Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 32 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Isrartkfitrter Sfrurlitifdirs liiuilifnlilitt. <r' — > Diese Zeitung erscheint wöchentlich Wonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,-50, sonstige Länder Mk. 2.— _—- HedaKtiorr «nd Geschäftsstelle: Frankfurt a. ITC., vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße f dtfott 10507. Aerausgeber: Salg Gel-s. ir " ■ Jnsertionspreife: Die viergespaltme Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezelle.100 „ Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunfi. i; ■ ■ - . .. 8. Jahrgang. Freitag, de« 14. Aw 5670 (19. August 1910). Rr. 32. Inhalt ves Hauptblattes. Artikel: Salomon Reinach, ein Typus. — Von der Welt der Gedanken. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Wochen- Kalen der. — Familiennachrichten._ Salomon Reinach, ein Typus. Auf diesen in Nummer 29 dieser Zeitung verösfentlichteu Artikel hat uns .Herr Solomon Reinach nachstehende Antwort zukommen lassen: Paris, August 1910. Enlpfangcn Tic meinen verbindlichsten Dank für die wohltuenden Spalten, die ihr werter Mitarbeiter Bcn-Kohelcth in Ihrem Blatte vom 29. Juli meiner Wenigkeit zu widmen geruhte. So eine Schimpfrede hat mir den höchsten Geuust bereitet! Es wäre ja jammerschade, wenn nur dumme Mönche und beschränkte chauvinistische Theologen gegen mein Buch OrPheu s als Verteidiger der Religionen auftreteu sollten. Ein fanatischer Jude gehörte in diese Gesellschaft; auch ist jungst ein M am eint gegen mich iu's Feld gezogen. Wie ich mich schon freute, vor anderthalb Jahren, da die französische "Ausgabe des Orpheus allein erschienen war, als ich eine recht boshafte Rezension von "A m e r i c a n Hcbrew zu lesen bekam! Ich dachte: „Also, das wirkt!" Was kann ein Freisinniger eifriger wünschen, wenn er zur Feder greist, als das; die Dunkelmänner jeden Rockes sich gefährdet fühlen? Run sind die jüdischen Dunkelmänner wohl am leichtesten zu erregen, und wenn die Herren einmal schimpfen, so tun sie es bekanntlich ohne jede Rücksicht auf Anstand. Wie Schiller schrieb — oder doch hätte schreiben können: Gefährlich ist's, den Gm zn wecken. Verderblich ist des Psafsens Zahn, Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Jud' in seinem Wahn! Doch warum soll es so sein? Judentum heisst heute weder eine Religion noch eine Rasse noch ein Volk noch selbst, ivie Heine meinte, ein Unglück. Judcntunr ist eine Tradition, eine sehr glorreiche, die Tradition der hartnäckigen Dulder und Helden, die allein in Europa während tausend dunkler Jahre sich geweigert haben, an den furchtbaren Unsinn zu glauben, welcher heute bei keinem gebildeten "Menschen Glauben findet. Also eine Tradition des Freisinns, des "Abscheus gegen Vielgötterei und Götzerei, des gesunden Verstandes gegen alberne Fabeleien und stupide Riten. Warum hat das Judentum selbst, schon im XIX. Jahrhundert, nicht die Last seines eigenen, dreistdummen Ritualismns von seinen Schultern abgcworsen, um ein rein menschlicher, sittlicher und sortschrittSlicbeuder Eilauben zu werden? Da ich aber die Hoffnung nicht aufgegeben habe, daß dies geschehen wird, da ich mich von ganzem .Herzen trotz Ben-Koheleth und Genossen gerechtfertigt fühle, mich als guten Juden anzugebcn und als Jude zu handeln, lasse ich mich durch Schimpf und Verleumdung von meiner Pflicht nicht abschrecken. Ich arbeite für die innere Emanzipation des Judentums, für seine Befreiung gegen Unduldsamkeit, Unwissenheit und Betrug. Die ärgsten Feinde des Judentums sind nicht die Antisemiten, die — wenigstens in Frankreich — das Judentum aufrecht gehalten haben, sondern die Fanatiker, die Hassidim, die Wundcrrabbincr, die Halukisteu, die Verfechter des Hebräischen als Umgangssprache, und wie alle diese Deute heißen. Boltaire'S Parole: „Eeras o n s 1’ i n f ä m e“ gilt gegen alles, was dem gesunden "Menschenverstand entgegen wirkt. Hochachtend und ergebenst Salomon R e i n a ch. Aus diese Aussührungen Herrn Salomon Rcinachs hat uns unser Mitarbeiter folgendes erwidert: Herr Salomon Reinach hat es scheinbar für ganz unmöglich gehalten, daß die Leser dem Bilde, das ich von ihm entworfen habe, glauben. In der Tat ist es eine ungeheuerliche, bei keinem anderen Volke der Welt wahrzunchmende Erscheinun, daß ein Mann, wie ich ihn in meinem Artikel geschildert habe, eine führende Stellung bei seinem Volke einnimmt. Und so hat sich denn Herr Salomon Reinach in anerkennenswerter Weise beeilt, meinen "Ausführungen eine Bestätigung seinerseits zu verleihen, indem er die vorstehenden Zeilen schrieb. Und wahrhaft! weder logische Beweise noch psychologische Analysen können die Leser so sehr von der Richtigkeit meines Urteils über Salomon Reinach überzeugen wie diese seine ircnigen "Aussührungen. Wenn die Leser nicht durch meinen "Artikel gewußt hätten, ivelchc Gestalt sie in Salomon Reinach vor sich haben, sie ivürden cs nicht erfassen können, wie ein Mann, der zu den Führern der westeuropäischen Judenheit zählt, diese Zeilen hat schreiben können, die in ihren lächerlichen Behauptungen und in ihrer frivolen Gehässigkeit gegen alles Jüdische selbst von antisemitischen Hetzpredigcrn kaum Übertrossen werden können. Noch aus einem anderen Grunde muß ich Salomon Reinach für seine Erwiderung dankbar sein. Er hat mich dadurch daraus aufmerksam gemacht, daß ich in der Schilderung seiner Persönlichkeit eine wichtige Eigenschaft vergessen habe, die notwendig zum Bilde jenes Typus des Golnthjuden, den Salomon Reinach darstelit, gehört: den b l i n d e n F a n a t i s m u s. Salomon Reinach hat das mit anerkennenswerter Selbsterkenntnis wahrgeuvmmen und geht gehörig gegen diese Goluthjudeu-Finatiker vor, wobei er jedoch vergißt, daß er dadurch in erster Linie sich selbst als die vollenden: Verkörperung dieses Goluthjudcn trifft. Ein Unterschied jedoch besteht zwischen seinem Fanatismus und dem deS Goluthjuden. Dieser ist wenigstens für ctiois Erhabenes und Ideales fanatisch, Salomon Reinach jedoch ist ein Fanatiker Voltnirianischen Unglaubens und abgeschmacktesten Freidenkertums. Uno cs gibt nichts aller Logik mehr Widersprechendes und den Fortschritt der Kultur mehr Hemmendes als einen Fanatismus des Unglaubens, dessen einzige Kraft darin besteht, alles blind zu zerstören und niederzureißen. Doch nun genug mir der Persönlichkeit Salomon Reinachs! Denn er selbst interessiert mich herzlich wenig und hat nur als anormaler, krankhafter Golustypus für mich wissenschaftliches Interesse. Was an der ganzen Sache von Bedeutung ist, das ist die Stell u n g, die Salomon Reinach einnimmt, die Tatsache, daß dieser Mann, der die Juden verachtet und das Judentum haßt, ein anerkannter Führer der westeuropäischen Judenheit ist. Aus diesem Grunde sind die vorliegenden "Ausführungen Salomon Reinachs ein wahres Z e i t d o k u m e n t, denn sie werden späteren Generationen zeigen können, wie sehr das Ehrgefühl bei den westeuropäischen Juden gesunken ist, daß sie einen Salonion Reinachs 311 ihrem Führer haben. Der Satz: Jedes Volk hat den König, den es will, gilt auch für ungekrönte Führer des Volkes. Doch ich will und kann nicht annehmen, daß das Selbftbewnßtsein unserer westeuropäischen Juden schon so tief gesunken sei, und ich will eher glauben, daß die westeuropäische Judenheit eben nicht klar gewußt hat, welche Persönlichkeit sie in Salomon Reinach vor sich hat. Drum hoffe ich, das; sie immer mehr erkennen werden, welch ein Judenhasser und Judcntumsfeind der stellvertretende Vorsitzende der „Alliance" und Mitglied der „Jca", Herr Salomon Reinach, ist, und daß sie ihn dementsprechend behandeln werden. So gebe ich denn den Drohruf seines großen Meisters sowohl hinsichtlich seines Fanatismus, als auch seines Judenhasses, Voltaire, Herrn Salomon Reinach zurück, und mein Glaube an das Selbstbewusstsein und die Kraft der westeuropäischen Judenheit ist noch so groß, das; ich bestimmt hofse: nicht lange mehr, und die westeuropäischen Juden, ils ecraseront l'infäme! B e n - K 0 h e l eth. Wir selbst haben Herrn Reinach folgendes zu erwidern: Wie Sie sehen, haben wir Ihre liebenswürdige Zuschrift trotz Ihrer allzugürigen Ausdrücke — ivie: „Dunkelmänner", „Fanatiker", „dreistdummen Ritualismns", „ärgste Feinde des Judentums", „Ecrasoos I'inkams" — uns, resp. dem „s ch r e ck l i ch st e n aller Schrecke n", „der Jud i n s e i n e m W a h n" wen uns zum besseren Verständnis gesperrt) gegenüber wörtlich übgedruckt. Sie sehen also, daß der Jude gar nicht so „schrecklich" ist, wie Sie ihn zn malen belieben. Sie teilen uns gürigst mit, das; unsere „wohltuenden Spalten" Ihnen „den höchsten Genuß bereitet" haben; das freut uns, ein „guter Jude", wie Sie es sind, darf sich auch einmal freuen! . . . . Wir bewundern Ihre wahrhaft große Güte, uns in Ihrer kurzen Erwiderung Ihre nagelneue Lehre vom Judentum zu entwickeln. Und wie taten Sie es! In knappen Sätzen klipp und klar ein ganzes System des vielseitigen und tiefgründigen Judentums dargelegt. Das hat bisher kein noch so Gelehrter, nicht einmal Claude Montesiore, vermocht.