Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 34 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Ar 34 Geiger, der in seiner Jugend Abremele Geiger hieß, ist ein außerordentlicher Professor uttb ein „außerordentlicher" Jude. Für die Romanisten ist er ein Germanist, denn er hat ein Buch über die Juden in der deutschen Literatur geschrieben, für die Germanisten ein Romanist, da er zehn Vorreden zu Burckhardts Geschichte der Renaissance geschrieben und obendrein noch das gediegene Werk des großen schweizerischen Antisemiten mit vielen Exkursen versehen hat. Geheimrat Geiger ist also eip großer Gelehrter, sagen die Berliner israelitischen Kommerzienräte. Redakteur Geiger ist ein großer jüdischer Gelehrter und Politiker, sagen die christlichen Gelehrten. Beweis: Der jüdische Politiker Geiger hat s. Zt. in der „Köln. Zestg." der deutschen Regierung vorgeschlagen, den deutschen Zionisten das Staatsbürgerrecht zu entziehen. Auch hat sich dieser jüdische Publizist und Redakteur in seiner Zeitung von einem „glaubensgenössischcn" antisemitischen Schwachkopf schreiben lassen, daß die galizischen Juden ein Diebes- und Verbrechergesindel seien, daß sie ihre Töchter der Schande übergeben und daß sie am Sabbat „Tephilim legen". Armer Graf Pückler, man hat Dir llnrecht getan! Hättest Du einen solchen Reisebericht in der „Staatsbürgerzeitung", in dem „Libre Parole" aber in der „Rußkaia Zuamia" veröffentlicht, alle Glaubensgenossen mosaischer Konfession germanischer Nationalität wären über Dich hergefallen, sie hätten sicherlich protestiert und Deine Einsperrung ins Irrenhaus oder Gefängnis verlangt. Was Du nicht darfst und sollst, Graf Pückler, dürfen Herr Geheimrat Geiger und Dr. Lessing . . . . Christlichi-antisemitische Pogrome sind nicht erlaubt, israelitisch-antisemitische Pogrome sind erlaubt .... Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Ludwig Geiger, Allgemeine Zeitung des Judentums, Dr. Lessing .... ' Wahnsinn oder Fapce? Sir Ernest Cassel ist englischer Adeliger, Patriot und Philanchrop aus Uckerzeugung und -aus Köln. Freisiimig, abre mutiger wie Ludwig Geiger, hat er sich vom israelitischen Antisemitismus abgewendet . . . und ist gleich Engländer geworden. Ws solcher bezahlt er die Zechen verkommener Locks, beschenk Potentaten und treibt einen philanchropischen Sport. Jetzt hat er wieder vier Millionen für englische Globetrotter in Deutschland und für deutsche Kellner und Lackiere in England gespendet. Ein großer Menschenfreund . . . Auf die Frage einer konservativen. englischen Zeitung, warum er die vier Millionen Mark nicht dm unglücklichm Stammesgenossen in Rußland, die von der russischen Bestie bei lckmdigem Leib geschunden werden, zugewendet hat, schwieg der englische Patriot und internationale Philanchrop. Stolypin und Schwarz potenzieren das russische Ghetto zu einer Hnngerkammcr . . . und ein Jude deutscher Abkunst »nd englischer Nationalität versorgt Globetrotter und deutsche Kellner .... Wahnsinn oder Farce? Alexander Jessel ist englischer Patriot «us Dmtschland oder Ungarn, ist jüdischer Führer und christlicher Idealist. Auf einer der letzien Sitzungen des Kuratoriums des Londoner Rabbiner-Seminars schlug dieser hohe Herr vor, die jüdischm Rabbinm so zu erziehen, daß sie mehr Geistliche, Seelsorger und Gemeindckiener als Gelchrte werden. Zu diesem Zweck, meinte dieser Herr, müsse man im Rabbiner-Seminar mehr das Neue Testament und weniger Talmud und Philosophie studieren. Damit man aber nicht glaube, daß die englischen israelitischen Reoerends große jüdische Gelchrte und Philosophen seien, willich einen Passus eines Leitartikels in der letzten „Haychoody"-Nummer wickerholen, der lautet: „Hckräisch lesen können selbst unsere jüdischm Reverends, wenn auch alleckings mit großer Mühe und ohne ganz den Text zu verstehen." Ginge es also nach Herrn Alexander Jessel, dann müßte das Londoner Rabbiner-Seminar Frankfurter Israelitisches Familienblatt. einm Preis für alle seine Zöglinge aussetzcn, die nicht die hckräischen Charaktere kennm, die absolut charakterlos sind und die das Reue Testament zu zitieren in der Lage sind. Wie kommt aber ein Kuratoriums-Mitglied eines Rabüinerseminars dazu, einen solchen Vorschlag zu machen? Wahnsinn oder Farce? * Weder Wahnsinn noch Farce, sondern Schnorrertum und Verschwörung . . . . „Hier habt Ihr vier Millionen, hier habt Ihr mein ganzes Geld, meine Seele, meinen Geist, mein Mut — hier habt Ihr alles, — nur glaubt, daß ich, der kölnische Jude, der Enkel eines jüdischen Schulmeisters, jetzt ein Anglo- Sachse bin . . ." Also schnorrt Ernest Cassel um sein Engländertum. Ludwig Geiger aber erinnert mich an seinen Bukarester Kollegen Professor Jorga. Dieser rumänische Kruschewan und Oberpatriot ist, wie jetzt festgestellt wurde, alles andere, nur kein Rumäne. Sein Vater war Bulgare, seine Mutter eine kleinasiatische Griechin und sein Großvater ein russischer Oberst in bulgarischen Diensten. Um seine Abkunft zu verheimlichen und an sein Vollblut-Rumänentum glauben zu machen, schreit er „Tod dm Juden" ... Ludwig Geiger beteuert fortwährend, daß er Deutscher ist. Aber — die sieben Millionen Juden in Osteuropa, die Zionisten in Deutschlano, die hebräische Literatur? wenden mit Recht christliche Zeitgenossen ein. Darauf hat Ludwig Geiger eine Antwort, die Antwort seines Berufskollegen und Gesinnungsgenossen Jorga. Die osteuropäischen Juden — so ließ er in seiner israelitisch-antisemitischen Zeitung drucken — seien ein Verbrechergesindel, die dmtschen Zionisten stellte er als Verräter an dem deutschen Staat hin, und eine hebräische Literatur existiert überhaupt nicht. Damit hat er selbst seinen Kollegen Jorga übertrofsen. Im ganzen aber haben alle Antisemiten, ob israelitische, ob christliche, dieselbe Methode. Geiger und Jorga. . . . Jorga ist aber nur rumänischer Führer, während sein Gesinnungsgenosse Geiger auch noch jüdischer Führer ist. Wie tief sind wir doch gefallen . . . Und Alexander Jessel? Ich habe nie viel Zoologie studiert, aber ich weiß, daß die Haupteigenschast des Parasiten ist, sich überall anzupassen. gingt man aber nach dem Grund dieses Parasitentums, dieses Schnorrer- und Verschwörertums, so gibt es nur eine zureichende Erklärung: Ichsucht. So ein israelitischer Millionär hat alles — alles, alle seine Wünsche können in Erfüllung gehen, — nur ein Wunsch bleibt ihm unerfüllt, die absolute soziale oder politische Gleichheit, — denn er ist Jude. Das Gleiche gilt vom Geheimrat und vom Politiker. Das Judentum steht chnen im Weg und inacht chnen die ganze von ihnen so heiß ersehnte Versumpfung unmöglich. Bei der Verschiedenheit chrer Naturen wenden sie verschickene Mittel an. Der israelitische Millionär und Kompromißler schnorrt und bettelt um sein Engländertum, der eingefrcssene und verärgerte Assimilant wird zum Verschwörer und Verräter, der charakterlose Parvenü wird znm Parasilm .... Dmn Geheimrat Geiger ist noch immer außerordentlicher Professor, Sir Ernest Cassel wird noch immer als „jüdischer Finanzier"', d. h. als vaterlandsloser Geldmensch, betrachtet, und Jessel, obgleich Königlicher Rat, ist nur als „jüdischer Führer" bekannt. ,So an ihrem Judentum verärgert, wecken sie zu seinen gefährlichsten Feinden und Verrätern. Das ist eine andere Seite der Judenfrage. Nach allem bckauere ich, ein Zeitgenosse der Reinachs, Geigers, Cassels und Jessels zu sein, denn ein späterer Historiker wird gewiß nach Aufzählung der Taten dieser Herren ausrufen: „Wie charakterlos war doch dieses Geschlecht." Zum Regieruugserlaß betreffs der Schullehrer in der Türkei. Berlin. Die jüngst verbreitete Mitteilung von einem Beschluß . der türkischen Negierung, daß cs fortan Lehrern ausländischer Staatsangehörigkeit verboten sein soll, an Gemeinde- und Privatschulen in der Türkei zu unterrichten, erregte in weiten jüdischen Kreisen Beunruhigung über das fernere Schicksal der jüdischen Schulen in diesen! Lande. Um nun zu erfahren, inwieweit die jüdischen Schulen von dem erwähnten Erlaß betroffen wurden, wandte ich mich nm Auskunft an das hiesige Deutsche Bureau der Alliance Jsraelite Universelle. Wie mir hier mitgeteilt wurde, hat sich dieses Burcan mit einer darausbezüglichen Anfrage an das Central-Comit« in Paris gewandt und von ihm nachstehenoe Erwiderung erhalten: „Richtig ist, daß die türkische Regierung einen Beschluß gefaßt hat, wonach die Lehrkräfte in den dortigen Schulen fortab türkische Staatsangehörige sein sollen. Der bctreffeitde Erlaß ist aber durchaus nicht gegen unsere Anstalten gerichtet, die sich der Gunst der Regierung erfreuen, sondern vielmehr und ausschließlich — und zwar aus rein politischen Gründen — gegen die griechischen und bulgarischen Lehranstalten. Unsere Schulen in der Türkei sind türkische Schulen und .haben von dem neuen Erlaß nichts zu befürchten." Des weiteren wird in den! Schreiben des Ccntral-Comites der Behauptung entgegengctreten, daß die Allianceschulen von sehr vielen ausländischen Kräften geleitet würden; in Wirklichkeit sind die Lehrer an den Allianceschulen in der Türkei fast ohne Ausnahme türkische Staatsangehörige. Auch von anderer, mit den Verhältnissen und den Vorgängen in der Türkei vertrauter Seite wurde mir erklärt, daß der genannte Erlaß nicht gegen die jüdischen Schulen gerichtet sei. Seine Zustellung an das türkische Großrabbinat dürfte mehr aus formellen Gründen erfolgt sein. — Bei dieser Gelegenheit erkundigte ich mich im Alliancebureau auch nach der gegenwärtigen Lage der Krisis innerhalb der Deutschen Abteilung der Alliance. Die jetzige Situation wurde mir dort noch als ungellärt, aber einer allseitig friedlichen Lösung entgegengchend bezeichnet. Die Verhandlungen mit dem Central-Comito in Paris seien noch nicht zum Abschluß gelangt, und die Mitglicker der -Deutschen Konferenz-Gemeinschaft selbst hätten chrerseits, der Ferien wegen, noch! keine definitiven Beschlüsse gefaßt. Die endgiltige Entscheidung dürste frühestens im November d. I. in Paris getroffen werden, wo ans Anlaß der Jubiläumsfeierlichkesten diesbezügliche Verhandlungen stattfinden werden. Bis dahin wird auch die von der achten Tagung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft eingesetzte Siebenerkommission ihre Arbeiten beendet und ihre Vorschläge zu der geplanten Statutenänderung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft gemacht haben. b. v. Aus aller Wett. Seatsches ««ich. Frankfurt a. SR. In der vor kurzem stattgehabten Sitzung des hiesigen Lokalkomitees für die jüd. Abteilung der Intern. Hygiene-Ausstellung Dresden ■ berichtete Dr. Wilh. Hanauer über die vom Frankfurter Komitee ' auszustellenden Gegenstände nach einem von Dr. Hülsen und ihm verfaßten Entwurf. Es - kommen in Betracht: 1. Der Belagerungsplan von Frankfurt 150 mal 80 vm. 2. Der Meriansplan (110mal 80 cm,) beide Pläne vorzüglich in der Größe der Originale, darauf ist die Judengasse in ihrer ganzen Ausdehnung zu sehen. 3. Plan (110 mal 80 cm) und Photographie des allen Frickhofes. 4. Wie Spitäler und Judenhäuser, eine Anzahl großer farbiger Zeichnungen und modelbartiger Ansichten. 5. Die alten Waschgeräte der Chewra-Kadischa.