Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 32 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 32 L der MarE-Haindorf-Stiftung möge das Recht verliehen werden, die Abschlußprüfungen an der Anstalt selbst vornehmen zu können. Zum Schluß wurden interne Angelegenheiten erledigt. Oesterreich-Uugaru. Budapest. Die „Allg. Jüd. Ztg." meldet über Uebcrgriffe der Ungar. Grenzpolizei gegen galiz. Rabbiner: Der Rabbiner von Dolina weilte in dem Badeorte Wiskös zur Kur. Vorige Woche wurde er von der Grenzpolizei plötzlich aufgesordert, Ungarn in 24 Stunden zu verlassen, und nur mit Blühe erreichte er einen 8 tägigen Aufschub. Achnlich ging es dem Rabbiner von Skole, der in Keletschen zur Kur weilte. Czeruowitz. Der Jüdische Klub hat durch seinen energischen Obmann Dr. Strauchcr einen bemerkenswerten Erfolg zu verzeichnen. Die jüdischen Angelegenheiten waren bisher im Landesschulrat einem nichtjüdischen Referenten zugewiesen, der ihnen selbstverständlich auch bei der größten Objektivität nicht das nötige Verständnis entgegenbringen konnte. Nmimehr ist der Supplent am Großen orientalischen Gymnasium in Suczawa, Dr. Heinrich Teller, zum jüdischen Adlatus für den Bukowinaer Landesschulrat ernannt worden. Rußland- Petersburg. Die neulich wegen Beteiligung an dem Rjasaner Pogrom von 1905 Zu Gefängnisstrafen von 2 bis 8 Monaten verurteilten Personen sind begnadigt worden. — Die Kiewer Polizei hat sich nun auf die Prüfung desWvhnrechts der jüdischen Handels an ge st eilten verlegt. In mehreren Geschäften wurden bereits „Oblawas" vorgenommen.- Die erwischten wohnrechtslosen Handelsangestellten wurden festgenommcn. Dem Abgeordneten Fried mann wurde telegraphisch von einem Falle Mitteilung gemacht, der wieder einmal zeigt, wie die russischenBehörden denJuden das Geld aus der Tasche ziehen. Eine arme Witwe in Tiraspol war „wegen Entziehung des nächsten Verwandten vom Militärdienst mit der üblichen Geldstrafe von 300 Rubeln belegt worden, weil sich ihr Sohn der Militärpflicht entzogen habe. Tatsächlich hat aber dieser, trotzdem er ihr einziger Sohn Und Ernährer ist, seine vollen vier Jahre beim Militär gedient. Die Strafe wurde ihr 'auferlegt bloß deshalb, weil ihr Sohn bei der Aushebung genau fünf Minuten nach Schluß der betreffenden Sitzung der Anshebungskommission erschienen war. Er hatte sich daraus vierzehn Tage später bei der nächstfolgenden Sitzung pünktlich eingestellt, war ausgehoben worden und hatte hierauf seine volle Dienstzeit absolviert. Nichtsdestoweniger wurde hier eine Entziehung von der Militärpflicht fcstgestellt und für die dürftige Habseligkeit der armen Witwe die öffentliche Versteigerung augeordnct. Petersburg. Die letzte Zeit ist reich an Vorfällen, die auf den ersten Blick etwas merkwürdig erscheinen. Besonders unbegreiflich sind die Widersprüche, die in diesen 'Vorfällen liegen, denn der eine von ihnen erscheint als ein direkter Widerspruch zum anderen. Vor kurzem wurde hier ein Denkmal Peters des Großen enthüllt. Das Denkmal ist ein Meisterwerk des in Paris lebenden Bildhauers Aronson. Aronson ist ein Jude. Und trotzdem hat man sich nicht gescheut, in der Hauptstadt des russischen Reiches ein Denkmal, das von der Hand eines Juden stammt, zu errichten. Als dagegen . derselbe Aronson im vorigen Winter nach Petersburg lernt, wo er sich einige Tage au.fhalten wollte, um den Platz, der für Denkmal Alexanders des Zweiten bestimmt war, zu besehen, wurde er von der Polizei ausgewicsen und mußte Petersburg sofort verlassen, da ausländische Juden ohne besondere Erlaubnis des Stadthauptmanns sich nicht in Petersburg aufhalten dürfen. Ein anderer Fall! Professor Ehrlich, ein Jude, hat ein Präparat erfunden, mit dessen Hilfe eine der schrecklichsten und verbreitetsten Krankheiten geheilt werden. kann. Und alle Zeitungen, selbst die russischen antisemitischen, sind voll von Artikeln, in welchen sie jedem neuen Erfolg, den das Präparat erzielt, zujubeln. Mit Recht! Ehrliche Erfindung ist groß, hat die Medizin bereichert, bringt der Menschheit großen Segen! Hier "kann man natürlich nicht darauf achten, ob der Erfinder Jude ist oder nicht, und hier wird sich schon kautn ein „Patriot" gefunden haben, der sich gegen den Gebrauch des Präparats erklärt hätte, weil es von einem Juden stammt. Ms dagegen bei der jetzigen Cholera- Epidemie eine übergroße Anzahl Aerzte der Stadt ihre Dienste zur Verfügung stellte, erlaubte sie sich den Luxus, auf sämtliche Angebote jüdischer Aerzte zu verzichten. ' Petersburg. Im ^Relsch" fordert Rechtsanwalt Uspenski zur S a m nr l u n g für die Witwe des als Opfer des Autiseniitismus der russischen Behörden unschuldig Hingerichteten Glusker auf. Für Pen .Fall, daß auch der eine oder andere der Leser dieser Zeitung der unglücklichen Frau eine Unterstützung zuweiscn will, sei hiermit deren Adresse mitgeteilt: Frau Esther Jsraeljewna Glusker, Possad Kljinzy, Gouvernement Tschernigow, Suraschski ujesd (Rußland). Türkei. Konstantinopel. Ein Rundschreiben des Ministers des Innern gibt bekannt, daß die Jnlandspässe, die für eine Reise aus einer Provinz des türkischen Reiches in die andere bislang angcschafft werden mußten, seit dem ersten dieses Monats in Wegfall geraten sind. Es würde also künftig beispielsweise nicht mehr nötig sein, sich in Konstantinopel mit einem Jnlandspaß für Palästina zu versehen. — In ihrem Bestreben, dem ottomanischen Volke eine durchaus patriotische Erziehung zu sichern, hat die Regierung den weittragenden Beschluß gefaßt, daß es .fortab Lehrern ausländischer Staatsangehörigkeit verboten sein soll, an Gemeindeschulen und Privatschulen zu unterrichten. Ausnahme soll nur für diejenigen gemacht werden, deren Lehrbefähigung von der türkischen Regierung anerkannt und vor der Anstellung von ihr genehmigt werden. Auch wenn diese Verfügung nicht dein Patriarchate Und dem bulgarischen Exarchen direkt zugestellt worden wäre, wäre es Aar, daß sie sich gegen die beiden orthodoxen Nationalitäten richtete. Aber die Verfügung ist durchaus verfrüht, da bei Entlassung aller dieser Lehrer die griechischen und bulgarischen Schulen einfach veröden und geschlossen werden müßten. Ottomanische Kräfte an ihrer Stelle sind absolut noch nicht vorhanden. Mit Recht haben daher die Ratskörper der beiden Völkerschaften dagegen protestiert. Das Exarchat hat verlangt, daß vor Erlaß einer solchen Order erst nationale Seminarien sowie nationale Universitäten gestattet und znr Entwicklung gebracht werden müßten, die die neuen Lehrkräfte schaffen könnten. Der neue Erlaß ist auch dem türkischen Großrabbinate zugegangen. , Seine Durchführung wird für die Juden die schlimmsten Folgen haben, denn ihr Schulwesen ist leider twch durchaus das wenigst entwickelte und mit ottomanisch-staatszugehörigen Lehrern am wenigsten ausgestattet. Es ist schwer auszudenken, was beispielsweise aus all den mit sehr vielen ausländischen Kräften, besonders in der Leitung, besetzten Allianzschulen werden sollte. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat beschlossen, folgende Hafenbauten, für die die Vorstudien .bereits gemacht sind, zu vergeben: Amassia, Bartin, Mersina, Alexandrette, Tripolis' und Jaffa. Es scheint also, daß die Zeit nicht .mehr so ferne ist, wo auch der Eingangshafen Palästinas für Jerusalem ein den Erfordernissen des Verkehrs entsprechendes Gepräge erhalten iwird. Rumänien. Galatz. Vor einigen Tagen laß in der Tramway ein Herr mit seiner Frau. Ein Oberst in Uniform, der mit einem neben diesem Zivilisten sitzenden Bekannten sprechen wollte, forderte ihn auf, ihm den Platz zu überlassen. Der Ängesprochene weigerte sich. Entrüstet über diese Weigerung versetzte der Oberst dem Zivilisten ohne weiters ein paar Ohrfeigen. Der in dieser Weise Mißhandelte, der sich mit dem Oberst 'in keine Schlägerei einlasscn mochte, begnügte sich damit, dem Offizier seine Visitkarte zu überreichen, und der Oberst seinerseits übergab ihm die seine. Als der Oberst die Visitkarte las und sah, daß der Geohrfeigte ein Advokat sei, bat' er sowohl ihn als auch seine Frau sofort um .Entschuldigung, indem er sein Vorgehen mit den Worten begründete: »Ich glaubte, daß Sie ein Jude seien." Trotz dieser Entschuldigung hat der Advokat den Fall sofort zur Anzeige gebracht. Palästina. Petach Tikwah, 6. Aug. Gestern überfielen etwa 70 Araber vom Dorfe Kalkilje, welches' ca. 1 Stutide von Guversaba entfernt ist, die jüdische Kolonie Guversaba, in der bis jetzt nur 2 jüdische Familien und noch einige jüdische Arbeiter wohnen. Zn dieser Kolonie giebt es hauptsächlich viele Mandelgärten und die Besitzer dieser Gärten wohnen zum größten Teil in Jerusalem, Petach- Tikwah und Jaffa. Heute ganz früh kamen einige Arbeiter von Guversaba in die Synagoge von Petach-Tikwah und berichteten von dem Ueb erfüll. Man fragte den Rabbiner um Rat, und er sagte, daß, da Menschenleben in Gefahr sind, Leute von hier nach dorten reiten oder fahren sollen. Nach kurzer Zeit war die. Sabbatruhe ziemlich zu Ende, und schon um 8 Uhr morgens 'war ein großer Teil der Petach-Tikwaher Männer und Burschen bewaffnet zu Pferde und zu Wagen auf dem Wege nach Guversaba. Leider machten sich auch ' Leute ohne Waffen mcchallel Schabbos. Man kam in die Kolonie Guversaba, und dort erfuhr man, daß die Araber einen toten Araber in dem Mandelgarten von Lifschitz, der in Petach-Tikwah wohnt, gefunden haben und der arabische Wächter des Gartens davongelaufen ist. Die Araber verdächtigen die Kolonisten des Mordes. Aber die Juden nehmen sicher an, daß die Araber den Mord begangen, den Wächter versteckt und den Toten auf jüdisches Grundstück gelegt haben. Jüdische Reiter von Petach-Tikwah begegneten auf dem Wege von Guversaba nach Kalkilje Arabern aus Eseln mit gestohlenen Mandeln und Kleidungsstücken, welche man ihnen abnahm und die Diebe als Gefangene nach Guversaba brachte. Das Gasthaus von Guversaba wurde gestern Abend erstürmt und der Hüter Ostrowsky und der Hotelier als Gefangene mit nach Kalkilje geschleppt. Da Guversaba schon unter der Regierung von Nablus (Sch'chem) steht, so kann man die Gefangenen nur durch 'die Regierung befreien. Heute gingen verschiedene Kolonisten von Petach-Tikwah mit Pferd und Wagen nach Jaffa, inachten dort Anzeige bei ihrem Konsul und bei der Regierung und sandten Depeschen nach Haifa und Nablus zur türkischen Regierung. Von Guversaba aus ritten einige Petach - Tikwaher Kolonisten mit dem Hüter der Wächter von Petach-Tikwah, Abraham Schapira (vor dem die Araber in der ganzen Umgegend zittern, da er schon oft gefährliche Diebe und Mörder von ihnen gefangen hat und der Regierung überbrachte), nach dem Dorfe Kalkilje, um mit . den Aeltesten zu verhandeln, aber — soweit bis jetzt bekannt ist — ohne Erfolg. Guversaba ist etwa 3 Stunden von Petach- Tikwah entfernt. Die Araber dachten, daß sie durch deu Sabbat sich die ganze Mandelernte von den Bäumen nehmen könnten, und waren sehr überrascht, als jie jüdische Reiter erblickten und dieselbe ihnen die gestohlene Beute abnahmen. PH. Nachmann. , Auge um Auge. Roman von Sam. Eordon. Frei übersetzt von M. Pnkvermann. (Fortsetzung und Schluß). Sie wartete' auch erst gar nicht ab, wie er ihre Morte aufnahm, sondern fuhr fort, mit einezm schweren Seufzer, der ihr auch als ein Atemholen diente: „Boris, Du willst wissen, was ich meine. Möglich, daß Du es schon erraten. Ich sage es Dir aber nicht, als Borwurf, wenigstens nicht, wie es meine Welt ungerechtfertigterweise auffaßt: Boris, Du warst Jude!" „Das trifft nicht ganz zu, Alma," sagte er ruhig.! Ein Hoffnungsschimmer leuchtete in ihren Augen auf. „Es trifft insofern nicht zu, als ich isicht Jude war, sondern ein Jude bin! — Ja, Alma, seit gestern gehöre ich wieder meinem Volke an." (Die frühere Traurigkeit - stellte sich wieder bei ihr ein. ,jDas macht kaum einen Unterschied, Boris; höchstens, daß es die Scheidewand noch um einige Zoll erhöht. Gern würde ich sie ja niederreißen, wenn es in meiner Macht läge. Meine Liebe zu Dir hat Dich ja zu meinem Heiligen gestempelt und alle Vorurteile aus meinem Herzen gefegt. Ich würde ja gern mit meinen Händen daran krallen und bohren, ob auch das Blut mir. aus den Fingern spritzen sollte, um sie piederzureißen. — Aber es liegt nicht mehr in meiner Macht; es ist unwiederbringlich meiner Kraft entwunden, denn — es ruht jetzt bei den Toten. — Boris, hätte mein Vater noch gelebt, dann wäre alles mögliche gewesen. Auf meinen Knien hätte ich ihn angefleht, daß er uns seine Zustimmung gibt, und unzugänglich wie er auch in seinem Hasse gegen Deinen Stamm war — er hätte doch sein einziges Kind nicht unglücklich gemacht. — Doch, was kann ich jetzt noch tun? Ich kann ihn nicht mehr fragen, denn er hört mich nicht, er antwortet mir nicht mehr. Auch dem Fluch aus dem Munde des Lebenden hätte ich für Dich getrotzt, in der stillen Hoffnung, daß die Zeit eine Versöhnung bringt. Doch sein Schweigen bedeutet ewigen, unaufhörlichen Widerspruch. Mein ganzes Leben müßte ich seinen stummen Vorwurf vernehmen! Nimmer kann ich ihn jetzt noch überzeugen, daß es. seine Vaterpflicht sei, sich .in meine Tat dreinzufinden, so schwer dieses ihm auch geworden wäre. Sein ohnmächtiger Widerspruch aber würde mich