Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 33 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FanMenblatk. Nr. 33 „Ach, wenn ich Loch in Amerika wäre! Dort hat man immer Geld, dort hat man alles, und dort ist w<chrscheinlich kein Mensch krank, denn, wenn man jeden Tag Weißbrot und eine warme Fleischbrü^ hat. . . Hier könnten wir uns' nur für Sabbat Weißbrot kaufen, und der barmherzige Gott hat uns in feiner weisen Fürsorge den Schalet gegeben, — sonst hätten wir auch am heiligen Sabbat kalte saure Gurken und kalte Salzheringe essen müssen." — Amerika war für meine Großmutter etwas, wie das Paradies auf Erden, und sie liebte Amerika wie ihr Weißbrot am Sabbat. * Meine Großmutter wurde immer älter, schwächer und kränklicher. Es kam so weit, daß sie nicht mehr ihren Schalet für Sabbat vorbereiten konnte; ja das Kneten des Teiges für das Weißbrot, das sie jeden Freitag buk, fiel ihr schwer. Sie konnte auch nicht mehr um fünf Uhr Morgens aufstehen, um dem ersten Gebet in der Syimgoge beizuwohnen: Ihre Kräfte ließen nach, sie wurde immer schwächer, — aber ihre Liebe zu Amerika immer größer. In einsamen Stunden, als sie krank und gebrochen daniederlag, ihren Haushalt nicht mehr besorgen und ihre Ziegen nicht mehr füttern konnte, empfand sie auch eine Sehnsucht nach ihren in Amerika lebenden Kindern, die sie sonst nicht übermäßig liebte, denn sie hatte ihrer so viele und mußte doch für jeden der vielen sorgen, was ihr auch nicht leicht war und ihr das Leben sauer machte. In solchen Stunden faßte sie eine solche Liebe zu Amerika, daß sie schon das Aussprechen des Wortes glücklich machte. Zwanzig Jahre trug sich meine Großniutter mit dem Gedanken herum, nach Amerika auszuwandern. Bolle zwanzig Jahre stand sie auf dem Reisefuß» — und doch ist sie zu Hause geblieben — Warum? Kein Mensch konnte sich die Unentschlossenheit meiner Großmutter erklären, denn die Leute sagten mit Recht: „Die Frau hat hier nichts zu verlieren und dort alles zu gewinnen. Warum macht sie also kein Ende und quält sich selbst am Abend ihres Lebens?" * Aber meine Großmutter selbst kannte wohl den Grund ihres Zögerns.und ihrer Unentschlossenheit, nur sagte sie keinem etwas davon, denn sie war wie immer verschwiegen und sprach mit den Leuten eher über alles andere, nur nicht über sich selbst. Aber es kam der Tag, an dem die Leute erfuhren, warum meine Großmutter nicht nach Amerika ging. Als meine Großmutter an einem Vor-Jomkippur zum letztenmal erkrankte, ließ sie — entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten — Abhremele den Heilgehülfen, einen stadtbekannten, klugen Juden, kommen, um sich von ihm ein Gras verordnen zu lassen. Meine Großmutter hielt zwar nicht viel von Liesen heilenden Gräsern, aber da sie sich sehr krank fühlte, wandte sie dieses Mittel an, — denn vielleicht? wer weiß? ... In ihrer Gebrochenheit und Verzweiflung öffnete sie Äeb Abhremele ihr Herz und klagte ihm ihr Leid. Red Abhremele, ein gerader, ehrlicher Jude, erwiderte ihr kalt, sie verdiene gewissermaßen ihr Los, da sie jetzt im Kreise ihrer Kinder und zudem noch in Amerika hätte sein können. Da ward es meiner Großmutter schwer ums Herz, sie fing zu weinen an, schluchzte laut auf. seufzte verzweifelt und sagte endlich zu Reb Abhremele: „Gewiß, gewiß, Ihr habt ganz recht, Ihr seid ein Üuger, ehrlicher Jude, aber ich — ich könnt' nicht anders. Amerika ist eine schöne Stadt, in Amerika ißt man jebcn Tag Weißbrot und verdient viel Geld, aber Amerika ist eine treife Stadt. In Amerika genießt man wohl diese Welt, aber. . . Sie verstehen. — Mein Vater war ein frommer ehrlicher Jude, mein Großvater und mein Urgroßvater auch, und ich habe mein Leben lang wie eine gute jüdische Tochter gelebt. . . Sie verstehen. .Und dann: In Amerika leben doch nur Juden, denn jeder Jude hat doch in Amerika Söhne oder Tochter, oder sonst Verwandte — und treife Juden. . . soll Gott behüten. Hier zum Beispiel haben wir mindestens ' einen Schabbesgoi. der uns den Schalet vom Bäcker bringt, Samstag früh Feuer macht und am Freitag Abend die Lichter auslischt, aber in einer Stadt, in der nur Juden leben, wo man nicht einmal einen Schabbesgoi haben kann. ... Und der treifste Jude kann noch immer kein Schabbesgoi sein. — Sie verstehen. . . . Aber, nach allem hätte ich mich trotzdem entschlossen, 'nach Amerika zu reisen, wenn das Jahr nicht so kurz wäre. ... Sie verstehen. . . . Im Winter kann man doch nicht fahren, es' ist so kall, die Tage sind kurz — bleibt nur der Sommer übrig. Bor Pessach wird sich kein ehrlicher Jud' entschließen, nach Amerika zu gehen. Sie verstehen. . . . Man muß doch Seder halten, und ob mau auf dem Schiffe Mazze kriegen kann? Wer weiß? Dann kommt Sephire, ■— wer kann in Sephire reisen? Und Schowueß wlll man doch zu Hause sein. Bleibt nur nach Schowueß. Wer kann nach Schowueß nach Amerika reisen? Die Ziegen geben Milch, der Gurkenhandel, an dem was zu verdienen ist, blüht jetzt in dieser Zeit, dann beginnt der Fruchthandel, an dem auch zu verdienen ist. Und wenn der „Handel" abgeflaut ist, na da ist Tischebeow, und bald ist es Ellnl. In diesem heiligen Monate geht gewiß keiner nach Amerika, von Monat Tischri gar nicht zu reden, "bann Rosch - Haschono, Jomkippur, Sukkoth. . . . Und dann ist es wieder Winter. Ich habe immer Holz und Kohlen vom letzten Jahr. Aber schließlich — ist Amerika doch eine treife Stadt —; wenn es mindestens so in Erez Israel gelegen hätte. — Aber das Jahr ist kurz, und die Stadt ist treife." Und meine Großmutter ist nie nach Amerika gefahren. . . . Ein Judeurorrrau. Dr. Marek Scher lag. Erfreulicherweise mehren sich die Bücher jüdischen Inhalts. Zum großen Teil rühren sie von Nichtjuden her, um nur Auguste Hauschners „Familie Lowositz", Otto Hausers „Spinoza", Croissant-Rusts „Winkelquartett", Marie Stonas „Rahel" zu erwähnen. Auch die Schriftsteller jüdischer Abkunft wenden sich heute mehr als früher jüdischen Stoffen zu, so vor allem Arthur Schnitzler im „Weg ins Freie" und Georg Hermann in „Jettchen Gebert". Und dennoch haben wir noch immer nicht den modernen jüdischen Roman, darin sich das Leben des Juden der Gegenwart spiegeln würde mit allen Licht- und Schattenseiten, mit allen Strömungen und Stimmungen. Was die jüdischen Dichter bisher gaben, sind Ansätze und Anfänge, also nur Bausteine zu einem erst auszuführenden imposanten Gebäude. Bei keinem tritt jedoch das Bestreben, ein Gesamtbild zu liefern, so stark hervor wie bei einem der Jüngsten, bei dem Autodidakten Hermann BluMenthal. Gegen die beiden früheren Bände seiner Trilogie „Der Weg der Jugend" bedeutet der soeben im Jüdischen Verlag in Köln erschienene dritte Teil „Jünglingsjahre" «inen Fortschritt. In seinen drei Büchern liegt wertvolles Material zur Illustrierung des Lebens eines galizischen Juden, der aus eigener Kraft sich zu den Höhen der deutschen Kultur emporringen möchte, manche Strömungen, wie Sozialismus und Zionismus, mitmacht, aber an den lleinlichen Entbehrungen und Enttäuschungen des Alltags in der Fremde fast zugrunde geht. Grau in grau malt Blumenthal dieses triste Leben des einsamen Kämpfers, der nicht erlahmen will, der nach Blldung hungert und immerfort lernt, der sich nach einer lichten Zukunft für sein Volk sehnt und nichts für es tun kann, da er selbst so abgehetzt, verlassen und müde ist, trotz seiner Jugend. Aber ist das eine Jugend? Allein, in der Fremde, ohne Geld, ohne Posten, dem Hunger und Elend preisgegeben. . . . Alles grau in grau. Um auf das Künstlerische zurückzukommen, wäre eine, wenn auch rührende, Unfertigkeit der Technik und eine gewisse Enge des Horizontes zu konstatieren. Aber mit Genugtuung sei dafür hervorgehoben, daß die Ehrlichkeit der Empfindung denn doch, zumal heutzutage, wo gar so viel verkünstelte Poesie umherstelzt, etwas ist) was die Formreife aufwiegt. Die Echtheit und Wahrheit der Erlebnisse des Pechvogels von einem Helden, wie es David Segcnreich ist, ergreift den Leser mehr als die schönste Erfindung. Mit Recht bemüht sich Blumenthal nicht im Geringsten um Ausspinnung einer interessanten Fabel, da ihm um etwas mehr zu tun ist, als darum, nur einen Roman zu bieten. Das reale Leben, wie es sich ihm selbst offenbarte, — sanft hat es ihn nicht angepackt — ist Ziel seiner Darstellung, daher das autobiographische Element vorherrschend. Nur hie und da verflicht er ein wenig Dichtung in Wahrheit, besonders wo er von der Traumgeliebten Hedwig spricht. Nicht ohne Stimmung sind diese Stellen, aber man wünscht, daß der Dichter lieber dort, wo er Boden unter den Füßen spürt, verbleibe. Da ist er sicherer und sogar überlegen, um nur die Gestalten des Adolf Schatz, des entnationalisierten herzlosen Journalisten, oder des Nathan Wieselthier hervorzuheben, des armen Schnorrers, der nur von Vereinsgründungen träumt und lebt, wenn man das Leben nennen darf. Auch sonst gelingen ihm flüchtige Momentbilder aus dem jüdischen Leben der Großstadt; .leider begnügt er sich mit Andeutungen und Ausschnitten, sodaß von einem Wiener Roman nicht die Rede sein kann. Das Gesamtbild bleibt er uns noch immer schuldig. Hoffentlich wird er es aber einmal bringen, wenn er, sonst ein zäher, mutiger Ueberwinder, erst sorgenloser seinem Werke wird leben können. Vorderhand ist er leider noch selbst zu sehr in zermürbende Sorgen, in Kampf und Not eingesponnen, wie der Postenlose, segenarme David Segenreich, dessen keiner sich 'annimmt. Bunte Chronik. Jüdische Adlige. Einem Aussatze in einem englischen Blatte entnehmen wir die folgenden Notizen: 1783 erhob Kaiser Franz Joseph II. von Oesterreich den Wiener Bankier Joseph Michael Arnstein in den Reichsritterstand. Arnstein war der österr. Rothschild seiner Zeit, seine Verdienste erstreckten sich allerdings nicht über sein Kontor hinaus. Zu gleicher Zeit lebte in Frankreich der Baron von Calmer, ein Jude, der seinen Adel seinem Grundbesitz zu verdanken hatte. Liepmann Calmer nannte sich hebräisch Moses "Elieser Liepmann ben Kalonhmos und ist auf seinem Grabstein in der jüd Abteilung des Pere Lachaise als „Bidane d'Amiens, Herr zu Mgnacour und anderen Orten" bezeichnet. Er war ein Hannoveraner, hatte lange Zeit in Holland gelebt und sich endlich in Frankreich niedergelassen, wo er bas Haupt der aschkenesischen Juden wurde. Jür Jahre 1774 kaufte er den Grundbesitz des^Herzogs von Cyoulnes, eines der größten französischen Thronlehen mit 1800 Vasallen, für 1500 000 Livres, geriet in Streitigkeiten mit der Kirche, aus denen er aber siegreich hervorging. Die Familie verschwand bei Ausbruch der Revolution von 1789. — Aus dem 17. Jahrhundert und dem Beginn des 18. sind in Oesterreich noch zwei Nobilitierungen bekannt. Die eine betrifft Moses "Lopez Pereira, der nach wechselvollem Leben in London alS Baron d'Aguilar starb. Er war als Maranne geboren und entfloh heimlich aus Spanien nach Holland, wo er sich .offen zum Judentum bekannte. Im Jahre 1722 ließ er sich in London nieder, ging aber bald nach Wien, wo er eine portugiesische Gemeinde gründete, die Einkünfte aus dem Rauch- und Schnupftabak pachtete, ein Günstling der Kaiserin und endlich deren Schatzmeister würde. Kaiser Karl IV. machte ihn zum Freiherrn. Zuletzt zog er wieder nach London, too er im Jahre '1759 in hohen Ehren starb. Sein-Titel ging auf seinen Sohn Ephraim über und erlosch mit diesem. Die andere österreichische Nobllitierung ist die Jacob .Bassevi Schmieles', eines reichen, sehr ftommen Juden aus Prag, der Hofjude, dann Schatzmeister des Kaisers war und wegen seiner wirllich großen Verdienste zu Beginn des dreißigjährigen Krieges unter dem Namen Bassevi von Trennung in den Adelsstand des heiligen römischen Reiches erhoben wurde. Knust und Literatur. Hebräisch-Deutsches Wörterbuch von Dr. David Cassel. 8. Auflage. 36(r Seiten, drosch. 3,60 M., geb. 4,30 J6. Breslau, Hoinrich Handel's Verlag. Dieses bekannte Wörterbuch erfreut sich so unbeschränkter Anerkennung, daß bei dem Erscheinen der bereits achten Auflage sich eine Kritik erübrigt. Die achte Auflage unterscheidet sich insofern von den vorhergehenden, als auf Wunsch vieler Fachlehrer die Grammatik mit den Paradigmen der Substantiv« und Verba in Wegfall gekommen ist. Spiel und Arbeit. Allerhand anziehende Beschäftigungen für hie Jugend. Nr. A3 Terrarium.': Leichtfaßliche Anleitung zur selbständigen Herstellung eines Terrariums, sowie zur Pflege und Beobachtung der Tiere von E. K. Filek. 1,20 JUL Ravensburg, Otto Maier.