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Neue jüdische Presse · 1910-08-26 · Heft 33 (26.8.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 33 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33. Seite 3. Frankfurter ZfüEistW DünAKMaÜ. reichen Kolonien eingewanderter westeuropäischer Juden Nutzen bringen, aber auch die kleinen deutschen Kolonien werden — ähnlich wie es früher z. §3. bei der Errichtung der jüdischen Ackerbauschule in Mikweh Israel (Palästina) der Fall war — von solchen systematischen landwirtschaftlichen 'Arbeiten auf. modern-wissenschaftlicher Grundlage sicher den größten Vorteil haben. Der Initiator der Idee, in Palästina eine solche landwirtschaftliche Versuchsstation zu gründen, ist der auch in deutschen Kolonialkreisen hochgeschätzte Tropenbotaniker Professor Dr. Otto Marburg- Berlin, der als Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees auf dem Frankfurter Dclegiertentage der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (11. und 12. September) in seinem Referat über die im Entstehen begriffene Versuchsstation interessante nähere Mitteilungen machen wird. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Breslau. In Bad Landeck verschied im Alter von 75 -Jahren Moritz Kempinski, der Begründer der weltbekannten Weingroßhandlung M. Kempinski u. Co. Aus Baden. DerBereinzurWahrunfg der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden hat um einem während des Gebetbuch-Kampfes hcrvorgetretenen Bedürfnis nach einer guten, deutsch-übersetzten Tesilloh abzuhelfen, das bei S. Lehrberger u. Co. erschienene, von Rabb. Bleichrode übersetzte G e b e t b u ch in großer Masse in Baden vertrieben. In wenig Wochen wurden etwa 1000 Exemplare abgesetzt. Der in Bezug aus Einband, Druck und Papier sehr schöne Siddur, dessen vorzügliche Uebersetzung und dessen zahlreiche Hinweise und Erklärungen allgemeinen Beifall finden, wird, so hoffen wir, dazu beitragen, die Kenntnis unserer altehrwürdigen Tesilloh zu verbreiten und zu vertiefen. Eharlottenburg. Der verstorbene Apotheker Dr. Martin Fränkel testierte dem Deutschen Apotheker-Verein 10000 Jk für eine „Stiftung zur Unterstützung erkrankter Apothekergehilfen". Mannheim. Maier Marxhetmer, Schwiegervater des jüngst verstorbenen Oberrates Dr. Staadecker, hinterließ der Stadt 20 600 Jk für eine „Maier Marxheimer-Stiftung", deren Zinsen je zur Hälfte armen Christen und Juden zugute kommen soll. Nürnberg. Der jüngst verstorbene Martin Leb recht hat der „Deutschen Zentralstelle für jüd. Wanderarmcnfürsorge" und der „Jsr. Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder zu Belitz" je 1000 JL vermacht. Wiesbaden. Hier verschied dieser Tage im 84. Lebensjahre einer der angesehensten Juden Kiews: Moses Wein st ein. Der Verblichene gehörte zu den Pionieren derZ uckerin düst rie in Rußland und zeichnete sich auch durch seine Wohltätigkeit aus. Er gründete und erhielt in der Hauptsache aus eigener Tasche das ältere jüdische Krankenhaus und trat sehr häufig mit Erfolg als Wortführer jüdischer Interessen bei der Behörde auf. Auch die allgemeinen Stadtangelegenheiten fanden in ihm einen eifrigen Förderer und großmütigen Mäcen. So gehörte er zu den Gründern der Kiewer Abteilung der Kaiserlichen Gesellschaft für Musik, des ältern Stadttheaters usw. Danzig. 51 Jahre alt. verschied Justizrat Joh. Behrendt, Verwaltungsmitglied mehrerer hiesiger jud. Wohltätigkeitsinstitutionen. ll,.) Posen» 19. Aug. Zu der F e st t a f e l, die im Kaiserlichen Schloss e stattfand, erhielten u. a. Einladungen: Landtagsabgeordneter Geheimer Kommerzienrat L. Aronsohn, Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Bromberg, Stadtverordneten - Vorsteher Justizrat P l a c z e k, Geheimer Kommerzienrat Herz, Kommerzienrat Nazary Kantorowicz, Geheimer Justizrat Salomon, Vorsitzender der Posener Anwaltskammer, Posen, Abgeordneter^ Justizrat Wolfs, Lissa i. P., Königlicher Kommerzienrat Stadtrat Rogowski in Gnesen, Fabrikbesitzer Assessor a. D. Dr. L e v y in Hohensalza und JsidorStrelitzin Pleschen. .Frau Röschen Krayn geb. Baermann verschied kurz vor vollendetem 83. Lebensjahre und wurde die Leiche nach 'Pudewitz gebracht und dort beerdigt. Mit der Dahingeschiedenen ist eine wahrhaft jüdische Frau dahingegangen. Frömmigkeit und Wohltun waren ihr Lebensprinzip. (L.) Posen. Anläßlich des Aufenthalts des Kaisers in unserer Stadt wurden ausgezeichnet: Geh. Kommerzienrat M i ch a e l H e r z mit dem Roten Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife, Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Placzek, Stadtrat I. ^Schleyer und Amtsgerichts.rat Moritz Finke mit dem Roten Adlerorden 4. Klasse. Zu dem Empfang der Kaiserin waren auch die jüdischen Damen Mankiewicz, Herz urü> O r g e l e r geladen.. Lissa. Das Rabbiner Dr. Bäck'sche Ehepaar erhielt anläßlich seiner goldenen Hochzeit dieGoldene Ehejubiläumsmedarlle. Wien. Anläßlich des 8V. Geburtstages des Kaisers erhielt auch, eine Anzahl- Juden hohe Auszeichnungen. Wir verzeichnen: Bergrat Max Ritter von Guttmann (Stern zum Komturkreuz des Franz Josef-Ordens), Generalkonsul Alexander Singer (Ofsizierskreuz des Franz Josef-Ordens), Rat Dr. Krüger-Wien, Bürgermeister Dr. D a v i d - Podwoloczyska (Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens), Dr. Hermann Löwi, Gemeinderat Edmund Melcher (Goldene Verdienstkreuz mjt der Krone), Johanna Fr ö h'lich-Wien und'Fanni Re iß-Czernowitz (Elisabethorden 2. Klasse). — Max Barb er, Gatte der Schriftstellerin Jda Barber, feierte seinen 75. Geb u r t s t a g. Wien. Hofrat Prof. Dr. Oser, Direktor des Rothschildspitals, ist, 73 Jahre alt, verschieden. Wien. Salomon Meisels, ein Sohn des berühmten Oberrabbiners Berisch Weisels, ist — 82 Jahre alt — verschieden. Er gehörte mit ganzem Herzen der Orthodoxie und dem Zionismus an und erfreute sich, in weitesten Kreisen unumschränkter Wertschätzung. Paris. Bataillonschef Bernheim, Reserveoffner Baruch und Baron Jacques Günzburg wurden zu Offizieren der Ehrenlegion, Haaptmann May, Bataillonschef R o o s, Leutnant Levy-Alphandery, Hauptmann Francken, Arzt Moise Frenkel und Kunstmaler Emil Hirschfeld zu Rittern der Elhrenllegion ernannt. Paris. In der Akademie der Wissenschaften wurde dieser Tage über eine Erfindung des Chemikers Dr. C h. W o l k referiert. Die Erfindung „Aluminiunr-Nitria" ist ein neues Salzpräparat, das für hie Landwirtschaft von großer Bedeutung ist. Sowohl in der betreffenden Sitzung der Pariser Akademie, wie auch in der französischen Fachpresse wird dem jungen Gelehrten viel Lob gezollt und seiner Erfindung großer Erfolg porausgesagt. Der Erfinder stammt aus Rußland und' ist der Sohn des vor kurzem perstorbenen Pinsker Rabbiners, Rabbi Hirsch Wolk. New-Aork. Schalom Asch verfaßte ein neues Drama, das im amerikanisch-jüdischen Ghetto spielt. Die Erstaufführung des Dramas wird in dem neu errichteten jüdischen Theater in Newyork stattfinden. Täbris (Persien). Ludwig Grünberg wurde zum Präsidenten der ersten persischen Handelskammer gewählt. Aus -er zionistische« Bewegung. Hamburg. Die Zion. Ortsgruppe Hamburg-Altona veranstaltete Sonntag eine SommerausfahrtnachderLühe, den obstreichen Marschen am linken Ufer der llnterelbe. Ein Schiff, an dessen Mast die blau-weiße Fahne fröhlich im Winde wehte, brachte in 2stündiger Fahrt die Festteilnehmer aus' dem Gewühl der sommerheißen Stadt in den Frieden einer grünen Landschaft, die, von Kanälen und Deichen durchzogen, von unzähligen Kirschbäumen besetzt, den Beschauer ganz holländisch anmutet, wie ja auch die Bevölkerung dieses gesegneten Uferlandes einst von Holland her eingewandert ist. An der Kaffeetafel fand man sich wieder zusammen, eine Festzeitung verbreitete fröhliches Behagen, die Verlosung von Büchern und Bezalelgegenständen lehrte die Geldbeutel; vor dem Hause gab es allerhand Wettläufe, wobei übrigens einige Mitglieder des Vorstandes nicht die ersten wurden, diesen Ruhm vielmehr den Jüngern überlassen mußten; und während draußen aus die einzelnen Läufer zu Gunsten des Nationalfonds gesetzt wurde, als wären es Rennpferde, begann drinnen im Saale der Tanz. Der. Glanz einer wundervollen Vollmondnacht erhöhte den Zauber der Rückfahrt; und als man bei den Landungsbrücken zu später Stunde auseinanderging, wußte man, daß man nicht zum letzten Mal eine ansehnliche Menge von Zionisten und Zionistinnen auf einem Schiff zu fröhlicher Fahrt zusammen gebracht hatte. Die Herren und Damen, die sich um die mühevolle Vorbereitung besonders verdient gemacht hatten, vor allem die Herren Leopold Landau, Referendar Gotischalck, Referendar Möller und die Damen Hecker, hatten ihre Zeit nicht umsonst in den Dienst der guten Sache gestellt. ' H. Ans der Lehrerwelt. AuS Baden. Die mit dem Vorsänger- und Schächterdienst verbundene Religionsschulstelle in Neckarbischofsheim (mit Filiale Waibstadt) wurde dem Religionslehrer Bloch in Grünsfeld (Baden) übertragen, jene in Wollenberg (Baben) dem Lehrer Tuch in Speier a. Rh. Hamburg. Eine Kommission des Synagogenverbandes, bestehend aus den Herren Wolsf Levy, Dr. Lanzkron, Dr. Fink, Hertz' Bachrach und Hermann Gumpertz, begcw sich nach Ungarn, um mit Rabbiner Dr. Spitzer in Miskolcz wegen Uebernahme des Hamburger Oberrabinats zu unterhandeln. G fenÜIefon. Warum meine Großmutter nicht nach Amerika ging.... Von Maxime Le Maitre. Meine Großmutter war eine einfache, bescheidene Frau und liebte Weißbrot und warme Suppe. Sie war ihr Leben lang grau und trug vierzig Jahre dieselbe Brille. Sie war rechtschaffen und nicht übermäßig klug. In der Stadt spracht man selten über sie,. — denn sie war sehr einfach und bescheiden und sprach selbst sehr wenig. Und dann war sie eine Frau wie tausend andere auch, eine gute Mutter, ein Genie im Sparen, — weniger im Verdienen, eine wackere Hausfrau, fromm und sittenstreng Sie sprach nur selten mit dem Großvater, verrichtete ein halbes Jahrhundert ihre Gebete in derselben Synagoge und begann schon am Mittwoch Nachmittag mit den Vorbereitungen für den Sabbatschalet. Sie war in keinem Falle eine Ausnahme oder gar ein Original, höchstens darin, daß sie weniger sprach als andere Frauen und Großmütter. Und cs läge gar kein Grund vor, jetzt viel Aufhebens von meiner Großmutter zu machen und die Wl-' täglichkeit ihres Lebens, ihre Mittelmäßigkeit und Einfachheit noch zu beschreiben; allein eine Manier, ein Zug in ihrem Charakter, den alle kannten — und nicht bewunderten — verdient beschrieben und bekannt gemacht zu werden. Meine Großmutter, die nie in ihrem Leben ihre Vaterstadt verlassen, nie eine Eisenbahn oder einen Dampfer, gesehen und außer ihrem Gang nach dem Friedhof am Tischoh - bo - Aw und vor dem Versöhnungstag nicht viel von Wald und Wiese und Flüssen gesehen, — liebte Amerika, liebte das Land, in dem ihre sieben Töchter lebten, mit allen Fasern ihres Herzens. Seitdem ihre erste Fräulein Tochter sich in Amerika ohne Mitgift verheiratet, schwärmte meine Großmutter für dieses Land. Meine Großmutter wußte nicht viel von Amerika, obwohl ihr ihre sieben Töchter sehr oft Briefe schickten, in welchen sie ihr das Leben in .Amerika beschrieben. Sie wollte nicht recht den Briefen glauben, denn daß unter der Erde und über den Häusern Eisenbahnen verkehren, daß man dort im vierzehnten Stock wohnt und daß jedes Dienstmädchen in Hut und Schleier aus- , geht, was zu Hause nur „Pritztes" (Fürstinnen) sich erlauben können, hielt sie für ein einfältiges Ammenmärchen, für eine Ausgeburt weiblicher, Phantasie. .— Aber eines glaubte sie fest und unerschütterlich — nämlich, daß man in Amerika jeden Tag Weißbrot und gute Fleischsuppe ißt. Auch das erfuhr sie nur aus den Briefen ihrer in Amerika lebenden Töchter. Aber warum sie gerade daran glaubte und an die vierzehnstöckigen Häuser nicht, wußte kein Mensch und vielleicht wußte sie es selbst nicht. Mit einem Worte: sie liebte Amerika wie das Weißbrot und die gute Fleischsuppe, und sie war fest entschlossen, heute oder morgen nach dem Lande des Weißbrotes und der warmen Fleischsuppen auszuwandern. In Amerika lebten ihre sieben Töchter, glücklich verheiratete Frauen, in Amerika lebten ihre vier Söhne, fromme ehrliche Juden, in Amerika ißt man jeden Tag Weißbrot, — also wozu zu Hause bleiben und einsam das Leben fristen, sich mit Schwarzbrot und Salzhering durchs Leben essen? Meine Großmutter war zwar nicht arm, denn ihre sieben Töchter und vier Söhne in Amerika schickten ihr regelmäßig Geld, allein meine Großmutter war keine Verschwenderin. . . „Statt in sündiger Weise das Geld zu verfressen, lasse ich einen neuen Ofen im Stübchen fetzen oder das Dach mit neuen Brettern bedecken, oder ich kaufe noch eine Ziege und verkaufe die Mich." Und jedesmal, wenn Geld von Amerika kam, fünf oder sieben Rubel, schasste sie für das „amerikanische" Geld, von dem sie sagte, es sei wie gesunden — — etwas Dauerndes für ihr Haus an, außer, wenn das.Geld kurz vor einem vertag kam. . . Aber auch jedesmal, wenn Geld von Amerika kam, packte sie auch so eine „amerikanische" Sehnsucht, eine tiefe Liebe zu dem Land, in dem ihre Töchter ohne Mitgift geheiratet, in dem ihre Söhne Geld verdienen, in dem man jeden Tag Weißbrot ißt. . . Meine Großmutter, trotz ihres bescheidenen mittelmäßigen Verstandes, begriff doch, daß man das, was man selbst haben kann, sich nicht schenken zu lassen braucht. „Wenn ich in Amerika bin, habe ich selbst Geld und bin nicht auf meine Kinder — nicht auf Menschen angewiesen." Und meine Großmutter wollte nach Amerika, nach dem Lande des Weißbrotes, sie war oft im Begriffe, ihre ganze Häuslichkeit aufzugeben, den Großvater von der Synagoge zu holen, um mit ihm nach Amerika zu reisen. Wenn esl ihr schlecht ging, wenn sie kein Geld hatte oder wenn sie krank war, pflegte sie immer zu sagen:

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