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Neue jüdische Presse · 1910-08-19 · Heft 32 (19.8.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 32 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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UNr. 32. DxkBAMÄerMvnMÄtWaü. Seite 5. wie eine Spukgestalt überallhin verfolgen! — Boris, mein Geliebter, es ist ein schrecklicher Gedanke, den Vater durch den Tod zu verlieren, und es ist Höllenpein, Dich im Leben zu verlieren! Mer es muß sein! Der Borwurf des Toten würde die Liebe zum Lebenden mit einer bittern Lauge übergießen!" Sein Gesicht war noch immer eine Maske beharrlicher Ruhe, und er schien seine Worte auf die Wage zu legen, um sie auf Haaresschwcre abzuwiegen. „Alma, ehe auch ich spreche, sage mir, ist dieses Dein fester, durch nichts abzuändernder Entschluß?" „Ja, Boris. Bitte, mache mir keinen Vorwurf, denn ich möchte mir Deine Liebe unvergällt betrahren ftir mein späteres freudloses Leben." „Ich wollte Dir etwas anderes sagen, Alma. Keine Vorwürfe." „Daun spricht" bat sie. „In dem unendlichen Düster meines gequälten Herzens," sprach er, seine Hände fest zusammenballend, als könnte er dadurch auch seinen inneren Aufruhr bezwingen, „leuchtet mir der einzige Friedensstrahl entgegen, daß das Wort der Trennung von Dir gekommen ist. Deine Lippen haben es ausgesprochen und nicht, die meinigen. Es wird mich daher in Zukunft von dem nagenden Schmerz befreien, daß ich — wie die Welt es vielleicht nennen wird — durch ein phantastisches, sentimenta-- les Gefühl die größte Glückseligkeit meines Lebens von mir wies! — Alma, Alma! Jetzt erst kommt es mir zum vollen Bewußtsein, in welcher Uebereinstimmung unsere Herzen schlugen, da sie in derselben Sache, wenn auch auf verschiedenen Bahnen, zu demselben Ausgang gelangt sind. Denn, Alma, als ich Dich bat, hierher zu kommen, war es ja nur, um Dir zu sagen, daß unsere Lebenswege fortan sich trennen müssen. Und die Ursache dafür, Alma, ist, wie für Dich, auch für mich -sogar dieselbe — der Tod Deines Vaters." „Du auch dachtest an ihn, stumm und regungslos in seinem Grabe! — Boris, Boris! Wie werde ich Dich und Deine Liebe vergessen können!" „Ja, geliebtes Herz, ich dachte auch an ihn; nur hat seine Hilflosigkeit für mich eine andere Bedeutung," stieß er krampfhaft zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor. „Um Dir dieses aber verständlich zu machen, muß.ich etwas weit zurückgreifen; darum bitte jch Dich, habe Geduld mit Mir und höre zu. Gott weiß es, ,06 ich je wieder zu Dir sprechen werde. Ich werde ganz offen sein. Um Deinetwillen, Alma: denn es wird Deine Liebe für mich töten ohne jegliche Möglichkeit einer Wiederbelebung." In ihren Augen kam wieder jener mißtrauische Blick zum Vorschein, Pie zu Anfang ihrer gegenseitigen Neckereien und Plänkeleien. Allein sie war entschlossen, ob auch ihre Liebe vom Mehltau der Entsagung zerfressen war, doch ihr Vertrauen zu ihm nicht welken zu lassen. Ihre Augen bedeckten sich wieder mit dem trüben Schleier wie vorhin „Dein Vater, Alma, hat mir ein großes, schweres, fast unsühnbäres Unrecht zugesügt. Und als ich es erfahren, da wurmte ich mich absichtlich in seine und in seiner Familie Freundschaft hinein, mit dem brennenden Rachedurst in meiner Seele. Jch glaubte diesen am besten stillen zu können, wenn ich Deine Liebe stahl, um Dich gänzlich meinem Willen unterwürfig zu machen, um Dich an mich zu ketten, an Händen und Füßen gefesselt, um Dir aber dann eine unheilbare Todeswunde beizubringen, um Dich bann, vernichtet und zertreten, Deinem Väter zurück in die Arme zu schleudern, ein wertloses Wesen, gebrochen an Leib und Seele, um dadurch den Geist Deines Vaters zu demütigen, seinen Stolz zu zertreten, um dadurch sein ganzes Leben zu vergiften!" Schreckensvoll öffneten sich ihre Augen weit auf. „Boris, Du — Du — wolltest mir — mir — das antun?" stotterte sie. „Ja, und absichtlich, und kaltberechnend, und mit vollem Bewußtsein. Und ich würde es auch vollbracht haben, wenn Du nicht stärker gewesen wärest, als ich! Was ich Dir antun wollte, das ist ja mir selbst geschehen: ich war es, der Dir sklavisch zu eigen wurde. Nun, Alma, ist Deine Liebe für mich noch nicht tot?" Mit einem traurigen Lächeln schüttelte sie verneinend das Haupt. „Dann will ich fortfahren. Jch erfuhr, daß Dein Vater mir abermals einen großen Schmerz bereiten wollte, indem er mein Volk aufs neue in ein Unglück stürzen wollte Als ' einziger Ausweg, als einzige Hilfsquelle, war ich entschlossen. Deine Hand von ihm zu begehren, um als Gatte seines Kindes, das von ihm zu erzwingen, was er dem Fremden versagt haben würde. Du siehst, Alma, daß Du noch immer erst in zweiter Reihe in Betracht kamst; Du solltest mir Mittel, nicht aber Zweck sein. Bin ich immer noch Deiner Liebe wert?" „Du gibst Dir ja redliche Mühe, mich aus derselben herauszuklügeln Doch bis jetzt, Boris, ist es Dir noch nicht gelungen." Er atmete tief auf und fuhr fort: „Dann starb Dein Vater, und sein Tod war für mich ein Finger Gottes, der gleichsam, mit sreurigen Buchstaben, in seinem ewigen Firmament niedergeschrieben, daß sein Volk viel zu groß, viel zu erhaben sei, um seinen Fortbestand von irgend einem andern als 'nur von seiner allmächtigen Vorsehung abhängig zu machen. Für eine Errettung sollte das Volk nicht einer Null zleich mir dankbar sein müssen. Er, der Hüter einer verwaisten Kinder, nahm dieses Vorrecht iür sich allein in Anspruch, und darum starb Dein Vater — durch eine Fügung Gottes!" Vorsehung! Finger Gottes! — Ms was denn onst, sollte er Nimans letzte Tat bezeichnen? Die Tat, bei welcher Baruch ihn in der vorigen mitternächtlichen Stunde überrascht und von der. außer Baruch, keine Menschenseele eine Ahnung hatte? Armer, hochherziger, zynischer, irrender Niman! Was würde er wohl zu der Ironie des Schicksals sagen, wenn er wüßte, daß seine heroische, heldenhafte Tat, auf die er sich sicherlich so viel eingebildet, hie er ganz gewiß für sein ureigenstes Eigentum hielt, jetzt zu einer Borherbestimmung, zu dem Ausfluß eines Hähern Willens gestempelt wird? — Was. würde er wohl sagen, wenn er wüßte, daß auch sein freiwilliger, gewiß chwer erkämpfter Tod wiederum nur einen Mißerfolg gezeitigt, wie ja sein ganzes Leben aus lauter Mißerfolgen zusammengesetzt war? — Dann sah Bolkmann wieder auf die traurige Gestalt Almas, und er fühlte ein Brennen und Zerren in seinem Gehirn, daß ein Mensch, ver diesem Engelwesen so nahegestanden, dessen Fleisch und Blut es ist, solche gräßlich: Geschehnisse zur Notwendigkeit machen konnte. Als habe sie seine Gedanken erraten, wollte sie dieselben mit den nächsten Worten widerlegen. „Jch konnte Dir nicht in allem folgen, Boris. Aber ich glaube. Du irrst Dich doch in meinem Vater. Er kann nicht so böse gewesen sein, da doch sein Herz von Liebe für mich übervoll war. .— Boris, hast Du keine bessern Gründe anznführen, die Dir die Bürde des Lebens ein wenig erleichtern könnten?" „Ja, Mma," erwiderte er sofort, da er von ihrer rührenden Fürsorge für ihn aufs' schmerz lichste betroffen war; „ja: ich habe für unsere Trennung einen Grund, triftiger und einleuchtender. als der Deinige. In meiner Religion ist ein ungeschriebenes Gesetz vorhanden, daß kein Abtrünniger wieder zu seinem Volke zurückkehren kann, wenn er nicht, als Zeichen seiner Reue und Btlße, ein Opfer darbringt, das' ihm in den Tagen seines Abfalles das Liebste und Teuerste auf Erden gewesen. Alma, ich lasse Dich zurück, ich gebe Dich auf; ich erkaufe mir mein Geburtsrecht für einen Preis zurück, wie er bisher von keinem Sterblichen gezahlt wurde!" „Dafür danke ich Dir herzlich, Boris. Jetzt erst hast Du mich aufgerichtet, da Du mich mit dem gleichstellst, was den höchsten Wert in Deinen Augen hat." Ihre Stimme vibrierte leise, wie die Saiten einer Windharfe. Dann wurde sie ruhiger und fragte gelassen: „Welche Pläne Hast Du für Deine Zukunft? Wohin gehst Du, Boris?" „Jch gehe nach Palästina, nach dem Lande meiner Väter, um dort meinen Brüdern zu helfen und beiznstehen. Jch gehe.mit voller Zuversicht dorthin, Alma; denn ich habe ja schon eine Karriere hinter mir, bei einem Alter, wo andere erst anfangen, den Schulranzen abzulegen. Nicht mehr will ich es versuchen, im Heimlichen ihren Wohltäter zu spielen; jede Heimlichkeit gleicht der finstern, schreckerzeugenden Nacht; nein, offen und frei will ich ihnen zur Seite bleiben nnd mit meinen Kenntnissen ihnen dienen, soviel in meinen schwachen Kräften steht!" „Ja, Boris: ich habe es Dir bereits gesagt, daß Du ein herrlicher, wunderbarer Mann bist!" Sie blickte ihn stolz an, mit feuchten, glänzenden Augen. Eine oder zwei Tränen lösten sich von ihren Wimpern, die andern aber unterdrückte sie schnell. „So ist es recht, Mma!" rief er, indem er sie mit einer plötzlichen Bewegung leidenschaftlich an seine Brust preßte. „Weine nicht! Unser Geschick ist ein außergewöhnliches, — darum wollen wir es nicht zum Gewöhnlichen herabwürdigen, nach Art der gewöhnlichen Menschen!" „Weder durch Tränen noch durch Küsse," sagte sie, ihren Mund von seinen Lippen wegwendend. „Wie wir, selbst in den Tagen unserer innigsten Gemeinschaft, keinen Augenblick heiterer, ungetrübter Freude genossen und unsere Liebe nicht durch kleine Münze verzettelt haben, — so wollen wir uns auch trennen, mit unserer Liebe bis zum Rande unserer Herzen vollgefüllt, ohne einen Tropfen zu verschütten. Unser.Geschick war ein außergewöhnliches und soll es auch bis zur letzten Mimrte bleiben!" \ Ihre zitternden Hände suchten die seinen, und so standen sie einige Augenblicke in Schweigen versunken. „Muß es jetzt schon sein?" fragte er, als ihr Händedruck Pch zu lockern begonnen. „Ja, Boris, jetzt schon! Oder, nein! Warte noch eine Minute. Boris, sage mir vorher noch ein gutes, helfendes Wort. Aber keinen oberflächlichen Notbehelf, nichts Selbsttrügerisches, aber etwas Hofsnungserweckendes. .Etwas Wahres, Aufrichtiges, Deiner Würdiges, das mich laben und erquicken soll, von dem ich zehren will, wenn Du von mir gegangen .bist!" Er sann ein wenig nach und sprach dann ernst und feierlich: „Höre, Alma! Es ist gut und weise von der Vorsehung eingerichtet, daß die Nationen mit ihren verschiedenen Religionen und Glaubensbekenntnissen getrennt und gesondert von einander bleiben nnd jede Nation ihre individuellen Tugenden ausübt und jede Religion ihre besonderen Wahrheiten verkündet. Denn durch dieses Forschen und Vergleichen, durch diesen beständigen Wetttreit wird die Vollkommenheit erreicht, wird die Heilsvereinigung aller Menschengeschlechter hervorgehen! Aber, Alma, es wird das Wunderwerk der ewigwährenden, allbezwingenden göttlichen Vorsehung sein! während das Planen und Formen der Staubgeborenen, mit ihrem Haß und Vorurteil, mit ihren Schranken und Banden, mit ihrem Wollen und Begehren, die Bedeutung einer Mücke hat, die mit ihrem Flügelschlag das verzehrende Feuer des Blitzes aushalten will!" „Ich danke Dir, Boris. Ich will diese Worte mir fest einprägen und sie als ein teueres Vermächtnis betrachten." Sie wendete sich ab, nnd die Hände vor sich ausgestreckt, als müßte sie sich einen Weg durch die Finsternis tasten, verließ sie das Zimmer. Volkmann sah Alma nicht wieder, obwohl er erst in der Nacht die Reise antrat. Vorher aber begab er sich noch einmal nach dem Friedhof, um noch einen Blick auf die Gräber der Eltern zu werfen. Zu seiner Ueberraschung fand er dort bereits einen Besucher. Er erkannte Mälka, die bei seinem Anblick einen Schreckensruf ausstieß. „Was machst Du da, Malka?" fragte er mit sanfter Stimme. ,O>, Baruch, habe Erbarmen und strafe mich nicht gar zu hart," jammerte sie, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend. „Warum sollte ich Dich denn strafen, Malka?" ,Meil ich doch so schlecht zu Dir war. Ick bin deshalb zu Deinen -Eltern hergeeilt, daß sie meine Fürsprecher werden, daß sie mir Deine Verzeihung erflehen." „Wovon sprichst Du denn? Jch verstehe Dich nicht. Was soll ich Dir denn verzeihen, Malka?" ,Meil ich meine böse Zunge habe lausen lassen, weil ich Dein Geheimnis Deinen Feinden verriet." „Du warst es also!" sprach er gleichmütig. „Mache Dir darüber keinen Kummer, Malka. Du hast mir dadurch keinen Schaden zugefügt. Im Gegenteil; Du hast mir, wenn auch unbewußt, manche Gewissensreue erspart." Er lächelte ihr ernst und freundlich zu. Sie brannte vor Begierde zu wissen, was er damit meinte, aber ihr fehlte der Mut, ihn danach zu fragen. Bald aber erzählte er ihr alles freiwillig. .„Ich gehe noch heute von hier fort," schloß er seinen Bericht, um nie wieder zurückzukehren. „Hier, Malka, trimm dieses," er Händigte ihr ein umfangreiches Paket mit Banknoten ein, „und teile es in drei gleiche Teile: mit dem einen, bezahlst Du Nimans Beerdigung, falls seine Leiche doch noch gefunden werden sollte; den zweiten übergib dem Gemeindevorsteher, um dafür eine feste Steinmauer um den Friedhof zu errichten, und den letzten Teil behalte für Dich oder verwende ihn nach Deinem Gutdünken. Jch freue mich, daß ich Dich noch einmal sah. Und nun, Malka, lebe wohl!" Er berührte flüchtig mit seinen Lippen ihr Haar und ging dann zu den Gräbern seiner Eltern. Dort beugte er sich nieder und blieb lange Zeit in dieser Stellung. Dann erhob er sich, nahm eine Handvoll Erde von den Gräbern, die er sorgfältig an seiner Brust barg. Es sollte dieses ein Talisman sein, bei dem neuen Leben, das er jetzt beginnen wollte. Und noch lange, lange, -nachdem das Zwielicht bereits der finstern Nacht gewichen war, stand Malka noch immer auf der heiligen Stätte, und ihre Tränen befeuchteten die Gräber der Toten, und ihre Seufzer .folgten dem Lebenden. Kaiser t rledrlcn Quelle - Offenbach a. M. Gegen Gicht nnd Rheumatismus bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M., Stallburgstr. 9. Tel. 259 u. 71. NV2 Bad Harzbnrg. "TCD Pension Parkhaus, 53 Salons nnd Famillen-Dependanee, Schloss Frinxenhof mit 28 Salons. Streng ritueUe Häos.r L Banges unter Babbinats- Aufsicht, an schönster WafcUage. Geöffnet April bis Oktober Prospekt gratis. Max Hochtm Wochen-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Losch.) SamStag, den 20. August (= 15. Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 10 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 25 Min., in Berlin 8 Uhr 10 Min. Auf den größten jüdischen Nationaltranertag folgt stets der Trostsabbat S cha.bh«s»R«tchamu,

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