Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 33 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^tan&fuxfex ffrarlitifdFCS fimilirililolt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich Monnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,-50, sonstige Länder Mk. 2.— KsdaLttorr imd Hefchäftsstells: Srsnlciurl s. M., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Tek-f-« 10507. H»era«KgeVer: Aals Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Pfg. Die Reklamezeile. 100 ., Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunfi. l 8. Jahrgang. Freitag, Len 21. Aw 5670 (26. August 1910). Rr. 86. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Das Eldorado Rußland. — Bon den Verrätern und Bluffern. — Eine furchtbare Juden- Tragödie in Rußland. — Aus aller Welt. — Personalien und Kleine Mitteilungen. — Aus der ztonistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Warum meine Großmutter nicht nach Amerika ging. — Ein Judenroman. — Bunte Chronik. Das Eldorado Rußland. 112,985 Menschen an Pest und Cholera erkrankt, 50,287 Menschen an Pest und Cholera gestorben, — so lauten die offiziellen Zahlen. 714 bürgerliche Gefängnisse mit 180,208 Gefangenen; im Jahre 1905 war die Zahl der Gefangenen 80,885, im Jahre 1906 95,452, 1907 125,298, 1908 100,000, und 1909 180,200. Dazu kommen noch 20,936 zu Zwangsarbeit und 27,428 zu schwerem Kerker Verurteilte, nicht gezählt die ungeheuren Scharen der politisch Verbannten und militärisch Gefangenen. Von den Gefangenen benötigten ärztliche Hilfe im Jahre 1909 172,778, davon starben viele Tauseirdc an Schwindsucht, Typhus und Syphilis. Dies alles offiziell! Braucht's erst gesagt zu werden, daß oieses Eldorado nur das Zarcnland sein kann! Gewiß gibts in Europa noch andere Länder, wo bisweilen die Cholera auftritt — so wissen wir z. B., daß gegenwärtig die Cholera auch in Italien haust —, doch abgesehen davon, daß in Italien die Cholera von Rußland , cingeschleppt worden ist, ist dort die Seuche.etwas Vorübergehendes, wirkliche Kulturländer sind gefeit und gewappnet gegen jegliche Plage, besitzen sie doch wirksame Mittel in Fülle! Und Rußland? In Rußland ist die Cholera in Permanenz — auch im Winter — und in steigender Tendenz. Auch in anderen Ländern gibt es Gefängnisse, denn noch ist nicht Not und Elend von den Menschen gewichen, und wo Not, dort auch Verbrechen. — Doch die Zahl, die rapid steigende Zahl der .Gefängnisse und der Gefangenen ist es, die Bände spricht! Da gibt es eine Weltausstellung in Brüssel. Fast alle Nationen und Natiönchen, fast alle Länder und Ländlein haben ihre Kulturprodukte ausgestellt, manche werden sogar wegen des Brandes zweimal ausstellen, — nur Rußland blieb zurück, was sollte Rußland ausstellen? Die Hauptkulturen Rußlands sind Pest und Cholera, Nagaikis und Gefängnisse, — und wer sollte die Lust verspüren, mit diesen Kulturen Rußlands in Berührung zu kommen! Und noch ein weiteres. — Wo sollte Rußland das Geld für solche Raritäten wie Ausstellungen hernehmen? Es kann doch nicht seine Bürger, wie es in anderen Ländern üblich ist, frei und frank auf der Straße herumlaufen lassen, könnten sie ja unter Umständen zu. kritisieren beginnen, — es muß also beständig Gefängnisse, diel, sehr viel Gefängnisse bauen, und Bauen 'kostet.Geld, besonders in Rußland, wo von 100 Rubeln 99 gestohlen werden. Zwar könnte ja Rußland bei seinen Freunden Frankreich und England eine Anleihe machen — denn auch für die Erbauung der Gefängnisse geben diese Freunde Geld —; aber wie soll das Geld nach Brüssel kommen? Wo soll Rußland in seinen gesegneten Gauen Beamte, die einer solchen Versuchung zu widerstehen vermögen, hernehmen? Etwa von den schwarzen Hunderten, — denn die anderen, die Unbescholtnen, stecken ja in den Gefängnissen? Und doch ist Rußland ein mustergiltiges Land; alles, was dort geschieht, ist ordnungsgemäß und st r e n g gesetzlich, konstitutionell! Stolypin hat dies des öftern von der Tribüne der Reichsüuma herab in Gegenwart vieler Gesandter gesagt . . . und o'as demokratische Frankreich ist Rußlands Verbünocter und England läuft Rußland förmlich nach. Wer sollte da also an der Mustergültigkeit Rußlanos zweifeln?' Und noch einen viel größeren Beweis als die vorher angeführten gibt es: die Alliance Jsraslite Universelle, die es doch sicherlich gut mit dem jüdischen Volk meint, hat sich oie gcößte Mühe gegeben, die Jungtürken gegen eine Einwanderung von russischen Juden in Palästina scharf zu machen —, also muß doch Rußland ein Eldorado, ein wirkliches Paradies sein! Und doch, doch gibt es noch eine andere Meinung, eine ganz andere Perspektive: Graf Witte glaubt Rußland am Rande des Abgrundes zu sehen, er, der gründlichste Kenner Rußlands, beginnt an Rußlands Zukunft zu verzweifeln; seit der Einführung der Konstitution ist Rußland statt vorwärts immer mehr rückwärts geschritten. Pest, Typhus, Syphilis, Unwissenheit, Analphabetentum, Aberglauben, Trunkenheit, Liederlichkeit, Armut, Not und Hunger einerseits, Galgen, Gefängnis, Deportation, Korruption, Bestechung und Dieberei andererseits, nirgends Licht, nirgends ein heller Punkt, der einzige helle Flecken, Finland, ist jetzt mit dicken Nebeln umhüllt, alles morsch und siech, alles in verrosteten Ketten! Sv steht denn Ansicht gegen Ansicht. Rußland das Eloorado! Rußland, das verpestete Zuchthaus! Welche. von beiden ist richtig? Die entsetzliche, von Tag zu Tag sich verschlimmernde Lage der Judenheit Rußlands spricht für die letztere. Groß an Martyrium ist die Judenheit Rußlands, gute Tage hat sie im Zarenreiche noch kaum gesehen, groß und reich ist Rußland an Despoten und blutrünstigen Ministern; — doch die Gewalttaten, die der verruchte .Henker Stolypin an den Juden gegenwärtig verübt, übertresfen weit die vorhergehenden. Der liberale Premier Stolypin hat es anscheinend darauf abgesehen, die Juden aus Rußland zu vertreiben, — deshalb die ungeheuren, sonst sinnlosen Schikanen, deshalb die Knebelung der Juden, materiell wie geistig, auch in rein geistig-jüdischen Angelegenheiten. Doch was nützen all diese /Tatsachen? Die Alliance Jsraslite ist mit Stolypin darin einig,, daß Rußland ein wahres Eldorado ist . . . . Bo» den Verräter» und Bluffer«.... Von Dr. S. M. M e l a m e d. Monsieur Bauer war Beichtvater der Kaiserin Eugenie, Senor Bauer ist spanischer Legislator, Herr Bauer, der dritte Bruder, ist österreichischer Politiker — und Patriot, und Red Chaikel Bauer, der Großvater des Monsieur, des Tenors und des Herrn Bauer war ein galizischer Landjudc. Salomon Reinach aus Frankfurt ist französischer Patriot, als jüdischer Führer israelitischer Antisemit dazu. Dr. Emil Hirsch aus Luxemburg ist amerikanischer Patriot und Führer der israelitischen Reform im Lande des Dollars und des Bluffs. Claude Montesiore, Führer der Jca, will das Judentum mit dem Christentum zu einer „Religion" vereinigen, da, wie er meint, das Christentum eine höhere Stufe der Sittlichkeit sei als das Judentum. Und Chatzkel, der Bäder, ein polnischer oder lithauischer Jude, macht in London ein Leben, indem er sich jede Woche von einem andern englischen Pfarrer taufen und sich für jede Taufe ordentlich bezahlen läßt . . Wahnsinn oder Farce? In Amerika leben etwa 200,000 „Jehudim", d. h. deutsche Israeliten amerikanischer Nationalität. Die Jehudim, halb und bald getaufte, haben Dr. Emil Hirsch zu ihrem Führer. Das Programm dieses Führers besteht aus einem Punkt, der lautet: „Langsam taufen". Ein Beweis, daß in Amerika das deutsche Jsraelitentum unter der Führerschaft dieses Reverend gedeiht,' ist die Zahl der Mischehen und Austritte aus dem Judentum. Von 100 Jehudim-Ehen, so lese ich in einer amerikanisch-jüdischen Zeitschrift, sind 30 ajüeisch oder gemischt. Die junge Generation, die Dr. Emil Hirsch erzogen, ist ganz amerikanisch, aber statt jüdisch antisemitisch. Viele Hirschschüler, die ich. in den letzten Jahren auf dem Kontinent und in England kennen gelernt, erllärten mir: „Neger und polnische und russische Juden find uns gleich verhaßt und dürfen unsere Schwelle nicht betreten." Der Schüler der Alliance ist im Verhältnis zu diesem deutsch-amerikanischen jungen Dollarfresser ein Jdealjude und ein Jdealmensch. Dr. Emil Hirsch kann also auf seine Erziehung stolz sein .... Nun fand aber Claude Montesiore heraus» daß die amerikanischen Israeliten „besserer Abkunft", d. h. die Söhne und Töchter ehemaliger clsässischer und bayerischer Viehhändler, noch nicht genügend reformiert sind, und da er der Ileberzeugung ist, daß in seinen Wern Apostelblut fließt, fand er es für nötig, nach Amerika zu eilen, um dort seine neue Heilsbotschaft zu verkünden. Er hielt also im Lande des legalisierten Bluffs ein paar Dutzend RÄen und Predigten über seine neue Religion und tat sehr Bestes, sie zu verbreiten. Nachdem fein amerikanisches Werk vollendet war, eilte er in Begleitung des Dr. Emil Hirsch nach Berlin, um dem Kongreß für fteies Christentum beizuwohnen — und sich durch ein paar Reden zu blamieren . . .