide aus das Gut geschickt werden, oder es galt, einem besorgten Gatten, der Geschäftes .halber in einem Nachbarstädtchen weilte, die Nachricht von der glücklich erfolgten Geburt eines Sohnes oder einer Tochter zu überbringen. In solchen und anderen Fällen ließ man Bär den Langen rufen und drückte ihm einen Rubel in die Hand. Er ging dann nach Hause, nahm sein Säckchen mit dem Betmantel, dem Psalmenbuch und einem Stück Brot auf die Schulter, sagte seiner „Basse" guten Tag und machte sich auf den Weg. Ein Rubel für einen Marsch von fünfzehn oder zwanzig Werst und noch mehr, das war nicht gerade viel, und reich konnte Bär dabei unmöglich werden. Einen kleinen Nebenverdienst gewann er aber dadurch, daß er seine Mitbürger mit Schmipftabak versorgte, den er selber aus den Blättern bereitete. Obwohl so Bärs Einkommen alles in allem höchstens 4 Rubel die Woche betrug, war er doch nicht wenig stolz darauf, zu den „Balehabatim" zu zählen, d. i. zu jenen, die nicht auf die Mildtätigkeit anderer angewiesen sind. * Es war an einem Freitag im Januar. Bär hatte seiner Wohlgeboren dem Herrn Lositzky auf „Blochowo" 100 Rubel überbracht für zwei Kühe, die der reiche Krämer „Chajim" gelaust hatte. Der Anblick des baren Geldes stimmte den „Poritz" leutselig, er ließ sich zu etlichen kräftigen Witzen über Bars Nase herab, die in der strengen Winterkälte so schön blau angelanfen war, zog ihn an den „Pejeß", ließ ihn „Ma-jofiß" (Gedicht zu Ehren des Sabbat) singen, und als seine Gattin, die „Pritze", eintrat, befahl er ihm gar zu tanzen. Bär freilich verspürte nicht das mindeste Verlangen danach, denn die Kälte saß ihm in den Knochen, daß sie schlotterten. Aber was wollte er tun, wenn der „Poritz" so gnädig war? Er hüpfte und sprang wie toll, daß die langen Rockschöße flogen und die „Pejeß" lustig baumelten. Der Poritz und die Pritze schüttelten sich vor Lachen fast aus bei diesem Anblicke. Und als Bär ganz erschöpft innehielt, lobte ihn der Poritz als den schönsten Juden und' den besten Tänzer, de» er je gesehen, und brachte ihm mit eigenen Händen ein Glas Branntwein. Bär enthielt sich zwar sonst aller geistigen Getränke, er schätzte aber die Herablassung des Poritz zu sehr, um ihn durch eine Weigerung zu verletzen. So nahm er denn das Glas und leerte es unter vielen Danksagungen, sich wiederholt tief verneigend. Das belustigte den Poritz, und gut gelaunt, wie er war, schenkte er noch einmal ein. Jetzt versuchte Bär allerdings bescheiden abznlehnen; — aber was half's? Er konnte dem wohlgeborenen Herrn doch nicht verbieten, so gnädig zu sein, und so mußte er das Glas zum ziveiten- und drittenja sogar zum Viertenmale austrinken. Ihm wurde angst und bange, aber der Branntwein tat ihm doch wohl nach der furchtbaren Külte, die er auf dem Marsche erduldet hatte. Endlich entließ ihn der Poritz mit anderthalb Rrcheln für den Botengang und obendrein noch fünf Töpfen Kartoffeln. Und als sich Bär, hocherfreut über diese fürstliche Freigiebigkeit, verabschiedete, brachte ihm die Pritze gar noch ein «tück Leinwand und etliche Kleinigkeiten für Frau und Kinder. Bär strahlte vor Glück. * „Ein braver Goj," murmelte er vor.sich hin, auf der verschneiten Straße heinnvärts schreitend, den Kopf weit vornübergeneigt. Er rechnete sich aus. daß die fünf Töpfe Kartoffel genügen, um seine siebenköpfige Familie fast eine ganze Woche zu ernähren. Die anderthalb Rubel aber reichten gerade auf „Rabbigeld" für seinen „Jankele". Der war sein Stolz, seine Zierde. Schon mit acht Jahren hatte er angefangen, den Talmud zu studieren, und der Rabbi prophezeite, er werde zu einer Größe jm Israel heranwachsen. Allein, wenn die Zahlung ausgeblieben wäre, hätte der Rabbi gewiß keine Umstände gemacht und die künftige Größe Israels einfach nach Hause geschickt. Natürlich, er hatte doch selbst Kinder zu ernähren. Aber jetzt konnte er ja für einen Monat vorausbezahlt werden. Bär sagte sich das imnrer wieder vor; aber merkwürdig, seine Gedanken fingen an, allgemach sich zu verwirren. Er ertappte sich auf einmal dabei, daß er sich selbst für den Rabbi' hielt und Bär den Langen auszankte, weil er schon über einen Monat mit der Zahlung im Rückstände sei. Und vor seinen Augen stieg ein Nebel auf, der immer dicker wurde, und es war ihm, als ob seine Füße ihn verlassen wollten. Der Branntwein, den er beim Poritz getrunken hatte, fiel ihm ein, aber diese Erinnerung, so sehr sie ihn im Augenblick erschreckte, verschwamm gleich wieder in. seinem Bewußtsein. So torkelte er, laut redend und heftig gestikulierend, seines Weges weiter, bis er plötzlich erschöpft auf den Schnee hinsank. Eine Stunde mochte er so gesessen sein, als er erwachte. Mit einem Rucke sprang ec auf, und nun. war ihm mit einem Male alles klar geworden. Berauscht hatte er sich, berauscht am Vorabend« des Sabbat wie ein „Goj." Ein Gefühl tiefer Beschämung überkam ihn und zugleich eine furchtbare Angst. Er hatte kostbare Zeit versäumt, und der Sabbat rückte heran. Wenn er zu spät käme! Er war doch ein „Baalhabajis", ganz Malopol würde davon reden. Er eilte, eilte, daß ihm trotz der kalten Winterluft der Schweiß auf die Stirne trat. Wirre Gedanken durchkreuzten sein Hirn. Das verdammte Branntweintrinken, in welche Schande es ihn brachte, ihn, einen so grundfrommen Juden! Vorbeter war er sogar, und wenn er so vor dem „Amud" (Betpult) In der Synagoge stand und seine Stimme erhob, während sich seine.lange Gestalt gleichmäßig