Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1910-09-02 · Heft 34 (2.9.1910) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 34 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692665-2692699--05628-2700561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4. Nr. 34. majestätisch hin- und herbewegte, wie hohes Schilf in leisem Winde, da blickte eine ganze Gemeinde Juden andächtig auf ihn. Und wenn er jetzt zu spät kam, was dann? Der krumme „Schachne" würde an seine Stelle treten. Dieser Knirps, der eine zwirndünne Stimme hat und hin- und herwackelt wie eine Kerzenflamme in der Zugluft! Doch großer Gott! Da fängt es ja schon zu dämmern an. Bär stürmt wie ein 'gehetztes Wild vorwärts, aber umsonst! Schon blitzt der Abendstern auf, und der Sabbat ist da. Ein Schauer durchrieselt Bär. Sein erster Gedanke ist, den Sack fortzuwerfen, um den heutigen Tag wenigstens nicht durch Tragen zu entweihen. Wer dann denkt er wieder an seine „Basse" und die Kinder. Die sollten doch nicht hungern. Er stößt einen tiefen Seufzer aus und schreitet weiter. Wenn ihn nur niemand bemerkte! Er mußte trachten, nach Hause zu kommen, solange die Bälehabatim noch in der Synagoge waren. Plötzlich überfiel ihn ein neuer Schrecken. Er hatte feiner unlängst verstorbenen Schwiegermutter unter großen Eiden gelobt, durch, ein Jahr jeden Tag für das Heil ihrer Seele „Kadisch" zu sagen. Das mußte in der Synagoge geschehen, und so hatte er heute den Eid gerochen. Außer der großen Awero, die er dadurch auf sich geladen, hat er es gewiß auch mit der alten „Röchele" zu tun. Sie war ein kerniges Weib, er hatte ihre scharfe Zunge wiederholt und manchmal sogar ihre kräftigen Fäuste kennen gelernt. Sie würde sich eine Beeinträchtigung ihrer Rechte gewiß nicht gefallen lassen. (Schluß folgt.) Sprechsaal. (Ohne Berantwortllchkeit der Redaktion.) Kritik. Zum XL Delegiertentag der Zionisten Deutschlands. (Schluß). Ich komme nunmehr zu einem neuen Punkte, wenn ich auch fürchte, auf einmal etwas viel zu bieten. Allein eine übervolle Seele,muß hier sich endliche Luft machen. Im vorhergehenden habe ich. gesagt, wie wir dir! jüdischen Parteien über unsere Ziele aufklären und zum Anschluß bringen können. Wie behalten wir aber unfern Besitz? Das „Schmusen" wird vielen unserer Anhänger zu langweilig. Was sollen diese bei uns tun? Sie können, wie gesagt, einen Bortrag hören vder Geld spenden oder eine Zeitung lesen. Das sind die Möglichkeiten für ein Normalmitglied, für den Durchschnittsjuden, sich zionistisch zu betätigen. Ich betonte, der Zionismus ist nicht die Frage des Palästinawanderns unserer deutschen Juden. Er ist eine bessere Wohltätigkeitsaktion modernen Genres mit politischem Anstrich. Der einzelne Zionist, das Mitglied der Gruppe in T vder I, hat aber kein leibliches Interesse am Zionismus. Aha! So ein Egoist bin also ich. Ich will etwas für mich herausschinden. Natürlich, denn wenn ich mein Interesse im Zionismus finde, bin ich doch viel lieber dabei, wenn der Zionismus auch für mich sorgt usw. Ich habe diesen Gedankengang in einem Artikel, den idj an die „Jüd. Zeitung" sandte, eingehend ausgeführt. Man wolle ihn allenfalls genauer dort studieren. Also der Zionismus, muß wirtschaftliche und soziale Interessen verfolgen. Tut es ja schon z. B. in der Studentenkorporation. Also er muß z. B. wie die Logen arbeiten und die Menschen dadurch an das Ideal eng verbinden, daß er sie sozial in eine Organisation bringt, wo sie sich persönlich aneinander schließen, wo sie nicht wie in den politischen Büreinen keinürlei Verpflichtung haben (außer die des kleinen Beitrages), muß z. B. Versicherungs-Kassenvereine gründen. Ich habe anderorts auf die Logen U. 0. B. A. in Amerika hingewiesen, die Tausende von Mitgliedern zählen und die idealen jüdischen Bestrebungen mit den realen der Versicherung verbinden. Ein kleiner jährlicher Betrag von 68 Jk versichert auf 2000 Jk im Todesfälle, auf größere Sumlmen außerdem bei Krankheit, Stellenlosigkeit usw. Ja Bauer, das ist etwas anderes. Die U. 0. B. A. und wir. Wer bitte was denn? Warum sollen wir nicht psr exemple wenigstens einen Verein wie den Bruderbund, den ausländische Juden in München gründeten, oder die bayerische Aerztekasse gründen können. Ersterer bezweckt Unterstützung bei Krankheit, letzterer bei Tod. Jener fing ganz klein an, hü heute ca. 200 Mitglieder, dieser zählt heute schon 325. — , Wer sich einmal entschlossen hat, einer solchen Institution beizutreten, tritt, da er der Vergünstigungen nicht verlustig gehen will, nicht so rasch aus. Er hängt vielmehr an den Verein, weil er sich als ein integrierendes Mitglied fühlt, sein Geld billiet mit einen wesentlichen Bestandteil des Vereins. Wir brauchen Psychologen, die das Faktum näher beleuchten, warum der Durchschnittsmensch nicht Idealist ist. Borerst haben wir nur die Idealisten. Gearckfülcker MrüeMWes FamMeMM. > Wir müssen mehr Fachvereine gründen, weil in ihnen nur das soziale Moment zur Geltung kommt. Wir sehen, unsre Studentenkorporationen arbeiten ziemlich gut, nicht nur weil in ihnen die Blüte der Ratio» ist (diese Behauptung gift nur in bescheidenem Maße), sondern weil die Leute am besten zusammenpassen. > Seien wir doch offen. Viele z. B. unserer gesellschaftlichen Feste, Veranstaltungen verunglücken, weil — das soziale Moment nicht berücksichtigt wurde. Ich verüble es jungen Kaufleuten absolut nicht, wenn ihnen ein Kreis junger Kollegen lieber ist, als die bunt gewürfelte Schar der Durchschnittsortsgruppe. Jnnenkolonisation heißt die Parole. Der 'Herr Parteisekretär in Ehren und für seine Arbeit heißen Dank. Aber wichtiger als das Neuwcrben, ist das feste Zusammenschließen der Geworbenen. Unsere Truppen sind lose Hausen, die Logenbrüder sind Kerntruppen. Also wir müssen statt des Weitertretens im alten Stile entweder das soziale oder das wirtschaftliche Moment mehr berücksichtigen. Nehmen sie doch aus dem Delegiertentag entweder die Gründung eines Lebenskasscnvereins (siehe oben) an oder die Bildung einer Loge. Sie werden sehen, wir haben bald 1000 Zionisten, die mit Leib und Seele bei der Sache sind. Die Borteile einer Lebenskasse sind viele. Ich habe sie in der „Welt" und in der „Jüd. Zeitung" skizziert. Nun kämen noch weitere wichtige Punkte. Allein ich will die Geduld des Lesers nicht > ermüden. Es wären Stipendiensonds (rückzahlbar) für Studenten zu gründen. Wir finden leicht 100 Akademiker, die pro Semester 5—10 Jk spenden und können dann 10—20 Stipendien aussetzen. Wir können dann endlich Studentenkorporationen in Breslau und anderorts gründen mit teilweiser Hilfe von Stipendien. Eine Studentenkorporation zu gründen, ist aber so wichtig wie die Gründung einer Ortsgruppe in T. oder N- Warum existiert noch keine Gruppe z. B. in Breslau. Ich weiß genau, daß mit 2000 Jk Stipendien eine solche durchzuführen ist. — Weitere Kleinigkeiten. Wir haben in Breslau über unsere Stellung zu den anderen jüdischen Organisationen geschmust, aber nur geschmust, ohne auch nur eine klare Erklärung abzugeben. Wollen wir uns nicht entscheiden, ob wir den „Esra" reorganisieren wollen, ob wir in die B. B. Logen einzutreten empfehlen. — Die Zeitungsfrage! Wir müssen endlich die „Welt" und die „Rundschau" Vereinen, damit das Defizit aufhört. Lassen wir die „Welt" nach Berlin verlegen und an dem Sitz der Zentrale folgendes herausgeben: 1. Alle 14 Tage ein Organ für wissenschaftliche Fragen des Zionismus Und Nationalismus (mit Ausschluß allen jüdischen Krimskrams der Gegenwart) und mit Anhang „Uebersicht über die Bewegung." Vornehm soll das Organ sein (a la Sozial. Monatshefte). 2. Alle 4 Wochen die Zeitschrift Palästina. 3. Alle 4 Wochen ein literarisches Blatt oder eine Jugendzeitschrift. Jedes Blatt soll allein abonnierbar sein und 2i/s Jk (5 Jk für das 14 Tagblgtt) kosten. Weiter die Geldfrage. i Wle 5 Jahre müssen die Vereine zu einem festen Fonds entsprechend ihrer Schekelzahler eine Summe von 100 Jk (bis zu 5 Mitgliedern), 200 Jk (bis 100 Mitgliedern) usw. aufbringen. Diese Sammlungen sollen jetzt sofort begonnen werden und bis zum 1. Januar 19! 1 beendet sein. Es soll womöglich eine Makkabäerfeier das Erträgnis liefern. Außerdem sollen sich die deutschen Zionisten verpflichten mindestens 100 Jk einmaligen Landesbeitrag innerhalb 3 Jahren zu zahlen, wofür sie ihres anderen Beitrages (abgesehen von der 1 Jk) enthoben sind und lebenslängliche Mitglieder der Partei werden. Man versuche diese Aktion probeweise mittels Subskription. Gelingt es 500 Zionisten zu finden, so wäre ein Betrag von 50 000 Jk gesichert. Der Beitrag von den Ortsgruppen (zirka 15000 Jk) und die Einnahmen weiterer Teilnehmer der nächsten Jahre würde den Fonds rasch auf 100 000 Jk bringen.. Man versuche dieses System. Der Versuch kostet ja nichts. Es brauchte bloß am Delegiertentag probiert werden, ob man genügend Subskription findet. lieber anderes ein andermal. Außerdem haben wir die Verpflichtung, für die Weltorganisation einen Fonds anzulegen. Derselbe kann mach dem Vorschläge Dr. Jungmanns erfolgen. Der Modus wäre aber etwas anders zu arrangieren. Ich schicke voraus, in München z. B. muß jeder Besucher eines Theaters usw. ein Billet zu 5 Pfg. lösen, auf dem zu lesen ist, daß er ein Billet für die Luxussteuer gelöst hat. Analog muß jeder Besucher jeder Versammlung ein Billet zu 10 Pfg. nehmen, es muß ganz gleichgiltig sein, ob diese Versammlung literarisches Gepräge hat oder nur eine kleine Vereinsversammlung ist. Gewiß werden zuerst die Gruppen rebellieren und sich dieser Steuer entgegensetzen. Sie wird aber, einmal eingesührt, bald gute Früchte zeitigen. Eine Abstufung der Steuer halte ich für furchtbar verkehrt. Dann wird sich die Steuer nie durchsetzen, nie populär werden. So aber wird in Kürze jeder Jude wissen, daß der Besuch einer zionistischen Versammlung mit der Leistung einer Abgabe von 10 Pfennig für die Partei verbunden ist. Die Partei, die die Versammlung inauguriert, hat das Recht auf einen kleinen Beitrag. Diese kleiner Beitrag ist aber nicht zu übersehen. Wenn z. B. in München eine wenig rührige Vörstandsschaft an der Spitze ist, so veranstaltet sie 3 größere Agitations- und Festversammlungen, die ca. 1000 Menschen zum Besuche aufweisen, 10 Vereinsabende mit je 100 Personen Besuch und dazu noch die Veranstaltungen der Studentengruppen und verwandter Vereine' mit auch ca. 1000 Besuchern, insgesamt also bei der heute noch sehr schwachen und wenig lebenskräftigen Gruppe 300 Jk pro anno Ergebnis. In Berlin z. B. würden bei den großen Demonstrationsversammlungen gleich mehrere hundert Mark xingehen. Diese Steuer hat etwas sehr stabiles, die Eintreibung ist viel leichter als bei anderen Besteuerungsformen. Nur schade, daß sic „oben" sich keine Sympathien erringen wird. (Im Gegensatz dazu wird die Besteuerung der Banken die Dividende derselben nicht gerade heben.) Die letzten Ausführungen berührten ja kleine Parteisorgen. Nun zum Schluß noch die Anführung einiger größerer Gesichtspunkte. Der Zionistentag der deutschen Parteifreunde sollte nicht nur den großen Kongreß widerspiegeln und alle die Dinge, die dort erledigt werden, wieder vor sein Forum zerren. Die Frage der Leitung, die Oppenheimersche Siedlungssache und ähnliches, so wichtig sie auch sind, gehören einmal ausgeschaltet. Wohl aber muß die Lage der deutschen Juden berücksichtigt werden. Wir müssen über Sozialpolitik in Deutschland sprechen. Gründung von Toynbeehallen, Lesesälen, Bereinshäusern. Kraukenheimen usw. besprechen. Unser ist es, die Jüdische Statt st ik zu pflegen, die Turners ch a f t zu propagieren, jüdische Literatur und Kunst zu stützen. Aber statt breit angelegter Betrachtung der Lage der deutschen Juden ist selbst die Fühlung mit den dem eigenen Blut entsprungenen Bewegungen wie der für Statistik, für das Turnen usw. verloren gegangen. Die Nichtzionisten haben die Jugend-Bewegung inauguriert, während z. B. das Kölner Zentralkomitee für Deutschland vor 4—5 Jahren der beginnenden Herzlbewegung nicht einmal die anfangs versprochene Hilfe geleistet hat. Die jüdische Literatur, ja nur die zionistische Parteiliteratur hat in den letzten Jahren einen bedauerlichen Rückgang genommen. Wenn wir uns nicht wieder große Ziele setzen, werden wir in dem heutigen Tempo weiterfahren. Nur daß Nichtzionisten, wie der Hilfsverein der Deutschen Juden, selbst auf unserem eigensten Gebiet uns das Wasser von der Mühle abgraben. Ich resümiere: Volkspolitik läßt sich nur betreiben, wenn wir die Interessen des Volkes in jeder Beziehung ins Auge fassen. Volkspolitik läßt sich nicht durch die schlechte Organisation, wie wir sie heute haben, erfolgreich durchzuführen. Unsere Organisation leidet daran, daß unsere Anhänger absolutunzureichend organisiert d. h. mit der Partei fest verbunden sind. München, 12. August 1910. Felix A. Th eil Haber. Halser l^rftedrlcn Quelle —— Offenbach a. M. - Gegen Glicht und Rheumatismus bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M., Stallburgstr. S. Tel. 259 n. 71. “IOT Bad Harzburg. "IED Pension Parkhaus, 53 Salons und Famlllen-Dependance, Scliloss Prinxesho! mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser L Ranges unter Rabbinats- Aufsicht, an schönster Waldlage. Geöffnet April bis Oktober Prospekt gratis. M3X HoOMm Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luaeh.) SamStag, dm 3. September (—29. Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 40 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 55 Min., in Berlin 7 Uhr 37 Min. Wochenabschnitt: Re-ei. Einleitend wird von den Segnungen, die vom Berge Gerisim aus, und von den Flüchen, welche vom Ebalberge aus erschallen sollten, berichtet. (Genaueres in einem späteren Abschnitte.) Es folgen Bestimmungen über Pflicht- und Privatopfer, über die als ,Leben" oder „Zehnten" zu entrichtenden Abgaben, die Pflicht, solche in Jerusalem zu verzehren. Das Verbot des Blutgenusses von Vögeln und Säugetieren. (Daher unser Wässern und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.