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Neue jüdische Presse · 1910-09-02 · Heft 34 (2.9.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 34 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IsmIitWs fumilirililiilt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (ein- , schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich ° Ungarn Mk. 1,50. sonstige Länder Mk. 2.— * H-daKtio« «nd Hefchäftsstelle: Srsnkfurt 2. M vilbelerstraße 4/6. Ecke Bleichstraße Gerefo« 10507. 'Herausgeber: Saljj eis. r -! Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinkunfr. ' 8. Jahrgang. Freitag, de« 28. Aw 5670 (2. September 1910). Rr. 34. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Herr M. A. Klausner über die Reinach- Affäre. — Von den Verrätern und Bluffern. — Zum Regierungserlaß betreffs der Schullehrer in der Türkei. Aus aller Welt. — Feuilleton: Bär der Lange. — Sprechsaal. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten _ Herr M A Klausner über die Reinach - Affäre. (Von unserem Berliner Korrespondenten.) Auf Ersuchen der Redaktion des „Frankfurter Israelitischen Familienblattes" wandte ich mich an Herrn M. A. Klausner, den Geschäftsführer der Deutschen Konfercnzgcmeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle, mit der Bitte, seine Ansicht über die von diesem Blatte beleuchtete Stellung Salomon Rernachs zum Judentum, zu äußern. Herr Klausner hatte die Liebenswürdigkeit, nachstehende Ausführungen zu machen: Herr Ben Kohcleth hat in seinem Artikel „Salomon Reinach', ein Typus" den genannten gelehrten Herrn nicht eben sänftiglich angcfaßt. Er bezeichnet ihn als den Typus jenes Juden, wie er aus der Folterkammer des Ghetto „zerstümmclt und verzerrt" hervorgegangcn ist, der derart cntformt war, daß er „fast verabscheuungswürdig" geworden.' Er sieht in ihm oen „Ghcttojudcn in seiner häßlichsten Erscheinung". Das sind keine Schmeicheleien, auch dann nicht: wenn aus dem Artikel des Herrn Ben Kohcleth im übrigen ganz deutlich hervorgcht, daß hier nicht etwa die Absicht einer Kränkung vorliegl, sondern nur der Ansoruck aufrichtiger Abneigung gegen eine bestimmte Richtung in der Ausfassung vom Judenruin. Es ist daher begreiflich, daß Herr Salomon Reinach nicht gerade mit Schmeicheleien antwortet. Man muß ihm sogar zugute halten, daß er als der Angegriffene die Grenzen nicht innehält, die Herr Ben Kohcleth respektiert hat. Das ist Sache des Temperaments, wohl auch Sache des Landcsbranchs. Man oürfte zur Entschuldigung des Herrn Salomon Reinach anführcn, daß die Höflichkeit Frankreich längst verlassen hat und in ihrem Vaterland zur Mythe geworden ist. Für Mythen aber hat Herr Salomon Reinach nichts übrig. Was ist denn der ganze Streit zwischen Reinach und Ben Kohcleth? Reinach ist ein grundgelehrter Herr und auf den Gebieten seiner Wissenschaft von anerkanntem Verdienst. Das bestreitet auch Ben Kohcleth' nicht. Er gibt nur den: Mißcmpfinden darüber Ausdruck, daß der grundgelehrte Herr das Gewicht seiner Gelehrsamkeit in die Wagschale wirst, um Meinungen zu unterstützen, für deren Beurteilung Herr-Salomon Reinach ganz gewiß keine größere Zuständigkeit besitzt, als irgend ein anderer Laie auch. Herr Salomon Reinach weiß von jüdischen Dingen in der Tat erstaunlich wenig, doch Unwissenheit ist ein angeborenes Menschenrecht. Es geht nicht an, Herrn Salomon Reinach aus seiner Unkenntnis auf diesem Gebiet einen Vorwurf zu machen, denn Herr Salomon Reinach verhehlt seine Unkenntnis nicht. Er sagt jedem, der es hören will, daß er vom Judentum nichts weiß; er affichicrt das in seinen: ausgezeichneten Buch „Orpheus" mit vorbildlicher Deutlichkeit. In jüdischen Dingen also ist Herr Salomon Reinach Laie, blutiger Laie. Er ist außerdem Freidenker. Was aus oer Mischung von blutigen: Laientun: und Freidcnkertum wird, das wissen wir Juden in allen Landen, nicht zum wenigsten in Deutschland. Um etwas zu leugnen, braucht inan gar keinen Verstand zu haben; um ein Freidenker zu sein, braucht man in aller Welt nichts zu wissen. Um so größer ist die Freude der freidenkerischen Masse, >venn sich zu ihnen ein Gelehrter gesellt oder jenmnd, den sie auf Grund eines Titels für gelehrt zu halten die Berechtigung haben. Die wirkliche oder vorausgesetzte Gelehrsamkeit dieses Einen schmückt nun in ihren Augen das ga::ze Freidenkertum, gibt ihm Berechtigung und Halt und umkleidet sie selbst mit einer wissenschaftlichen Aureole, die auch nur im bescheidensten Maß aus eigenen Kräften zu erwerben sie verzagen müßten. Das ist nicht die Schuld der Reinach und Genossen, das ist vielmehr die Schuld der großen Mehrheit, die Pas ohne Widerstreben geschehen läßt. Das Freidenkertu»: hat seine Fanatiker zu allen Zeiten gehabt, wie jeder Glaube. Denn auch das Freidenkertum ist ein Glaube und. hat seine Orthodoxie. Es gibt Fanatiker des Unglaubens, wie cs Fanatiker des Aberglaubens gibt, und es wird schwer zu unterscheiden sein, welche von den beiden Kategoriecn gefährlicher ist. Selbstverständlich sind die Neophyten des Unglaubens die unduldsamsten. Nur der alte Freidenker ist tolerant, genau so wie der alte Orthodoxe. Wem seine Weltanschauung in Fleisch und Blut übcrgegangen ist, der ist duldsam gegen die Bekenner anderer Anschauungen. Nur wer selbst innerlich noch kän:pft, bedarf der Unduldsamkeit zu seiner eigenen Stärkung. Ich halte das äußerste Freidenkertum für berechtigt, sogar innerhalb des Judentun:s. Rur meine ich, daß die sogenannten Freidenker von selbst darauf verzichten sollten, innerhalb des Judentums über jüdische Dinge entscheiden zu wollen. Es scheint mir eine Forderung der Schick» lichkcit zu sein, daß man da nicht mehr mitspricht, wo man sich selbst ausgeschaltet hat. Doch ich muß wohl im Irrtum hierüber sein; denn ich sehe fast überall, daß die Freidenker in jüdische:: Dingen die Führung, für sich in Anspruch nehmen, und daß die Nichtfreidenker ihnen diese Führung erst übertragen und dann in Händen lassen. Die Schuld ist also nicht überwiegend auf Seiten der Freidenker — ganz im Gegenteil l Herr Reinach steht als Vizepräsident des Eentral-Comites in der Leitung der Alliance Jsraßlitc Universelle in vorderster Reihe. Hat er sich vielleicht aufgedrängt? Hat er sich dorthin gestellt? Nein, er hat nicht das eine, er hat nicht das andere getan, sondern die haben ihn berufen und. sestgehalten, die gar nicht seine Anschauungen teilen. Wenn das Israelitische Familienblatt der Meinung ist, es könne durch seine Artikel eine Aenderung herbeiführen, so verkennt es die Macht der Trägheit bei den eigenen Gesinnungsgenossen.*) Sollte eine Aenderung erzielt iverden, so müßte erst ein Sturm die Gemüter packen, so müßte eine aufrichtige Entrüstung erst wirklich lebendig werden. Die Alliance Jsraölite Universelle hat demokratische Satzungen. Nach diesen Satzungen wird die Leitung durch allgemeine Wahlen bestimmt. Von drei zu drei Jahren soll ein Drittel der Leitung neu gewählt werden, kein Präsident soll über drei Jahre an der Spitze stehen. Seit dem Jahre 1905 haben keine Wahlen stattgefunden. Die durch das Los zum Ausscheiden bestimmten Mitglieder sind im Central-Comitö geblieben, obgleich sie darin kein Recht mehr haben — Herr Reinach selbst gehört dazu —, und seit undenklichen Zeiten hat eine Aenderung im Präsidium, wie die Satzungei: sie vorschreiben, nicht stattgefunden. 40,000 Mitglieder der Alliance sehen das — und erheben keinen Einspruch, zahlen nach wie vor ihre Mitgliedsbeiträge und überlassen die Vernwgensverwaltung einer Behörde, deren ganzes Recht auf ihrer Anmaßung beruht. Bon de» Verrätern und Blnffer».... Von Dr. S. M. M s l a m e d - London, H. Geheimer Regierungsrat Pros. Dr. Ludwig Geiger, Redakteur der „Allg. Zeitg. d. Judentums" und Sohn des Reformrabbis Abraham *) Wie groß die Macht der Trägheit ist, welch ungeheuere Schäden diese anscheinend fast unbezwingbare Barg überall und insbesondere' bei uns Juden anrichtet, ist uns ' zur Genüge bekannt. Doch ebensogut ivissen wir, welche riesigen Umwälzungen in der Menschheit von jeher stattgefnnden haben und noch stattfindcn, und daß dieselbe Erscheinung auch im geschichtlichen Werden des jüdischen Volkes wahrzunehmen .ist. Und ist nicht für 'das kundige Auge der Vorgang einer langsamen, aber sichern Umwälzung, .einer Umwertung der Werte im jüdischen Lager wahrzunehmen? Ist die liberale Judenheit von heute noch dieselbe wie in den 50—60 er Jahren zu Zeiten Abraham Geigers? Ist nicht das jüdische Selbstben'üßtsein, der Wille zur Erhaltung des Judentums und jüdischen Volkstums um das vielfache größer und .stärker geworden? Damals schämte man sich mit dem Namen Jude,, heute ist man stolz darauf. Damals war das Hebräische ein Greuel, heute bekundet die liberale Judenheit in ihrem neusten F l u g b l a t t e, daß sie für die Beide h alt nngdes.Hebräischeni st. Jawohl! e» h at eine mer kb are Linncsändern:: g stattgefunden, es ist vieles anders geworden, nur sind's die einzelnen^ die R e i n a ch s und Geigers, die vieles entzwei machen und den UinwcrtungsprozeI hemmen und aufhalte::. Allein ein heiliger, wenn auch stiller Zorn ob deren Treiben, ist — trotz der Macht der Trägheit — in. weiten Kreisen spürbar und im Zunehmen begriffen. Dieser Zorn ist es, der die Reinachs und Geigers von der 'Tribüne der jüdischen Oeffentlichkeit wegreißen wird. Wir sehen ihren Tag kommen! Die Redakt.

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