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Neue jüdische Presse · 1910-08-19 · Heft 32 (19.8.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 32 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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. Seite 2. Man höre und staune! „Judentum heißt heute" — Seit wann? Etwa seitdem die „Alliance Jsraelite Universelle" die Erziehung Israels unter Ihrer glorreichen Leitung in ihre Hände zu nehmen geruht hat! — „weder eine Religion noch eine Rasse noch ein Volk. Judentum ist eine Tradition" und zwar „eine Tradition des Freisinns, des Abscheus gegen Vielgötterei und Götzerei, gegen alberne Fabelei und stupide Riten. Wie schön! Ist es nicht geradezu köstlich, mit einem Schlage sich um das Hundertfache bereichert zu sehen: das jüdische Volk — doch, Pardon, ein jüdisches Volk gibt es ja nicht mehr! — die Freisinns-Tradition, Judentum genannt, die bis dato nur 10 Millionen Seelen zählte, zählt nunmehr vielleicht 100 Millionen! Zählt doch nach Ihrem Sy st eme die gesamte liberale Welt aller Nationen, die gegen Vielgötterei und stupide Riten ist, zum Judentum mit . . . Allein die Sache wäre zu schön, hätte sie nicht einen Haken. Dieser haken ist der Nationalismus der Liberalen, der andern, die trotz oder wegen ihres Freisinnes bewußt national gesonnen sind — den Freisinn als Gegensatz zmn Nationalismus zu sehen, ist spezifisch jüdischen Freisinnigen eigen —; nach Ihnen, Herr Reinach, aber schließt die Tradition des Judentums das Nationale aus. Und was noch, schlimmer: Ihr Judentum stellt uns traditionelle Juden plus Thora, sowie die nationalen Juden außerhalb seiner Grenzen; und nicht nur das: auch Die gesamte liberale Judenheit, die das Judentum als eine Religion ansieht, einschließlich Claude Montesiore's, sind nach Ihrem originellen Systeme aus dem Judentum verbannt . . . Es ist Ihnen unbegreiflich, warum das Judentum zu Beginn des XIX. Jahrhunderts nicht seine „dreistdummen" Riten abgelegt hat. Ganz einfach; — das Judentum von damals hatte noch nicht das Glück, Ihre neue Lehre vonl' Wesen des Judentums zu kennen. Schließlich! Sie sprechen von „Verleumdungen unsererseits Ihnen gegenüber. Wenn wir sagten: Salomon Reinach ist gegen das hebräische, gegen die jüdische Rektion und gegen — den jüdischen Nationalismus, — soll das etwa eine Verleumdung genannt werden; bestreiten Sie es etwa? Hoch lassen Sie sich ein ernstes Wort gesagt sein. Wer ein Recht hat, sich über Verleumdung zu beklagen, das sind wir; der Zionismus und der Hilfsverein der Deutschen Juden können von manchen glorreichen Aktionen der Alliance in den letzten Jahren, die die Annalen der Geschichte schon zu würdigen wissen werden, ein Sieb singen. Allein genug des traurigen Spieles. — An und für sich hätte es sich überhaupt nicht gelohnt, auf Ihre Ausführungen einzugehen, hätte die Sache nicht auch eine ernste Seite. Herr Reinach, Sie sind Führer der Alliance Jsraölite, also der Erzieher eines großen und des gesundesten Tales des Wischen Volkes. Wie muß nun diese Erziehung ausfallen, wenn der Jugend ein Judentum verabreicht wird, das weder national noch religiös ist! Sie mögen es mit Ihrer Sache noch so ehrlich und gut meinen, für Sie, dem das unverfälschte Judentum ein „Wahngebilde dreistdummer Riten" darstellt und der „schrecklichste aller Schrecken" ist, mag es heilige Pflicht sein, Israel aus diesem Judentum Lu befreien. . Allein der Judenheit, — auch dem liberalen Teil derselben — die doch über das Judentum ganz anders wie Sie, Herr Reinach, denkt, und zu chm im weit anderen Verhältnis steht, kann dies unmöglich recht sein. Ih r Judentum kann doch der breiten Masse, die in viel tiefer stehenden Ländern als Frankreich und in ganz anderen Bildungsgraden und LÄensverhältnissen, als den Ihrigen, sich befindet, nichts geben und für den weiteren Verbleib im Judentum gar keine Gewähr bieten. Für Männer Frankfurter Israelitisches Familienblatt. wie Sie ist schon der tiesc haß zu jedweder Religion eine Gewähr für den Verbleib — wenn auch nur nominell — im Judentum. Aber die breite Masse! Die Haare stehen uns zu Berge, w e nn m a n bedenkt, daß die Erziehung von tausenden jüdischen Jünglingen in den Händen solcher Verächter des wirklichen Judentums liegt? Vergebens fragt man sich, lvic cs möglich war, daß eine solche große Organisation, wie es die Alliance Jsraelitc ist, die bestäirdig als die Vertreterin der Gesamtheit auftritt und noch dazu über die Erziehung großer Teile ihrer Jugend zu verfügen hat, gegen alles Jüdische blindwütigen Männern anvcrtraut ist! Und das. Rätsel wird noch größer, wenn man bedenkt, daß von den wirklich großen Juden Frankreichs kein einziger mehr am Leben ist. Auch die jüdische Masse Frankreichs ist tot. Um heute ein Minjan Jehüdim ' (Herr Reinach möge diese beiden hebräischen Worte verzeihen) beim Gottesdienst zu ermöglichen, mußten die Rabbiner Frankreichs das Mitzählen von Frauen gestatten. Nicht aus Frankreich holt die Alliance ihre Mitglieder, sondern aus Deutschland, wo noch jüdisches Leben anzutreffen ist. Und nun erkläre uns, wer cs kann, weshalb die Leitung der Alliance gerade in Paris sein mußund nicht in Berlin, wo doch sowohl bedeutende jüdische Führer als auch jüdisch fühlende Massen vorhanden sind. Ist diese anormale Erscheinung etwa auf das Konto des Jndifferentismus der Judenheit und deren Führer zu schreiben? Doch Männer wie Baron Günzburg, Schloßbcrg und Grusenberg in Petersburg, Professor Philipson, James Simon, Justizrat Timendorfer in Berlin, Justizrat Blau und Philipp Schiff in Frankfurt, Dr. Gaster, K. Stettauer und Hermann Landau in London, Jacob Schiff, Sulzberger und Marschall in New Zork. des Jndifferentismus zu zeihen, ist doch nicht gut angängig. Oder ist es dem unverzeihlichen Festhalten am Gewohnten, Morschen, Bestehenden zuzuschreiben? Löse die Frage, wer kann! Bo« der Wett der Gedanken. (Betrachtungen und Besprechungen.) Bon B en-Koh eleth. HI. Die Bibelkritik. Wenn einst die phantastische, aller Realität widersprechende Basis des M a r x' s ch e n Sozialismus von allen erkannt und. eingestanden sein wird, wenn einst seine sozialistischen Ideen von allen verworfen sein werden, auch dann wird man chm nicht alle Bedeutung für die Wissenschaft absprechen können; war er doch der erste, oer nachdrücklichst auf die ungeahnte Bedeutung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse für die geistige Entwicklung eines Volkes hingewiesen hat, ist er doch der Begründer der materialistischen Geschichtsschreibung gewesen. Wohl ist auch diese Anschauung Marx' in der extremen Form, in der sie von ihm vertreten wurde, falsch, aber der wahre Kern, den sie enthält, ist so bedeutsam, daß sie es vermocht hat, die gesamte moderne Geschichtswissenschaft in andere Bahnen zu leiten. Wie es stets die Folgeerscheinung solcher bahnbrechenden Anschauungen ist, wurde, nun auch in der Anwendung der materialistischen Geschichtsschreibung des Guten zu viel getan; man wandte sie vielfach entweder zu radikal an, oder aber man bediente sich ihrer in Fällen, wo die notwendigen Voraussetzungen zu chrer Anwendung fehlten. Man vergaß nämliche gar oft, daß es viel leichter ist, die Geschichte der äußeren Ereignisse oder geistigen Fortschritte eines Volkes zu schreiben, da wir ja die Dokumente darüber besitzen, als die Darstellung der materiellen Zustände, über die wir nur sehr mangelhaft unterrichtet sind, weil eben die früheren Generationen diese wirtschaftlichen Verhältnisse nicht für wert 3ti 32 hielten, die Nachwelt von ihnen zu unterrichten. Ganz besonders trifft dies bei der Geschichte des Altertums zu, und es ist z. B. heute so gut wie unmöglich, die Geschichte der Griechen nach der Art der materialistischen Geschichtsschreibung darzustcllen. Bisher ist auch der Versuch der Anwendung des Marx'schen Prinzips auf das Altertum nur selten gemacht worden, und aus diesem Grunde muß jeder Versuch, der da gemacht wird, mit großem Interesse, aber auch mit großer Zurückhaltung ausgenommen werden. Ein deutscher Pfarrer, der allerdings Marx gründlich studiert hat, Hai es nun unternommen, die Geschichte der Juden nach den Prinzipien Marxens darzustellen. Der Verfasser heißt Hermann Wcinheimer und das Buch: „Geschichte des Volkes I r a e l".*) Vor allem eine Bemerkung, die nicht die spezifische Eigenart des Buches betrifft, die aber zu wichtig ist, als daß ich sie wcglassen könnte. „Die Geschichte Israels soll hier so dargestellt werden," bemerkt der Autor in seinem Vorwort, „daß sie jeder Gebildete lesen kann." Nun gehört Weinhcimer der, liberalen Schule der protestantischen Theologie an — das Buch ist im Verlage Friedrich Naumann's erschienen —, steht also auf dem Boden der Bibelkritik und muß also diese in seinem Werke popularisieren, damit cs jeder Gebildete lesen kann. Nun ist es mit der Popularisierung von Wissenschaften, deren Ergebnisse auf einer solch schwankenden Basis beruhen wie die Bibelkritik, eine sehr gefährliche Sache. Dadurch nämlich, daß der Autor alle fachwisscnschaftlichcn Bemerkungen und Angaben wegläßt und alles — oft die bestrittensten Ergebnisse der Bibelkritik — in fließendem, leichtem und selbstverständlichem Tone darstellt, kann der Laie nicht mehr unterscheiden, was wirklich feststehend uno was nur von manchen Forschern behauptet ist. Infolgedessen kann man das Buch demjenigen, der nicht mit der Bibelkrftik einigermaßen vertraut ist, nicht in die Hand geben, ohne seine Unkenntnis mißbrauchen zu wollen, und der Autor erreicht also das Gegenteil dessen, was er erreichen wollte; nur Kenner der Bibelwissenschaft können das Buch lesen. Nun mildern ja die hinten angefügten wenigen Anmerkungen den Uebelfland ein wenig, immerhin wäre es viel besser gewesen, der Autor hätte überall da, wo er von den überlieferten Anschauungen abweicht, darauf hingewiesen, daß er diese Abweichung von diesem oder jenem Forscher übernommen hat. - Dies vorchusgeschickt, komme ich nun zur eigentlichere Art der Behandlung der ältesten Geschichte der Juden seitens des Autors. Um ihm hier gerecht werden zu können, muß man sich die Schwierigkeiten vor Augen halten, die oer Verfasser zu überwinden hatte: völliges Fehlen von statistischen Tabellen und nur spärliche Nachrichten über das wirtschaftliche Leben des jüdischen Volkes in der Bibel. Berücksichtigt man dies, so wird man wohl sagen können, daß der Verfasser sich der Darstellung der wirtschaftlichen Verhältnisse des jüdischen Volkes von der Zeit ihres Einzuges in Palästina bis zur Zerstörung des Reiches durch die Babylonier im allgemeinen in zufriedenstellender Weise entledigt hat; 'wohlverstanden, nur von der Zeit ihres Einzuges in Palästina an; denn was der Autor über die Getzhichte der Juden vor dem Einzug erzählt, ist allzu hypothetisch und phantastisch, als daß ich es auch nur ernst kritisieren wollte; diese oft aller Anhaltspunkte entbehrenden Hypothesen über die Entstehung und Urgeschichte des jüdischen Volkes sind eben Dinge, die man bei allen' bibelkritischen Historikern wohl oder übel in Kauf nehmen muß. Die Art, wie er die ökonomische Entwicklung des jüdischen Volkes und die wirtschaftlichen Ideen und Ziele der einzelnen Herrscher — besonders Salomos und Ahabs — darstellt, ist originell, klar und zeugt von gutem *) H. Weinhcimer: Geschichte des Volkes Israel von den Anfängen biä Lur Zerstörung Jerusalems durch die Babyloner. Verlag der „Hilfe." Berlin- Schöneberg 1909. 179 S. 3.—. JL Kart. .

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