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Neue jüdische Presse · 1910-07-29 · Heft 29 (29.7.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 29 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 29. Frankfurter Israelitisches Faurrlrenblaü. des Gewissen nnt der Begründung zu beschwichtigen, daß durch diese Feier ein gewisser Eindruck auf ' die Kinderscelen ausgeübt wird und doch hebräisch zitiert wird. Sie wollen nicht sehen, wie schädlich gerade diese Zeremonie für das Judentum ist; die junge, Heranwachsende Generation weiß sehr, sehr wenig vom Judentum, und wenn ein Rabbiner einst bemerkte, daß wir die letzten Juden in Frankreich sind, so trägt diese Zeremonie gewissermaßen Schuld daran; dieselbe ist an Stelle des Judentums getreten und remplaciert dasselbe fast vollständig. Die Erziehung, die uns unsere Eltern gaben, bestand darin: im frühen Kindesalter hebräisch lesen zu lernen, um dawnen zu können, dann das Chummesch zu übersetzen und war man begabt, durste man Gemarah lernen, — je mehr man lernte, um so fester war man davon durchdrungen, daß man noch sehr loenig weiß und noch so viel zu lernen hat; so ging es bis ins Mannesalter und selbst bis zum Tode. Erst dieser setzte unserem Forschen und Lernen ein Ziel. Dagegen heute? Heute weiß der französische Knabe, daß, wenn er die Einsegnung mitgemacht hat, er Jude, ausgewachsener Jude ist und er das Judentum ausgelernt hat, also mit dcnlselben quitt ist. Wenn wenigstens die Kinder vorher richtig lernen würden, so wäre doch etwas durch diese Zerenwnie profitiert worden. Dieses ist aber leider nicht der Fall, und die Kinder wissen nach der Initiation ebensoviel als vorher, d. h. sie wissen nichts. — Wer den ersten Slbsatz des Schma Jisroel, die 10 Gebote, die 13 Glaubcnselemente weiß und Ma Tabou singen kann, — der ist ein ganzer Jude. Wie ist cs nun mit dem Eindruck, der erzielt wird? Auf die Eltern, Ivelche noch ein jüdisches Herz besitzen, bringt diese Feier, eine Wirkung hervor und sie fühlen sich überwältigt; aber auf §ie Kinder? nein, diese, welche nichts lernten, läßt es absolut kalt; sie sind nicht, wie die Christen, iin Mystischen erzogen, derartiger Symbolismus ist ihnen unbegreiflich, und so bleiben sie unberührte Zuschauer. Für sie ist die Hauptfreude, durch diese Feier einen freien Tag, einen neuen Anzug und zu Hanse eine Speise, die es nicht jeden Tag gibt, zu erhalten. Von allen Rädern der Riesenmaschine — Konsistorium — ist, wie bereits in meinen! vorhergehenden Artikel bemerkt, das Sekretariat das einzige Rad, welches arbeitet; and da nun die Einsegnung es alljährlich mit Arbeit überbürdete, verfiel man daraus, die Zeremonie diesmal auf einen Sonntag zu verlegen. Sonntags sind die Armen gezwungen, zu arbeiten (auf den Märkten) und die Frauen filrden, mit ihrer.Hausarbeit beschäftigt, keine Zei,t, Toilette zu machen. Doch der Zweck der Verminderung der Besucherzahl wurde nicht erreicht; die Synagoge war so gesüllt wie je, und wenn auch einige Armen fehlten, so blieben auch eine Anzahl Reicher aus, welche wichtigere Beschäftigungen des Sonntags haben (entweder auf der Jagd oder auf der Campagne), als einer jüdischen Zeremonie beizuwohnen. 8. 8. Aus aller Wett. Teoychcs Reich. Berlin. Hier hat sich ein Lokalkomitee für die Abteilung „Hygiene der Juden" der Intern. Hygiene-Ausstellung Dresden 1911 gebildet. Der ersten Sitzung wohnten bei: Rechtsanwalt 'Dr. B lau, Dr. E l b o g e n, Rabb. Dr. Eschelbacher, Geheimrat Dr. Maretzki, Dr. treust, Pros. Dr. Rosin, Stadtverordneter . Sachs, Geheimrat Senator und Prof. Dr. Strauß. Es handelte sich um Erledigung der folgenden zwei Fragen: 1. Empfiehlt es sich, einen besonderen jüdischen Pavillon zu errichten? 2. Inwieweit sollen die Leistungen der Juden auf dem Gebiete der Hygiene .in der Neuzeit vorgeführt werden? Maretzki: Die Ausstellung von Modellen moderner jüd. Krankenhäuser, Erholungsheime usw. werden manches noch herrschende Vorurteil beseitigen. Wünschenswert .ist eine graphische Darstellung der Bewegung zur Heranbildung jüdischer Krankenpflegerinnen, aus der ersichtlich ist, wieviele bisher ausgebildet wurden, welche Krankenhäuser die Ausbildung leiten, wieviele Schwestern die Prüfung bestanden haben und wo sie nntergekommen sind. R o s i n billigt diesen Antrag und spricht sich für die Errichtung eines Eigenen Pavillons aus. Strauß schlägt vor, eine systematische Darstellung der historischen Entwicklung der jüdischen Krankenpflege zu bieten, beantragt ferner, graphische Darstellungen des Einflusses der Lebensgewohnheiten der Juden auf ihre Gesundheit anzustellen, zum Beispiel den Anteil der Juden am Alkoholismus» an der Tuberkulose, Syphilis und anderen 'Volksseuchen. Eschelbacher wünscht ebenfalls eine übersichtliche Darstellung der jüdischen Krankenpflege, Nachweise über alte Krankenhäuser und die Tätigkeit der Chewra-Kadischa. Er tritt ferner für eine systematische Zusainmenstellung der Literatur über Krankheiten, Hygiene und Lebensgewohnheiten usw. der Juden ein. Er verweist dabei auf die Schrift von Wolf „Krankheiten der Juden" (1781s und auf die des Elsässers Weil über sexuelle Hygiene, endlich auf die Wolf'sche Sammlung im Besitz der jüdischen Gemeinde. Senator legt den größten Wert darauf, daß die Bestrebungen der Juden auf diesem Gebiete im Altertum und im Mittelalter in das rechte Licht gesetzt werden. Er beantragt, in der Ausstellung einen kleinen Führer aufzulegen, ,in dein die Leistungen der Juden in Bezug auf Krankenpflege und Hygiene übersichtlich dargestellt sind. Blau schlägt vor, ein Werk über die Medizinal - Statistik der Juden auszuarbeiten und auszustellen. P r e u st betont die Wichtigkeit der Schächtapparate usw., zumal im Königreich Sachsen den Juden das Schächten verboten ist. Er warnt vor zu weitgehender Apologetik, wie sie häufig gerade in Bezug auf biblische Vorschriften, z. W. Spcisegesetze, getrieben wird. Es wird darauf einstimmig die Errichtung eines besonderen jüdischen Pavillons gutgeheisten. Ebenso werden die Anträge Senator-Blau angenommen, die die Darstellungen der jüdischen Hygiene im Altertum und Mittelalter, sowie der modernen Medizin«l- Statistik fordern. Behufs Beschaffung eines Beitrages für die Kosten der Ausstellung soll im Herbst ein Aufruf versandt werden. Dresden. Der letzte Berwaltungsbericht der jüd. Gemeinde führt die Täuflinge m i t Namen auf (es fanden sechs Uebertritte zum Christentum statt). — Auf diese Weise erfährt die anständige jüdische Gesellschaft, mit wem sie zu verkehren hat und wem nicht, denn häufig bemühen sich die Täuflinge, ihren Makel zn verheimlichen. Leipzig. Vor dem Schwurgericht hatte sich der 27 jährige aus Brody gebürtige Kapellmeister Rudolf Weint raub - Köln wegen Meineides zu verantworten. . Der Angeklagte, der Feldwebel der österr. Armee ist, konzertierte mit seiner Kapelle in eineni hiesigen Etablissement und wurde während dieser Zeit als Zeuge in einem Zivilprozest vernommen. Bei dieser Gelegenheit hotte er seine Konfession als evangelisch-lutherisch angegeben, und zwar aus Scheu vor einem Anwesenden im Zeugenraume, damit die Leitung des Etablissements nicht seine wahre Religion ersahre und ihn entlasse. Kaum hatte er das Verhandlungszimmer verlassen, da ging er zurück und gab an, daß er mosaischer Religion sei. Daraufhin wurde gegen ihn das Verfahren wegen Meineids eingeleitet. In der Verhandlung erklärte Weintraub, er sei der Meinung gewesen, daß sich sein Eid nur auf die Aussagen erstrecke, die wegen der Klagesache in Betracht kämen. Er sei auch nicht besonders darauf hingewiesen worden, daß er auch bezüglich seiner Personalien unter Eidespslicht stehe. Das wurde auch von dem Richter bestätigt, der den Angeklagten seinerzeit vernommen hat. Die Geschworenen verneinten die auf Meineid gestellte Schuldfrage, und der Gerichtshof sprach den Angeklagten frei. BreSlau. Der in der vorigen Nummer gebrachte Bericht der DeutschenZentralstelle für jüdische Wanderarmensürsorge ist bezüglich der von dem Verbände der Synagogeu-Gemeinden für die Regierungsbezirke Breslau und Liegnitz gefaßten Beschlüsse nicht vollständig. Es wurde des ferneren die folgende Resolution Wilhelm Freyhan angenommen: „Die Hauptversammlung des Verbandes der Shnagogengemeinden der Regierungsbezirke Breslau und Liegnitz begrüßt die Schaffung einer Organisation der Wanderarmensürsorge, glaubt aber, daß sie nur schwer ohne Mitwirkung und Einverständnis der Grenzbezirke (Posens und Oberschlesiens) erfolgreich durchgeführt werden könne" und der folgende Antrag A r v it Kober dem Berbandsausschusse zu Errwäguug überwiesen: „Für diejenigen ausländischen Armen, welche jung und arbeitsfähig sind, Arbeitsstätten und Arbeitsnachweise einzurichten und sie dorthin zu befördern und unterzubringen. Die Arbeitsstätten müssen am Sabbat und Jomtof geschlossen sein, die Arbeitsnachweise dürfen nur solche Stellungen Nachweisen, für die absolute S a b b a t r u h c g e w ä h r l e i st e t wird. Zu diesen Zwecken schließt sich die Provinzialkasse an die zu errichtende Kontrollstelle zur Beschränkung des Wanderbettels an, an die sie 1/5 ihrer jährlichen Einnahmen abführt, und tritt init den anderen Provinzialkassen, die die gleichen Zwecke verfolgen, zu gemeinsamer Arbeit in Verbindung. Die Provinzialkasse hat bei . ihrer gesamten Tätigkeit das jüdische Ritualgesetz zu beachten, insbesondere ist darauf zu achten, daß bei der Abfertigung der Armen eine Sabbatentweihung nicht stattfindet. Die humane Handhabung dieser Bestimmungen ist als e r st e r Grundsatz auszustellen." Stettin. Der Magistrat verlangte zur Förderung des Schülerrudcrns 27000 Jf. für ein Bootshaus, die Stadtverordneten lehnten aber die Forderung ab. Grund: antiseinitische Strömungen. Am hiesigen L-tadtgymnasium hatte sich nämlich ein Ruderverein „Greis" gebildet. Es meldeten sich auch mehrere jüdische Schüler, denen aber die Aufnahme verweigert wurde. Stuf eine Beschwerde beim Direktor versprach dieser zwar Remedur, erklärte aber gleichzeitig, daß wohl nichts zu machen sein würde, da der Ruderverein „Greif" bei dem Ruderklub „Sport-Germania" zu Gaste sei und dieser keine jüdischen Mitglieder aufnehine. Oesterreich-Ungar». kzernowttz. Am 18. ds. Mts. fand hier eine Versammlung betreffs einer S a ni e r u n g s a k t i 0 n zugunsten der Bukowinaer Juden statt. Dr. S t r a u ch e r und Dr. Diamant wiesen in ihren Referaten ziffernmäßig nach, daß kaum 10o/a der jüdischen Bevölkerung der Bukoivina feste Berufe haben, die übrigen 90°,0 von der Hand in den Mund lebe», also „Lnftmenschen" seien und einer völligen Proletarisierung entgegensehen. Sie redeten daher einer Z u s ü h r u n g der I u d e n zum Ackerbau das Wort und machten nach dieser Richtung hin verschiedene Vorschläge. Die Versammlung schloß mit der Wahl eines Komitees, welches die Ausgabe hat, sich mit dieser Frage eingehend zn beschäftigen. Czernowitz. In der Frage der Erteilung von Schankkonzessionen hat die Bukowinaer Regierung eine antisemitische Gesinnung betätigt, indem sie — entgegen dem Beschlüsse der galizischeu Stadthalterei, den Gemeinde» als solchen, im Falle einer Bewerbung um Schankkonzessionen, die Konzession nicht zu erteilen — beschloß, sämtliche n Gemeinden die an ge suchte Konzession zu bewilligen. Ein derartiger Beschluß seitens der höchsten Landesbehörde, der nicht unbekannt ist, in welch trostloser Lage sich die jüdischen Schanker befinden würden, wenn ihnen auf diese Weise die Existenz geraubt wird, ist eine rücksichtslose Herausforderung der jüdischen Bevölkerung, die diese sich wohl nicht ruhig gefallen lassen wird. Rußland. Petersburg. Dem wegen unbegründeter und böswilliger Verleumdung eines Juden zu zwei Jahren Gefängnis verurteilten antisemitischen Rechtsanwalt Witkowsky-Kuna hat dar Kaiser die Strafe erlassen, ebenso 16 Personen in Jaroslaw, die wegen des Pogroms von 1905 jüngst verurteilt wurden. — Im Gouvernement Jekaterinoslaw wurden in letzter Zeit wiedernm neue Massenausweisnngen in die Wege geleitet. Die Gouvernementsbehörde ist eifrig an der Arbeit, neue Proskriptionslisten aufzustellen. Mit dem Landflecken Popelnasty wurde bereits der Anfang gemacht, indem aus deiuselben elf Familien ausgewiesen wurden. — Eifrig wird das patriotische Reinigungswerk am Rigaer Strand betrieben. Aus Bilderlingshof wurden 60 jüdische Familien ausgewiesen, denen zn Beginn der Saison ausdrücklich das Aufenthaltsrecht bewilligt worden war. Ans Grund. dieser Bewilligung hatten sie die Miete, wie üblich, für die ganze Saison im voraus bezahlt. — Der Twerer Gouverneur hat vom Ministerium des Innern ein Rundschreiben erhalten, in welchem ihm vorgeschrieben wird, das Wohnrecht der Juden in seinem Gouvernement einer strengen Prüfung zu unterziehen und sämtliche wohnrechtslose Juden innerhalb eines Monats nach dem Ansiedlungsrayon abzuschieben. — Das Neueste auf dem Gebiete der Ausweisnngspraxis ist die Leistung des berüchtigten Jaltaer Stadthauptmanns, General D u m b a d s e.

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