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Neue jüdische Presse · 1910-08-26 · Heft 33 (26.8.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 33 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. nti 33 Wahnsinn ober Farce? Claude Montefiore sprack> wieder von dem „jüdischen Propheten Jesus", von dem „Christentum als dem eigeMlichen Schlußpunkt in der jüdischen Geistesentwickelung" und von der „Notwendigkeit einer allmählichen Annäherung" . . . Zum Schluß beklagte er sich bitterlich, daß das Christentum das Judentum nur dulde und nicht anerkenne, und meinte, das sei ein schreiendes Unrecht. Im ersten Satz wird also selbst die weitere Existenzberechtigung des Judentums — da es sich mit dem Christentum vereinigen müsse und in seiner jetzigen Form nicht weiter existieren kann — negiert, im zweiten Satz darüber geklagt, daß das Christentum das Judentum nur dulde und nicht anerkenne. Schöne Logik . . . Und Dr. Emil Hirsch sekundiert .... Ein „Führer" der Juden und ein „führender" jüdischer Theologe verkünden von einer christlichen Plattform die Minderwertigkeit des Judentums gegenüber dem Christentum. Die Juden schweigen und protestieren nicht. Wahnsinn oder Farce? Während so zwei jüdische Männer aus einem christlichen Kongreß um die Wette christeln, erklärt auf demselben Kongreß ein Professor der christlichen Theologie und ein christlicher Führer, Prof. Dr. Lyoson-Paris, daß „selbst die jüdische Religion nach und nach sich zu einer monotheistischen entwickle, obwohl sie Jahrtausende nicht monotheistisch war". Ich kann nicht annehmen, daß sich der Herr Professor einen Witz erlaubt oder daß seine Worte falsch wicocrgegeben worden jind, oenn seine ganze Rede war auf diesen Ton gestimmt. Die Juden Montefiore und Dr. Emil Hirsch hatten allen Grund, gegen diese „neue Entdeckung", gegen diese unerhörte Zumutung nicht zu protestieren, obwohl sie unter stürmischem Beifall hätten erklären können: „Die Behauptung des Herrn Professor Lyoson, daß die Mische RÄigion sich erst zur monotheistischen entwickele, beweist, daß der Herr Professor ins Irrenhaus gehört, denn so frivol kann nicht einmal der judentumsfeindlichste christliche Theologe sein . . . Der Pseudo-Monotheismus des Christentums ist doch nur ein gebrochener Abglanz des reinen jüdischen Monotheismus, und selbst der Pseudo-Monotheismus des Christentuuis konnte sich wegen des religiösen Schwachsinns der „arischen" Völker nicht halten und mußte sich in einen groben Polytheismus verwandeln, während der jüdische Monotheismus sich immer höher und reiner entwickelte" .... Das hätten die zwei jüdischen Männer, ohne gegen die Wahrheit der Tatsachen und Gesinnung zu verstoßen, erklären können, und ein wahrheitsliebender Kongreß für freies Christentum (dieser Kongreß war weniger wahrheitsliebend) hätte ihnen aus Liebe. zur Wahrheit zugestimmt. Sie taten es nicht und hörten schweigend einer solchen Infamie zu. Auch der Kongreß protestierte nicht. Wahnsinn oder Farce? Wenn das Judentum fällt, muß auch notwendigerweise das Christentum fallen, weil sich das letztere formell auf das erstere aufbaut. — Wer der Haß gegen das Judentum scheint stärker zu sein als die Liebe zum Christentum. . . . Doch! sprach man aus dem Kongreß viel von christlicher Wahrheits- und Nächstenliebe. — Der europäische Humbug .... Claude Montefiore und Dr. Emil Hirsch werden bald nach, ihren Wirkungsstätten zurückkehren und in großen Versammlungen von ihren Erfolgen auf dem Kongreß erzählen. Sie werden ihr Werk — ihr frivoles Werk des Bluffs und des Humbugs fortsetzen. Claude Montefiore, der jüdische Führer, und Dr. Emil Hirsch, der jüdische Theologe — ich könnte noch hinzufügen Salomon Reinach> der Mische Politiker .... Wenn es so weiter geht, werden wir nächstens Purischkewitsch und Drumont zu unseren Führern machen und später sogar vielleicht Graf Pückler. Sind wir wirklich so degeneriert, daß die verkörperte Degeneration, wie sie Typen ä la Rehnach, Montefiore und Dr. Emil Hirsch darstellen, unsere Führer und Würdenträger sein müssen? Haben wir schon jedes Schamgefühl verloren, sind wir schon wirklich so tief gefallen? Während jedes andere Volk Verrat mit dem Tode oder mit dem Ausschluß aus der Gesellschaft bestraft, erlauben wir unseren Verrätern, unser Schicksal zu bestimmen. Sollen der amerikanische Bluff und der europäische Humbug, der uns bald in der Fratze der montefiorischen Christomanie, bald in der des Reinach'schen „Freisinns" entgcgentritt, die einzigen Gesichtspunkte der jüdischen Volkspolitik sein? Haben wir gar kein Mittel, diesen Verrätern das Handwerk zu legen? Heißt Judentum und jüdische Volkspolitik nur für Kaschrus sorgen und für Schekolim werben? Eine furchtbare Judeu-Tragödie in Rußland. Das in Warschau erscheinende jüdische Tageblatt: „Unser Leben" berichtet von folgendem furchtbaren Vorfall, der mehr als alles andere von den Leiden der russischen Juden zeugt: Ein jüdischer Gymnasiast, Moses Hutnik mit Namen, hatte das Gymnasium absolviert und stand nun vor der Frage: vor Hunger sterben oder sich taufen, — denn anders konnte er in der Universität nicht ankommen. Nach langen inneren Kämpfen ging er hin und taufte sich. Sein Taufpate, ein General, gab ihm als Geschenk ein goldenes Kreuz, 25 Rubel und ein Empfehlungsschreiben an einen hohen Beamten in Petersburg. Nikolai — wie er jetzt hieß — ging nach Petersburg und ließ seine alte Mutter, mit einer jungen Tochter zurück, die nachts Hüte anfertigte und daniit ihre Mutter ernährte und das Schulgeld am Gymnasium bezahlte. In Petersburg bestand Nikolai glänzend seine Aufnahmeprüfung und erhielt auf Grund des Empfehlungsschreibens eine Stelle im Polizeipräsidium, wo er monatlich 30 Rubel verdiente. Davon schickte er 15 seiner Mutter und mit den anderen 15 ernährte er sich kümmerlich. So vergingen 2 Jahre. Inzwischen starb seine Mutter. Seine Schwester hatte das Gymnasium beendet; aber in der letzten Zeit hatte Nikolai von ihr kein Lebenszeichen erhalten. Eines Tages, als er im Polizeipräsidium saß und die Anmeldescheine ordnete, fand er einen Schein, auf dem er las: Rebekka Hutnik, 18 Jahre alt, aus Smolewki, eine Prostituierte. Nikolai begab sich sofort nach Hause, und vergiftete sich. Er hinterließ noch folgende Zeilen: „Teuerste Schwester! Ich'sterbe, sterbe auch Du! In jener Welt werden wir uns wieder treffen. Dort im Jenseits gibt es weder Juden noch Prostituierte. Nikolai." Als man am folgenden Morgen seine Leiche ins Krankenhaus brachte, übergab der Portier des Hauses, in dem Nikolai 'gewohnt hatte, dem Polizeibeamten zwei Briefe. Der eine war von Nikolai an seine Schwester gerichtet; den zweiten hatte seine Schwester ihm ^gesandt. Er enthielt folgendes: „Teurer Bruder! Gestern bin ich hier in die Universität ausgenommen worden. Ich habe das Aufenthaltsrecht erlangt, weil unsere Tante mir ein „gelbes Zeugnis" verschafft hatte. Ich wollte Dich überraschen, und darum bin ich nicht sofort am Wend zu Dir gekommen. Deine Schwester Rebekka." Die Schwester erfuhr den Selbstmord ihres Bruders, wurde durch die Nachricht schwer krank, — und nachdem sie nach' langer Zeit aus dem Krankenhause entlassen worden war, stürzte sie sich, in die Newa. — — So trafen sich Bruder und «.Schwester in jener Welt wieder.... Aus aller Welt. Deutsches Reich. Beatheu. Der Israel. Krankenhau spflege-Beerdigungsverein ist durch einen Formfehler im Testament eines ansehnlichen Vermächtnisses verlustig gegangen. Der jüngst verstorbene Rentier David Goldmann hatte in Ermangelung von Leibeserben für das dem genannten Verein.unterstellte Altersheim der jüdischen Gemeinde 45 000 J& hinterlassen. Diese Spende sollte nach dem Willen des Testators zur Vergrößerung des Wohltätigkeits-Instituts Verwendung finden. Allein infolge eines ganz harmlosen Formfehlers bei Niederschrift der letztwilligen Verfügung hat das zuständige Gericht die GüÜigkeit derselben annulliert. Die Hinterlassenschaft des Testators fällt nun au entferntere Verwandte. Rußland. Petersburg. Wie in Rußland die Ausschaltung von Juden aus den höchsten Bildungsanstalten vor sich geht, sieht man schon, wenn man auch nur die diesjährigen Zahlen für Petersburg zusammcnstellt.. Es ergibt sich, daß im lausenden Jahre .ausgenommen werden sollen: Christen Juden in die Universität 1000 (vorl. Zahl) ca. 35—40 in d. Polytcch. Institut 1260 in das Technol. Institut 276 i. d.Med.Fraueninstitut 250 in das Berginstitut 120 in die Kunstakademie 50 in das Forstinstitut 100 in das klinische Accouchurinneninstitut 247 auf die höheren Nadeschdinschen Kurse 200 auf die Bestuschewkurse 500 30- 4 (!) 8 0 (!) 1 3 6 -40 101—116 noch niemals geklagt, daß in Studierendenzahl An vielen Hoch- 4003 Eine solche Rigorosität hat geherrscht. Dabei wird allerseits diesem Jahr ein Zurückgehen der in ausfälliger Weise zutage tritt, schulen ist die Zahl der Vakanzen doppelt so groß, als die Zahl der Aspiranten, aber gegen die Juden wird die Prozentnorm aufs strengste gehandhabt, in den Hochschulen wie in den mittleren Bildungsanstalten. Wo aber, wie bei den jüdischen, von Juden gegründeten und für Juden bestimmten Privatschulen, dix Prozentnorm nicht angeht, da hat der gegenwärtige Unterrichtsminister den betreffenden Anstalten jüngst durch einen Federstrich einfach ihre Rechte genommen. Eine Reihe von jüdischen Privatschulen hatten nämlich das Privileg, daß ihre Zöglinge alljährlich durch eine st a a t l i ch e Kommission geprüft wurden.. Diejenigen, die die strenge Prüfung bestanden, erhielten dann staatlich anerkannte Zeugnisse. Andererseits besaßen die Behörden das weitgehendste Kontrollrecht über die jüdischen Privatschulen, in denen übrigens der Unterricht in russischer Literatur^ Geschichte und Geographie nur von christlichen Lehrern erteilt werden darf. Jetzt sollen diese Privatmittelschulen der ihnen statutarisch znstehendcn „Privilegien" ohne weiteres beraubt werden, was sowohl für Tausende jüdischer Schüler als für eine große Zahl jüdischer Lehrer eine neue Kalamität bedeuten wird. „Russ. Korresp." Petersburg. Nicht genug damit, daß er die berüchtigte Prozentnorm jüngst auch auf die allgemeinen Privatgymnasien ausdehnte, hat Minister Schwarz jetzt verfügt, daß die jüdischen Privatgymnasien ihrer Rechte verloren gehen. Diese Verfügung widerspricht den allerhöchst bestätigten Bestimmungen vom 22. August 1909, — doch das stört den Herrn Minister für Bolksaufklärung nicht. — Das Gesuch des Direktors des Petersburger Konservatoriums, daß jüdischen Musikanten anläßlich der internationalen Klavierspielkonkurrenz zum Andenken von Anton Rubinstcin der Aufenthalten Petersburg gestattet sein möchte, ist von Stolypin abschlägig b e s ch i e d e n worden. Irkutsk. General S e l i w a n o w, der äls- Generalgouverneur zu Irkutsk es fertig gebracht hat, den Jrkutsker Zionisten einen Hochverrats- Prozeß aufzubinden, hat zur Wahrung der Reichseinheit Rußlands die weise Maßregel getroffen^ kranken Juden den Aufenthalt im Badeorte Schirre zu untersagen. Die Folgen dieses Federzuges des wackern Generals gegen kranke Juden war, daß der Besuch des Badeortes von der üblichen Zahl von 2000 Personen in dieser Saison auf 200 gesunken ist. Infolgedessen stellte sich natürlich ein sehr beträchtliches Defizit ein, das dem Staatssäckel zu Lasten fiel, da der betreffende Badeort Fiskalgut ist. Staatlicher Liegenschastsverwalter des Gouvernements Jenisseisk, Agronom. Okulis, wandte sich nun an das zuständige Ministerium mit einer Eingabe, in welcher er für die Zulassung von Juden in den betreffenden Badeort plädierte. Das Gesuch wurde berücksichtigt, indes wurde die Bekanntgebung des günstigen Bescheides „aus unbekannten Gründen" bis jetzt zurückgehalten, so daß inzwischen die Badesaison verstrichen ist. Palästina. Jaffa. Einige Kilometer südlich von Haifa, bei den Ruinen des alten Kreuzfahrerschlosses Athlit, ist eine landwirtschaftliche V er suchsstatio n errichtet worden. Das Zustandekommen dieses Unternehmens ist hauptsächlich dem jüdischen Agronomen Aaronsohn, dem bekannten Entdecker des Urweizens, zu verdanken. Aaronsohn fand bei seiner eben beendeten mehrmonatlichen Studienreise durch die Vereinigten Staaten von Amerika, bei dem Landwirtschastsamt in Newyork, wie and) bei amerikanisch-jüdischen Kapitalisten großes Verständnis für die Notwendigkeit und Nützlichkeit einer solchen Versuchsstation, deren Arbeiten ebensowohl Amerika^ das in Kalifornien eine Landschaft von ganz ähnlichem Charakter wie Palästina besitzt, als auch Palästina selbst zugute kommen werden. In Palästina wird die Versuchsstation in erster Linkenden zahl-

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