Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 33 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. mir die Richtung dieser religiösen Aufgeklärtheit zu übermitteln. Weit öfters habe ich wahrnehmen können, daß Schwestern, die früher von jüdischen Dingen keine Ahnung hatten, im Umgänge mit chren glaubensstarken Mitschwestern und durch chre Ausbildung an jüd. Krankeichäusern eine Ahnung von jüdischer Anschauung, jüdischem Leben bekamen und dies künftighin respektierten. Wie aber verhält es sich mit dem naheliegenden Einwande, daß das Unterbleiben einer instruierenden Erziehung nicht genüge, daß eine Durchdringung der jüdischen Krankenpflegerinnen mit jüdischem religiösen Geiste eine notwendige Forderung sei? Daß sie für manchen Pflcgefall nicht nur erwünscht, sondern geradezu. unentbehrlich ist, kann nicht bestritten werden; es trifft dies in dem Falle zu, wo die Erkrankung der Mutter und Hausfrau eine Beaufsichtigung und teilweise Besorgung der Küche durch die Schwester erheischt. Abgesehen von diesen Ausnähmefällen, hält man eine religiöse Erziehung der Schwestern aus zwei Gründen für erforderlich: 1. well dadurch dem „Abflauen der Begeisterung'" für den idealen Beruf der Krankenschwester ein wirksamer Wall entgegengesetzt und 2. well in der Außenpflege nur hierdurch der Gefahr vorgebeugt werden könne, daß die Seele jugendlicher Pflegerinnen von den Schwestern mit freigeistigen Ideen vergiftet werde. Wahrlich, angesichts solcher Argumente ist's schwer, nicht satirisch zu werden! Aber ich will ruhig und sachlich auch diese irrigen Auffassungen und Verallgemeinerungen richtigstellen. Ja, es gibt enttäuschte Schwestern, die der Begeisterung für chren hehren Beruf schon nach wenigen Jahren verlustig gehen; aber es gibt solcher Schwestern in den jüdischen Organisationen nicht mehr, .als in allen nichtjüdischen Verbänden, sowell diese nicht — wie bei den katholischen Ordensschwestern — durch den Eintritt in die Schwestern-Gemeinschaft einen lebenslänglichen Verzicht auf irdische Genüsse fordern, und daß bei den katholischen Ordensschwestern manche ein stllles Martyrium leidet, manche sich am Leben versündigt hat, ist eine der tragischsten Erscheinungen, die wir immer wieder wahrnehmen können. Das Nachlassen der Begeisterung und die Ernüchterung hat aber chre Begründung in ganz anderen sozialen und allgemein-menschlichen Momenten als in dem Mangel eines Rückhaltes an der Religion, das weiß jeder, der auch nur einigermaßen mll der Lage des Schwesternstanves vertraut ist. Die enttäuschte Krankenschwester ist genau so zu werten, zu bedauern wie ein enttäuschter Akademiker oder Kaufmann und wird genau wie diese mit Hllfe ihrer Vernunft sich zu Kompromissen bereit finden müssen. Das Unbefriedigtsein bei den Schwestern — das möchte ich mll' allem Nachdruck betonen — ist zudem zumeist von der Art, daß es sie nicht an ecr rastlosen Ausübung ihrer Pflichten hindert, den Kranken jedenfalls nicht fühlbar wird; merklich verdrossene Schwestern sind ein Widersinn und müssen so schnell wie möglich die Haube ablegen. Was nun aber grobe Taktlosigkeiten und Verstöße gegen die Verbandsvorschriften anbetrifst, die sich die eine oder andere Schwester haben zu Schulden kommen lassen, wenn sie dem kranken Kinde die, „Sage"" von der Weltschöpfung und das „Märchen"" von Adam und Eva erzählten, so dürsten diese doch am wenigsten eine Umgestaltung des.Systems der Heranbildung jüdischer Krankenschwestern nach der religiösen Seite hin verlangen. Das Verbot, mit unerwachsenen Patienten über religiöse Fragen oder Weltanschauungen zu sprechen, muß solchen Entgleisungen Vorbeugen; genügt cs nicht, hat eine Schwester dafür nicht das richtige Verständnis, den nötigen Takt, dann taugt sie überhaupt nicht für ihren Beruf. Aus derlei Befürchtungen heraus aber auf eine jüdische Krankenpflegerin. verzichten oder gar andere vor der Anwerbung, einer solchen warnen ^u wollen, verdient die schärfste Mißbllligung, heißt antijüdisch zu denken und handeln. Ich kann es somit nicht einsehen, daß dm einwandsfteie Erfüllung der Schwesternschaft von einer stäckren Frankfurter Israelitisches FamUienblatk. Betonung der religiösen Siote im Blldungsplan der Krankenpflegerinnen abhängig sei. Damit sei natürlich nicht gesagt — und ich unterstreiche das, um Mißdeutungen der Tendenz der Ausführungen vorzubeugen —, daß ich es nicht auf's lebhafteste begrüßen würde, wenn noch viel mehr orthodoxe Elemente in den Reihen oer jüdischen Krankenpflegerinnen ständen. Will die Orthodoxie, insbesondere soweit sie durch die Presse vertreten wird, dazu bellragen, diesen Wunsch zu realisieren, dann darf sie keine offenen Türen einrenncn, nicht den Hebel an falscher Stelle einsetzen, da sonst ihre praktische Arbeit nur zu leicht in Mißkredit kommt, des sozialen Verständnisses bar erscheinen könnte. Mehr Religiosität in den Reihen der jüdischen Krankenpflegerinnen wird gefunden werden, wenn jüd. Töchter .aus frommen Häusern zahlreicher als bisher dem Weckruf der Zeit lauschen, an werktätiger Arbeit teilnehmen und vor allem sich in größerer Zahl und für längere Zeit der Krankenpflege zuwendcn, eine Beeinträchtigung ihres religiösen Empfindens ist dabei nicht zu befürchten, da der Mensch als solcher die Möglichkeit hat, seiner religiösen Ucberzeugung zu leben. In allererster Linie aber hängt dieses scheinbare Problem der jüdischen Krankenschwester mit dem wirllichen und schweren Problem der Erziehung unserer heutigen Jugend auf religiösem Gebiete zusammien. Das religiöse Erziehungswerk bei dem jüdischen jungen Mädchen ist beendet, wenn cs in den Schwesternstand cintritt, hat zum mindesten schon bestimmte Formen angenommen, und Korrekturversuche nach dieser Richtung könnten höchstens den sonstigen Bildungsgang der Schwesternschulen aufhalten. Darum werfe sich die Orthodoxie mit allenr Eifer auf ihr eigenstes Gebiet, das der Jugenderziehung, die Heranbildung tüchtiger jüd. Krankenschwestern überlasse sic ruhig den dazu berufenen Faktoren — den Aerzten und Oberinnen. Durchaus verfehlt, unklug und zu neuen Spaltungen in dem Volk der Brüder und Schwestern führend wäre der scheinbar in einigen Köpfen gärende Plan, Sonderverbändc von Krankenschwestern mit orthodox-jüdischem Kolorit zu schaffen. Das müßte auch den glühendsten Idealisten an dem Verständnis der Orthodoxie für die wichtigsten sozialen Institutionen unserer Zell, ja an ihrem guten Wlllcn zur Mitarbeit auf Gebieten verzweifeln lassen, die außerhalb des Parteistreites bleiben müssen. Sprechsaal. (Ohne Verantwortllchkell der Rebattion.) Kritik. Zum XI. Delegiertentag der Zionisten Deutschlands. Eine offene Kritik, meine Herren! Offen und ehrlich. Sie . geben zu, daß die Zahl der neugewonnenen Gruppen, Schekelzahler, der Zuwachs an Sammelgeldern nsw. absolut nicht entsprechend ist. Nicht entsprechend der Tatsache, daß bas Grundprinzip des Zionismus die tiefgehendste und modernste Erklärung vom Wesen des Judentums birgt, daß die palästinensischen Verhältnisse immer günstiger für unser Streben werden, daß auch unsere Programmauslegung eine immer natürlichere wird. Von selbst durch Ucberlegung stoßen also schon viele Juden zu uns, aber noch viel siegreicher müßte unsere Idee Vordringen bei der agitatorischen Willenskraft, die in vielen der Unseren ruht, die Nimmer und nimmer müde wurden, für den Zionismus zu Sendboten zu werden. Statt dessen ist die Gemeinde nicht viel größer geworden, starke Aeste verdorrten und nur wenig junge Aeste setzten an. Optimisten erklären einige Lebenszeichen (so die Gründung einiger neuer Vereine, die energischere Arbeit in früher stagnierenden Ortsverbändcn) für den Beweis des mächtigen Fortschreitens, Pessimisten die Tatsache, daß die Massen immer indifferenter der Sache gegenüberstehen, daß die Klage fast aller Gruppen dahingeht, daß es in ihnen kein zionistisches Leben mehr gäbe, als Zeichen des Rückschritts: Soweit die Negation. — Nun zu dem positiven Teil meiner Ausführungen: Die Auslegung unseres Programmcs, unserer Organisatton, unserer Arbeit auf den Dclegiertentagen usw. usw. .lassen zu wünsch'en übrig. Fangen wir einmal mit der Auslegung unseres Programmes an: Nr 33. Jeder von uns hat schon hundertmal hören müssen, daß unsere Gegner uns in die Schuhe schoben, wir wollten alle Juden nach Palästtna bringen. Keine antizionistische These ist bekannllich irriger als diese. Theoretisch' und noch viel mehr praktisch will doch nicht nur die Mehrzahl, sondern der aller, allergrößte Teil unserer Zionisten Deutschlands allhier bleiben. Ich bin der festen Ucberzeugung, daß unsere Bewegung vielfach mit ganz anderen Augen angesehen worden wäre, wenn wir erklärt hätten, die Juden der Welt haben die Verpflichtung, den heimatlosen Juden zu einer Heimstätte zu verhelfen. Warum nur diesen? Weil die wenigen z. B. deutschen Inden, die wirklich hinübergehen wollen, uns nicht die Sympathien der großen Judcnheit zu nehmen brauchen und weil diese aus sich' selbst heraus hüben helfen können. Unsere außerdeutsichc Volkspolitik gilt doch nur den östlichen Juden. Es muß strikte erklärt werden, daß jeder deutsche Jude, der diese Aktion n n t e r st ü tzt, ein Zionist ist (falls er noch das in Punkto „Nationalismus" Gesagte anerkennt). Machen wir uns gefälligst nichts gegenseitig vor. Denn wenn nur der, der den festen Willen trägt, persönlich hinübcrzugehen, Zionist ist, dann könnten wir viel energischer die Auswanderung unserer Leute verlangen. Sind aber die gute Zionisten, die gar nicht e i n m a l Palästina besucht haben, trotz pekuniärer und andererMöglich ketten,geschweige,daß es ihre Sehnsucht i st, drüben zu leben, dann kommt deren positives Eintreten für den Zionismus darauf hinaus, daß sie Erez Israel für die anderen, die Ostjudcn erstreben. Ans der einen Seite erklären wix ja auch in Versammlungen usw. das Programm in ähnlicher Weise. Wollen wir gefälligst auch einmal öffentlich diese Erklärung abgeben. '(NB. I ch wäre auch mit der Erklärung zufrieden : Der Zionismus verlangt von seinen Mitgliedern, daß sie nach Möglichkeit streben, Erez Israel zu besiedeln.) lertium non clatnrl.Ein drittes gibt es nicht. Entweder wir sollen hinüber, oderwirwollenandere hinüberschicken. Das crstere wäre mir sogar das Sympathischste,, das letztere entspricht den Anschauungen unserer Oberen und unserer Massen. Die Erklärung, die ich anstrebe, setzt sich absolut nicht in den Widerspruch mit dem Basler Programm. Sie braucht nur zu heißen: Die Judenfrage in den östlichen Ländern ist eine akute, eine so komplizierte und so gräßliche, daß jeder deutsche Jude helfen muß, die Juden nach. Palästina zu bringen. Es liegt im Sinne des Zionismus, daß sich auch Teile der westlichen Judenheit ablösen werden, um aus ökonomischen, nationalen oder religiösen Momenten zu der sich neu bildenden jüdischen Gemeinde in Palästina zu stoßen. Eine solche zweite Aktion wird aber von den Anhängern des Zionismus nicht erfordert. Klarheit muß über diese Frage herrschen, wenn wir nochmals mit erneuter Kraft an die Agitation treten wollen. Und ich schlage vor, die Auslegung unseres Programmes zu revidieren und dann nochmals mit aller Macht einen Borstoß zu unternehmen, nochmals die Eroberung der deutschen Judenheit zu probieren. Ich kann auf Grund langjähriger Agitation betonen, daß wir gerade in der Auslegung dieses Punktes allwärts noch nie richtig verstanden worden sind, daß cs nicht nur böse Msicht ist, wenn so viele gute Juden nicht zu uns stoßen. Wir kommen nun zum zweiten wunden Punkte unseres Programmes. Das ist das Nationale. Wir stteiten uns hoch, ihr lieben Leute, um des Kaisers Bart! Wenn die Juden „national" sind, dann sind wir es, ob wir wollen oder nicht, sofern national wttklich etwas das Wesen jedes Juden Berührendes ist. Geben wir dem Ding nun ttgend einen harmlosen .Namen, Ivenn das Wort national so große Verwirrung bringt. Die Deutschen fürchten, sich mit ihrem Deutschtum in Disharmonie zu setzen. Schreiben wir deutlich in unser Programm: . „Unser Judentum besteht im Wesen darin, daß 'wir infolge der Abstanimung, der Geschichte, Religionsgemeinschaft, der gleichen Jnteressen-Gcmeinschaft, der äußerlichen Verfolgung usw. uns als eine Gemeinde fühlen, die vom Staat als Religionsgemeinde anerkannt ist. Die Zugehörigkeit auf Grund dieser Tatsachen wird von den Zionisten als Voraussetzung angesehen." Dagegen bleibt es jedoch dem einzelnen überlassen, diesen Komplex zu bezeichnen, wie er will- Wohl aber können wir voraussetzen, daß unsere Anhänger jüdische Geschichte, Sprache pflegen, die Religion anerkennen müssen. Ich verzichte darauf, "daß einer der Unseren sich laut als jüdischer Nationalist ausgibt — und eine Mischehe schließt. Nicht auf ein Schlagwort kommt es an, sondern ans. Grundsätze. ....