Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 33 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M fit. ZZ lies FmuLfarkm IsmMWm MMMaiks. Offenes Schreibe« an Herrn Rabbiner Dr. Raphael Breuer in Aschaffenburg Von Rabbiner Dr. Sigmund Jampel in Schwedt a. O. (Fortsetzung.) „Dieses Fundament der Jampelschcn Untersuchung aber beruht auf einer durchaus verkehrten, durch und durch irrigen Auffassung der betreffenden Talmudstelle," so lautet vorweg Ihr Urteil über meine Interpretation der die Kanonisierung des Estherbuches betreffenden Stelle. Worin besteht nun diese „Verkehrtheit"? Im Talmud (Megillah 7 a) wird der Widerspruch zwischen dem einen Lehrsätze, wonach der Megillah die allen biblischen Schriften innewohnende Eigenschaft der Tumoh-Bewirkung abgesprochen wird, und dem andern, nach welchem die Megillah als im heiligen Geiste entstanden anzusehen sei, ausgeglichen durch die Behauptung, daß Esther wohl mit inspiriertem Geiste abgefaßt wurde, „aber schriftlich fixiert soll die Esthergeschichte doch nicht in die Oeffentlichkeit geschickt werden," oder wie sich der Talmud kurz ausdrückt: „Die Esthergeschichte ist im Ruach-Hakodesch abgefaßt zum Erzählen, nicht aber zum Niederschreiben". Dieses Verbot der schriftlichen Publikation beschränkte sich damals nicht bloß auf die Esthergeschichte, sondern war auf die meisten in dem biblischen Kanon nicht aufgenommenen Bücher ausgedehnt. Es gehören hierzu fast alle heute unter dem Namen „Apokryphen" bekannten Schriften, ebenso auch die Fastenwie die Hasmonäer-Rolle, bei welch: letzterer später die Prohibition betreffs der Niederschrift aufgehoben wurde. (Täanith 18a.) Von welch großer Wirkung solche Zensuren waren, ersieht man schon daraus, daß tatsächlich diese sämtlichen inhibierten Schriften dem Judentum' verloren gegangen sind, und nur dank den griechischen Uebersetzungen sind wir heute wiederum in ihren Besitz gelangt. Die Motive solcher Zensureingrisfe sind nur selten deutlich angegeben, so z. B. Edujoth 5, 3, Sabbat 30d, 13d, Menachoth 45a u. a. betreffs der Prohibitionsversuche der biblischen Bücher Ezechiel, Sprüche, Hohelied und Koheleth. Aber auch wo dies nicht der Fall ist, sinü wir über die Motive nicht im Zweifel, so z. B. bei der Fastenrolle wegen der Absicht, sie später außer Geltung zu bringen (Sabbat 14a), bei der Hasmonäerrolle wegen der später herrschenden Aversion gegen die Hasmonäerdynastie, welche alles Elend über Israel gebracht hat usw. Gegen die volkstümliche Verbreitung der Esthergeschichte sträubten sich ursprünglich sämtliche 120 Männer der Großen Synode, — unter welchen sogar 35 Propheten waren, — mb zwar, um nicht dadurch bei der nichtjüdischen Welt Anstoß zu erregen (Bably Megillah 7a, Jcrusalmi Megillah 1, 5, Midrasch Ruth III), was sie aber auf das persönliche Drängen Esthers später doch zugelassen haben. Wenn nun später Rabbi Josua und Samuel — Rabbi Jehuda als Schüler, und ständiger Tradent Samuels kommt persönlich nicht in Betragt — bi? eGzigen Talmudweisen, welche wegen ihres ständigen Verkehrs in nichtjüdischen Hof- und Gelehrtenkreisen und ihrer religionswissenschaftlichen Disputationen dortselbst. besonders bekannt sind, ebenfalls für die Inhibierung des Estherbuches eintreten, so liegt doch nichts so nahe als die Annahme, daß diese die nichtjüdische öffentliche Meinung so sehr respektierenden Talmudweisen sich von demselben Motiv wie früher die Große Synode haben leiten lassen. Nun, verehrter Herr Doktor, frage ich Sie, wieso haben Sie mit Hilfe des Tosefoth und Raschi „meine Hypothese über den Kaufen geworfen"? Handeln diese beiden Kommentare auch nur im geringsten über das Motiv der von Rabbi Josua und Samuel angestrebten Inhibierung des Estherbuches? Worin besteht Ihre Entdeckung, daß „meine Hypothese sich selbst verurteilt"? WasI Raschi und Tosaphot sagen, steht zu meiner Auffassung nicht nur nicht im Widerspruch — abgesehen davon, daß man bekanntlich auch eine von den Kommentaren abweichende Auffassung haben darf —, sondern wird durch meine Klarlegung nur noch ergänzt. Das Ueberraschende Ihres Fundes besteht in dem Nachweis, daß „nicht die Art und Weise, wie das Estherbuch geschrieben wurde, sondern die Tatsache, daß es geschrieben wurde, entzieht ihm dje Tumoh bewirkende Kraft." Was ist das anders, als was ich sagte? Ist es nach meiner Darstellung von dem unbiblischen Charakter des Estherbuches — wovon später noch ausführlich die Rede sein soll — nicht ganz einerlei, ob ich von der Form, in der die Esthergleschichte dargestellt wurde, oder von der Tatsache, daß sie überhaupt niedergeschrieben wurde, spreche? Ich habe doch mehr als genügend hervorgehoben, daß diejenigen Talmudweisen, welche die Erregung des Anstoßes befürchteten, diese Episode am liebsten gar nicht veröffentlicht hätten, oder wenn schon, dann in einer ganz unreligiösen Form, um Gott und die Religion nicht in dieses unliebsame Spiel hineinziehen zu müssen. Somit ist das Bestreben des inspirierten Verfassers, die Esthererzählung ganz unveröffentlicht zu lassen, sowie die profane Form, in der er sie schließlich, aus Gründen, die später zu nennen sind, doch veröffentlicht hat, ein und derselben Initiative entsprungen. Wenn Sie also sagen, daß Samuel sich lediglich von dem Motive leiten ließ, „daß die Esthergeschichte überhaupt nur der mündlichen Tradition überwiesen bleiben sollte," so deckt sich dies ja wortwörtlich mit meiner Ausführung auf Seite 25 und 26 meines Buches, nur mit dem Unterschiede, daß ich dieses Bestreben Samuels wie Rabbi Josuas durch zahlreiche herbeigezogene Quellen kulturgeschichtlich plausibel zu machen suche, während Sie diese eminent wichtige Frage ganz und gar offen lassen. Und ebensowenig wissen Sie für die Handlungsweise der beiden Amoräer in Sanhedrin 100a irgend welchen Grund anzuftchren, während diese nach meiner Darstellung ihre einleuchtendste Erklärung findet. Worauf gründet sich also Ihre Ironie, daß es Ihnen „leid tut", Ihre „Verurteilung meiner mühsamen Problemlösung aufrecht zu halten"? (Fortsetzung folgt.) Die jüdische Krankenschwester. Von vr. meä. Gustav Löffler (Frankfurt). Das „Franks. Jsr. Familienblatt" brachte an der Spitze seiner Nr. 27 einen Artikel, in dem so mancher Mißerfolg in der jüd. Orthoooxie Deutschlands auf den Mangel an Verständnis für die sozialen Fragen unserer Zeit zurückzeführt wird. Die Richtigkeit des Grundgedankens dieses Artikels wurde mir so recht deutlich, als ich kurz darauf einen Artikel über „Die jüdische Krankenpflegerin" in einer anderen jüdischen Zeitung las. W lqg vielleicht näher, in einem „offenen Briefe" auf jene Ausführungen zu antworten; allein derartige Briefe werden nur zu leicht als von persönlicher Aversion diftiert aufgefaßt und verfehlen daher meistens die beabsichtigte Wirkung auf die Oeffentlichkeit. Mir ist es nun aber weniger darum zu tun, über die Anschauungen des fraglichen Artikels zu diskutieren, als gewissen Vorurteilen gerade in orthodoxen Kreisen, die aus mangelhaftem sozialem Verständnis resultieren, zu Leibe zu gehen. Deshalb zog ich! es vor, an dieser Stelle, wo mir schon öfters im Interesse der Allgemeinheit Raum gewährt wurde, ruhig und sachlich gewisse Mißdeutungen des Berufes der jüdischen Krankenschwester richtigzustellen. Ich fühle mich dazu umsomehr berufen, als ich selbst vor Jahren gerade im „Franks. Jsr. Familienblatt" die Werbetrommel für diesen idealen Beruf unter der weiblichen jüdischen Jugend erklingen ließ und als ich in längerer Tätigkeit sowohl in ^christlichen, wie jüdischen Krankenhäusern einen klarer« Einblick in die Verhältnisse des Schwesternstandes gewann. Es muß da vor allem konstatiert werden, daß der Schwesternberuf seit einer ganzen Reihe von Jahren eine sozial-hygienische Institution ist, nicht von religiösen Ideen propagiert oder getragen, und daß seine Trägerinnen in diesem Sinne angreifen, ausgebildet und tätig sind und sein müssen. Die Tatsache der zahlreichen konfessionellen Schwesternverbände widerspricht dem nicht. Sie erklärt sich einerseits aus dem löblichen Bestreben der verschiedenen Religionssysteme, für den von Religionswegen geforderten Krankendienst unter den jungen Mädchen werktätige Begeisterung zu wecken, und andererseits bei einigen, unter speziellem Einflüsse des Klerus stehenden Organisationen aus dem begreiflichen Wunsche, in der Schwester eine Sendbotin zu den der seelischen Tröstung manchmal noch mehr als der körperlichen Wartung bedürftigen Kranken zu besitzen. Die vor etwa 15 Iahten erfolgte Schaffung von jüdischen Krankenpflegerinnen-Bereincn hat aber mit letzterem Momente ganz und gar nichts zu tun, — darin sind wohl alle einig, da das Judentum von Seelsorgerinnen nichts weiß. Ihre Gründung war sicherlich auf den Wunsch weitblickender und ideal veranlagter jüdischer Sozialpolitiker zurückzuführen, auch jüdischen jungen Mädchen die Möglichkeit zur Mitarbeit im Dienste der Kranken und Siechen zu verschaffen, dabei aber ihrer religiösen Uebcrzeugung leben zu können. Haben nun wirklich die jüdischen Kranken- Pflegerinnen-Organisationen nach dieser Richtung hin versagt, wie man dem Artikel des Herrn B. nach annehmen sollte, sind sie wirklich als Schädlinge am Stamme der jüdischen Orthodoxie, ja der jüdischen Religion überhaupt zu betrachten? Gewiß ist es richtig, daß sich unter den jüdischen Krankenpflegerinnen nicht wenige mit ausgeprägt liberaler Gesinnung in Bezug auf Judentum sinden, Schwestern, die am Sabbat fahren, die das Kuschrus-Gesetz für ihre Person nicht beachten, ja zweifellos auch solche, die am JoMkippur nicht fasten (ohne überhaupt "erst den Vorgesetzten Arzt zu fragen). Aber die Irreligiosität der einzelnen Schwestern deren Organisation zum Vorwurfe machen zu wollen, insbesondere dem Chefarzt, der Oberin und den armen, vielgelästerten Assistenzärzten, — das zeugt dafür, daß wir heute aus der eigenen Leidensgeschichte immer noch nicht genügend gelernt haben. Oder ist es etwa weniger tadelnswert, die Fehler der einzelnen Schwester auf das Schuldkonto der Gesamtheit aller Krankenpflegerinnen setzen zu wollen, als wenn man Vergehen des Einzeljuden, des einzelnen Orthodoxen, der gesamten Judenheit oder jüd. Orthodoxie zum Borwurf macht? In Wirklichkeit liegt die Sache so, daß die meisten der irreligiösen Krankenpflegerinnen schon vor dem Eintritt in den Schwesternstand der Orthodoxie fern standen. Und 'wenn, was nicht in Abrede gestellt werden kann, das eine oder das andere junge Mädchen als Schwester sich scheinbar weniger religiös erweist als ftüher, so 'sind'die Gründe denn doch auf anderem Gebiete zu suchen als in der Ausbildung zum Schwesternberufe oder in seiner Umbildung. Dies erhellt für jeden vorurtellslos Prüfenden allein schon aus dem Umstande, daß es in den einzelnen Vereinen eine ganze Reihe von Sequestern gibt, die ihren Beruf hingebungsvoll und mit bestem Gelingen ausüben, bei einer Lebensführung, die auch der Kritik des orthodoxesten Juden standhält. Der genaue Kenner der Verhältnisse, als den ich mich Wohl bezeichnen darf, zumal ich selbst eine ganze Anzahl Schwestern heranbilden half, weiß zudem, daß es den ausbüdenden Aerzten und den Oberinnen durchaus fernliegt, irgendwo das religiöse Empfinden der Schwestern und Schülerinnen zu beeinflussen, diesen beim Unterrnhte auch 48