Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 32 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Rr. 32. Dcarckfurter ZsttaLkrüstW FavMienblaE. Seite 8. Verständnis des Autors auf diesem überaus schwierigen Gebiete. Me Mühe und Sorgfalt des Autors auf die Darstellung dieser — allerdings für ihn wichtigsten — Seite der Geschichte des jüdischen Volkes hat ihm scheinbar die Zeit genommen, auch die geistig eEntwicklung des jüd. Volkes darzustellen, wodurch Las Volk einseitig geschildert ist. Daß er von vornherein sich von dieser, bei Anhängern der materialistischen Geschichtsschreibung oft anzutreffenden Einseitigkeit fernhalten wollte, zeigt das Vorwort; daß es ihm aber nicht gelungen ist, allseitig zu bleiben, davon zeugt das Werk. Doch nicht genug damit, daß der Autor die Geistesgeschichte des jüdischen Volkes, die doch gerade in seiner Geschichte einen so überaus bedeutsamen Platz einnimmt, stark vernachlässigt hat, sind ihm . an den wenigen Stellen, wo er sich mit ihr beschäftigt, einige arge Fehler unterlaufen, die voit einer völligen Verkennung des jüdischen Geistes seitens Weinheimers zeugen. Es ist eben für einen nichtjüdischen Gelehrten leichter, in die so sehr in Dunkel der Vorzeit gehüllten wirtschaftlichen Verhältnisse des jüdischen Volkes in 'der alten Zeit Klarheit zu schassen, als die Eigenart des in zahlreichen Schöpfungen manifestierten jüdischen Geistes zu erfassen. Ich will von dieser völligen Verkennung des jüdischen Geistes seitens Weinheimers nur zwei Beispiele geben, die allerdings die auffallendsten sind, die ich gesunden habe. Seite 161 schreibt Weinheimer bei der Darstellung der Gesetze des Buches DeutoronomiuM folgende Sätze: „Das göttliche Recht in der Hand des Priesters ist die Rechtsquelle des'Königtums. Hier sehen wir die Wurzel nicht nur für die Macht des späteren Hohepriesters, sondern für die ßähen Machtansprüche des Papsttums gegenüber dem Kaiser. Die mittelalterliche Kirche war nur die konsequente Weiterbildung des deuteronomischen Staates. Jene Ansprüche der katholischen Kirche sind geboren aus jüdischem Geist, der int Deuteronomium Gestalt gewonnen Hirt." Jeder, der nur ein wenig in das Verständnis des jüdischen Geistes eingedrungen ist, wird ohne Mühe einsehen, wie grundfalsch die Behauptung Weinhcimers ist. Der jüdische Staat war nie eine Theokratie gewes en, sondern stets eine Nomokratie. Man braucht nur den Beginn der jüdischen Geschichte zu betrachten, um dies einzusehen. Aron, der Vertreter der geistlichen, priesterlichen Gewalt, steht stets Moses, dem Vertreter der weltlichen, staatlichen Macht nach. Die Leitung des Volkes wird nach Moses Tode keinem Priester übergeben, sondern Josüa. Nicht Priester herrschen über. das Volk nach dem Einzug in Kanaan, sondern weltliche Richter. Die Vertreter der Religion suchten nie in das politische Leben einzugreifen, außer wenn es galt, die Sache der Gerechtigkeit und Sittlichkeit zu wahren; denn Gerechtigkeit stand im Judentum höher als selbst das Interesse des Staates. Die in den letzten Zeiten des jüdischen Staates die Politik zu beeinflussen suchen, sind die Propheten, nicht die Priester, deren Gegner sie oft waren. Man erficht aus diesen wenigen Tatsachen, wie aller Wahrheit widersprechend Weinheimers Anschauung ist. Eine Parallele zwischen Judentum und Christentum, die zwei entgegengesetzte Pole im Mich« des Geistes bilden, führt eben immer zu Jrrtümern und Entstellungen. Daß protestantische Geistliche aber allzugern solche Parallelen ziehen, ist einer der Hauptgründe, weshalb ich ihren Werken über die jüdische Geschichte stets mit großer Vorsicht und starkem Pessimismus gegenüberstehe. Noch ein zweites Beispiel, das nicht minder drastisch und nicht minder spezifisch „geistlich-protestantisch" ist. Bei der Behandlung der Gestalt Amos' und seiner Ideen schreibt Weinheimer (S. 128): „Unerbittlich, schonungslos zerriß Amos, einer von den Ihren, den Wahn vom „auserwählten Volke". Auch wieder ein völliges Mißverstehen der prophetischen Ideen Amos! Es hat keinen Propheten gegeben, der nicht von der Auserwähltheit des 'jüd. Volkes überzeugt gewesenwäre. Und geradeAmos war einer der größten Nationalisten des jüd. Volkes gewesen, ein Nationalist freilich im idealsten Sinne des Wortes. Während das Volk bis auf ihn geglaubt hat, daß es kraft seiner Auserwähltheit aller Pflichten gegen Gott und Menschen entbunden sei, konimt Amos und ruft ihm zu: Gerade weil von allen Völkern du auserwählt bist, hast du größere Pflichten als alle. „Gerade euch habe ich von allen Völkern der Erde nur auserwählt, darum werde ich gerade an euch all eure Sünden h e i m s u ch e n." (Amos, III, 2.) Obwohl ihr aber auserwählt seid — also fährt der Prophet fort — dürft ihr euch nicht etwa über die anderen Völker überheben. Und . wenn ihr darauf pocht, daß Gott euch aus Aegypten herausgeführt habe, nun ich habe auch die Philister aus Kastor und die Aramäer aus Kir herausgeführt. (IX, 7.) Das also ist der Sinn dieses Satzes, in dem Weinheimer das Aufgeben der Idee von der Auserwähltheit zu erblicken glaubt. Was Amos dem Volke Neues verkündet hat — oder richtiger Altes neu aufgefrischt hat — das war eben die Idee: Die Auserwähltheit Israels entbindet es nicht von seinen Pflichten, sondern legt ihm im Gegenteil nur noch größere Pflichten auf! Der Leser wird also nun einsehen können, wie sehr Weinheimer die Ideen Amos mißverstanden hat. „Geistlich-protestantisch" habe ich vorhin diesen Fehler Weinheimers genannt, denn was er da gesagt hat, wird man so ziemlich bei alten protestantischen Bibelforschern finden. Und die Ursache dieser Erscheinung? Nun, ich glaube nicht zu irren, wenn .ich sie nicht so sehr in' einer wirklichen, auf Grund objektiver Forschung erlangten Ueberzeugung erblicke, als vielmehr in einer mehr oder minder bewußten, vorgefaßten Meinung, die den Zweck hat — das Christentum zu rechtfertigen und zu verherrlichen. Der Gedänkengang ist dann folgender: Wenn Amos und mit ihm die übrigen Propheten die Idee der Auserwähltheit des jüdischen Volkes aufgegeben haben, die späteren Gesetzeslehrer sie aber wieder verfechten und Jesus sie mit aller Energie bekänr-ft, so ist damit nachgewiesen, daß die Propheten wohl schon von der ursprünglichen Nationalreligion zur Universalreligion fortgeschritten waren (S. 128), daß aber durch die talmudischen Gesetzeslehrer die jüdische Religion wieder engherzig wird und „erstarrt" (der beliebteste technische Ausdruck) und daß Jesus wieder der Welt die Universalreligion geschenkt habe. Jesus also — der direkte Nachfolger der universalistischen Propheten — darum von ben chauvinistischen, engchrzigen Pharisäern verfolgt, und die Existenzberechtigung und Notwendigkeit und Ueberlegenheit des Christentums ist „wissenschaftlich, historisch" bewiesen! Der Nachweis wäre ganz richtig, wenn nicht 1. Amos Nationalist gewesen wäre und die Idee der Auserwähltheit wie alle Propheten beibehalten hätte, wenn nicht 2. die talmudischen Gesetzeslehrer also die wirklichen Erben und Fortsetzer der Propheten gewesen wären und wenn nicht 3. Jesus — wie schon längst nachgewiesen ist — auch ein bewußter jüdischer Nationalist und Vertreter der Idee der Auserwähltheit gewesen wäre. Man sicht, weder ist der Ausgangspunkt. noch das Mittelglied noch die Schlußfolgerung des „wissenschaftlich-historischen" Beweises zutreffend. Trotzdem wird er ruhig weiter auspösaunt, denn sonst — ja sonst müßte man eben eingestehen, daß das Christentum vielleicht für die Heiden jener Zeit notwendig, aber keinesfalls dem Judentum überlegen ist. Und dies tut man nicht gerne, selbst nicht protestantische liberale Geistliche Naumann'scher Färbung. So ist Weinheimers „Geschichte des Volkes Israel" wohl in einer Beziehung originell und interessant, änderersetts ist sie für den Laien oft irreführend, stark einsettig und zeugt von einer Verkemmng des jüd. Geistes und seiner Schöpfungen seitens des Autors. Drum kann ich sie wohl Kennern der Bibelkrittk ihrer teilweisen Originalität wegen empfehlen, kann aber Weinheimer nicht zuerkennen, daß er eine Geschichte des jüd. Volkes geschaffen habe, die jeder Gebildete lesen könne. Auch aus dieser Geschichte kann man wieder ersehen, wie notwendig cs ist, daß die alttestamentliche Wissenschaft immer mehr in die Hände von jüdischen Gelehrten übergeht. (Siehe meinen vorigen Artikel.) Christliche Gelehrte können wohl in Einzelforschungen Anerkennenswertes und Bedeutendes leisten, große Geschichtswerke von richtigem Verständnis und jüdischem Gefühle unddamitvon bleibender Dauer werden und können nur jüdische )Gelehrte schaffen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 18. Aug. In der gestrigen Sitzung .des Ausschusses der Israel. Gemeinde nmrdc davon zustimmend KenntnjP genommen, daß der Vorstand dem Anträge des Ausschusses auf Erhöhung der Subvention der Jüd. Bibliothek und Lesehalle von 500 auf 1000 JL in der Form zugestimmt hat, daß er neben der Subvention von 500 JL einen einmaligen außerordentlichen Beitrag von 500 JL zur Vermehrung des Bücherstandes bewilligte. Der Ausschuß genehmigte ferner den Kostenvoranschlag für die Instandsetzung der Rabbinerwohnung am Börneplatz, die Anstellung des I. I. Messer mit einem Gehalte von 1000 JL als S ch ammes an der Westendsynagoge und 500 JL Beitrag für die Beschickung der Jüd. Abteilung der nächstjährigen Hygiene-Ausstellung in Dresden, für welchen Zweck auch die Frankfurt-Loge dem hier bestehenden Komitee 500 JL bewilligt hat. Hamburg. Der jüngsten Sitzung des Repräsentantenkvlleginms der Deutsch-Israelit. Gemeinde lag der Bericht des Ausschusses zur Prüfung des Antrages auf Gewährung der Rechte eines selbstständigen Kultusverbandes an die Neue Dammtor-Synagoge vor. Herr L. Urins, der Berichterstatter, hob hervor, daß der Ausschuß es für seine Pflicht erachtet habe, auch die Frage zu prüfen, ob überhaupt das Bedürfnis für Zulassung eines neuen Kultusverbandes vorhanden ist. Diese Frage hat nach Ansicht der Kommission schon deshalb geprüft werden müssen, weil die Konzessionierung eines neuen Verbandes Lasten von großer Tragweite für die Gemeinde mit sich bringt. Die Bedürfnisfrage verneint die Kommission, und da überdies die erforderliche Anzahl von Unterschriften nicht vorhanden ist, so beantragt der Ausschuß: „Das Repräsentantenkolleginm wolle beschließen, daß der Antrag des Gemeindevorstandes, der Verwaltung der Neuen Dammtor-Synagoge als selbständigem Kultusverband unter bestimmten Kautelen zuzustimmen, abzulehnen ist und dem Gemeindevorstand gleichzeitig als Material zu seinen Mten überwiesen wird." An diesen Bericht knüpfte sich eine sehr lebhafte Debatte, an der sich die Herren Bachr ach, Berlin, Lippmann nfw. beteiligten. Es gelangte schließlich der folgende Antrag Lisser zur Annahme: ,F)hne sich mit allen Einzelheiten des Kommissionsberichts zu identifizieren, lehnt das Repräsentantenkollegium den Antrag des Gemeindevorstandes ab, da die nach Paragraph 2 des Gemeindestatuts nötige Anzahl von 300 Gemeindemitgliedern nicht erreicht ist." Munster i. 28. Znm 20. Gemeindetag des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens war eine große Anzahl von Delegierten im Rathaussaale erschienen. Rechtsanwalt Dr. Cohn begrüßte die Anwesenden namens der Synagogengemeinde und dankte dem Magistrat, als'dessen Vertreter Herr Beigeordneter Dieckmann erschienen war, für die Ueberlassnng des Saales. Sodann verbreitete sich Flörsheim-Dortmund über die Tätigkeit des Verbandes. Der Verband hat sich vornehmlich kulturelle Aufgaben gestellt und pflegt Werke fürsorgender Tätigkeit. Er hat eine Pensionslasse errichtet für die Lehrer und deren Hinterbliebenen, außerdem ein Altersheim für alte und arme Glaubensgenossen und neuerdings in Bad Sassendorf ein Kinderheim, das allen Konfessionen offen steht. Für das letztere stiftete die Synagogengemeinde Münster dem Berbandstage zu Ehren einen außerordentlichen Beitrag, von 300 JL S&t die Ausführungen des Vorsitzenden über das Schulwesen. schloß sich eine Debatte' an. Die Versammlung sprach hierbei erneut Leu Wunsch aus,